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In: KulturPoetik 2013, Heft 2

Autor

Eva Edelmann-Ohler

Titel

Diskursarchäologie Altneulands – Poetik und Politik einer zionistischen Utopie
Clemens Peck, Im Labor der Utopie. Theodor Herzl und das ›Altneuland‹-Projekt

Kategorie

Rezension

Volltext

Clemens Pecks Darstellung des zionistischen ›Labors der Utopie‹ ist zugleich eine Diskursarchäologie Altneulands, die weitaus mehr freilegt, als die offensichtlich vorhandenen außerliterarischen Referenzen des Romans Theodor Herzls zum Zionismus und dessen Protagonisten. Pecks Studie erkundet die Bezüge zwischen Literatur und Politik, zwischen Biographie und Utopie und zwischen Zionismus und Moderne und porträtiert deren komplexes Zusammenspiel. Damit legt der Verfasser ein Buch zur Poetik von Kultur und Wissen des Zionismus vor wie zur gegenseitigen Bezogenheit von literarischem Text und Text der Kultur. Der Gewinn dabei besteht darin, den Zionismus nicht allein als politische Bewegung wahrzunehmen, sondern auch als Produkt der Utopie, als Projekt politischer und zugleich poetischer Imagination. Es wird also weniger »die Biographie [...] des österreichischen Juden Theodor Herzl [...] erzählt, das ›biographische‹ Interesse richtet sich vielmehr auf den von Herzl ersonnenen, utopisch gerahmten Entwurf einer idealen jüdischen Gemeinschaft« (S. 17).
Die Analyse dieser ›idealen jüdischen Gemeinschaft‹ wird vom Konzept der ›Utopie‹ her entwickelt: Diese versteht Peck auf doppelte Weise als Literaturgattung und politische Praxis, weswegen er gerade die »Interaktion(1) von literarischer Imagination und politischer Praxis als lebendige Projektion« (S. 16) untersucht. Mit dieser formalen Bestimmung wird deutlich, dass der gewählte Rahmen, nämlich die Koinzidenz dieser Diskurse im Zionismus anhand von Herzl und seinem Entwurf im Altneuland-Roman, mehr als die Analyse einer historischen oder biographischen Gegebenheit darstellt, sondern dass damit eine weitaus grundlegendere Analyse kultureller Bedeutungsproduktion angestoßen wird. Die Groß-Gliederung der Studie folgt diesem Schema und erweitert es: So werden im ersten Teil die verschiedenen poetischen Projektionsmodi des zionistischen Unternehmens im Schreiben Herzls vorgestellt, es wird gleichsam die »Bühne des utopischen Spiels« (S. 22) ausgemessen. Die beiden folgenden Teile beziehen sich auf den Roman Altneuland und nehmen ›Bildung und Raum‹ und ›Wissen und Experiment‹ in den Blick. Die Binnenstruktur der Kapitel folgt einer »thematisch-anekdotischen bzw. topologischen Gliederung« (S. 17), was einerseits dem Umgehen einer chronologischen Gliederung geschuldet ist, andererseits dem Leser einiges an Transferleistung abfordert und durch zahlreichere kurze moderierende Abschnitte zwischen den Kapiteln möglicherweise zu entschärfen gewesen wäre.
Der erste Teil der Studie zeichnet die Modi literarischer Produktion und politischer Perspektivierung nach, die Herzl während seiner vielfältigen Tätigkeiten etwa als Journalist der Neuen Freien Presse, als Bühnenautor und schließlich als zionistischer Politiker nutzte. Dabei wird deutlich, dass sich ein Gebiet seiner Tätigkeit nicht vom anderen abgrenzen lässt. Der Verfasser kann dementsprechend zeigen, dass das politische Element nicht erst mit Herzls zionistischem ›Erweckungserlebnis‹ anzusetzen ist, sondern dass Politik und Poetik schon weit vorher und auch danach eine intime Beziehung unterhalten, »ein Modell des Austauschprozesses zwischen literarischer Imagination und Politik« (S. 61): Einerseits werden so die Charaktere von Herzls Theaterstücken als Figurationen des Zeitgeschehens lesbar, etwa als Repräsentation des Antisemitismus oder von Männlichkeitsdiskursen um 1900. Andererseits fokussiert Herzls journalistisches Schreiben oft die theatralen Elemente der ›politischen Bühne‹. Diese chiastische Struktur schlägt sich dann auch in Herzls Kommentaren zum Zionismus nieder, wenn er sein politisches Engagement um ›Zion‹ als Theateraufführung beschreibt:

Und eigentlich bin ich darin immer noch der Dramatiker. Ich nehme arme, verlumpte Leute von der Straße, stecke sie in herrliche Gewänder und lasse sie vor der Welt ein wunderbares, von mir ersonnenes Schauspiel aufführen.(2)

Die Wechselbeziehung zwischen Poetischem und Politischem ist somit als semantisches Plus zu bestimmen, das den zionistischen Desideraten einen größeren kulturellen Deutungsrahmen beilegt. Dass dieses Verhältnis nicht nur als einfaches Abbildungsverhältnis zu verstehen ist – Poetisches ist politisch und Politisches ist poetisch –, das wird an Pecks Analyse eines Vergil-Zitats in Herzls Tagebüchern evident, die insbesondere die kulturelle Tiefendimension zionistischer Poiesis aufzuzeigen imstande ist. So kann Herzls Rückgriff auf Junos Klage über den Sieg des Aeneas und ihr Bemühen um Hilfe entweder von Jupiter (›oben‹) oder von der Furie Alekto (›unten‹) – Flectere si nequeo superos, Acheronta movebo(3) – einerseits als intertextueller Rückgriff auf Vergils Aeneis und deren Personen- und Inhaltskonstellationen gelesen werden, sowie andererseits als Teilhabe an einem kulturellen Darstellungs- und Deutungskontinuum um 1900, das beispielsweise auch Freud mit demselben Zitat zur Umschreibung des Unbewussten in der Traumdeutung bemüht. Drittens kann das Zitat auch als Rekurs auf Ferdinand Lassalles Schrift Der italienische Krieg und die Aufgabe Preußens (1859) aufgefasst werden, in der es als Vorhersage der Mobilisierung der Volksmassen gegen den Willen der politischen Machthaber verwendet wird. Die Studie zeigt an dieser Stelle eindrücklich auf, dass zionistisches Schreiben keineswegs monoperspektivisch an nur einen dieser kulturellen Interexte rückzubinden ist, sondern dass es sich durch eine potentiell polysemantische Anlage kultureller und literarischer Verweise auszeichnet, die den ›Text‹ des Zionismus konstituieren.
Die Analyse Altneulands nutzt nun diesen im ersten Teil der Studie dargelegten poetischen Operationsmodus als Zugang zum Roman. Im Kapitel Altneuland I widmet sich die Studie dem ›Raum‹, der literarisch erschrieben wird. Wiederum wird hier das Zusammenspiel von Politik und Literatur behandelt, dieses Mal aber mit Fokus auf den Roman. Schlüssig erscheint, dass hier keineswegs der Suche und Nennung der real-zionistischen Vorbilder der Protagonisten des Romans der Vorzug gebührt – und so quasi Sachverhalte des Romans ihrer poetischen Umschrift beraubt werden –, sondern dass anhand poetischer Verfahren kulturelle und politische Argumentationsführungen und Bedeutungsproduktionsstrategien analysiert werden. In diesem Sinne wird beispielsweise die literarische Raumanordnung der einzelnen Bücher des Romans als Kommentar zum Verhältnis von Religion und Politik im Zionismus bestimmbar. Der Text beschreibt »mehrere miteinander korrespondierende Räume, die sich je nach Diskurszusammenhang entfalten – biblische, politische und technisch-wissenschaftliche Orte« (S. 289), die sich dann auf einer zionistischen Deutungsebene doppelbödig erweisen: So ist es letztlich der Gesamtaufriss dieser literarischen Räume, der wiederum die Absetzung des politischen und technisch-wissenschaftlichen Raumes vom religiösen Raum illustrieren kann.
Die Studie legt nicht nur textinterne Verweise zwischen Roman und Zionismus dar, sondern zeigt auch die kontextuelle Anschlussfähigkeit formaler Kriterien auf. So erschließt eine gattungstheoretische Perspektivierung Altneulands die Kategorie der ›Realisierbarkeit‹: Hier befragt Peck nochmals Herzls Utopiebegriff auf seine literaturhistorische Verortung. Er weist in diesem Zuge mit der neueren Forschung darauf hin, dass sich das Genre ›Utopie‹ um 1900 ein breiteres Spektrum literarischer Darstellungsformen erschließen kann als zuvor. An der ökonomischen Disposition Altneulands, wo im Gegensatz zu Gattungsvorgängern (etwa Morus’ Utopia) der Gebrauch von Zahlungsmitteln zum Alltag gehöre, illustriert die Studie wiederum die diskursive Anlage des Romans: Der Text verfolge mit der »Umleitung des utopischen Diskurses in das Strombett des ökonomischen und industriellen Fortschritts« (S. 326) eine »Austreibung der Utopie mit Hilfe der Utopie oder mit anderen Worten: deren Realisierbarkeit« (S. 326). Dies ist dann auch der Punkt, der zeigt, warum die wissenschaftlich entwickelte Kategorie des Utopischen im Horizont des Politischen gerade für die Untersuchung des Zionismus als nützlich zu erachten ist, impliziert diese doch, dass das zionistische Projekt in Zukunft verwirklicht werden könne – und eben nicht nur ›Utopie‹ im Sinne eines Wunschtraumes zu bleiben droht, wie Herzl dies im Judenstaat beispielsweise darlegt.
Im Kapitel ›Wissen und Experiment‹ prüft Peck daraufhin all jene wissenschaftlichen Diskurse auf ihre Aktualität im Roman und im zionistischen Schreiben, die mit den wissenschaftlichen Entdeckungen um 1900 virulent werden. Technische Errungenschaften, wie das ›lenkbare Luftschiff‹, sind hier genauso zu nennen, wie physiologische Positionen, Neo-Lamarckismus, die Bakteriologie oder kulturkritische Pathologisierungstendenzen. Wiederum wird nicht nur dem Aufspüren dieser Diskurse im Roman Gewicht geschenkt, sondern die wissenspoetischen Aufschreib- und Darstellungsmodi werden benannt und einer Analyse unterzogen. So ist beispielsweise der technische Fortschritt als Instrument der Utopie bestimmbar, die den utopischen Ereignissen ein höheres Maß an Erzählbarkeit verleiht, und das ›lenkbare Luftschiff‹ wird zur Figur, an der die Realisierbarkeit des zionistischen Unternehmens argumentiert wird. Diese wissenspoetische Disposition der Studie lässt sich am Beispiel der Bakteriologie veranschaulichen. Sie fokussiert insbesondere deren Darstellungsfunktion:

Die kulturelle und politische Popularisierung der Bakteriologie eröffnet der europäischen Kolonialtopographie utopische Räume, da sie diese in die Lage versetzt, einen wesentlichen Kontingenzfaktor auszuschliessen: Mit den Mikroorganismen konnte endlich der ›unsichtbarste‹ Gegner der Kolonialherren sichtbar gemacht werden (S. 458).

Die Bakteriologie ist demnach nicht nur mimetisches Objekt und futuristisches Beiwerk, sie dient nicht allein als Vorbild für die Beschreibung von Laboratorium und Tätigkeit von Romanfiguren. Die literarische Funktion der Bakteriologie liegt ferner in der Visualisierung und Darstellung eines unsichtbaren Gegners. Es ist letztlich eines der Anliegen der Studie, nicht nur das fachbezogene Innovationspotential dieser Wissenschaften zu skizzieren, sondern verstärkt nach deren poetischer Dimension zu fragen. Den Wissenschaften kommt dabei genauso viel Projektionspotential zu wie der Literatur, denn es »sind nun nicht mehr Literatur und Reiseberichte, welche die Phantasie auf neue äußere wie innere ›Continente‹ lenken, sondern die ›experimentelle Biologie‹ [...] und Medizin« (S. 562). Insofern zeigt das Kapitel zu ›Wissenschaft und Experiment‹ grundlegende und weiter zu verfolgende Aspekte auf, spricht man über das Verhältnis von Wissen, Wissenschaft und Zionismus. Hier gelingt es der Studie, das Ineinandergreifen verschiedener Diskurse und die Modifikation, Transformation und Politisierung von Wissen und Wissenschaft im Zionismus zu dokumentieren – dies natürlich ganz analog zu Herzls Ansinnen im Judenstaat: »Die Gründung des Judenstaates, wie ich mir sie denke, hat moderne wissenschaftliche Voraussetzungen«.(4)
Was sich auf einen ersten Blick vor dem Hintergrund poststrukturalistischer Theoriebildung etwa als problematisch im Sinne einer Reduktion literarischer Komplexität im Roman erweisen könnte – eine allzu große Nähe zwischen Biographie und Literatur –, wendet sich in der Ausführung der Studie zu deren großer Stärke. Der Verfasser fokussiert am Beispiel Herzls konsequent gerade die poetische Dimension von Kultur und Wissenschaft, ohne die zionistisches Schreiben schwerlich zu untersuchen ist. Das besondere Verdienst liegt mithin darin, die kulturgeschichtlichen und wissenshistorischen Verweise nicht nur als Motive im Roman Altneuland zu begreifen, sondern gerade deren poetische und politische Bedeutungsproduktion in den Mittelpunkt zu stellen. Damit erweitert der Verfasser die biographische Forschung zu Theodor Herzl, zeigt aber auch die konstitutive Interaktion von poetischer Imagination und politischem Programm im Zionismus. Pecks Buch ist damit nicht zuletzt auch ein Erproben und Weiterentwickeln des literatur- und kulturwissenschaftlichen Analyseinstrumentariums, das die Aufgabe einer Untersuchung des Poetischen der Kultur ernst nimmt: eine Analyse von Genese und Transformation des Gegenstands im ›Labor kultureller Poiesis‹.(5)

Dr. Eva Edelmann-Ohler, ETH Zürich, D-GESS, Professur für Literatur- und Kulturwissenschaft, HG E 67, Rämistrasse 101, CH-8092 Zürich; E-Mail: eva.edelmann@gess.ethz.ch


Anmerkungen

(1) Hervorhebung durch die Verfasserin.[zurück]
(2) Theodor Herzl, Briefe und Tagebücher. Bd. 2. Hg. v. Alex Bein u. a., bearb. v. Johannes Wachten u. a.. Berlin u. a. 1983-1996, S. 19. Zit. nach Peck, S. 58.[zurück]
(3) »Weigern’s die droben, so werd ich des Abgrunds Kräfte bewegen«; Vergil, Aeneis. Dt. v. Rudolf Alexander Schröder. Frankfurt a.M., Hamburg 1963, S. 161. Zit nach Peck, S. 80.[zurück]
(4) Theodor Herzl, Der Judenstaat. Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage. Leipzig, Wien 1896, S. 70.[zurück]
(5) Vgl. Moritz Baßler, Die kulturpoetische Funktion und das Archiv. Eine literaturwissen­schaftliche Text-Kontext-Theorie. Tübingen 2005, bes. S. 58-64.[zurück]