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In: KulturPoetik 2013, Heft 2

Autor

Karin Becker

Titel

Geographie und Kulturwissenschaft
(1) Aeka Ishihara, Die Vermessbarkeit der Erde. Die Wissenschaftsgeschichte der Triangulation.
(2) Patrick Ramponi/Anna E. Wilkens/Helge Wendt (Hg.), Inseln und Archipele. Kulturelle Figuren des Insularen zwischen Isolation und Entgrenzung

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Rezension

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Geographie und Kulturwissenschaft

Karin Becker

(1) Aeka Ishihara, Die Vermessbarkeit der Erde. Die Wissenschaftsgeschichte der Triangulation. Würzburg: Königshausen & Neumann 2011. 220 S. – (2) Patrick Ramponi/Anna E. Wilkens/Helge Wendt (Hg.), Inseln und Archipele. Kulturelle Figuren des Insularen zwischen Isolation und Entgrenzung. Bielefeld: transcript 2011. 324 S.
   
Im Zuge des »spatial turn« bzw. »topographical turn« in den Kultur- und Literaturwissenschaften kam es in den letzten Jahren in der internationalen Forschung zu einer verstärkten Aufmerksamkeit für literaturgeographische Fragestellungen (»geographical turn«), eine interdisziplinäre Forschungsrichtung, die mit den Begriffen »Geokritik« (Bertrand Westphal) bzw. »Geopoetik« (Kenneth White) bezeichnet wird.(1) Es geht dabei generell um eine Bestimmung des Verhältnisses von Literatur und geographischem Raum, um die Analyse von in der Literatur »hergestellten« Landschaften und Territorien(2) bzw. spezieller um kartographische Aspekte der Literatur – ein Bereich, in dem derzeit ein wahrer Boom an Publikationen zu verzeichnen ist.(3) In diesem Kontext sind die beiden hier zu besprechenden Veröffentlichungen zu situieren: die Monographie Die Vermessbarkeit der Erde von Aeka Ishihara, die sich der Kulturgeschichte der Erd- und Landvermessung, genauer: der Triangulation zur Goethezeit widmet, sowie der Sammelband Inseln und Archipele, der von Literaturwissenschaftlern und Kulturhistorikern gemeinsam herausgegeben wurde und sich den »Kulturellen Figuren des Insularen« zuwendet – auch dies ein Thema, das sich in jüngster Zeit eines regen Interesses erfreut (»Island Studies«).(4)
Aeka Ishihara, Die Vermessbarkeit der Erde. Die Wissenschaftsgeschichte der Triangulation. Würzburg: Königshausen & Neumann 2011. 220 S.

Aeka Ishihara, japanische Germanistin und Professorin an der Kei?-Universität, Spezialistin für die Beziehungen zwischen Literatur und Naturwissenschaften in der Goethezeit, legt mit Die Vermessbarkeit der Erde eine faktenreiche Studie vor, deren Entstehungsgeschichte die Einleitung (S. 10–15) ausführlich nachzeichnet. Zunächst ging es darum, »aus literaturwissenschaftlicher Sicht einen Beitrag zur Wissenschaftsgeschichte der Astronomie und Mathematik zu leisten« (S. 13), doch konzentrierte sich ihr Forschungsinteresse im Zuge des Auffindens einiger unbekannter Originaldokumente zunehmend auf die Wissenschaftsgeschichte der Land- und Erdvermessung, genauer: der Methode der Triangulation, zu deren Entwicklung bislang vergleichsweise wenig Forschungsliteratur vorliegt (S. 12). Ob zu dieser Verschiebung des Interesses auch die Erfolgsromane von Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt (2005), Ken Alder: The Measure of All Things (2002) und Denis Guedj: La Méridienne: le mètre (1987) oder auch entsprechender japanischer Romane, auf die Ishihara sich bisweilen bezieht (S. 10,  38 u. 154), beigetragen haben, sei hier dahingestellt. Darüber hinaus erweiterte sich im Laufe des Projekts der Blickwinkel vom europäischen Raum (Frankreich und Deutschland) auf die naturwissenschaftlichen Wechselbeziehungen zwischen Europa und Japan im 19. Jahrhundert, ein bislang ebenfalls vernachlässigtes Forschungsgebiet. Insofern ist die Publikation sowohl interdisziplinär als auch komparatistisch angelegt, wobei alle Ausführungen stets um die Zentralfigur Goethe kreisen, dessen umfassende Interessen und ausgedehnte Kontakte mit Naturforschern seiner Zeit zum einen gut dokumentiert sind und zum anderen Ausdruck in seinem literarischen Werk finden, denn grundlegend bleiben für die Arbeit Ishiharas die »Forschungsmethoden der Philologie«: Untersucht werden vor allem Schriften der Epoche (»Fachbücher, Reisebeschreibungen, Zeitschriften, Zeichnungen und Briefwechsel«, S. 13).
Das erste Kapitel (S. 16–43) beschreibt »als Vorgeschichte die Diskussion über die wirkliche Gestalt der Erde« (S. 15) und die Geschichte der Triangulation bis zum 19. Jahrhundert. Diese wurde 1533 von Gemma Frisius als Methode der optischen Abstandsmessung mittels trigonometrischer Funktionen beschrieben und von Willebrord Snellius 1615–1622 erstmals kleinräumig angewandt. Für eine großräumige Erdvermessung war jedoch zunächst die Frage der Gestalt der Erde zu klären, die man sich lange kugelförmig vorstellte. Die Erkenntnisse Newtons, dass die Erde ein an den Polen abgeplattetes Ellipsoid ist, konnten sich in Frankreich erst durch die Messergebnisse zweier Expeditionen durchsetzen: die von Maupertuis geleitete Lappland-Expedition (1736–1738) und die von Bouguer, La Condamine und Godin geleitete Anden-Expedition (1735–1744). Die sukzessive Perfektionierung der Dreiecksmessungen, die allerdings meist durch astronomische Breiten- und Längenbestimmungen ergänzt wurden, ermöglichte schließlich die von C.F. Cassini herausgegebene Carte géométrique de la France (1793). Um ein international verbindliches Maßsystem zu schaffen, wurde 1792 von der französischen Regierung die Längeneinheit »Meter« festgelegt, definiert als der zehnmillionste Teil des Meridianbogens vom Pol zum Äquator – eine Bestimmung, die 1792–1798 durch die Breitengradmessungen Delambres und Méchains praktisch untermauert und 1799 offiziell eingeführt wurde.
Das zweite Kapitel (S. 44–76) untersucht den Hintergrund der Wahlverwandtschaften Goethes, in denen die Landvermessung eine wichtige Rolle spielt. Zunächst geht es um die Fortschritte in der Astronomie, wie sie u.a. von Lalande in Paris und von Zach in Gotha erzielt werden. Für die Berechnung der Planetenbahnen entwickelt Gauß (zeitgleich und unabhängig von Legendre in Paris) die »Methode der kleinsten Quadrate«, d.h. das mathematische Verfahren der Ausgleichsrechnung, das auch für die Erdvermessung wichtig wird. Zur gleichen Zeit veranlassen Ernst II. in Gotha (aus wissenschaftlichem Interesse) und Carl August in Weimar (aus militärischen Gründen) die trigonometrische Vermessung ihrer Fürstentümer, bei der neben Zach der Hauptmann Müffling eine gewisse Rolle spielt – das Vorbild für den Protagonisten in Goethes Wahlverwandtschaften (1809). Dieser Tatbestand wurde von der Forschung bislang nicht gewürdigt, ebenso wenig wie die Vorbildfunktion Müfflings für den Hauptmann Theudobach in Dr. Katzenbergers Badereise von Jean Paul (ebenfalls 1809). Thematisiert wird mit beiden Romanhelden der neue Status des rationalen Naturwissenschaftlers gegenüber dem bislang in der Literatur dominanten Emotionalen und Poetischen. Der historischen Person Müfflings ist eine steile Karriere beschieden: Nach der Schlacht von Waterloo zum Gouverneur von Paris ernannt, übernimmt er die Karten des Landvermessers Tranchot und erweitert diese stetig, so dass »die führende Position in der Geodäsie von Frankreich nach Deutschland überging« (S. 75) – woran auch die »mehr als eine Millon Messdaten«, die Gauß sammelt, ihren Anteil haben. Mit der Zentralisierung des Kartenwesens im preußischen Generalstab entwirft Müffling schließlich Richtlinien für Vermessungsarbeiten, die bis zum Ende des 19. Jahrhunderts gültig bleiben.
Das dritte Kapitel (S. 77–128) beschäftigt sich mit der Kunst der wissenschaftlichen Illustration zur Goethezeit. Eingangs werden die beiden Stätten der Ausbildung vorgestellt, die freie Zeichenschule zu Weimar (seit 1776) und der akademische Zeichenunterricht an der Universität Jena (seit 1765). Besondere Aufmerksamkeit schenkt Ishihara dem »Bergzeichnungssystem« Gerstenbergks (1808), das die Methode des »Schraffens« etabliert, die Goethes Hauptmann bereits anwendet. Einen weiteren Fortschritt stellt die Anfertigung von Vertikalpanoramen dar, die im Kontext der »Seh-Sucht« und des beginnenden Alpinismus um 1800 zu interpretieren ist. Ziel des Bergsteigens ist häufig die Höhenmessung (sowohl mittels Barometer als auch mittels Triangulation), so etwa bei Alexander von Humboldts Besteigung des Andenvulkans Chimborazo (1802). 1815 veröffentlicht Miltenberg Die Höhen der Erde, ein »Verzeichnis der gemessenen Berghöhen«, und auch Goethe gerät in den Bann der »Mess-Sucht«: Als Oberaufseher der Wetterstation »Schöndorf« bei Weimar nimmt er regen Anteil an dem Projekt zur Höhenmessung, zu dem die Berliner Akademie der Wissenschaften einlädt (1823). Kurz danach führt von Hoff in Gotha eine ähnliche Vermessung des Thüringer Walds durch (1827). Die geologischen Karten, die aus diesen Unternehmungen hervorgehen, sind z.T. nach Goethes Farbentwürfen gestaltet. Daneben entstehen sog. »Naturgemälde«, symbolische Darstellungen wie jene, die Alexander von Humboldt von der Andenlandschaft samt Flora und Fauna entwirft. Goethe zeichnet selbst (oder veranlasst) auf der Basis von Humboldts Beschreibung das berühmte Panoramabild Höhen der alten und neuen Welt. Goethes »Lieblingsnaturgemälde« stellt jedoch Wilbrand und Ritgens Gemälde der organischen Natur (1821) dar, eine große kolorierte Lithographie (die auch die Titelseite des Buches von Ishihara ziert) – eine »symbolische und augenfällig schöne […] Karte, aber gleichzeitig ein Versuch der exakten naturwissenschaftlichen Darstellung in Form eines Tableaus« (S. 123).
Die Kapitel 4 und 5 (S. 129–173 u.  174–190) sind den naturwissenschaftlichen Wechselbeziehungen zwischen Europa und Japan und der preußischen Triangulation in Japan gewidmet. Zunächst geht es um die Rezeption der europäischen Astronomie in Japan, die über holländische Übersetzungen erfolgt: So macht während der Edo-Zeit Yoshitoki Takahashi (1764–1804) die Arbeiten Lalandes und damit die Erkenntnis bekannt, dass die Erde ein Ellipsoid ist. Sein Schüler Tadataka Inô (1745–1818) vermisst allein zu Fuß das gesamte Japan (1800–1816) und er­stellt die erste präzise Karte des Landes (postum 1821), wenn auch noch ohne Zuhilfenahme der Triangulation. In Europa gelangt Japan – trotz der Abschottungspolitik des Landes – ins Bewusstsein durch den Japan-Aufenthalt Kämpfers, der eine erste Routenaufnahme vornimmt, sowie durch die Weltumseglung Krusensterns von 1803–1806, an der Zachs Schüler Horner teilnimmt und die sich in einer neuen Japan-Karte niederschlägt. Darüber hinaus arbeitet der Geologe Leopold von Buch über die japanischen Vulkane auf der Basis der Studien von Kämpfer, Krusenstern und des Niederländers Isaac Titsingh, die im Übrigen großenteils in der Herzoglichen Militärbibliothek in Weimar vorhanden sind. Die größte Bedeutung haben aber die Arbeiten Ph. F. von Siebolds, der 1823–1828 als »holländischer Stabsarzt« geheime Forschungen zur Geographie Japans anstellt und in regem, verbotenem Austausch mit den Kartographen Tokunai Mogami, Rinzô Mamiya und Kageyasu Takahashi steht – eine Zusammenarbeit, die alle Beteiligten mit drastischen Strafen bezahlen. Siebold gelingt es, etliche japanische Karten, u.a. die Inô-Karte, nach Europa zu bringen, womit die Karten von La Pérouse, Arrowsmith und Krusenstern korrigiert werden. Die Publikationen Siebolds, z.T. wahre Kostbarkeiten, sind in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek z.T. doppelt vorhanden, was wohl auf den Kontakt zwischen Siebolds Sohn mit Großherzog Carl Alexander von Sachsen-Weimar zurückzuführen ist, der an Japan reges Interesse zeigt.
Das letzte Kapitel widmet sich der Einführung der preußischen Triangulation in Japan seit 1868. Im Zuge der Heeresstrukturreform beauftragt die neue Meiji-Regierung zunächst Tomobuchi Kosuge mit der trigonometrischen Vermessung Japans anhand der höheren und der niederen Geodäsie (Erdvermessung und Feldmesskunst). Dessen »nach französischer Art« angefertigte kolorierte Karten werden jedoch ab 1882 von den schwarz-weißen Karten preußischer Art abgelöst, als Toranosuke Tasaka, der in Preußen studiert hatte, die deutsche Methode einführt und das Dreiecksnetz in Japan begründet. Grundlegend werden dabei (sowohl für militärische als auch zivile Belange) die Vermessungskunde nach Wilhelm Jordan und die Ausgleichsmethode nach F. R. Helmer, die auch seismische Einflüsse berücksichtigt. Ab 1888 entsteht dabei ein Vermessungsnetz mit Dreieckspunkten erster, zweiter und dritter Ordnung: Das Netz erster  Ordnung mit fast 1000 trigonometrischen Punkten, zumeist Berggipfeln in den sog. Japanischen Alpen, wird wesentlich von den Ingenieuren Kiyohiko Tachi und Yoshitarô Shibasaki vorangetrieben, z.T. unter unglaublichen Anstrengungen, die in jüngster Zeit Romane und Kinofilme wieder ins Bewusstsein gerückt haben. In diesem Kontext versteht sich auch die Publikation von Aeka Ishihara als ein Beitrag zur Geschichte der Landvermessung, die nur im Schnittpunkt zwischen Natur- und Kulturwissenschaften angemessen beschrieben werden kann.


Patrick Ramponi/Anna E. Wilkens/Helge Wendt (Hg.), Inseln und Archipele. Kulturelle Figuren des Insularen zwischen Isolation und Entgrenzung. Bielefeld: transcript 2011. 324 S.

Die gleiche Position zwischen den »zwei Kulturen« nimmt der Sammelband Inseln und Archipele ein, der aus der III. Nachwuchstagung der Doktoranden der Philosophischen Fakultät der Universität Mannheim (2008) hervorgegangen ist. Literaturwissenschaftler und Kulturhistoriker widmen sich hier gemeinsam der Insel als »form- und ordnungsstiftender Denkfigur« und als »epistemologischem Analyseinstrument« (S. 7). Die Beiträge widmen sich sowohl dem »buchstäblichen« als auch dem »figurativen« Erkenntnispotential der Insel, wobei tradierte Kategorien – etwa dualistische Konzepte wie kontinental/insular, Land/Meer, Zentrum/Peripherie, Geschlossenheit/Öffnung, Autarkie/Vernetzung – als variable, historisch und kulturell bestimmte diskursive Konstruktionen beschrieben werden, wie in den aktuellen »Island Studies« üblich (S. 7). Der Band setzt sich aus drei Teilen zusammen: einem ersten, bestehend aus zwei einleitenden Aufsätzen; einem zweiten, der Beiträge versammelt, die einer einzelnen Insel gewidmet sind; und einem dritten, dessen Artikel sich verschiedenen Inseln bzw. Archipelen zuwenden.
Der Band beginnt mit einem programmatischen Aufsatz von Ottmar Ette (S. 13–56). Ausgehend vom Werk der kubanischen Autoren Reinaldo Arenas und Guillermo Cabrera Infante beschreibt er das Meer als einen »Bewegungsraum«, der für den unterdrückten Menschen zugleich Isolierung (»Gefängnisinsel«) und Freiheit bedeute. Cuba als größte Insel der Großen Antillen wird als »InselInsel« definiert, die mehrere Inseln in sich berge, so dass man die Insel nicht als »homogene Einheit« ansehen könne. Das wird anhand der Schriften Alexander von Humboldts exemplifiziert, der die sogenannte Entdeckung Amerikas »als die Geschichte immer neuer, von Europa nach Westen projizierter Inseln« beschreibt, d.h. als eine »Bewegungsgeschichte«. Dennoch stellen Inseln stets eine »semantische Kippfigur« dar, die zwischen einer derart vernetzen »Inselwelt« und einer »Insel-Welt« als abgegrenzter Einheit oszilliert. Dies wird anhand des Werks des Kubaners José Martí und des philippinischen Autors José Rizal illustriert, welche aufzeigen, in welchem Maße sich mit dem Zusammenbruch der Kolonialgesellschaft »aus Insel-Welten transareale Inselwelten bilden mussten«. Sodann stellt Ette anhand von Umberto Ecos historischem Roman L’isola del giorno prima und der Bemühungen um eine Längengradbestimmung die »komplexe Raumzeitlichkeit« von Inselstrukturen dar, d.h. den »nicht allein spatialen, sondern auch temporalen Eigensinn von Inseln«. Abschließend stellt der Autor noch die »Frage nach der Macht« anhand des Romans La Fiesta del Chivo von Mario Vargas Llosa, der der brutalen Trujillo-Diktatur in der Dominikanischen Republik gewidmet ist, und beschließt seine Ausführungen mit einem Blick auf Cécile Wajsbrots Roman L’Île aux musées, in dem die Ber­liner Museumsinsel in ihrer kulturbewahrenden Funktion analysiert wird. 
Diesen kunstwissenschaftlichen Ansatz fortschreibend, erläutert Anna E. Wilkens im Anschluss die von ihr initiierte Ausstellung zeitgenössischer Künstler, die zeitgleich mit dem Kolloquium an der Universität Mannheim stattfand. Alle Kunstwerke umkreisen das Thema Insel: So zeigen etwa Videos eine Bootsfahrt im Stockholmer Schärengarten (Daniela Butsch), eine Umrundung der Insel Manhattan (Ira Schneider) oder das abwechselnde Ausdrucken von Urlaubsprospekten aus der Karibik und Berichten über Flüchtlingsdramen auf Lampedusa (Barbara Hindahl). Gemälde evozieren zum Beispiel die regelmäßig überspülten nordfriesischen Halligen (Artur Kurkowski), die 1831 südlich von Sizilien aufgetauchte Vulkaninsel Ferdinandea, die nach fünf Monaten wieder im Meer versank (Titelbild des Sammelbands, Alexander Horn), oder die Schatzinsel aus Louis Stevensons Roman (Konstantin Voit) – um nur einige der zahlreichen Exponate zu nennen.
Der zweite Teil des Bandes beginnt mit einem Beitrag von Sylvie Grimm-Hamen: Sie untersucht die ambivalenten Funktionen der Insel in Raoul Schrotts Roman Tristan da Cunha oder Die Hälfte der Erde von 2003 (S. 99–114). Die Insel Tristan da Cunha im Südatlantik, eine unwirtliche Vulkaninsel in der »Mitte der Welt«, dient hier als »Matrix der Weltbetrachtung und der Schreibarbeit«. Die Kreisstruktur der vier Erzählstränge basiert auf tradierten Insel-Topoi (Sehnsuchtsort, locus conclusus, Utopie, etc.), deren Hinfälligkeit sie offenlegt. Diese »Entzauberung« der »Figur der Insel« unterminiert zugleich den Schreibakt, da sie als »Ordnungsprinzip« des Romans nicht taugt und einen »Ganzheitsblick« nicht zulässt. – Katrin Schneider analysiert Arthur Schnitzlers Novelle Die Frau des Weisen von 1897, in der ein heimliches Liebespaar im Urlaub den Ausflug auf eine schwedische Insel als »Proberaum« für eine gemeinsame Zukunft nutzt (S. 115–133). Dem »utopischen Charakter« des Vorhabens steht die »dort erfahrene Realität schroff gegenüber«: Der Ich-Erzähler flüchtet zurück aufs Festland, das für die »sichere bürgerliche Existenz« steht, denn die zeitenthobene Abgeschlossenheit der Insel erweist sich als Trugbild, da das Paar auch dort von der Erinnerung an die »Welt« eingeholt wird.
Torsten König widmet sich dem Sizilienbild in der italienischen Literatur des 20. Jahrhunderts (S. 135–152). Bis ca. 1960 greifen die Autoren auf die Umkehrung der traditionellen Oppositionspaare Kontinent-Zivilisation vs. Insel-Barbarei zurück, wie sie seit der Zivilisationskritik der Aufklärung etabliert ist. So entwerfen die Novellen Luigi Pirandellos die Fiktion vom vitalen, ländlich-archaischen Sizilien als Gegenbild zur modernen, urbanen, überfeinerten Welt des Nordens. Auch Tomasi di Lampedusa schildert in seinem Roman Il Gattopardo (1958) die feudal-aristokratische Kultur Siziliens um 1860 als Gegenwelt zum utilitaristischen Fortschritt des Kontinents, allerdings mit ironischen Vorzeichen. Dagegen zeichnen jüngere Autoren wie Leonardo Sciascia (Il giorno della civetta, 1961) und Gesualdo Bufalino (Museo d’Ombre, 1982) das Bild einer Welt, in der sich kulturgeographische Grenzen auflösen (»Deterritorialisierung«): die Mafia »sizilianisiert« das gesamte Italien, und die Konsum- und Medienkultur nivelliert regionale Partikularitäten. – Regine Zeller befasst sich mit der Rolle der Insel in deutschen Kinderbüchern (S. 153–168). Ausgehend von der Annahme einer »Komplexitätsreduktion«, d.h. einer Fokussierung auf die Insel in ihrer Begrenztheit und Abgeschlossenheit, stellt Zeller eine überraschende Permeabilität der Grenzen fest, so dass die Insel z.B. in Max Kruses Urmel aus dem Eis und in Michael Endes Jim Knopf-Büchern zu einem wahren »Ort der Begegnung und der Kommunikation« wird, in den das von »außen« eindringende »Fremde« harmonisch integriert wird.
Den dritten Teil des Bandes, der den Inseln in der Mehrzahl gewidmet ist, eröffnet ein Beitrag von Anne D. Peiter über Georg Forsters Reise um die Welt von 1778–1780 (S. 169–185). Als Teilnehmer von Captain Cooks zweiter Weltumsegelung lernt er die Inselwelt des Pazifiks kennen und beschreibt die Kontakte mit den Bewohnern. Mit dem ersten Betreten der Inseln – einem klar abgegrenzten Territorium – glauben die Europäer, die Konfliktzone überwunden zu haben, doch stellt sich heraus, dass »Inseln auf den Inseln« definiert werden müssen, also »interne« Territorien, für die Besitzansprüche ausgehandelt werden. – Elke Krasny widmet sich der künstlichen Inselwelt von Dubai (S. 187–207). Hier werden hypermoderne Sehnsuchtsproduktionen in »gebauten Raum« verwandelt, der »The World« abbildet und wegen des mangelnden genus loci mit einer aggressiven Werbekampagne als »Identitätsbegleitkonstruktion« unterlegt wird. Die durch »Turboinvestorenkapitalismus« realisierten »Weltmachbarkeitsphantasien« setzen auf »semantische Reduktion«, die jede Entzifferung und damit individuelle Aneignung des Raums verhindert.
Marcus Termeer untersucht die Idee der Insel als »Imagination von Räumen einer idealschönen Natur« (locus amoenus bzw. hortus conclusus), als beherrschbare Heterotopie innerhalb einer chaotischen Wildnis (S. 209–224). Von Francis Bacons fiktiver Insel Bensalem (1620) über Bougainvilles Darstellung Tahitis (1768) und Darwins Beschreibung der Galapagos-Inseln (1859) hin zu »terrestrischen Inseln« wie dem Landschaftsgarten und modernen Biotopen zeigt Termeer die Kontinuität dieser diskursiven Konstruktion auf. – Jan Mohr untersucht den deutschen Schelmenroman der Frühen Neuzeit auf Konzepte der Insularität (S. 225–243). In Grimmelshausens Continuatio des abentheuerlichen Simplicissimi (1669) wird eine doppelte Inbesitznahme einer Insel geschildert, die jedoch »weder ein utopischer Ort« ist noch »als Ort der Ruhe« entworfen ist und auch »kein bruchloses Modell erfolgreicher Kulturstiftung« darstellt. In Hieronymus Dürers Roman Lauf der Welt und Spiel des Glücks (1668) herrscht ein episodisches, sprunghaftes, »insulares« Erzählen vor, so dass der gesamte Text als »Inselraum« erscheint.
Daniel Graziadei befasst sich mit der zeitgenössischen karibischen Migrationsliteratur (S. 245–264) in Vers und Prosa und in verschiedenen Sprachen (Judith Ortiz Cofer, Eliseo Alberto, Opal Palmer Adisa, Derek Walcott). Unter dem Titel Inseln wie wir analysiert er die Inseln als Mittel für Identitätskonstruktionen und konstatiert einerseits eine »nach innen gewandte Bewegung zum isolierten Insel-Ich«, andererseits eine »nach außen gerichtete archipelare Vernetzung des Insel-Wir«. – Silvan Wagner untersucht Kolumbus’ sog. Ersten Brief aus der Neuen Welt von 1493 (S. 265–281) und beleuchtet dessen Schilderung der neu entdeckten »indischen« Inseln vor der Folie vorausliegender literarischer Diskurse. Kolumbus orientiert sich zum einen an Brandans Meerfahrt mit ihrer Verheißung eines westlichen Inselparadieses, zum anderen an Marco Polos Beschreibung der indischen »Goldinseln«. Zudem verweist der Brief allegorisch auf die spanische Hegemonie nach der Reconquista, wobei Landnahme und Mission untrennbar sind: »Die neuen Inseln interessieren vorerst nicht per se«, sondern sind »aufgehoben in einem heilsgeschichtlichen Zusammenhang«.
Christian Luckscheiter nimmt Massimo Cacciaris Idee vom »Archipel Europa« wörtlich und erläutert ihre Vorteile als Denk- und Handlungsmodell für die EU (S. 283–301). Als Katachrese bzw. paradoxe Figur ermöglicht der »Archipel Europa« die Auflösung traditioneller Hierarchien und binärer Ordnungskategorien wie Zentrum und Peripherie. Damit könnte die Schwierigkeit überwunden werden, die sich in der Postmoderne aus der »Krise des Identitätsbegriffs« ergibt. – Michele del Prete widmet sich dem Werk des Komponisten Luigi Nono und den philosophischen Schriften Massimo Cacciaris, insbesondere der Zusammenarbeit beider in Prometeo. Tragedia dell’ascolto von 1984/85, einem Musikdrama, dessen Entscheidungsszenen auf Inseln situiert sind (S. 303–315). Während Cacciari den Archipel begrifflich als eine Ordnung fasst, fehlt bei Nono eine solche Sinnkonstruktion, so dass seine Musik eher die Partikularität der einzelnen Inseln betont.
Abschließend lässt sich festhalten, dass der interdisziplinäre und komparatistische Sammelband die Vielseitigkeit des Themas sehr gut illustriert und dabei die Mechanismen offenlegt, die die generelle Nesophilie der Schriftsteller begründen und dazu führen, »dass Literatur […] eine besondere Sensibilität, ja Leidenschaft für insulare Strukturen entwickelt hat« (Ette, S. 50). Dabei zeigt sich, dass »kulturelle Inseln ›inselhafter‹ sind als wirkliche Inseln« (Wilkins, S. 61), dass also literarische Entwürfe von Inseln durch die Projizierung tradierter Vorstellungen stets einen Mehrwert an Bedeutung aufweisen. Allerdings bleibt es in vielen Fällen »unbestimmbar, wo die Grenze zwischen der ›Wirklichkeit‹ der betreffenden Insel(n) und dem kulturellen Anteil der Konzeption verläuft« (Wilkins, S. 62); auch lässt die »eklatante Verschiedenheit von Inseln untereinander« die Frage aufkommen, ob es »eine universale Insularität überhaupt geben kann« (Wilkins, S. 64). Selbst die Frage nach einer präzisen geographischen Definition einer Insel muss unbeantwortet bleiben, insbesondere aufgrund der »Beliebigkeit der Setzung der Unterscheidung zwischen Insel und Kontinent« (Wilkins, S. 61) – das Beispiel Australien mag hier genügen. So kann man allenfalls den subjektiven Zugriff auf das Phänomen als Kriterium gelten lassen, um mit D.H. Lawrence (The Man Who Loved Islands) zu sprechen (Wilkins, S. 61): Inseln müssen so klein sein, dass man sie mit der eigenen Persönlichkeit vollständig ausfüllen kann.

PD Dr. Karin Becker, Westfälische Wilhelms-Universität Münster, Romanisches Seminar, Bispinghof 3A, D-48143 Münster; E-Mail: kabecker@uni-muenster.de


Anmerkungen
(1) Für genaue Definitionen, die Geschichte der beiden Begriffe sowie die grundlegenden Publikationen von Bertrand Westphal und Kenneth White siehe die Seiten der beiden Forschungsprojekte www.literaturatlas.eu/forschungsmaterial/glossary/ und www.geopoetique.net sowie den entsprechenden Artikel (»Poetische Geographie«) von Sylvia Sasse in Stephan Günzel (Hg.), Raum. Ein interdisziplinäres Handbuch. Stuttgart 2010, S. 305–307. Siehe auch das Seminarprogramm: http://geographielitteraire.hypotheses.org/1046. [zurück]
(2) Siehe etwa die jüngsten Sammelbände von Magdalena Marszalek/Sylvia Sasse (Hg.), Geopoetiken. Geographische Entwürfe in den mittel- und osteuropäischen Literaturen. Berlin 2012, und Federico Italiano (Hg.), Geopoetiche. Studi di geografia e letteratura. Mailand 2011. [zurück]
(3) Eine Auswahl: Eve C. Sorum, Mapping Modernism. Connections between cartography and Literature. Ann Arbor 2006; Robert Stockhammer, Kartierung der Erde. Macht und Lust in Karten und Literatur. München 2007; Jörg Dünne, Die kartographische Imagination. Erinnern, Erzählen und Fingieren in der Frühen Neuzeit. München 2008; Frank Lestringant, Die Erfindung des Raums. Kartographie, Fiktion und Alterität in der Literatur der Renaissance. Bielefeld 2012; Tom Conley, The Self-made Map. Cartographic Writing in Early Modern France. Minneapolis 2012. [zurück]
(4) Siehe etwa Frank Lestringant, Le livre des îles. Atlas et récit insulaires de la Genèse à Jules Verne. Genf 2002; Edmond Rod/Vanessa Smith (Hg.), Islands in History and Representation. London 2003; Georges Voisset (Hg.), L’imaginaire de l’archipel. Paris 2003; Volkmar Billig, Inseln. Geschichte einer Faszination. Berlin 2010; Diana Cooper-Richet/Carlota Vicens-Pujol (Hg.), De l’île réelle à l’île fantasmée. Voyages, littérature(s) et insularité (XVIIe–XXe siècles). Paris 2012. Siehe auch die Zeitschrift Island Studies Journal (www.islandstudies.ca/journal). [zurück]