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In: KulturPoetik 2013, Heft 1

Autor

Stefan Tetzlaff

Titel

Raum, Text und Kultur. Zwei neue Sammelbände im Zeichen des fortgeschrittenen Spatial Turn

(1) Martin Huber/Christine Lubkoll/Steffen Martus/Yvonne Wübben (Hg.), Literarische  Räume. Architekturen – Ordnungen – Medien. Berlin: Akademie 2012. 299 S.

(2) Richard T. Gray/Hamid Tafazoli (Hg.), Außenraum – Mitraum – Innenraum. Heterotopien in Kultur und Gesellschaft. Bielefeld: Aisthesis 2012.194 S.

Kategorie

Rezension

Abstract


Volltext

Martin Huber/Christine Lubkoll/Steffen Martus/Yvonne Wübben (Hg.), Literarische  Räume. Architekturen – Ordnungen – Medien. Berlin: Akademie 2012. 299 S.

Der Band geht in seinem Gesamtkonzept von der Vielfältigkeit des Raumparadigmas aus und reflektiert grundlegend mit, dass es sich beim Spatial Turn inzwischen um ein multidiskursives, in sich längst nicht mehr auf einen Nenner zu bringendes Feld handelt. Genauso wird der Gestus des Spatial Turn kritisch reflektiert, den Raum als Neuentdeckung zu vermarkten, während sich dessen Präsenz und Relevanz kontinuierlich bereits vor den einschlägigen Ansätzen findet; so in den »Poetiken der 20er und 30er Jahre« (Ritzer, S. 34).
Als Tenor des Sammelbandes erweist sich dabei eine Denkfigur, die implizit bleibt und nicht ausdrücklich als Fluchtpunkt genannt wird,(1) nämlich die Frage, wie Medium, Gattung und diskursiver Kontext die Konstruktionen von Raum und Ort bereits im Vorhinein, sozusagen ›pränarrativ‹, beeinflussen. Dieser metatheoretische Vektor, über eine Analyse des strukturellen ›Wie‹ hinauszugehen und nach den Möglichkeitsbedingungen zu fragen, in bestimmten Formen und Redeweisen vom Raum zu handeln, stellt den überzeugenden Mehrwert der komplementär lesbaren Beiträge dar.
Die Beobachtung, dass der Spatial Turn längst in Vagheit ausgeufert ist (vgl. S. 9), ist selbst bereits ein Topos der Raumforschung. Daher lässt sich der Hinweis auf diesen Umstand durchaus als Ankündigung lesen, dieser konzeptuellen Problematik kritisch und produktiv zu begegnen. Genau dies tut der Band, indem die Studien in ihrer Vielseitigkeit neben der Analyse der jeweils vorgefundenen Organisation von Raum auch deren Bezug zur narrativen und textuellen Form befragen.
Paradigmatisch für diesen Ansatz steht Monika Ritzers Eröffnungsbeitrag Poetiken räumlicher Anschauung. Die Verfasserin macht »die Expansion der Begriffsverwendung und die Inflation an interdisziplinär proponierten Semantiken« (S. 19) zum Gegenstand und blickt auf das disparate Feld des Spatial Turn bereits mit der Frage, was nach dessen Ausklang bleibt. Wie schon Doris Bachmann-Medick, begreift Monika Ritzer Turns nicht als Paradigmenwechsel im Sinne Thomas Kuhns,(2) sondern als Refokussierung des wissenschaftlichen Blicks innerhalb eines bereits vorhandenen Feldes. In der Absicht, Raumstrukturen in »Rekurs auf die Historizität und Kulturalität unserer Raumbildung« (S. 26) zu untersuchen, zeigt Ritzer im Querschnitt von Lessing bis in die Moderne des frühen 20. Jahrhunderts neben der Qualität auch die geistesgeschichtliche Bedingtheit von Raumkonzepten als Figuration von Denkformen. Im Vergleich speziell mit der Malerei (Mondrian, Kandinsky, Malewitsch) wird ein kardinaler Unterschied zum bildlich mimetischen Medium deutlich: »Diese Abstraktion vom Raum ist in der Literatur nicht in gleicher Weise zu realisieren, weil die Sprachzeichen in ihrer Semantik Lebenszusammenhänge reflektieren« (S. 35). »Anschauungsräume« (S. 36) sind »paramimetisch, nämlich latent wahrnehmungstheoretisch« (S. 37) angelegt.
Im unmittelbaren Anschluss an Ritzers Überlegungen arbeitet Dirk Rose in seinem Beitrag Die Verortung der Literatur. Präliminarien zu einer Poetologie der Lokalisation das spezielle Spannungsverhältnis zwischen der vom Raum abgegrenzten Kategorie des ›Ortes‹ und deren Repräsentation im literarischen Text heraus. Die als Nenner des Bandes anzusetzende Fragestellung nach den vortextuellen Voraussetzungen für die Narration von Raum findet bei Rose ihren Platz in der Analyse von Orten als »hochgradig anthropologisch und kulturell determinierte[n]« (S. 45) Objekten. Die Unmöglichkeit, den Ort in der Literatur von seinem außerliterarischen Verweischarakter zu lösen, bleibt gemäß Rose ein permanenter Bruch mit der Fiktionalität und hält speziell seit Entstehung des Realismus des 19. Jahrhunderts Erzähltexte in einer selbstreflexiven Schwebe zwischen Poiesis und Authentizitätsanspruch, und zwar so, »dass diese Referenz nie restlos gelingen kann« (S. 55).
Am Vergleich von Pilgerberichten des ausgehenden 15. Jahrhunderts zeigt Jacob Klingners Studie Reisen zum Heil. Zwei Ulmer ›Pilgerfahrten im Geiste‹ vom Ende des 15. Jahrhunderts zwei grundlegende Raumkonzepte auf, die zur Beschreibung der geistlichen Reise verwendet werden: Dem Weg als »Wiederholungsstruktur« (S. 68) von Gebeten und rituellem Handeln steht die Reise als allegorisches Abbild des Kirchenjahres gegenüber, sodass einmal der Raum über Gebete als zeitliches Intervall und im zweiten Fall die Zeit des Heiligenkalenders in ihrer Abbildung auf den Raum und die Stationen der Pilgerreise erfahrbar werden. Für diese gelungene Differenzierung hätte sich das Chronotopos-Konzept Michail Bachtins angeboten, an das Klingners Beobachtungen unmittelbar anschlussfähig sind. Auch die einleuchtende Engführung mit dem Begriffspaar ›metaphorisch‹/›metonymisch‹ (vgl. S. 63) hätte von einem Hinweis auf die jakobsonsche Provenienz der Termini profitiert.
Am Motiv der ›Gralsburg‹ zeigt Gesine Mierke in ihrem Beitrag Architektur im Buch. Die Gralsburg in Wolframs von Eschenbach Parzival: Schauplatz oder Gedächtnisplatz? nicht nur deren unterschiedliche Funktionen als Grenz- und Erinnerungsraum sowie als architektonischen Raum auf, sondern beschreibt im Zuge dessen auch die Funktionsveränderungen eines Topos in seiner Rekurrenz im Rahmen desselben Textes. Hildegard Haberl wiederum beschreibt am Beispiel von Goethe und Flaubert den Garten als Wissensspeicher. In ihrem Beitrag Von Gärten und Museen. Wissens- und Erinnerungsräume im enzyklopädischen Roman des 19. Jahrhunderts bei Goethe und Flaubert zeigt die Verfasserin Gärten als allegorisiertes, verräumlichtes Wissen sowie museale Sammlungen nicht nur in ihrer Funktion, sondern auch in ihrer Zersetzung, die letztlich als »Form der Erkenntniskritik« (S. 109) lesbar wird.
Auch Dorit Müller befasst sich in ihrer Studie Fahrten zum Pol. Über Konstitution literarischer Wissensräume mit der Wechselwirkung von äußerer und innerer Form, wenn sie Christoph Ransmayrs Die Schrecken des Eises und der Finsternis mit dem authentischen Polar-Reisebericht Die österreichisch-ungarische Nordpol-Expedition in den Jahren 1872–1874 von Julius Payer vergleicht. Dass der Raum des Reiseberichts sich als lineare Matrix des Voranschreitens erweist, während er bei Ransmayr als Tableau erzählerischer Verfahren und »Möglichkeitsbedingungen von Wissen« (S. 121) dient, ist dem Ansatz Jacob Klingners vergleichbar und spannt einen Bogen, der die umfassende diachrone Evidenz der Fragestellung überzeugend untermauert.
Moira Paleari beschreibt in Kulturraum Italien. Jacob Burckhardt und Rainer Maria Rilke im Vergleich der Italienberichte der genannten Schriftsteller deren Verwendung von Raumbildern und zeigt Burckhardts Italien als Illustration kulturästhetischer Werte, während Rilke den Raum als Projektionsfläche eigener poetologischer Reflexionen konstruiert. Und auch Constanze Baum (Landschaft lesen. Italienische Erinnerungslandschaften als Palimpseste der Reiseliteratur im 18. und 19. Jahrhundert) befragt ihr Korpus aus Italientexten von Goethe, Heinse, Herder und Kotzebue nicht nur auf Verfahren der Raumbeschreibung und deren Qualität, sondern erarbeitet kulturelle und intertextuelle Bezüge, im Rahmen derer die bereits geprägten antiken historischen Orte um- und übergeprägt werden. Mit dem Konzept des Palimpsestes zeigt Baum, wie bereits bestehende Prägungen an der Konstruktion literarischer Räume sozusagen apriorisch beteiligt sind.
Einen ähnlichen Vektor haben die Überlegungen Sonja Kliemeks und Dominik Riedos, die mit ihrem Beitrag Kelgurien und die Provence. Topographische Apotheose in Wolf von Niebelschütz’ historischem Roman Die Kinder der Finsternis (1959) den fiktiven Handlungsraum in seiner Schwebe zwischen verortbarer Abbildung der Provence einerseits und der Verfremdung des tatsächlichen zum konstruierten Raum andererseits zeigen. Die Überlegungen schließen unmittelbar an Konstellationen der Umprägung kulturell bereits aufgeladener Räume an, wie sie Konstanze Baum untersucht und vollziehen einmal mehr die Frage nach der Möglichkeitsbedingung von Raumbeschreibung am konkreten Text mit.
Claudia Gremlerer probt in Utopien, Epiphanien und Melancholie. Der Norden als Imaginationsraum in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur je verschiedene raumtheoretische Ansätze wie den Chronotopos (Bachtin), die Heterotopie (Foucault) oder die ›Produktion des Raumes‹ (Lefebvre) und zeigt am für einen Aufsatz breiten Korpus, wie sich methodische Kombinatorik valide und ertragreich anbringen lässt.
Birte Lipinskis ›Wenn möglich, bitte wenden.‹ Das Roadplay als dramatisches Genre im Spannungsfeld von innerem, äußerem und medialem Chronotopos wiederum ist mit der Adaptation des Roadmovies für das Theater befasst, einer Form, für die die Verfasserin den Begriff ›Roadplay‹ prägt, »um intermedialen Bezug und mediale Differenz gleichermaßen zu benennen« (S. 195). Lipinski beschreibt dabei das Roadplay überzeugend als Genre, das die Unmöglichkeit einer ungebrochenen Übertragung in das Medium Theater nutzt, um aktuelle, dem amerikanisch perspektivierten Ideal von Freiheit nicht (mehr) entsprechende Sehnsüchte nach Identität und Sicherheit zu artikulieren.
Robert Schöller beschreibt mit Barthes‘ Topophonie-Konzept in Schall und Raum. Zur Kennzeichnung von Anderwelten durch Schallphänomene in der Krone Heinrichs von dem Türlin die Korrespondenz von Raum und Akustik. Anhand des Romans aus dem 13. Jahrhundert zeigt er, wie sich die »Klanglandschaften des ritterlichen Territoriums […] in die fremde Klanglandschaft eines Extra-Territoriums« (S. 210) verwandelt, und zwar indem aus der fehlenden Decodierbarkeit der Geräusche eine räumliche Orientierungslosigkeit erwächst.
Die Beiträge von Caroline Pross (Fern-Sprache. Literatur im elektroakustischen Raum), Johann Reißer (Sprachinstallation und Landschaftssampling. Thomas Klings Archäologie der Ordnung der Sprachenräume) und Torsten Voß (Tote Städte? Entsubstantialisierung als moderne Erfahrung und ihre räumliche Organisation in Adalbert Stifters Ein Gang durch die Katakomben und James Thomsons A City of Dreadful Night) befassen sich nicht nur mit der Akustik als Qualität des Räumlichen, sondern mit der Frage, welche Modi und Strukturkonzepte das Auditive an den dargestellten Gegenstand heranträgt. So zeigt Caroline Pross an Friedrich Wolfs Hörspiel S.O.S. ..rao, rao… Foyn … Krassin rettet Italia die selbstreflexive Dimension einer erzählten Welt, deren diegetische Verfasstheit stark von dem Medium beeinflusst ist, in dem sie vermittelt wird, nämlich Radio. Währenddessen beschreibt Johann Reißer, wie die Kategorie der Landschaft beim Übertrag in ein klangliches Paradigma transformiert wird. An der Lyrik Thomas Klings macht Reißer die Ablösung der Landschaft als »geschlossene[m] Wahrnehmungsraum« (S. 230) durch einen »vielfach gebrochene[n] Facettenblick« (S. 231) plausibel. Die Ausbreitung phrasischer und diskursiver Versatzstücke dekonstruiert den subjektiven Blick auf erhellende Weise, indem es ein Panorama aus Sprachsamples als ›Landschaftssampling‹ entstehen lässt. Torsten Voß schließlich führt Adalbert Stifters Beschreibung der Wiener Katakomben eng mit James Thomsons Gedicht A City of Dreadful Night und stellt als gemeinsamen Tenor die Beschreibung eines Sinnverlustes heraus. Dabei erweisen sich die hervortretenden Parallelen besonders dahingehend als interessant, dass sich ein real existierender und ein imaginierter Raum in ihren Beschreibungen über gemeinsame Verfahren konstituieren.
Berbeli Wannings Analyse In der Hitze des Raumes. Das Ende der Kultur in Liane Dirks Roman Falsche Himmel wendet sich der Frage zu, wie sich Beschreibungsverfahren ändern, wenn sich Raum nicht mehr primär durch seine Ausdehnung, sondern durch seine Qualität definiert; die »neuen Raumkoordinaten« (S. 281) sind Luftwerte und Temperatur. Wanning nimmt mit ihren Überlegungen unmittelbar Bezug auf Ritzers These von der Auflösung des Raums und zeigt am literarischen Gegenstand die Folgen dieser Nivellierung, die in der Bewusstmachung des Raums als Lebensnotwendigkeit kulminieren.
Achim Geisenhanslükes Beitrag Ordnungen des Nichtwissens. Monströse Räume bei W.G. Sebald und Marcel Beyer beschließt den Band und zeigt mit Foucaults räumlich gedachtem Begriff geordneten Wissens Phänomene der Auflösung solcher Ordnungen. An W.G. Sebalds Austerlitz und Marcel Beyers Kaltenburg zeigt er, wie sich im literarischen Text mit Zerstörung räumlicher Ordnungsstrukturen auch die diskursiven Formationen des damit verknüpften Wissens in Vagheit und Chaos verlieren.
So wird Monika Ritzers Anspruch in der sich durch die meisten Beiträge ziehenden Perspektivierung auf die ›Möglichkeitsbedingungen‹ von Raumdarstellung und Wissen aufgegriffen und leistet eine Kommunikation und Beziehbarkeit der Beiträge aufeinander. Wenn auch in unterschiedlicher Intensität, führen doch alle Beiträge diese Metaebene mit und formulieren die gemeinsame Fragestellung, nicht nur wie von Raum gehandelt, sondern vielmehr welche kulturellen, diskursiven oder verfahrenstechnischen Gemengelagen dazu beitragen, dass auf die jeweils bestimmte Weise Raum konstruiert wird.


Richard T. Gray/Hamid Tafazoli (Hg.), Außenraum – Mitraum – Innenraum. Heterotopien in Kultur und Gesellschaft. Bielefeld: Aisthesis 2012. 194 S.

Im Gegensatz zum Band Literarische Räume widmet sich Außenraum – Mitraum – Innenraum  einem einzelnen spezifischen Modell der Raumanalyse. Es sind Studien versammelt, die sich mit dem befassen, was Michel Foucault als ›Heterotopologie‹ bezeichnet und in der Hauptsache in Von anderen Räumen, Die Heterotopien und im Vorwort der Ordnung der Dinge umrissen hat. Dass sich der Versuch einer definitorischen Engführung dieser knappen Parallelstellen vor nicht unbeträchtliche Schwierigkeiten gestellt sieht, ist auch den Herausgebern bewusst, die in ihrer Einleitung einen Abriss der Ausführungen geben sowie eine mögliche Schnittmenge aufzeigen. Als verbindendes Merkmal aller heterotopen Spielarten gilt den Herausgebern die »Heterogenität« (S. 13) des im Rahmen von Heterotopien Verhandelten und in Verbindung Gebrachten. Im Anschluss daran bilden Heterotopien in jedem Fall eine Gegenordnung ab und lassen sich als »Raum der Transformationen« (S. 19) und der »Aufhebung der Dichotomisierung des Eigenen und des Fremden« (S. 19) fassen. Dass Texte beispielsweise im Paradigma von Intertextualität, Übersetzung und im interkulturellen Dialog einen solchen heterotopen Raum bilden (vgl. S. 25), will der Band auf Fragen der Identitätsbildung und Konstruktion von Kultur beziehen. Zugleich stellen die Herausgeber im Vorwort die wichtige Beobachtung heraus, »dass Heterotopien als andere Orte sich jeweils nur im Kontext oder in Entgegensetzung von gängigen Ortschaften definieren lassen« (S. 11). Ob – terminologisch überlegt – aus ›anderen Räumen‹ problemlos ›andere Orte‹ werden können, sei dahingestellt unter Verweis auf den Beitrag von Dirk Rose im oben besprochenen Band. Die unmittelbare Kontextabhängigkeit der Heterotopie, egal welcher Form, ist eine selten betonte und umso wichtigere Feststellung. Dass daraus aber resultiert, einen Text als Gesamtes nur dann als Heterotopie beschreiben zu können, wenn man sich in den Rahmen eines Kultur-als-Text-Paradigmas begibt und Kultur als Kontext textuell fasst, findet keine Erwähnung oder Problematisierung. Auch wenn man dem widersprechen wollte, wäre es doch angebracht, diesen Umstand zu reflektieren und darzustellen. So widmen sich die Beiträge der zugleich problematisch als auch gewinnbringend offenen Fragestellung, wie »Mischungsverhältnisse in der Kultur, Gesellschaft und Kunst« (S. 26) mit Foucaults Heterotopie-Konzept beschreibbar werden.
In Heterotopie als Entwurf poetischer Raumgestaltung entwirft Hamid Tafazoli am Beispiel von Goethes West-östlichem Divan eine Lesart der Literatur als Heterotopie. Der »Text-Ort« (S. 36) als Raum der Verschaltung von Eigenem und Fremden wird am Gegenstand des Orientalischen zur Heterotopie. Literatur wird im Anschluss an Wolfgang Welsch (1997) als transkultureller Raum verstanden. Texte als Orte der Reflexion und der Zusammenlegung des Widersprüchlichen haben im Rahmen einer Kultur heterotope Funktion. So wird im Divan ein Persien konstruiert, das explizit durch den Blick des deutschen Dichters perspektiviert ist und im Hybrid von exotischem Gegenstand und vertrauter Erzählstimme eben diese tatsächliche Utopie realisiert und den Text als heterotopen Begegnungsraum des Verschiedenen ausweist.
Auch Jürgen Brokoff perspektiviert in Literatur als heterotopischer Ort der Verfremdung oder: Sprachkunst als ein ›anderer Raum‹. Der russische Formalismus und Brecht Literatur an sich als Heterotopie und verwendet das foucaultsche Konzept, um zwei prominente Theorien der Verfremdung gegeneinander abzugrenzen. Literarisches Sprechen ist nach Brokoff eine Form der Verfremdung, wie sie auch die Heterotopie charakterisiert. Dabei werden unter dem Paradigma der Verfremdung Viktor Šklovskijs Entautomatisierung und der brechtsche V-Effekt miteinander abgeglichen. Während die formalistische Verfremdung allein das Kunstobjekt betreffe, zeige sich der Brechtsche V-Effekt als Teil eines Ensembles von Verfahren, »die sich allesamt dem Ziel der Gesellschaftsänderung unterordnen« (S. 68). Auch bezüglich der Aspekte von Räumlichkeit besteht nach Brokoff ein grundlegender Unterschied; dem formalistischen eigenständigen Gegenraum stehe der Bühnenraum Brechts gegenüber, dessen Verfremdung  nicht im Anderssein bestehe, sondern darin, gar nicht als konkreter, definierter Raum konzipiert zu sein. Das verfremdete literarische Sprechen im Sinne des Russischen Formalismus beschreibe genau die heterotope, einem nützlichen Raum entgegengesetzte andere Ordnung, während sich Brechts V-Effekt auf didaktisierende Nützlichkeit berufe.
Christine Kanz (Heterotopien um 1900: St. Petersburg und Jerusalem als Gegenräume ästhetischer Qualität) zeigt an Lou Andreas-Salomés Novelle Fenitschka die Handlungsräume St. Petersburg und Moskau als Heterotopien auf, die den weiblichen Künstlerfiguren einen Raum des Anderen bieten. »Kreativität, insbesondere Kreativität von Frauen« (S. 88) könne hier, an aus dem Ordnungssystem der Gesellschaft ausgelagerten Orten, stattfinden. Ähnliches beobachtet Kanz in Texten Else Lasker-Schülers, die ebenfalls »Bilder bekannter Orte und Städte [verwendet], um neue Räume zu konstruieren, an denen Kreativität möglich wird« (S. 99).
Richard T. Gray wiederum verdeutlicht am Affen Rotpeter, dem Protagonisten aus Kafkas Ein Bericht für eine Akademie, das Heterotope in der Differenz zwischen sprechendem und erlebendem Subjekt auf. In The Fourth Wall: Illusion and the Theater of Narrative in Franz Kafka’s Ein Bericht für eine Akademie macht Gray deutlich, dass das Sprechen des kultivierten Affen über sein zurückliegendes Affentum dabei als eine solche diskursive Verschaltung des Heterogenen erkennbar wird, wie sie die Heterotopie vollzieht. Dass sich darin eine Grundkomponente des foucaultschen Denkens findet, die häufig kritisiert wurde, nämlich wie mit dem Diskurs der Vernunft überhaupt Vernunftkritik betrieben werden könne, wäre hier zur Einbettung sinnvoll darzustellen gewesen, handelt es sich doch bei der Rede der Vernunft über den Wahnsinn und beim Bericht des kultivierten Affen über sein Tierstadium um ähnliche Konstellationen. Der Bericht als theatrale performance des Menschlichen verstärkt nach Gray dabei einmal mehr die Darstellung einer Figur, deren Charakter durchlässig ist für seine eigenen Spiegelungen und möglichen Seinsweisen. Den Käfig zum Theaterraum und die beschränkende zur diderotschen vierten Wand umzuformen, bedeutet in diesem Zusammenhang nicht weniger, als die eigene Existenz zur Heterotopie auszubilden; die Strategie des Affen ist nach Gray die »transmogrification of his four-walled cage into a four-walled stage« (S. 115).
Todd Kontje analysiert in Heterotopic Cities in Yadé Kara’s Fiction das geteilte Berlin in Yadé Karas Roman Selam Berlin als Heterotopie im Sinne eines Begegnungsraumes verschiedener Kulturen und Generationen. Im türkisch-deutschen Protagonisten Hasan wird dabei eine affirmative Transkulturalität dargestellt, die sich mehr als Möglichkeit, denn als Problem zeigt. Der Handlungsraum der zugleich ein- und ausgegrenzten, separierten und dennoch an die BRD angeschlossenen Insel West-Berlin wird nicht nur zur Heterotopie durch seine heterogene Bewohnerschaft von Gastarbeitern, Altnazis und jungen Studenten, sondern auch zum Kommentarraum, der kommunistische Gedanken mit amerikanischen Einflüssen zusammenbringt. Die Analyse des Handlungsraums London in Karas diegetisch anknüpfendem Folgeroman Café Cyprus als Heterotopie ist nicht ganz so zwingend wie in Selam Berlin. Denn auch wenn London ebenfalls als »saturated with the memories of multiple pasts and brimming with unpredictable future possibilities« (S. 146) erscheint, fehlt doch der explizit räumliche Aspekt, den das Betreten West-Berlins mit seinen grenzbedingten »System der Öffnung und Abschließung«(3) aufweist und es wäre gerade im Vergleich mit dem ersten Roman eher von einer ›Tendenz zum Heterotopen‹ zu sprechen. Dies ändert jedoch strukturell nichts am einleuchtenden Befund.
Auch Heidi Schlipphacke nimmt als Heterotopie den Handlungsraum Berlin in den Blick, wenn sie in ihrem Beitrag Heterotopic Bodies: Intimacy and the Global in Tom Tykwer’s The International den genannten Film auf Architektur und Raumgestaltung befragt. Sowohl der Berliner Hauptbahnhof als auch Berlin insgesamt erweisen sich nach Schlipphacke als heterotope Räume permanenter Veränderung, verschiedener Bedeutungen und eines Wechsels von Potenzialität und Realisierung (vgl. S. 154). Die Verfasserin zeigt dabei auf, wie das subversive Moment der Foucaultschen Heterotopie in eine konservierende Darstellung von Machtstrukturen gekehrt wird und geht damit über eine Applikation des Begriffs hinaus auf das ein, was mit dem Konzept vier Jahrzehnte nach seiner Entwicklung sichtbar gemacht werden kann. Die Trennung von Privatem und Öffentlichem wird nach Schlipphacke ausgestellt, indem heterotope Orte und Intimität enggeführt werden. Der Schluss, dass die letztmögliche Erfahrung von Intimität die Erhebung des eigenen Körpers zur Heterotopie ist, entwickelt das Konzept konsequent an Tykwers Narrativ weiter.
Birgit Tauz zuletzt fasst in Michel Foucault trifft Yoko Tawada: Sprache und ethnologische Poetologie als Heterotopien jene ›ethnologische Poetologie‹ Tawadas als Heterotopie. Sie geht zur Legitimation dieser Erweiterung des Heterotopie-Begriffs davon aus, »dass Tawada implizit Foucaults Denken weiterführt« (S. 169) und »in seiner Gebundenheit an die westeuropäische Wissenschaftstradition bloßstellt und kritisiert, aber auch in neuen Zusammenhängen instrumentalisiert« (S. 169). Jene Instrumentalisierung besteht in einer am Heterotopiebegriff der Ordnung der Dinge ausgerichteten Funktion der poetischen Sprache und Reflexion der Texte Tawadas. Insbesondere an Wo Europa anfängt zeigt Tauz die zweifache Anbringung des Heterotopischen. Einmal in der Dekonstruktion heterotoper Merkmale von beschriebenen Orten und Räumen (Europa), zum anderen in der Funktion ebendieser Beschreibung, die als ›neue Weltliteratur‹ über die »heterotopischen Verfahren der Einverleibung und des allegorischen Aufbrechens der Sprache« (S. 182) selbst heterotopisches Sprechen figuriert. Der Kerngedanke ist dabei, das Heterotopische als sprachliche Qualität zu zeigen, die gelöst vom Inhalt über textuelle Verfahren organisiert ist.
Abgesehen von der irritierenden Verwechslung der Termini ›fiktional‹ und ›fiktiv‹, die sowohl Tauz als auch Kanz unterläuft, sowie von einigen Sprach- und Druckfehlern, bietet der Band eine weit gespannte Demonstration der Applizierbarkeit des Heterotopie-Konzeptes. Diese Erkundung der Vielschichtigkeit des Begriffs hat jedoch den Nachteil, dessen Zerfaserung weiter voranzutreiben. Ein ebenso einleuchtendes wie leider auch dehnbares Konzept wie das der Heterotopie profitiert nur begrenzt und vor allem eher zu Beginn der Diskussion bei Etablierung des Feldes von einer Erprobung seiner Reichweite. Konzepte und Termini durch Studien zu entfalten, die eine Applizierbarkeit auf verschiedenste Gegenstände aufzeigen, ist nur begrenzt von Vorteil. Dieser Vorteil wandelt sich an dem Punkt in einen Nachteil, an dem der Eindruck eines Verlustes von Trennschärfe entsteht. Dies ist weniger eine Kritik an den informierten und interessanten Einzelbeiträgen als vielmehr an der Stoßrichtung des Bandes, der selbst stellvertretend für eine Handhabung des Heterotopie-Begriffs steht, die es nicht vermocht hat, vom Stadium der verständlichen Faszination zur pragmatischen Beschränkung und begrifflichen Schärfung überzugehen. Die im Band versammelten Studien überzeugen jede für sich und machen Angebote, wie mit dem Konzept der Heterotopie zu arbeiten sei. Versäumt wird aber – und damit steht der Band in einer Reihe mit dem Gros jüngerer Verhandlungen der ›anderen Räume‹ – den Begriff aus der zu Recht veranschaulichten Breite des Feldes heraus und als textwissenschaftliches Instrument einer konzeptuellen Schließung zuzuführen.

Stefan Tetzlaff, M.A., Westfälische Wilhelms-Universität Münster, Graduate School Practices of Literature; FB 09 – Germanistik, Schlossplatz 34, D-48143 Münster, E-Mail: stefan.tetzlaff@uni-muenster.de


Anmerkungen

(1) Dass der Band nicht nur pro forma die metatheoretischen Probleme turnhafter Theoriebildung anspricht, sondern klug und verständlich tatsächlich Metatheorie betreibt, hätte im Titel deutlich werden können, der so eher eine weitere jener Sammlungen von Motivstudien zu versprechen scheint, von denen man sich doch distanzieren will. [zurück]
(2) Vgl. Doris Bachmann-Medick: Cultural Turns. Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften. Hamburg 2007, S.16 f. [zurück]
(3) Michel Foucault, Die Heterotopien. In: Ders., Die Heterotopien. Der utopische Körper. Zwei Radiovorträge. Frankfurt/M. 2005, S. 7-22; hier S. 18. [zurück]