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In: KulturPoetik 2013, Heft 1

Autor

Susanne Gramatzki

Titel

»Le plagiat est nécessaire«: Zur Ästhetik der Aneignung
Annette Gilbert (Hg.), Wiederaufgelegt. Zur Appropriation von Texten und Büchern in Büchern. Bielefeld: Transcript, 2012. 422 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Lautréamonts Diktum »Le plagiat est nécessaire. Le progrès l’implique«(1) scheint heute, affirmiert oder negiert, präsenter denn je: Politiker stürzen über Plagiatsaffären, während zur gleichen Zeit der Kampf gegen das Urheberrecht neue politische Bewegungen hervorbringt; literarische Blogs, interaktive Hypertexte und vereinfachte Reproduktionsverfahren wie Books-on-Demand stellen die klassische Figur des auctor in Frage, während diesem nach seinem bereits 1968 von Roland Barthes verkündeten Tod wieder bzw. immer noch auf Buchmessen, Autorenlesungen und im Feuilleton gehuldigt wird.
Der hier zu besprechende Band nähert sich den Fragen um Autorschaft, Original und Kopie unter der Perspektive der bewussten – und als solche auch transparent gemachten – künstlerischen Aneignung. Ist diese ein insbesondere seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts zu beobachtendes kulturelles Phänomen,(2) das die Kunstwissenschaft als Appropriation Art erforscht, bildet die »Appropriation von Texten und Büchern in Büchern«, wie der Untertitel des Sammelbandes lautet, ein noch wenig erforschtes Terrain auf der Disziplingrenze von Literatur- und Kunstwissenschaft. Als Einstieg in den materialreichen Band aber auch in die Thematik generell sei die fundierte Einleitung der Herausgeberin Annette Gilbert empfohlen (S. 9-24). Gilbert gibt eine Definition des Untersuchungsgegenstands – »die vollständige Aneignung fremder Texte/Bücher, vorzugsweise literarischer oder geistesgeschichtlicher Werke und vorrangig in ihrer Materialität« (S. 9) –, beleuchtet die Anfänge und medientechnischen Hintergründe der Appropriation von Büchern und Texten und gibt bereits wesentliche Hinweise für die theoretische Einordnung des Phänomens, die in den nachfolgenden Beiträgen weiter vertieft wird. Der Band setzt sich der Herausgeberin zufolge das Ziel, das Phänomen der buchkünstlerisch-literarischen Appropriation »erstmals umfassend zu sichten, historisch und theoretisch zu kontextualisieren, nach typischen Operationen zu systematisieren und in exemplarischen und komparatistischen Einzelstudien zu entfalten« (S. 10).
Die Aufsätze sind in fünf Rubriken angeordnet, die sich, in dieser Reihenfolge, theoretisch, exemplarisch, vergleichend, thematisch und institutionell mit der Text- und Buchappropriation auseinandersetzen. Auch wenn die Grenzen zwischen diesen Rubriken fließend sind und alternative Zuordnungen einzelner Beiträge möglich wären, liegt hiermit in der Tat ein erster historisch-systematischer und international vergleichender Überblick über das literarisch-buchkünstlerische Phänomen der Aneignung vor. Es fehlen weder die Wegbereiter der Appropriation wie Jorge Luis Borges (vgl. den Beitrag von Monika Schmitz-Emans) noch die Klassiker wie Marcel Broodthaers, Carl Frederik Reuterswärd oder Dieter Roth (vgl. die Beiträge von Gabriele Mackert, Anne Thurmann-Jajes und Stefan Ripplinger) oder die aktuelle Appropriationskunst, die mit Namen wie Cerith Wyn Evans, Michael Maranda, Jérémie Bennequin und Michalis Pichler vertreten ist (letzterer mit seinen Statements zur Appropriation auch selbst als Beiträger). Dankenswerterweise wird (im Beitrag von Magnus Wieland) auch an Jean Pauls Schulmeisterlein Wutz erinnert, der lange vor Borges’ Pierre Menard kanonische Texte der Weltliteratur abschreibt und sich durch die Überführung des gedruckten Werkes in ein handschriftliches Original zum ›Schöpfer‹ desselben macht. Indem Wutz dabei die semantische Unverständlichkeit von Klopstocks Messias nur scheinbar naiv in eine literale Unverständlichkeit, nämlich in eine unleserliche Handschrift, transponiert, greift er auch in die Textgestalt ein und wird zum Prototypen des »Biblioklasten« (S. 194) und modernen Appropriationskünstlers, der die Aneignung eines Originals gerade durch die kreative Abweichung von diesem vollzieht. Jean Pauls hintergründiger Humor weist zudem auf die poetologische Prämisse der literarischen Appropriationskunst hin, auf die Untrennbarkeit des Textes von seiner Materialität.
Die Appropriation eines Textes durch manipulative Eingriffe am Material des Buches lässt sich beispielhaft an Stéphane Mallarmés Un coup de dés jamais n’abolira le hasard (1897) aufzeigen (vgl. hierzu u.a. den Beitrag von Magnus Wieland). Mallarmés berühmte Gedichtpartitur gehört zu den paradigmatischen Texten der literarischen Moderne und steht als perpetuelle künstlerische Herausforderung im Zentrum zahlreicher appropriationistischer Arbeiten: Marcel Broodthaers überdeckt 1969 die Verszeilen mit schwarzen Balken, Michalis Pichler schneidet diese aus und lässt Un coup de dés als Notenrolle über ein Pianola laufen, Cerith Wyn Evans perforiert die Seiten, Michael Maranda amalgiert französisches Original und englische Übersetzung zu einer brüchigen Einheit, Jérémie Bennequin tilgt nach dem Zufallsprinzip des Würfelwurfs einzelne Silben. Diese Reihe ließe sich ohne weiteres fortsetzen. Am Umgang der Künstler mit dem Gründungsdokument der modernen visuellen Poesie wird die Ambivalenz der Appropriation Literature(3) in exemplarischer Weise deutlich: Einerseits wird ein fremdes Werk usurpiert und ungebetenerweise mit Schnitten, Schwärzungen, Auslöschungen und dergleichen traktiert und dadurch gewaltsam verändert. Andererseits legen gerade diese Eingriffe, deren Radikalität im Übrigen häufig in einem proportionalen Verhältnis zur Bewunderung gegenüber dem appropriierten Buch steht, die Potenziale des angeeigneten Werkes frei, im Falle des Würfelwurfs den Charakter des Prozessualen, Bildhaften, Musikalischen, sogar Skulpturalen des Poems (zur Räumlichkeit von Un coup de dés und ihrer Umsetzung durch Appropriationskünstler vgl. auch den Beitrag von Eric Zboya).
Die Aneignung als künstlerische Praxis besteht in dem schöpferischen Widerspruch, durch den Akt der Zerstörung einem gedruckten Buch – letztlich also einem industriellen Serienprodukt – eine einmalige ästhetische, sogar quasi-religiöse Aura zu verleihen oder, wie es Jérémie Bennequin wortspielerisch ausdrückt, »transformer une simple réplique en une relique singulière« (S. 263). Die Künstlerbuch-Expertin Anne Mœglin-Delcroix, deren Beitrag das Bennequin-Zitat entnommen ist, resümiert diese Widersprüchlichkeit folgendermaßen:

Es bleibt dieses fruchtbare Paradoxon: Von Künstlern umgestaltet, die sie auf die eine oder andere Weise zum Verschwinden bringen oder unsichtbar machen, gewinnen literarische Texte, die als Schöpfungen des Geistes dazu bestimmt sind, sich an das lesende intellektuelle Auge zu richten, gerade durch ihr Verschwinden einen sichtbaren und fühlbaren Körper, der herausstellt, was die Literatur meist vernachlässigt: Einerseits existiert der Text nicht ohne seine materielle Einschreibung in ein Buch (das, was bleibt, wenn man den Text ganz oder teilweise getilgt hat); andererseits ist auch die Lektüre eine körperliche Aktivität (der Hände, aber auch der Stimme und des Atems) (S. 263 f.).

Es gilt daher zu unterscheiden, ob das Interesse des appropriierenden Künstlers dem Buch als Text oder dem Buch als Objekt gilt (vgl. hierzu auch den Beitrag von Bernhard Metz, insbesondere S. 316), doch erweist sich diese Unterscheidung in praxi oftmals als schwierig, zumal sich ein Text ohnehin nicht losgelöst von seiner materiellen Realisierung vorstellen lässt. Die Verfremdungstechniken und Singularisierungseffekte, die Gesten der Hommage oder der Kritik, die Übermalungen und Tilgungen widerfahren dem geschriebenen/gedruckten Text, ohne dass sich immer zweifelsfrei entscheiden ließe, ob damit in erster Linie das geistige oder das materiale Produkt anvisiert wird.
Im Zusammenhang mit den unbefugten, zerstörerischen Interventionen der Appropriationskunst stellt sich auch die Frage nach möglichen rechtlichen Problemen und der Philosophie von Künstlern und Verlegern. Hierüber geben die Beiträge der letzten Sektion Auskunft: Sie stellen die vom Salon Verlag und vom Verlag Other Criteria veröffentlichten ›Künstlerbibliotheken‹ vor (Albert Coers) und berichten über jenes bunte Spektrum an Verlagen, die aus dem Bedürfnis nach Alternativen zu kommerziellen Vertriebswegen entstanden sind und deren Arbeit sich gleichermaßen aus künstlerischem, verlegerischem und gesellschaftspolitischem Engagement speist (Léonce W. Lupette).
Resümierend lässt sich festhalten, dass Wiederaufgelegt ein gelungenes Beispiel für die produktive Zusammenarbeit von Kunst- und Literaturwissenschaftlern ist, denn gerade an einem Phänomen wie der Appropriation von Texten und Büchern zeigt sich, dass die mit großer Selbstverständlichkeit gehandhabte interartistische Praxis einen entsprechenden interdisziplinären Zugriff erfordert. Die künstlerische Text-/Buchaneignung ist ein »Schwellenphänomen«, nicht nur hinsichtlich der enormen Bedeutung der Paratextualität im Sinne von Buchformat, Umschlaggestaltung, Drucktypen, Titelei, Inhaltsverzeichnis usw. (vgl. hierzu den Beitrag von Nora Ramtke), sondern auch in Bezug auf die buch-, literatur- und kunstwissenschaftliche Kompetenz, die ihre adäquate Beschreibung und Analyse erfordert.
Man darf von dem vorliegenden Band keine letztgültige Definition oder ultimative Einordnung des Phänomens Text- und Buchappropriation erwarten, dafür sind die Erscheinungsformen zu vielgestaltig, die Intentionen der Künstler und die jeweils implizierten Diskurse zu unterschiedlich. Die Fülle der vorgestellten Autoren, Werke und Künstler, die Ansätze zur Theoriebildung, das durchgängig hohe Sprach- und Reflexionsniveau der Beiträge und nicht zuletzt die vielen Abbildungen lassen Wiederaufgelegt aber zur längst überfälligen ersten Bilanzierung und zum nützlichen Überblick über die literarisch-textuelle Appropriation werden. Die zahlreichen Querverbindungen zwischen den Aufsätzen vernetzen die Ergebnisse untereinander, so dass sich der Band in seiner thematischen Dichte und Stringenz wohltuend von vielen anderen Sammelpublikationen abhebt.

Dr. Susanne Gramatzki, Bergische Universität Wuppertal, Fachbereich Geistes- und Kulturwissenschaften – Allgemeine Literaturwissenschaft, D-42097 Wuppertal; E-Mail: gramatz@uni-wuppertal.de


Anmerkungen
(1) »Das Plagiat ist notwendig. Der Fortschritt setzt es voraus«. [zurück]
(2) Erstmals öffentlich wahrgenommen wurde die Appropriation als Kunstform durch die von Douglas Crimp kuratierte Ausstellung Pictures, die im Herbst 1977 im New Yorker Artists Space zu sehen war. [zurück]
(3) Vgl. Annette Gilbert (Hg.), Re-Print. Appropriation (&) Literature. Wiesbaden [im Druck]. [zurück]