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In: KulturPoetik 2013, Heft 1

Autor

Gerhard Jens Lüdeker

Titel

Tendenzen in der deutschen Literatur am Anfang des 21. Jahrhunderts
Julia Schöll/Johanna Bohley (Hg.), Das erste Jahrzehnt. Narrative und Poetiken des 21. Jahrhunderts. Würzburg: Königshausen & Neumann 2011. 299 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Es ist nicht zu übersehen, dass die deutsche Literatur seit einigen Jahren eine erhöhte Sensibilität für die rasanten gesellschaftlichen Wandlungsprozesse und Krisen der Gegenwart entwickelt hat. Ob man deshalb von der letzten Jahrtausendwende als einer »Stunde Null« (S. 9) der Literatur sprechen kann, ist angesichts früherer Realismen und anderer gegenwartsorientierter Tendenzen fraglich. Dennoch wollen die beiden Herausgeberinnen mit dem vorliegenden Sammelband den Beweis antreten, dass es am Anfang des 21. Jahrhunderts einen formalen und inhaltlichen Wandel in der Literatur gegeben habe, der seinesgleichen suche. Dieser Wandel sei gekennzeichnet durch eine »auffällige Zunahme komplexer Narrationen und deren poetologischer Diskussionen« (ebd.). Deshalb stellen die Herausgeberinnen in Aussicht, dass im vorliegenden Band nicht allein die Veränderungen der deutschen Literatur, sondern auch deren Reflexionsweisen untersucht werden, etwa in der Germanistik (vgl. S. 11). Es wird nichts weniger gefordert als die Überprüfung und die mögliche Revision gängiger literaturwissenschaftlicher Analysekategorien angesichts eines Gegenstands, von dem behauptet wird, dass er neuartige Eigenschaften aufweise (S. 11). Diese einleitenden Thesen sollen in den Beiträgen dieses Bandes konkretisiert werden, indem »das Neue« (S. 12) der Literatur des ersten Jahrzehnts nach der Jahrtausendwende in Relation zu früheren literarischen Konzepten gesetzt und außerdem in einen interkulturellen und intermedialen Kontext gestellt wird. Außerdem sollen neuartige Konstellationen im literarischen Feld untersucht werden, die sich beispielsweise in selbstreflexiven und juristischen Diskursen niedergeschlagen haben, wie dem Plagiatsfall Hegemann, dem Prozess um Billers Roman Esra oder der Diskussion um den Wenderoman. Denn, so die These, in diesen Diskursen würden die Regeln und Normen des Systems Literatur neu definiert (vgl. ebd.). 
Nun ist die juristische Intervention gegen Literatur so wenig eine Neuheit wie deren poetologische Selbstreflexion. Andererseits lässt sich unschwer feststellen, dass der Modus der Innerlichkeit, mit dem in den 80er und 90er Jahren das Verhältnis zwischen Subjekt und Welt verhandelt wurde, wie er sich in extremer Form etwa bei Handke findet, einem Modus gewichen ist, der sich offener gegenüber gegenwärtigen Entwicklungen, wie beispielsweise Kriegen, Globalisierungseffekten oder neuartigen zwischenmenschlichen Beziehungsmustern zeigt. Auch die oberflächliche und ironische Haltung, die einige der Romane kennzeichnet, die als Popliteratur bezeichnet werden, ist weitgehend verschwunden.
Der Band ist in zwei Teile untergliedert, die jeweils eigene Rubriken aufweisen. Im ersten Teil sollen unter dem Stichwort »Narrative« neuartige Erzählformen entschlüsselt werden. In der ersten Rubrik »Rückblicke und Ausblicke« (S. 23) kommt Stephanie Catani zu dem Schluss, dass Romane, wie etwa Kehlmanns Die Vermessung der Welt, vor dem Hintergrund der geschichtswissenschaftlichen Deutungskrise nach Hayden White und gegenwärtiger Erinnerungstheorien entstanden sind und daher keinen Anspruch auf historische Faktentreue erheben. Rezeptionsorientiert weitergedacht, ließe sich fragen, ob ein entsprechend gebildetes Publikum heute nicht jede Geschichtsrekonstruktion, ob im Fernsehen oder in der Literatur, als subjektive Interpretation, die gegenwärtigen Bedürfnissen entspringt, begreift. Dennoch ist es zweifellos der Fall, dass viele Autoren literatur- und kulturwissenschaftlich versiert sind und ihre Werke entsprechend selbstreflexiv gestalten.
Günther Nickel weist dementsprechend eine kritische Reflexion postmodernen Schreibens bei Dath und Menasse nach. In direktem Widerspruch zu den Novellierungs-Thesen der Herausgeberinnen zeigt Nickel, dass sich zwar beide Autoren von dem postmodernen Prinzip des l’art pour l’art ab- und der »Veränderung von Haltungen, Einstellungen und Gefühlen« (S. 66) zuwenden, dabei aber in postmoderner Manier auf tradierte oder popkulturelle, aber nicht auf neue Erzählformen zurückgreifen. Die Fortführung einer etablierten Erzählgattung ist auch das Thema von Andreas Blödorn: Am Beispiel von Autoren der Kriegs- und der Nachkriegsgeneration zeigt er, dass diese Gattung in der krisenhaften Umbruchphase der Jahrtausendwende ähnlich genutzt wurde wie zuvor in der Nachkriegszeit: Mithilfe des Erzählmodells der »restaurativen Konsolidierung« (S. 54) durch den Modus der subjektiven Erinnerung versuchen die Protagonisten gesellschaftliche oder persönliche Krisen zu bewältigen, diese bestehen aber weiter. Deshalb folge die Novelle nach wie vor einer »fatalistischen Grundtendenz« (S. 55).
Neue literarische Sujets, zu denen etwa gegenwärtige ökologische Krisen, Kriege sowie die Umbrüche der modernen Arbeitswelt gehören, werden von einer jüngeren Autorengeneration so erzählt, wie sie die Wirklichkeit wahrnehmen: dabei treten Fakten und Fiktionen gemischt auf und die mediale Vermittlung der Ereignisse wird berücksichtigt, wie Anke Biendarra, Evi Zemanek und Jan Süselbeck in ihren Beiträgen in der Rubrik »Krisen und Konstellationen« (S. 69) überzeugend darlegen.
Im Unterschied dazu bieten ausgerechnet die Beiträge zum Thema »Ander(e)s Erzählen« (S. 117) wenig Neues. Ursula Kocher analysiert anhand einzelner, sicherlich nicht paradigmatischer Beispiele für aktuelle Erzählformen deren textüberschreitende Konzeption und reaktiviert in diesem Zusammenhang den längst totgeglaubten Begriff des »Hypertextes« (ebd.). Kocher stellt fest, dass derartige narrative Experimente die Blicke der Leser weniger auf die Inhalte und mehr auf die Formen lenken. Seit der Sprachkrise am Beginn des 20. Jahrhunderts ist der Primat der Form aus der Literatur offenbar nicht wegzubekommen, deshalb hätte Kochers Erkenntnis genauso gut anhand postmoderner Erzählungen der 1980er Jahre getroffen werden können. Ein stärker inhaltlicher Fokus findet sich in Hans R. Brittnachers Beitrag. Brittnacher hebt die soziokulturellen Deutungsmöglichkeiten hervor, die in Vampirserien, wie True Blood, Twilight oder Buffy, durch die sexuellen Konnotationen der Vampirfiguren eröffnet werden. »Der dunkle erotische Dämon« (S. 143) wird in der Popkultur zu einer entsexualisierten (Twilight) oder hypersexuellen (True Blood) Figur, die auf moderne Patchworkehen genauso verweisen kann wie auf die Integrationsprobleme in den USA. Wiederum eher formorientiert erläutert Romana Weiershausen, dass Autoren mit Migrationserfahrungen oft über ebendiese Erfahrungen schreiben. Dabei würde der von ihr untersuchte österreichisch-jüdische Autor, Vladimir Vertlib, eine mündliche Erzähltradition reaktivieren, welche die Erinnerungen an die Migration im Text und vor den Lesern entfaltet. Nun sind jüdische Migrationserzählungen keine Phänomene, die im 21. Jahrhundert entstanden sind, sondern prägten als Folge von Weltkriegen, Holocaust und anderen Katastrophen schon das vorherige Jahrhundert. Des Weiteren ist die Mischung neuer und traditioneller Erzählkonventionen bereits ein Kennzeichen der Literarischen Moderne und ein Rückgriff auf mündliche Erzählkonzepte findet sich u.a. bereits bei Döblin.
Den Abschluss des ersten Teils bilden die Beiträge von Wiebke Amthor und Julia Bertschik zu »Narrativen Räumen« (S. 163). Die von den beiden Autorinnen bearbeiteten Themenfelder zur literarischen Darstellung von Räumen und der Metapher des Wartens sowie zur narrativen Konstruktion von »Nicht-Orten« (S. 181) im Kontext der Globalisierung sind allerdings seit dem spatial turn der 80er Jahre hinlänglich bekannt.
Im zweiten Teil des Bandes, den »Poetiken« (S. 197), werden die »Legitimationsstrategien und Rahmenbedingungen des Neuen sowie dessen Position innerhalb des literarischen Feldes ermittelt« (S. 18 f.). Inwiefern sich literarische Debuts nach 2000 von älteren Debuts unterscheiden, wird bei der diesbezüglichen Untersuchung von Susanne Krones unter der Rubrik »Formate und Gattungen« (S. 197) allerdings nicht deutlich. Der mögliche Erkenntnisgewinn dieses Beitrages ist bereits vom Ansatz her fragwürdig, denn der Untersuchung liegen 50 Bücher zugrunde – einer Menge, der das Format des Aufsatzes unmöglich sinnvoll gerecht werden kann. Dem Dilemma, auch das Alte untersuchen zu müssen, entgehen Gunhild Berg und Rainer Godel in ihrem Beitrag. Sie zeigen, dass die Juroren der Bachmann-Wettbewerbe von 2000–2010 explizit formale wie inhaltliche Neuerungen in der Literatur forderten, was aber selbst keine neuartige Forderung ist. Ein überzeugender Hinweis, schließlich ist der modernistische Fortschrittsglauben nach wie vor gesellschaftlich dominant und hat unter anderem viele literarische oder künstlerische Avantgarden angetrieben. Es wäre erstaunlich, wenn die Suche nach dem Neuen vor dem literarischen Feld haltmachen würde, immerhin bestimmt sie auch die Konzeption des vorliegenden Bandes. Ebenfalls nicht neu ist der Einfluss von Poetikvorlesungen auf die literarische Produktion, wie Johanna Boley in ihrer Analyse des seit Jahren boomenden Genres feststellt. Neu sei dagegen die theoriegeladene, selbstreflexive Art und Weise, wie in Poetikvorlesungen über Literatur gesprochen wird. Insofern ergänzt Boleys Beitrag die bereits von Catani und Nickel getroffene Erkenntnis, dass Autoren heute vielfach in der Geschichte und der Theorie ihres Metiers bewandert sind und diese Kenntnisse in Poetikvorlesungen als Ausgangspunkte ihres Schaffens herausstellen.
Unter der letzten Rubrik »Poetologien des Subjekts« (S. 245) untersuchen Jörg T. Richter, Michael-Peter Hehl und Julia Schöll in ihren Beiträgen Subjekt- und Autorschaftskonzeptionen in der Literatur des 21. Jahrhunderts. Dabei wird deutlich, dass Kindererzähler in amerikanischen Gegenwartsromanen ein durch diverse Einflüsse überfordertes modernes Subjekt repräsentieren. Der Fall Hegemann wird noch einmal rekapituliert und auch das Thema der medialen Selbstinszenierung von Autoren. Auf ein Fazit haben die beiden Herausgeberinnen verzichtet, was schade ist, aber auch das Problem des Sammelbandes deutlich macht: Denn die in der Einleitung genannten Thesen sind keine Prämissen, die in den einzelnen Beiträgen verifiziert oder falsifiziert würden, sondern es handelt sich bereits um Konklusionen. Dementsprechend findet sich selten der in Aussicht gestellte Vergleich zwischen Narrativen und Poetiken vor und nach der Jahrtausendwende, sondern jeder Einzelfall wird als Novum gewertet, wobei oft fraglich ist, wie exemplarisch und verallgemeinerbar solche Fälle tatsächlich sind. Auch die in Aussicht gestellte Reflexion und Revision literaturwissenschaftlicher Theorien und Methoden findet kaum statt. Die deutsche Literatur lässt sich offenkundig mit den gängigen Mitteln untersuchen, was nicht verwundert, baut sie doch vielfach genau darauf auf, wie die Beiträge zu den literatur- und kulturwissenschaftlich gebildeten Autoren zeigen. Deshalb fällt die Erkenntnis in Hinblick auf die Theorien und Methoden der Literaturwissenschaft nach der Lektüre des Bandes vollkommen anders aus als in der Einleitung in Aussicht gestellt: es werden offenbar seit Jahrzehnten die gleichen Ansätze verfolgt. Was darauf schließen lässt, dass diese Ansätze weiterhin gut funktionieren oder dass in den Literaturwissenschaften möglicherweise ein Mangel an Innovationskraft vorherrscht, über dessen Gründe hier nicht spekuliert werden kann. Der Band hebt einige neue Motive und Sujets hervor, die es in der Literatur des vorherigen Jahrhunderts entweder gar nicht oder in dieser Häufung nicht gab, weil entsprechende gesellschaftliche Konfigurationen noch nicht ausgeprägt waren. Nichtsdestotrotz sollte auch in der Literaturwissenschaft das Bewusstsein für Qualität statt Quantität reifen und dementsprechend sollten Tagungen durch Sammelbände nur dann dokumentiert werden, wenn sie wirklich substanzielle Erkenntnisfortschritte gebracht haben.

Dr. Gerhard Jens Lüdeker, Universität Bremen – Institut für kulturwissenschaftliche Deutschlandstudien (ifkud), Postfach 33 04 40, D-28334 Bremen; E-Mail: luedeker@uni-bremen.de