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In: KulturPoetik 2013, Heft 1

Autor

Rosmarie Zeller

Titel

Eine Gesellschaftsanalyse Kakaniens
Norbert Christian Wolf, Kakanien als Gesellschaftskonstruktion. Robert Musils Sozioanalyse des 20. Jahrhunderts. Wien, Köln, Weimar: Böhlau 2011. 1216 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Die Untersuchung, eine Habilitationsschrift an der FU Berlin, setzt sich zum Ziel, Musils Mann ohne Eigenschaften mit der von Pierre Bourdieu eingeführten Sozioanalyse literarischer Texte zu analysieren. Der Roman wird nicht, wie man es in früheren soziologischen Analysen gemacht hat, als Produkt sozialer Verhältnisse gelesen. Er wird auch nicht als Widerspiegelung sozialer Verhältnisse verstanden. Es geht vielmehr darum, die Figuren des Romans, ihr Verhalten, ihre Tics, ihre Gewohnheiten, ihre Liebesbeziehungen, ihre Selbstwahrnehmung, ihren kulinarischen Geschmack usw. zu analysieren. Wolfs Prämisse, »dass habituelle Elemente und solche der dargestellten sozialen Praxis genauso aussagekräftig sein können wie propositionale Aussagen in den essayistischen Passagen« (S. 847), bildet den Ansatzpunkt für die Analyse. Diese Ausgestaltung der Figuren und ihrer Umwelt ist zugleich der wichtigste Unterschied zwischen einem Roman und einem Essay, ein Unterschied, über den Musil immer wieder reflektiert hat. In diesem Sinn will Wolf den Roman als eine »Gesellschaftskonstruktion« sehen, die es durchaus mit der Wirklichkeit und der historischen Realität zu tun hat. Weil die Romanfiguren »hinsichtlich ihrer sozialen Bedingtheit und ihrer sozialen Implikationen« (S. 124) von Musil konstruiert werden, eigne sich Bourdieus Sozialanalyse besonders gut, um den Mann ohne Eigenschaften zu analysieren. Das vorliegende Buch hat einen Umfang, der es schwierig macht, eine Rezension zu schreiben, in der nicht nur Kapitelüberschriften und Ergebnisse genannt werden.
In einem I. Teil mit dem Titel »Grundlagen« werden die methodischen Voraussetzungen, die Poetik Musils, seine Personenkonzeption, sein Konzepte der Eigenschaftslosigkeit, des Möglichkeitssinns, des Essayismus, seine poetologischen Vorstellungen des Romans ausführlich anhand von Zitaten vor allem aus Musils umfangreichem auf DVD zugänglichem Nachlass dargestellt.(1) Dem Ergebnis, dass Ulrich ein utopischer Realist ist, dem es letztlich um die Abschaffung der Wirklichkeit geht bei gleichzeitigem Bewusstsein, dass die soziale Realität immer ihre Macht ausübt, wird in der Musil-Forschung kaum widersprochen werden (S. 249f.). Die Erkenntnis, dass Musil keine Utopie im Sinne eines Orts jenseits aller Orte oder eines utopischen Gegenraums schafft, ist die Voraussetzung für die Sozialanalyse der Figuren und der Figurenbeziehungen im II., rund 800 Seiten umfassenden Teil der Arbeit.
In diesem wird der »Romantext als Kräftefeld« unter den Aspekten des sozialen Raums, des sozialen Feldes und des Erbes untersucht. Kakanien wird als Land ohne Eigenschaften charakterisiert, welches als soziales Feld die normative Modernität vertritt. Es ist mit dem Krausschen Terminus »Versuchsstation des Weltuntergangs«. Das Personal wird in sozialanalytischer Perspektive zunächst einmal unter dem Oberbegriff »Zeitfiguren« in Männer und Frauen aufgeteilt, in der Überlegung, dass die Geschlechterrollen wichtig sind. Die Männer werden unter den Kategorien Erben und Enterbte, Aufsteiger und Gebremste, Terroristen und Propheten analysiert. Da es unmöglich ist, dieses Kapitel in extenso vorzustellen, soll als Beispiel das Kapitel »Erben und Enterbte« genauer vorgestellt werden. Ausgegangen wird von der Feststellung, dass in der Moderne im Gegensatz zu früheren Epochen nicht nur das soziale und kulturelle Kapital des Elternhauses eine Rolle spielt, sondern zunehmend auch das ökonomische Kapital. Ulrich verfügt über die drei Kapitalsorten Geld, Bildung und Beziehungen, pflegt aber allein das kulturelle Kapital weiter. Die Vernachlässigung des sozialen Kapitals führt schließlich zur Erkenntnis, auf eine akademische Karriere zu verzichten, und zu dem, was Wolf eine »kontemplative Haltung« nennt. Dieser Habitus wird nun zur Erklärung für eine Reihe von Eigenheiten Ulrichs herangezogen wie seine ironische Distanz zur Wirklichkeit, seinen Möglichkeitssinn, seine Absicht, sich der Unwirklichkeit zu bemächtigen. Wolf betont aber auch, dass es Momente gibt, wo Ulrich durchaus ernst ist, so vor allem im Zusammenhang mit den Fragen des rechten Lebens.(2) Walter als Mann mit Eigenschaften versteht es im Gegensatz zu Ulrich, soziales Kapital zu akkumulieren, sich einen Habitus zuzulegen, der eine Aura von Bedeutsamkeit um ihn verbreitet. Walter wird als Zerrspiegel Ulrichs gesehen (S. 391), dem ist sicher zuzustimmen, aber darauf kommt man auch ohne Bourdieus Begrifflichkeit.
Der Abschnitt über Moosbrugger hingegen verzichtet fast ganz auf die Begrifflichkeit Bourdieus und leistet statt dessen eine subtile Analyse der Erzählweise, der sich überlagernden Perspektiven. In der Darstellung der Figur Arnheim, der das Ideal des Mannes von Welt repräsentiert (S. 416), bezieht sich Wolf immer wieder auf dessen Vorbild Rathenau, weist auf Übereinstimmungen und Abweichungen hin, die auch in der Literatur schon öfters untersucht wurden. Gerade hier fragt man sich, ob es methodisch nicht interessant gewesen wäre, Bourdieus Konzepte sowohl auf die reale Person Rathenau als auch auf die literarische Person Arnheim anzuwenden, um zu erkennen, was die Methode leistet und was die Unterschiede zwischen Literatur und sozialer Realität sind. So hat z.B. Arnheims Familie im Gegensatz zu der Ulrichs kaum kulturelles Kapital erworben, während Rathenau eine akademische Ausbildung besaß. Das generelle methodische Problem, das sich am Beispiel der Figurenanalyse zeigt, scheint mir zu sein, dass die Analyse nach Bourdieu zwar den Blick darauf lenkt, wie konkret Musil seine Figuren ausgestaltet und ihnen ein glaubwürdiges soziales Kolorit gibt. Für diesen Aspekt der Zeitanalyse oder Zeitdiagnose eignet sich Bourdieus Ansatz gut. Bourdieu reicht aber nicht dazu aus, um zu erklären, welche Funktion eine Figur im Romangefüge hat, denn es kann ja nicht ihre Funktion sein, einen sozialen Habitus zu illustrieren, wie man an manchen Stellen Wolf missverstehen könnte.(3)
Tatsächlich gehen die Beobachtungen Wolfs weit über eine bloße Illustration von Bourdieu hinaus. Die Frage stellt sich aber trotzdem, ob man das Figurengeflecht nicht deutlicher hätte darstellen können, wenn man die Figuren nach den Prinzipien Kontrast, Äquivalenz und Variation beschrieben hätte.(4) So wird zum Beispiel Arnheim als Vertreter des Wirklichkeitssinns, der ›Ganzheitlichkeit‹ und ›Eigenschaftlichkeit‹ als Gegenspieler Ulrichs charakterisiert, aber erst rund 600 Seiten später wird auf weitere Ähnlichkeiten zwischen Arnheim und Ulrich eingegangen. Bei der Analyse von Diotima bewirkt der sozialanalytische Blick, dass ihre Ähnlichkeit mit Arnheim in Bezug auf das ökonomische und politische Machtstreben sichtbar wird, jedoch nicht ihre Ähnlichkeit mit Ulrich, der die verblüffende Feststellung macht, »daß dieses Riesenhuhn genau so redet wie ich« (Kap. 114). Auch lässt sich eine gewisse erotische Anziehung zwischen den beiden nicht abstreiten. Man kann sich fragen, ob diese Verteilung von Informationen im Buch der Einsicht in die Figuren und ihre Beziehungen wirklich dient, ganz abgesehen von den dadurch nötig werdenden Wiederholungen. Obwohl sich Wolf der komplexen Darstellungsweise Musils durchaus bewusst ist und diese auch öfters thematisiert und analysiert, werden die zahlreichen relativierenden Ähnlichkeitsbeziehungen zwischen den Figuren meistens vernachlässigt bzw. kommen erst im dritten Kapitel zur Sprache. Das wäre bei einer reinen Sozialanalyse auch nicht weiter problematisch. Wolf hat jedoch die Tendenz, sehr viel mehr in die Abschnitte über einzelne Figuren hineinzupacken: So kommen etwa im Fall von Diotima nicht nur ihre soziale Stellung als Frau des Diplomaten und Bürgers Tuzzi und als Salonnière zur Sprache, sondern auch ihr leerer Idealismus, ihr unbefriedigendes Eheleben. Zusätzlich werden die Quellen ihrer Zitate über das Liebes- und Eheleben nachgewiesen. Das ist alles sehr interessant und erhellend, erschwert aber die Lektüre des Buches, weil der Zusammenhang vor lauter Details und Zitaten oft nur schwer zu erkennen ist.
Das dritte Kapitel des II. Teils ist den zwischenmenschlichen Beziehungen unter den Aspekten »Ehen in der Krise«, »Geschlechterkampf«, »Liebesversuche jenseits der Ehe« und »gleichgeschlechtliche Konstellationen« gewidmet. Die Ehe wird im Sinne Bourdieus als Mittel zur Wahrung und Mehrung des symbolischen Kapitals gesehen. Doch weniger Bourdieus Ansatz als die Analyse der Subversion klarer und stabiler Geschlechteridentitäten (S. 788) führt in diesem Kapitel zu interessanten Einsichten. Im Abschnitt »Gleichgeschlechtliche Konstellationen« hätte man die Frage erwartet, warum Musil in seiner Sozialanalyse im Gegensatz zu Prousts Roman A la Recherche du Temps perdu, welcher dieselbe Zeit und Gesellschaft darstellt, die Homosexualität nicht thematisiert.
Der III. Teil, der nur etwas mehr als 100 Seiten umfasst, behandelt die Probleme des literarischen Feldes, mit denen sich Musil in seinen zahlreichen Überlegungen zur Poetik des Romans und dem Stellenwert der Literatur in der modernen Gesellschaft auseinandergesetzt hat. Musils Ablehnung jeder Art von ideologischer Position hat zur Folge, dass er im Feld der Literatur seine eigene Position erst aufbauen und damit das Feld der Kunst revolutionieren muss. Dies erklärt auch zugleich die Schwierigkeiten Musils, seine Leser zu finden, da es das Feld der Literatur, in das er sich einschreibt, noch nicht gibt.
Im letzten Kapitel wird Musils Roman als »Versuch der Selbstobjektivierung« interpretiert.
Wolf analysiert den Roman immer nahe am Text unter einer Vielfalt von Perspektiven und verfügt über eine umfassende Kenntnis der Forschungsliteratur zu Musil. Die Analyse von Habitus und sozialer Praxis bietet eine Fülle von Einsichten in das Funktionieren des Romans. Es handelt sich um eine sehr kluge, perspektivenreiche und anregende Arbeit. Allerdings wäre, wie bereits angedeutet, weniger mehr gewesen: Die Konzentration auf die Sozialanalyse hätte die Ergebnisse besser hervortreten lassen. So verliert der Leser manchmal den Überblick darüber, worum es eigentlich geht. Schließlich fragt sich, was sich der Verlag gedacht hat, als er dem Leser das Gewicht dieses Buches zumutete, statt es in zwei Bände aufzuteilen.

Prof. Dr. Rosmarie Zeller, Universität Basel, Deutsches Seminar, Nadelberg 4, CH-4051 Basel; E-Mail: rosmarie.zeller@unibas.ch


Anmerkungen

(1) Robert Musil, Klagenfurter Ausgabe. Kommentierte digitale Edition sämtlicher Werke, Briefe und nachgelassenen Schriften. […] Hg. v. Walter Fanta, Klaus Amann und Karl Corino. Klagenfurt 2009. [zurück]
(2) Fraglich scheint mir, ob es korrekt ist, Ulrich Donjuanismus und Sadismus gegenüber Frauen vorzuwerfen (S. 364, 366). Insbesondere der Begriff des Donjuanismus scheint mir für Ulrich nicht angemessen, der zu Beginn des Romans als einer vorgeführt wird, der sich eine neue Geliebte zuzieht, wie man sich einen Schnupfen zuzieht, und der entschlossen ist, nicht mehr mit Liebesabenteuern seine Zeit zu verlieren. Wolf scheint seinem Befund auf S. 377 selbst zu widersprechen. [zurück]
(3) So könnte man die Beschreibung von Arnheim als Autor verstehen (S. 433 und S. 447f.). Ich halte die Beschreibung für durchaus adäquat, aber sie erklärt nicht, warum Musil einen Arnheim im Roman braucht. [zurück]
(4) Wolf spricht selbst davon, dass sich Musils Gesellschaftsanalyse »extensiv der relationierenden Erzeugung von ›Analogien und Variationen‹ bedient« (S. 1148). [zurück]