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In: KulturPoetik 2013, Heft 1

Autor

Sascha Kiefer

Titel

Leben und Sterben im Exil
(1) Robert Krause, Lebensgeschichten aus der Fremde. Autobiografien deutschsprachiger emigrierter SchriftstellerInnen als Beispiele literarischer Akkulturation nach 1933. München: edition text + kritik 2010. 359 S.
(2) Johannes Fähnle, Krankheit und Tod im deutschsprachigen literarischen Exil des 20. Jahrhunderts. Würzburg: Ergon 2012. 323 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Lange Zeit galt es als ausgemacht, dass die seit 1933 aus dem Deutschen Reich vertriebenen Autoren fast ausnahmslos auf die verlorene Heimat fixiert blieben, von der baldigen Rückkehr träumten, sich als Repräsentanten eines ›anderen Deutschlands‹ definierten und sich auf eine Begegnung mit dem Neuen im Fremden, mit der Kultur ihrer Gastländer kaum einlassen wollten. Beispiele für eine solche ›Nicht-Erfahrung der Fremde‹ (Wulf Köpke) gibt es zuhauf, und die großen Namen der Exilliteratur von Thomas Mann bis Anna Seghers, von Heinrich Mann bis Bertolt Brecht gehören dazu. Erst in den letzten zwei Jahrzehnten nimmt die Forschung in den Blick, dass es daneben auch eine Fülle meist weniger bekannter Autorinnen und Autoren gab, die sich mit der fremden Umgebung und Kultur bewusst auseinandersetzten und eine Integration in die Gesellschaft ihres Gastlandes anstrebten. Um die Vielfalt der inter­kulturellen Kontakte, Anpassungs- und Lernprozesse zu umreißen, hat sich der Begriff der Akkul­turation bewährt, der, im Unterschied etwa zur Assimilation, nicht das einseitige Aufgehen in einer fremden Kultur, sondern die Wechselseitigkeit der kulturellen Beeinflussung betonen will und die durch Kulturkontakte hervorgerufenen Veränderungen von Werten, Nor­men, Einstellungen, Verhaltens- und Lebensweisen fokussiert.

Robert Krause, Lebensgeschichten aus der Fremde. Autobiografien deutschsprachiger emigrierter SchriftstellerInnen als Beispiele literarischer Akkulturation nach 1933. München: text + kritik 2010. 359 S.

Im Rückgriff auf das Akkulturationsparadigma untersucht Robert Krause vor allem die Exil­autobiografien von Hans Sahl, Ernst Erich Noth, Susanne Bach, Vilém Flusser, Mirjam Micha­elis, Ruth Tassoni, und, eher am Rande, Klaus Mann. Es sind Lebensgeschichten aus der zwei­ten Exilgeneration, also der nach 1900 Geborenen, die zum Zeitpunkt des Exils weder die Lebensmitte überschritten noch sich als Schriftsteller fest etabliert hatten, die aber doch, anders als die Generation der ›Kinderexilanten‹, bereits volljährig waren. Erklärtes Haupt­ziel der Freiburger Dissertation ist, »zu zeigen, wie die ausgewählten Exilautobiografien jeweils die Anpassungs- und Lernprozesse an die Kultur des Gastlandes schildern und reflek­tieren« (S. 47). Das geschieht in vier systematisch angelegten Hauptkapiteln.
Krause thematisiert zunächst grundsätzliche Aspekte der Gattung Autobiografie zwischen »Wahrheit und Dichtung«, zwischen historischem Dokument und literarischem Kunst­werk. Dazu gehört auch ein knapper Forschungsabriss von Lejeunes ›autobiografischem Pakt‹ bis zu neueren Theorien der Autofiktion. Unter dem Titel »Alltagsgeschichte(n)« geht das zweite Kapitel dann auf die Alltags-, Wohn- und Arbeitssituation der exilierten AutorInnen ein. Das Aus­maß, in dem die Wahl des Wohnorts – Hotel oder Wohnung, Hauptstadt oder Provinz, Innenstadt oder Vorort – die sozialen Kontakte, die Umwelterfahrungen, den gesamten Alltag und damit auch die Akkulturationschancen der Exilierten prägt, ist, wie Krause zeigt, kaum zu überschätzen. Über die ausführliche Beschreibung dieser Wohnverhältnisse werden in den untersuchten Autobiografien häufig auch die persönlichen Vorlieben der Flüchtlinge sowie ihre grund­sätzliche Haltung zum Gastland transportiert. Die Evokation offener Räume wie Balkone oder Terrassen beispielsweise – der Terrasse seines Hauses in São Paulo widmet der Medienphilosoph Vilém Flusser ein eigenes Kapitel seiner Lebensgeschichte – signalisiere oft Akkulturationsbereitschaft; eine These, die weitere Prüfung auch im Hinblick auf fiktionale Exilliteratur verdienen würde.
Auf die besondere Bedeutung der Topografie und ihr Verhältnis zu Gedächtnis und Erinnerung kommt Krause auch im letzten Abschnitt seiner Arbeit noch einmal zu sprechen, aber das spannendste und ergiebigste Kapitel beschäftigt sich mit dem »Leben in der Mehrsprachigkeit und der Übersetzung«. Die Trennung zwischen Alltags- und Literatursprache ist ein zentrales Problem der exilierten Autoren: »Wer in der Fremde lebt, dürfte schwerlich in die Lage kommen, seine Gedichte in derselben Sprache abzufassen, in der er seinen Kaffee bestellt«, hat Hans Sahl pointiert formuliert (vgl. S. 180). Sahl gewann dieser Tatsache positive Aspekte ab, indem er sich gerade von der »Exterritorialität« seiner deutschen Sprache eine Intensivierung und Steigerung versprach. Seiner Bereitschaft, sich auf die amerikanische Kultur einzulassen – etwa als Übersetzer von Thornton Wilder – tat diese Überzeugung kaum Abbruch. Andere Exilierte riskierten den schwierigen »Übertritt von der Muttersprache in die Adoptivsprache« (so Ernst Erich Noth; S. 224); allerdings bleibt festzuhalten, dass der Wechsel der Litera­tur­sprache häufig nur für bestimmte Textgruppen vollzogen wurde (wie bei Klaus Mann, der auf Englisch bzw. Amerikanisch ausschließlich autobiografische und essayistische Texte ver­fasste) oder Episode blieb (wie bei Robert Neumann oder Hilde Spiel, die nach einem erfolgreichen literarischen Debüt in fremder Sprache wieder zum Deutschen zurückkehrten).
Mehr­sprachigkeit und Bi­lin­gua­lität potenzierten jedenfalls die Erfahrung kultureller Fremdheit, wie sie generell zum Leben in der Moderne und der modernen Literatur gehört. In gewisser Weise vorbereitet waren vielleicht besonders die Prager deutschsprachigen Autoren, kannten sie das Phänomen der Mehrsprachigkeit und der ›kleinen Literatur‹ (Franz Kafka) doch von Kindheit an – die Situation der Minoritätenkulturen im multikulturellen Prag steht in Analogie zur Akkulturationsproblematik des Exils. Das gilt auch für den Sprach- und Perspek­tivenwechsel, den kaum ein Autor so konsequent und produktiv genutzt hat wie der in Prag geborene Vilém Flusser in seiner mehrsprachigen Schreibpraxis: Meist erarbeitete Flusser seine Texte parallel in vier Sprachen, um durch permanente Übersetzung und Rückübersetzung so viele Facetten eines Problems wie möglich zu erfassen und zu reflektieren. Der Zusammenhang zwischen Sprache, Kultur und Weltanschauung schließlich kann kaum je so einleuchtend erschlossen werden wie anhand derjenigen Autobiografien, die zum Beispiel Ernst Erich Noth oder Klaus Mann jeweils selbst in zwei Sprachen vorgelegt und dabei auch inhalt­lich substanziell modifiziert haben.
Krauses facettenreiche, gut formulierte und gut lesbare Disser­tation dürfte dazu beitragen, die lesenswerten, aber bisher wenig beachteten Autobiografien zum Beispiel Flussers, Susanne Bachs oder Ernst Erich Noths nachhaltig in den Fokus der Exilforschung zu rücken.           

Johannes Fähnle, Krankheit und Tod im deutschsprachigen literarischen Exil des 20. Jahrhunderts. Würzburg: Ergon 2012. 323 S.

In seiner gleichfalls in Freiburg entstandenen Dissertation greift auch Johannes Fähnle auf das Akkulturationsparadigma zurück. Allerdings wendet er es negativ: Wo Akkulturation im Exil ›fehlschlägt‹ und ›scheitert‹ oder gar ›versäumt‹ und ›verweigert‹ wird, sind psychosomatische Krankheiten und frühzeitiger Tod die Folge – so lautet seine wichtigste, latent moralisierende These. Wahrscheinlich hätte schon Ovid eine fröhliche Zeit am Schwarzen Meer verbringen können, wäre er nur offener gewesen für die Kultur seines Gastlandes; statt sich jedoch eine »Migrantenidentität« (S. 33) zu erarbeiten, hing er nostalgisch an Rom und seinem verlorenen Status, fühlte sich einsam unter Barbaren und hörte nicht auf zu klagen. Seine deutschsprachigen Nachfolger und Schicksalsgenossen im 20. Jahrhundert machten es, wie Fähnles Arbeit suggeriert, kaum besser: ›Freiwillige Isolation‹, ideologisch motivierte Ausgrenzung und eine fundamentale »Verweigerungshaltung« (S. 33) gegenüber den Aufnahmeländern führten »zu Vereinsamung und Verelendung« (S. 74) und oft sogar in den Selbstmord. Fähnle konstatiert eine »defizitäre Forschungslage zu den Freitoden« berühmter Autoren im Exil und möchte nach »Gründen für diesen letzten Schritt« (S. 28), sogar nach einer »möglichen Verbindung zwischen diesen Todesfällen fragen« (S. 10).
Als methodisches Problem erweist sich bei Fähnles Arbeit von Anfang an, dass der Argumentationsgang ständig zwischen dem affirmativen Zitat ausgewählter Selbstzeugnisse, der ergänzenden Bezugnahme auf fiktionale Texte und dem rudimentären Versuch einer metasprachlichen Einordnung springt. Im Kapitel »Exilerkrankungen« beispielsweise hätte man erwarten können, dass psychosomatische Krankheiten zwar systematisch aus den Quellen rekonstruiert, aber anschließend mit einer möglichst aktuellen, zumindest in sich stimmigen medizinisch-psychiatrischen Terminologie benannt werden. Stattdessen bietet Fähnle kaum mehr als eine Collage aus Memoiren- und Romanauszügen und leistet sich fahrlässige Pseudo-Diagnosen.  So spricht er etwa von »einer manisch-depressiven, überheblichen Persönlichkeitsstörung« (S. 46); ›manisch-depressiv‹ bezeichnet jedoch eine affektive Störung und widerspricht daher grundsätzlich der Kategorie der Persönlichkeitsstörung, und ›überheblich‹ ist in diesem Zusam­menhang eine völlig deplatzierte, unwissenschaftliche Bewertung. Ähnlich widersinnig ist es, den Emigranten »endogene Depressionen« (S. 41) zu attestieren, da diese per definitionem unabhängig sind von äußeren Bedingungen – wer im Exil an ›endogenen‹ Depressionen erkrankt, dem bliebe das auch zu Hause nicht erspart. Enttäuschend wirken zudem die Ausführungen über das Hotel als typischen Ort des Exils in der Realität wie in der Fiktion – das wurde inzwischen schon mehrfach theoretisch reflektierter und inhaltlich prägnanter formuliert.(1) Stilistische Holprigkeiten und unnötige Wie­der­holungen befremden ebenso wie Ungenauigkeiten im Detail (wer zum Beispiel Vicki Baums Menschen im Hotel als einen »Roman über das Leben von Hotelbediensteten« [S. 54] charakterisiert, kann ihn nicht gelesen haben).
Das umfangreiche Kapitel zu »Entsolidarisierung und Isolation im literarischen Exil« zeichnet zunächst die Problematik ethnischer Kolonien nach. In Haut-de-Cagnes und Sanary-sur-Mer in Südfrankreich oder im amerikanischen Los Angeles beispielsweise bildeten sich Kolonien heraus, in denen die deutschsprachigen Autoren und Autorinnen weitgehend unter sich blieben. Zwar bot die starke landsmännische Bindung zumindest zu Beginn des Exils Möglichkeiten der Identitätssicherung, der individuellen Stabilisierung und der Gruppenbildung; gerade dadurch wurden jedoch Akkulturationsbemühungen gebremst und die Distanz zum Gastland unterstrichen. Zudem blieben die Exilanten stets bezogen auf eine kleine Gruppe, deren Heterogenität mit der fortschreitenden Dauer des Exils immer stärker hervortrat. Die von vielen Idealisten erhoffte Solidarisierung der Emigration, die Bildung einer deutschen Volksfront oder zumindest die nachhaltige ›Sammlung‹ der antifaschistischen Kräfte, wie sie zum Beispiel Klaus Mann durch sein gleichnamiges und bezeichnenderweise kurzlebiges Zeitschriftenprojekt fördern wollte, stellten sich nicht dauerhaft ein. Auf »anfängliche Konzentrations- und Sammlungsbemühungen« folgte im Gegenteil der desillusionierende Prozess einer »Entsolidarisierung, die sich aus ideologischen und materiellen Zerwürfnissen sowie persönlichen Egoismen speiste« (S. 98).
Fähnle deutet insbesondere das Scheitern der Exilgemeinschaft in Mexiko exemplarisch: Am Moskauer Kurs orientierte Kommunisten erlebten hier zunächst eine relativ starke Gruppenbindung. Das Ehepaar Otto und Alice Rühle-Gerstel jedoch, das an der Spitze des trotzkistischen und antistalinistischen Exils in Mexiko stand, »wurde von den linientreuen Parteigenossen geschnitten und in eine erzwungene Isolation getrieben« (S. 119). Die Abhängigkeit des engagierten Ehepaars von der deutschen Exilgemeinde war so groß und seine Integration im Gastland so gering, dass Alice Rühle-Gerstel nach dem Herztod ihres Manns 1943 keine andere Perspektive mehr sah, als sich aus dem Fenster zu stürzen. Der dramatische Einzelfall, legt die Argumentation Fähnles nahe, steht für eine generelle Tendenz: Wo weder Solidarität unter den Emigranten herrscht noch erfolgreiche Akkulturation statt­findet, steigt das Selbstmordrisiko. Die steile These allerdings, es könne sich bei den Selbstmorden im Exil angesichts der persönlichen Bekannt­schaften unter den suizidalen Autoren um eine »unausgesprochene, konzertierte Aktion« (S. 177) gehandelt haben, lässt Fähnle zum Glück selbst gleich wieder als »eher unwahrscheinlich« (S. 178) fallen. Biografisch orientierte Einzelkapitel insbesondere zu den Suiziden Kurt Tucholskys, Ernst Tollers, Klaus Manns und Stefan Zweigs resümieren bekannte Fakten und gehen punktuell auf die literarische Verarbeitung von Krankheit und Tod in ausgewählten Werken der Autoren ein.
Als angebliche »Therapieformen« (S. 267) gegen Krankheit und Tod empfiehlt das Schlusskapitel besonders »konsequente politische Arbeit« (S. 267), »Freundschaft« und vor allem »Liebe« (S. 269). Es endet mit einer kleinen Hommage an die »Frauen im Exil«, die ihren Gefährten »neue Stärke durch ihre Präsenz, Umsicht und Tatkraft« verliehen (S. 271) und selbst »seltener« erkrankten, »da sie der Exilsituation als Ganzes pragmatisch begegneten und rasch konkrete Lösungen herbeizuführen vermochten« (S. 273). Von der zweifelhaften Repräsentativität solcher Aussagen ganz abgesehen: Wem dies (geschlechterübergreifend) nicht gelang, weil er zum Beispiel unter den traumatischen Erfahrungen der Vertreibung, den heillosen Kränkungen oder der materiellen Verelendung zerbrach, dem rechnet dieser Schlussabschnitt noch einmal seine Defizite vor. Unter der Hand (und wahrscheinlich gegen die bewusste Intention des Verfassers) wird aus den destruktiven Folgen des er­zwungenen Exils ein schuldhaftes Versagen der Exilanten vor den Anforderungen des Akkultu­ra­tionsprozesses. Als moralischer Bewertungsmaßstab, in dessen Logik auf »ungenügend[e]« (S. 76) Akkul­tura­tions­leistungen Krankheit und Tod stehen, sollte das Akkulturationsparadigma in Zukunft jedoch ebenso wenig herangezogen werden wie als vermeintliche psychologische Patent­lösung; sonst droht es seine Produktivität für die literaturwissenschaftliche Exilforschung zu verlieren.

PD Dr. Sascha Kiefer, Universität des Saarlandes, FR 4.1 – Germanistik, Postfach 15 11 50, D-66041 Saarbrücken; E-Mail: sascha.kiefer@mx.uni-saarland.de


Anmerkungen

(1) Vgl. zum Beispiel Patrick Pfannkuche, Das Hotel als Heterotopie in Klaus Manns Roman Der Vulkan. Roman unter Emigranten (1939). In: Achim Barsch/Helmut Scheuer/Georg-Michael Schulz (Hg.), Literatur – Kunst – Medien. Festschrift für Peter Seibert zum 60. Geburtstag. München 2008, S. 272-285. [zurück]