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In: KulturPoetik 2013, Heft 1

Autor

Sebastian Wilde

Titel

Bibel und Literatur – zur Analyse des Zusammenhangs aus kulturwissenschaftlicher Perspektive
Daniel Weidner, Bibel und Literatur um 1800. München: Wilhelm Fink 2011. 437 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Die Frage nach den kulturgeschichtlichen Zusammenhängen von Bibel und Literatur ist in jüngster Zeit intensiv diskutiert worden. Daniel Weidner hat zu dieser Debatte nicht nur maßgebliche Beiträge geleistet, er hat auch wesentlichen Anteil daran, dass sie in dieser Weise überhaupt geführt wird. Denn es ist neben anderen auch ihm zu verdanken, dass das vor allem im angloamerikanischen Raum längst etablierte Forschungsfeld Bible as Literature auch im deutschsprachigen Raum eine größere Beachtung findet. Davon zeugt besonders der zusammen mit Hans-Peter Schmidt herausgegebene Band Bibel als Literatur (2008), der mit der Übersetzung und Kommentierung repräsentativer Auszüge aus klassischen Monografien und Sammelbänden (vertreten sind unter anderem Beiträge von Robert Alter, Meir Sternberg, Mieke Bal und Daniel Boyarin) sowie einer Auswahlbibliografie einen sehr guten Überblick über die Bible as Literature-Forschung bietet. Der gemeinsam mit Andrea Polaschegg herausgegebene Band Das Buch in den Büchern. Wechselwirkungen von Bibel und Literatur (2012) bildet einen der jüngsten Forschungsbeiträge.
Mit der Monografie Bibel und Literatur um 1800 legt Weidner eine grundlegende Studie zum Thema vor. Auf eindrucksvolle Weise entfaltet er darin eine Vielzahl mitunter äußerst subtiler Zusammenhänge zwischen Theologie, Philologie, (Religions-)Philosophie, Zeichen- wie Sprachtheorie und Literatur – Zusammenhänge, die überhaupt erst dadurch sichtbar werden, dass Weidner der Bibel in ihrer diskursspezifischen Bedeutung besondere Beachtung schenkt.
Um diesen diskursspezifischen Bedeutungen der Bibel im Detail nachzugehen, gliedert Weidner seine Studie nach »konstruktiven Gesichtspunkten« (S. 22): Die ersten sechs der insgesamt elf Kapitel beschäftigen sich »mit Konzepten, Diskursen und Praktiken der Exegese, mit dem, was es gewissermaßen erst möglich macht, die Bibel zu lesen« (S. 22). Konkret betrifft das die u. a. anhand von Anthony Collins und William Warburton skizzierten Diskussionen über die typologische Bibelauslegung, Fragen der Textkritik und Edition bei Richard Bentley, Johann Albrecht Bengel und Karl Lachmann, Theorien zum Sprachursprung beispielsweise bei Herder, Diskussionen über die Authentizität des biblischen Textes etwa im Kontext des Fragmentenstreits, Textmodelle der Bibel wie das Urkunden-Modell Johann Gottfried Eichhorns sowie anhand von Kant, Hegel und anderen nachgezeichnete philosophische und politische Dimensionen der Bibelauslegung.
Demgegenüber fragen die übrigen Kapitel nach den spezifischen Rezeptionsweisen des Alten und Neuen Testaments, das heißt danach, wie Texte die Bibel »›anwenden‹, indem sie sie zitieren, übersetzen, wiederholen« (S. 22). Im Fokus stehen hierbei verschiedene Übersetzungen der Bibel, Bibeldramen von Klopstock bis Byron, der diffizile Zusammenhang von philologischer Kritik und dem Verstehen des Bibeltextes im Rahmen von Schleiermachers Hermeneutik, die Praxis des Bibelzitierens unter anderem in Schillers Räubern sowie parodistische und selbstreflexive Rekurse auf die Bibel in Texten von Moritz, Jean Paul und Heine.
Weidners in der Einleitung hervorgehobenes kulturwissenschaftliches Interesse an Religion, das er weniger durch ein »klares Set von Methoden« (S. 16) als vielmehr durch eine interdisziplinäre Ausrichtung bestimmt sieht, wird mit Blick auf Struktur und Inhalt der Arbeit sehr deutlich. Es sei an dieser Stelle betont, dass die Auffächerung der verschiedenen Einzeldiskussionen, die gerade durch die interdisziplinäre Zusammenschau sichtbar gemachten Zusammenhänge zwischen scheinbar disparaten Diskussionsbereichen, nicht zuletzt aber auch die Vielzahl der sich daraus ergebenden Anknüpfungspunkte für weitergehende Untersuchungen die wohl größte Leistung und den zentralen Ertrag von Weidners Studie markieren. (Dabei lässt vor allem das hohe Maß an Anschlussfähigkeit darüber hinwegsehen, dass die Skizzierung der einzelnen Diskussionsfäden in manchen Fällen etwas zu abrupt abbricht.)
Wie sehen die Beziehungen zwischen Bibel und Literatur im Einzelnen aus? Es gehört zu den zentralen Einsichten der Studie, dass exegetische Praktiken und textförmige ›Anwendungen‹ der Bibel untrennbar miteinander verbunden sind, oder anders ausgedrückt: dass die in den Kapiteln sieben bis elf analysierten Rezeptionsweisen der Bibel immer ein Lesen der Bibel nach spezifischen, in den ersten sechs Kapiteln behandelten Auslegungsregeln voraussetzen. So ist etwa Johann Lorenz Schmidts ›Wertheimer Bibel‹ von 1735 nicht einfach nur eine Übersetzung, sondern vielmehr eine translatierende, der Aufklärungskritik folgende Interpretation und Reformulierung der Heiligen Schrift (vgl. S. 252–263). Ebenso dramatisiert Klopstock mit seinem Stück Der Tod Adams nicht einfach nur einen alttestamentlichen Stoff, sondern zieht seiner Darstellung zusätzlich eine Figuraldeutung der Bibel ein, mit der die letzten Tage des ersten Menschen als Vorausdeutung auf Christus erscheinen (vgl. S. 290–296).
Ebenfalls in der Einleitung weist Weidner darauf hin, dass der im Titel erwähnte Fokus seiner Untersuchungen auf den Zeitraum ›um 1800‹ eine »Verlegenheitslösung« (S. 14) ist. Tatsächlich umfassen die nachgezeichneten Diskurse eine Zeitspanne von 1730 bis 1850: So reicht etwa die Darstellung editionsphilologischer Diskussionen im zweiten Kapitel von Bentleys textkritischen Bemühungen, »dem Christentum endlich eine sichere, wissenschaftliche Basis zu geben« (S. 76), bis zu Lachmanns ›reiner‹ Editionsphilologie. Anhand solcher Bögen schreibt Weidner nicht zuletzt auch kritische Disziplingeschichte. Denn indem er beispielsweise zeigt, dass Lachmanns für »das Prestige des Faches ›Germanistik‹« (S. 85) bedeutsame Editionsphilologie auf bereits im 18. Jahrhundert an der Bibel erprobte Methoden aufbaut, deckt er die bibelwissenschaftliche Voraussetzung einer Disziplin auf, die sich gerade durch die Abgrenzung von der Bibelwissenschaft profiliert: »Es wird zum Gründungsakt der Philologie gehören, sich von der Theologie verabschiedet zu haben und dementsprechend ihre theologische Vorgeschichte zu vergessen« (S. 94). Es ist die »Trennungsgeschichte« (S. 20) von Literatur- und Bibelwissenschaft, der Prozess einer allmählichen Ausdifferenzierung und Grenzziehung zwischen Literatur und Religion, der hier nachgezeichnet wird.
Gleichwohl ist innerhalb der Zeitspanne von 1730 bis 1850 die Phase ›um 1800‹ von besonderer Bedeutung, weil sich hier die Trennungen und Ausdifferenzierungen noch nicht vollzogen haben. Hier herrscht noch ein produktiver Konflikt von Deutungspositionen, ein »omnipräsente[r] Diskurs über die Bibel, der sich noch nicht lediglich auf Spezialisten beschränkt und daher auch für die allgemeine Literatur umso wirksamer ist« (S. 18). Sehr eindrücklich zeigt sich dies etwa, wenn Schlegel in den Ideen euphorisch ein von Formvielfalt und Fragmentierung bestimmtes Literaturprogramm eben zu jenem Zeitpunkt projektiert, als die historisch-kritische Bibelkritik das Buch der Bücher als eine von verschiedenen Autoren zu unterschiedlichen Zwecken vielfach umgeschriebene, unterschiedliche Gattungen umfassende, inhomogene Textsammlung präsentiert (vgl. S. 198–200). Solche Rückwirkungen bibelwissenschaftlicher Diskurse auf die Literatur betreffen neben Literaturkonzepten auch zeitgenössische Autorschafts­modelle: etwa im Fall von Jean Pauls Flegeljahren, in denen man keinem ›starken Autor‹, keinem Originalgenie begegnet, sondern einem ›schwachen‹ Autor »als bloße[n] Zusammenordner fremder Texte« (S. 171) – einem Autor, der wie ein die verschiedenen biblischen Texte zusammenfügender Redaktor erscheint.
Im Laufe seiner Ausführungen setzt sich Weidner immer wieder kritisch mit der Säkularisierungsthese auseinander. Er widerspricht ihr dabei nicht grundlegend, wohl aber in ihrer pauschalen und bewertenden Darstellungsform, der zufolge sich Literatur ›um 1800‹ in einem ›natürlichen‹ Befreiungsprozess von ihren religiösen Bindungen zu lösen beginnt, um »endlich zu sich selbst [zu] komm[en]« (S. 22). Dass an die Stelle solcher Fortschrittserzählungen eine eingehende Analyse der komplexen Beziehungen zwischen Literatur und Religion treten muss, darin ist Weidner durchaus zuzustimmen – und mit seiner Studie bietet er auch das beste Beispiel für eine solche Analyse. Es ist jedoch schade, dass Weidner weitgehend auf eine ausführliche Kritik der Arbeiten verzichtet, die er als repräsentativ für die Säkularisierungsthese erachtet (er nennt unter anderem Albrecht Schönes Studie Säkularisation als sprachbildende Kraft). So entsteht (ungewollt?) der Eindruck, dass diese Arbeiten letztlich nur Wiederholungen »einer Emanzipationsgeschichte der Literatur von ihrer religiösen Herkunft« (S. 19) sind. Meines Erachtens trifft dies mindestens auf Schönes Studie, der es weniger um die großen Transformationsprozesse als vielmehr autorspezifisch um die sprachlichen Dimensionen der Säkularisierung geht, nicht zu. Unzutreffend ist, wie ich meine, auch die Einschätzung, Schönes Arbeit sei an der Bibel in der Hauptsache nur als Stoff- und Motivspender interessiert (vgl. S. 19). Dass dem nicht so ist, zeigt nicht zuletzt die Typologie der Säkularisationsformen, mit der Schöne seine Arbeit beschließt und auf die Weidner im Laufe seiner Arbeit selbst (kritisch) Bezug nimmt.
Schade ist auch, dass Weidner im Fall der Kunstreligion nahezu vollständig darauf verzichtet, die neuere Forschung einzuarbeiten (nur am Rande verweist er auf Bernd Auerochs’ Monografie Die Entstehung der Kunstreligion). Seine Ausführungen zum Phänomen der Kunstreligion im elften Kapitel hätten von diesen Arbeiten profitieren können.
Doch schmälern diese Erwägungen keineswegs die Bedeutung von Weidners Studie. Angesichts der äußerst umsichtigen, den interdisziplinären Herausforderungen des Gegenstands vollkommen gerecht werdenden Analyse sowie der Fülle der sich daraus ergebenden Anschlussmöglichkeiten dürfte für zukünftige Beschäftigungen mit dem Zusammenhang von Religion, Bibel und Literatur kein Weg an ihr vorbei führen.
Erwähnt sei zuletzt, dass die Studie in einer klaren, verständlichen Wissenschaftsprosa verfasst ist. Abgesehen von wenigen Fällen, in denen Weidner recht unvermittelt auf theoretische Begriffe und Konzepte zurückgreift und damit einzelne Passagen eher verunklart, bereitet die Lektüre der über 400 Seiten durchweg Vergnügen.

Sebastian Wilde, M.A., Narzissenweg 24, D-37081 Göttingen; E-Mail: wilde.seb@gmail.com