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In: KulturPoetik 2013, Heft 1

Autor

Sabine Griese

Titel

Diebold Lauber aus germanistischer Sicht – ein Nebenschauplatz?
Christoph Fasbender (Hg.), Aus der Werkstatt Diebold Laubers. Unter Mitarbeit von Claudia Kanz und Christoph Winterer. Berlin, Boston: De Gruyter 2012. 384 S.

Kategorie

Rezension

Abstract

 

Volltext

Was macht das Bild im Buch? Eine Frage, die verschiedene Jahrhunderte je nach Buchart unterschiedlich beantworten. Ein Roman bietet heute außer der Umschlagabbildung kein Bild zum Text, anders ist dies bei Kinderbüchern oder den Grimmschen Märchen. Hier gehören Bilder obligat zum Text dazu, genauso ist es beispielsweise bei medizinischen Lehrbüchern. Heute gibt es gegenüber früheren Jahrhunderten zusätzliche Medien, die ein visuelles Bedürfnis befriedigen können, Theater, Kino, Fernsehfilme, die DVD zum Film, der einen Roman zur Grundlage haben kann. Das Wiedererzählen einer Geschichte findet in breiter medialer Fächerung statt.
Im 15. Jahrhundert waren Bilder in volkssprachigen Büchern, ob nun Romane oder auch Texte mit didaktischer oder geistlicher Ausrichtung, geradezu modern und von einem entstehenden Buchmarkt gefordert. Bilder standen parallel zum Text zur Verfügung und illustrierten mehr oder weniger den Inhalt des Textes. Bei diesen Bild-Text-Verhältnissen sind vielfältige Gebrauchsmodi zu beobachten, die auch eine ideenreiche Nachbearbeitung des handgeschriebenen Buches bedeuten können: Bilder werden nachträglich dem Text hinzugefügt oder vorhandene Bilder werden auch bisweilen verändert.(1) Differenziert und eigenständig bebildert die Eneasroman-Handschrift (Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Ms. germ. fol. 282) um 1230 die Eneasgeschichte nach dem Untergang von Troja, die Heinrich von Veldeke am Ende des 12. Jahrhunderts neu erzählt. Beinahe ohne erkennbaren Zusammenhang zum Text stehen dagegen beispielsweise die Bilder im Engelhard-Druck von 1573, der den einzigen Textzeugen für Konrads von Würzburg Roman aus dem 13. Jahrhundert darstellt.(2) In der mediävistischen literaturwissenschaftlichen Forschung gibt es eine intensive Auseinandersetzung zum Themenfeld Text und Bild, das ja nicht nur eines von Text und Handschrift ist, sondern auszuweiten auf andere Medien wie Buchdruck, Wandmalerei, Kirchenfenster u.a.(3) Der Katalog der deutschsprachigen illustrierten Handschriften des Mittelalters(4) stellt durch die Beschreibung der ca. 3000 Bilderhandschriften das handschriftliche Material wunderbar aufbereitet zur Verfügung. Daran erkennt man: Überlieferung des Mittelalters ist teilweise illustrierte Überlieferung, Überlieferungszeugen literarischer Texte des Mittelalters sind darin als dezidierte Text-Bild-Kombinationen lesbar und bieten für den Rezipienten eine spezielle Interpretationsaufgabe.
In diesem Zusammenhang ist der Name Diebold Lauber zu nennen. Er ist »Schreiber und Handschriftenhändler in Hagenau (Elsaß)«,(5) der urkundlich in der Mitte des 15. Jahrhunderts belegt ist und der bereits in Verkaufsanzeigen auf deutsche und lateinische illustrierte Bücher hinweist, die es bei ihm zu erwerben gibt. Eine sehr ansehnliche Zahl an überwiegend bebilderten volkssprachigen Handschriften wird mit dem Namen Lauber verbunden, Gottfrieds von Straßburg Tristan, Wolframs von Eschenbach Parzival, mehrere Historienbibeln und manche Texte mehr werden von ihm und den in seinem Umkreis arbeitenden Schreibern herausgebracht. Eine zweite Gruppe von ähnlich aufbereiteten Handschriften wird einer Werkstatt von 1418 zugewiesen, die personell teilweise identisch ist. Hans-Jochen Schiewer konstatiert zu diesem Komplex: Laubers »Tätigkeit gilt als Höhepunkt des Handschriftenhandels und der manufakturmäßigen Handschriftenherstellung im deutschsprachigen Raum«.(6)
Seit 2001 liegt der Forschung eine umfassende, zweibändige Monographie vor, die sich genau diesen illustrierten Büchern aus dem elsässischen Raum um Lauber und der früheren Werkstatt grundlegend widmet: Lieselotte Saurma-Jeltschs Spätformen mittelalterlicher Buchherstellung. Bilderhandschriften aus der Werkstatt Laubers (Wiesbaden 2001). Hierin sind 84 illustrierte Handschriften aus dem Zusammenhang Diebold Lauber/Werkstatt von 1418 katalogisiert, die beiden Werkstätten werden analysiert, die Maler werden zu scheiden und zu unterscheiden versucht. Lieselotte Saurma-Jeltsch ist Kunsthistorikerin, ein dominantes Interesse ist dem Bild und den Malerhänden in diesen Überlieferungszeugen gewidmet, doch sie verliert nicht die anderen Momente der Buchproduktion aus dem Blick (Papiereinkauf und -verwendung, Bucheinrichtung, Tituli, Kundenkreis, Phasen der Werkstattarbeit, etc.).
Dieses Grundlagenwerk soll nun aus literaturwissenschaftlicher Sicht ergänzt werden durch den hier anzuzeigenden Sammelband. Deren Herausgeber Christoph Fasbender hat bereits kurz nach dem Erscheinen der Monographie von Lieselotte Saurma-Jeltsch mehrere germanistische Kollegen versammelt, um eine Reaktion aus dem anderen Fach hervorzubringen, das zu einem mittelalterlichen Text-Bild-Verbund etwas zu sagen haben könnte. Das Unternehmen zog sich jedoch zeitlich in die Länge, 2012 ist das Ergebnis nun erschienen. Es sind vierzehn Beiträge geworden, die sich unterschiedlichen Aspekten aus dem Lauber-Zusammenhang widmen und oftmals Beobachtungen oder Ergebnisse Lieselotte Saurma-Jeltschs aufgreifen und weiterverfolgen. Mehrere Handschriften werden erneut thematisiert, einzelne Aspekte neu hinterfragt, einige Texte neu gewendet. Dabei wird natürlich mehrfach die Frage nach dem Verhältnis von Text und Bild gestellt (Haustein, Kropik, Kofler, Wetzel, Winterer); hierbei beobachten wir solch merkwürdige Dinge wie die Tatsache, dass der Illustrator offenbar nur den Bildtitulus illustriert und nicht den Text (Haustein, S. 127f.), d.h. wir haben im Endprodukt eine den Text begleitende Bildebene, die aber in dem, was sie aus dem Roman darstellt und akzentuiert, gegenüber dem Romantext deutlich differiert; es werden keine zentralen Passagen des Textes illustriert, sondern nur das gezeigt, was in der Überschrift angedeutet ist. Das passiert im sogenannten Brüsseler Tristan (um 1455). Mehrfach wird zudem die Frage nach der Textgüte der in den Lauberhandschriften präsentierten Textzeugen gestellt (Putzo, Stolz/Viehhauser). Berechtigterweise müssen die Varianten, die sich in Lauberhandschriften im Verhältnis zur anderen Überlieferung des jeweiligen Werkes zeigen, in ihrer Relevanz geprüft werden, das wird am Parzival-Prolog getan (S. 136-143) sowie an weiteren Passagen aus dem Roman Wolframs von Eschenbach; dreimal bringt Lauber schließlich den Parzival heraus. Diese Abweichungen, die wir gegenüber dem Text der bis heute grundlegenden Ausgabe von Karl Lachmann (1833) beobachten, müssen auch unter dem Aspekt bewertet werden, dass die Distanz zu einem Text aus dem frühen 13. Jahrhundert in den 1440er Jahren beträchtlich sein kann. Die drei Lauber-Parzival-Handschriften zeugen »von einer zwar problembeladenen, aber durchaus intensiven Auseinandersetzung mit dem Parzival-Roman, die in einem sukzessiven Aneignungsprozeß zur Anpassung des Textes an die Ansprüche der Werkstätte und ihres Publikums geführt hat« (S. 163). Zu der Bewertung der Lauber-Produkte muss sicherlich mit bedacht werden, dass der Kreis der im deutschen Südwesten über eine Zeitspanne von gut 40 Jahren beschäftigten Buchproduzenten ein sich aus mehreren Quellen speisendes literarisches Gedächtnis und Wissen besaß, das erlaubte, auch einmal anderes ins Bild zu setzen, als das, was der Text (daneben) formuliert. Vielleicht schauen wir viel zu konservativ auf das Text-Bild-Verhältnis und erwarten im Bild nur das, was der Text erzählt – nicht was aus anderen Quellen des Erzählens stammen könnte.
In streng philologischer Betrachtung wird die wichtige Frage nach den Textvorlagen gestellt (Putzo). Woher bekam Lauber seine Texte? Besaß die Werkstatt eine »Art Handbibliothek« (S. 183), waren es Leihgaben oder Gelegenheitsabschriften (ebd.)? Keine Lauberhandschrift ist die Abschrift einer anderen. Waren die Vorlagen bereits illustriert oder musste das Illustrationsprogramm neu erdacht werden? Gab es dafür Musterbücher? Christine Putzo vermutet einen »Vorlagenvorrat« (S. 185) und stellt fest, dass Lauber sich einerseits um einen guten Text bemühte und andererseits Interesse daran hatte, seine Produkte »schnellstmöglichst abzuverkaufen« (S. 189). Dass das offenbar nicht immer gelang, beweist eine Wilhelm-von-Orlens-Handschrift in Kassel (s. Fasbender, S. 60 f.).
Dass Diebold Lauber ein »Nebenschauplatz« der mediävistischen Forschung sein soll, wie in der Einleitung mehrfach gemutmaßt (S. 2 u. 3), möchte ich vehement abstreiten: Ein solches Zentrum der Handschriften- und Buchproduktion des 15. Jahrhunderts stellt einen »Produktionszusammenhang« (S. 166, Anm. 3) im deutschen Südwesten vor Augen, an dem wir ablesen können, was das Bild in der Mitte des 15. Jahrhunderts, kurz vor dem Durchbruch des Buchdrucks, im Buch zu suchen hat. Blickt man weiterhin anhand der erhaltenen Handschriften auf das »Verlags«-Programm dieses Produktionsbetriebs, dann erkennt man das Interesse an deutschsprachiger Literatur und am Buch, das zu diesem Zeitpunkt offenbar bebildert sein musste, um Käufer und Leser zu finden. Lauber und seine Werkstatt schufen »Markenartikel«.(7) Mengenmäßig angeführt von mehreren deutschen Bibeln und Historienbibeln, von Legenden und Legendaren, finden wir eine Vielzahl von Themen und Autoren vorwiegend des deutschsprachigen 13. Jahrhunderts wieder, mehrere Texte sogar mehrfach im Programm: Troja und Eneas, Karl der Große, Tristan, Alexander, Wilhelm von Orlens, Chroniken, Medizinisches, den Wigalois-Roman, die Dietrichepik (Virginal, Ortnit/Wolfdietrich, Rosengarten),(8) Wolframs von Eschenbach Parzival, Hugos von Trimberg Renner, Konrads von Ammenhausen Schachzabelbuch und immer wieder Bruder Philipps Marienleben; Kleinformen der Literatur spielen allerdings keine zentrale Rolle für diesen Werkstattverbund (Achnitz, S. 238). Das ist ein beachtliches Spektrum deutschsprachiger Literatur, an dem man durchaus ein Lese(r)interesse erkennen kann, wenn auch das Nibelungenlied fehlt, obwohl es doch im 15. Jahrhundert noch immer abgeschrieben und erzählt wird. Auf diese Merkwürdigkeit weist auch Walter Kofler hin, der sich der Spielmanns- und Heldendichtung im Elsass widmet, zu den Morolf-Handschriften und -Drucken aber irritierenderweise nicht die bestehende Forschung einbezieht.
Die Beiträger des neuen Sammelbandes stellen Fragen an Diebold Lauber und an das Werk von Lieselotte Saurma-Jeltsch und bewerten einige Aspekte neu (bes. Mackert), auch, weil man jetzt oft leichter an die Handschriften der verschiedenen Bibliotheken herankommt und diese teilweise sogar digitalisiert vorliegen, was zumindest für einige Fragen an Text und Bild aufhilft. Man wird jedoch stets auf die beiden Bände von Lieselotte Saurma-Jeltsch zurückgreifen, wenn man sich zu Lauber informieren möchte. Eventuell wird man auch nochmals auf die Handschriften selbst schauen müssen, um beispielsweise die Schreiberhände zu scheiden (einige Namen von Schreibern sind hier ja bekannt), die an den verschiedenen Handschriften aus beiden Werkstätten beteiligt sind. Christoph Mackert zeigt hier präzise an einem Beispiel (die sog. Leipziger Margarethe) auf, welche Bewertungsschritte nötig sind bei einer solchen Analyse, und dass manche der bisherigen Lauber-Handschriften als Sonderfälle anzusehen sind. Die Deutungshoheit zu solch einem mehrgliedrigen Unternehmen der Buchherstellung im südwestdeutschen Raum der 1420er bis 1460er Jahre fällt weder allein der Kunstgeschichte noch der Germanistik zu, der Gegenstand fordert die Zusammenarbeit und die Fragen verschiedener Disziplinen der Mediävistik.

Prof. Dr. Sabine Griese, Universität Leipzig – Germanistik, Ältere deutsche Literatur, Beethovenstr. 15, D-04107 Leipzig; E-Mail: sabine.griese@uni-leipzig.de


Anmerkungen

(1) Siehe die Beispiele, die Peter Schmidt aufzeigt und analysiert; Peter Schmidt, Gedruckte Bilder in handgeschriebenen Büchern. Zum Gebrauch von Druckgraphik im 15. Jahrhundert. Köln 2003. [zurück]
(2) Vgl. VD 16 C 4915, das Berliner Exemplar [Signatur: Yg 2861] liegt jetzt digitalisiert vor: http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0000A32400000000. [zurück]
(3) Ich nenne hier exemplarisch einige Arbeiten: Michael Curschmann, Wort – Bild – Text. Studien zur Medialität des Literarischen in Hochmittelalter und früher Neuzeit. 2 Bde. Baden-Baden 2007; Christel Meier/Uwe Ruhberg (Hg.), Text und Bild. Aspekte des Zusammenwirkens zweier Künste im Mittelalter und früher Neuzeit. Wiesbaden 1980; Wolfgang Harms (Hg.), Text und Bild, Bild und Text. Stuttgart 1990;  Eckart C. Lutz u.a. (Hg.), Literatur und Wandmalerei I. Erscheinungsformen höfischer Kultur und ihre Träger im Mittelalter. Tübingen 2002; Eckart C. Lutz u.a. (Hg.), Literatur und Wandmalerei II. Konventionalität und Konversation. Tübingen 2005;  Schmidt (Anm. 1); Sabine Griese, Text-Bilder und ihre Kontexte. Medialität und Materialität von Einblatt-Holz- und -Metallschnitten des 15. Jahrhunderts. Zürich 2011. [zurück]
(4) KDIH. Begonnen Hella Frühmorgen-Voss. Fortgeführt Norbert H. Ott zusammen mit Ulrike Bodemann (bis 2008). Ab 2009 hg. Ulrike Bodemann, Peter Schmidt und Christine Stöllinger-Löser. Bd. 1ff. München 1991 ff. [zurück]
(5) Hans-Jochen Schiewer, Diebold Lauber. In: Robert-Henri Bautier u.a. (Hg.), Lexikon des Mittelalters. Bd. 3. Stuttgart, Weimar 1999, Sp. 986. [zurück]
(6) Ebd. [zurück]
(7) Lieselotte Saurma-Jeltsch, Spätformen mittelalterlicher Buchherstellung. Bilderhandschriften aus der Werkstatt Laubers. Wiesbaden 2001, Bd. 1, S. 75 u.ö. [zurück]
(8) Zwar werden Ortnit/Wolfdietrich (Saurma-Jeltsch (Anm. 7), Bd. 2, S. 37, Nr. 23) und Rosengarten (ebd., S. 66 f. Nr. 44) der Werkstatt von 1418 und ihrem Umkreis zugeordnet, aber sie sollten einbezogen werden in die Bewertung des thematischen Tableaus, dies als Anmerkung zu Cordula Kropik, die formuliert, dass die Virginal als einziger heldenepischer Text aus der Werkstatt Laubers ein Exot sei (S. 99). [zurück]