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In: KulturPoetik 2012, Heft 2

Autor

Karl Eibl

Titel

Vom vergangenen und vom gegenwärtigen Zweck der Lyrik
(1) Heinz Schlaffer, Geistersprache. Zweck und Mittel der Lyrik. München: Hanser 2012. 204 S.
(2) Brian Boyd, Why Lyrics Last. Evolution, Cognition, and Shakespeare’s Sonnets. Cambridge, MA: Harvard University Press 2012. 227 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Während die letzten Jahrzehnte eine Fülle theoretischer Äußerungen zur Narrativik brachten, erfreut sich die Lyrik erst allmählich einer derartigen Zuwendung. Die hier zu besprechenden beiden Bücher konzipieren Lyrik durch ein besonderes Verhältnis zur Vergangenheit, und dies auf sehr unterschiedliche Weise: Für Heinz Schlaffer ist sie ein entleertes Überbleibsel aus der Zeit, da wir mit den Geistern sprachen, für Brian Boyd ist sie Spiel mit biologisch entstandenen alten kognitiven Mustern.

Heinz Schlaffer, Geistersprache. Zweck und Mittel der Lyrik. München: Hanser 2012. 204 S.

Am Schluss einer Rezension von Heinz Schlaffers Geistersprache findet sich eine irritierende Pointe:

wie Schlaffer seine kleine Lyrik-Urgeschichte erzählt, das ist wunderbar, das ist gekonnt und wird jeden Lyrikliebhaber verzücken und auch so manchen Hochschulkollegen begeistern. Gelehrt und belesen, sein Material geflissentlich sortierend, dabei den gediegenen deiktischen Stil pflegend, der Widerspruch nicht duldet – das ist gehobene Kathederkunst der neuen Façon. Aber leider völlig unbrauchbar, denn es erklärt nichts.(1)

Wie kann ein Buch, das alle die aufgezählten Vorzüge besitzt, »völlig unbrauchbar« sein?

Schlaffer definiert Lyrik als einen bestimmten Typus von Sprechhandlung: »Gedichte sind einseitige Sprechhandlungen, die wegen der Nicht-Reaktion oder Nicht-Existenz des Adressaten ›Poesie‹ bleiben« (S. 19). Solche Sprechhandlungen können als Preisen, Grüßen, Beten, Klagen, Verkünden, Bitten, Verfluchung usw. auftreten. Sie setzen – sprachlich – immer einen Adressaten voraus, einen Gott, einen Menschen, aber in der poetischen Sprache (oder unter den Voraussetzungen des Animismus) kann es sich dabei auch um Tiere oder Dinge, Landschaften, Seelenzustände, Jahreszeiten usw. handeln. Geläufig ist dafür der Begriff der ›lyrischen Apostrophe‹, aber Schlaffer will den Begriff der Apostrophe auf Publikumsanreden beschränken (S. 24) und spricht lieber von ›Anrufung‹. Nun gut. Ähnlich gilt ihm der Begriff der ›Personifikation‹ als Verharmlosung. Eher könne von einer ›Dämonisierung‹ gesprochen werden (S. 59).

Das Achten auf die lyrische Apostrophe (oder die ›Anrufung‹) erweist sich jedenfalls als recht fruchtbar und führt zur Erhellung weiterer Eigenheiten lyrischer Sprechhandlungen. Schlaffer findet sie überall da, wo die Rede vom normalen Sprechen abweicht. Als ›normal‹ gilt dabei die pragmatische Rede, die einen bestimmten Informationszweck verfolgt. Jede Erschwerung oder Vernachlässigung des Zwecks kann dann als spezifisch lyrisch verstanden werden: Erlesenes Vokabular, Metrik, Gesang, Wiederholung, umständlicher Metapherngebrauch, Rollenrede… Solche Verfremdung – wie man das früher nannte (2) ? »verunklärt« den Wortlaut und verstärke die Vermutung, »dass diese verschattete Sprache bedeutsam sei« (S. 75). Ähnlich sind Wiederholungen Bedeutsamkeitssignale, die die Botschaft des Textes zwar verkomplizieren, ihn aber zugleich stabilisieren. Kurz: Die archaische Geistersprache produziert normalsprachlichen Unsinn oder zumindest zweckwidrige Umständlichkeit und verweist damit auf einen tieferen (oder höheren) Sinn, offenbar weil die Menschen sprachlichen Äußerungen grundsätzlich Sinn oder Zweck unterstellen. In einer animistischen Welt, in der jedem Ding und jedem Lebewesen Personcharakter zugeschrieben werden kann, ist das eher undramatisch. Aber was geschieht, wenn die ›archaischen‹ Weltbilder ihre Gültigkeit verlieren? Haben wir es hier mit einer Begründung der ›Zweckfreiheit‹ von (moderner) Dichtung zu tun? Die Mittel der modernen Lyrik sind »nicht mehr Mittel, sondern – mangels eines externen Zwecks – interner Selbstzweck […] autonom, absolut, ›poésie pure‹«, so meint Schlaffer am Ende.

Schlaffers Argumentation ist eine runde Sache, kultivierte, lebendige Schaufenster-Präsentation von Bildungswissen. Dem entspricht auch die selbstreferentielle Schlusspointe. Schlaffer lässt nämlich Shakespeares Luftgeist Ariel sprechen, der von Prospero aus seinen Diensten entlassen wurde und nun das heitere Leben preist, das er führen wird, da er keine Pflichten mehr zu erfüllen hat. Ariel als Patron der Emeriti, die sich nutzloser, hedonistischer Lektüre widmen:

Lustiglich, lustiglich leb’ ich nun gleich,
Unter den Blüten, die hängen am Zweig. (S. 201)

Beim zweiten Blick allerdings tun sich Anschlussfragen auf, die umso drängender sind, weil die Grundthese nur eine Variante alter Bekannter ist. Darauf geht Schlaffer allerdings nicht ein: dass romantische ›Mythologen‹ wie Georg Friedrich Creuzer sich der gleichen Grundfigur bedienten, wenn sie die in geschichtlicher Zeit erfahrbaren Religionen und Mythen als verunreinigte Relikte ursprünglicher Symbolzusammenhänge deuteten, dass Bachofen oder Engels die Urgesellschaft als Reich der Harmonie entwarfen oder dass, wenn auch auf ganz andere Weise, Mircea Eliade das Verhältnis des Absinkens archaischer Mythen und ihre Re-Präsentation im rituellen Rezitieren erörterte. Einerseits ist das Absehen von solchen Verwandtschaften verständlich, denn eine schulgerechte Auseinandersetzung mit ähnlichen Auffassungen würde den Umfang des Buches gut und gern verdoppeln (und den Thesen einiges an Originalität und Leichtfüßigkeit nehmen). Wenn aber das ›archaische Bewusstsein‹ eine so große Rolle spielt (das Wort ›archaisch‹ kommt durchschnittlich auf jeder fünften Seite vor), dann wüsste man doch gern, woher der Verfasser seine Vorstellung vom ›Archaischen‹ hat und worin sie sich von anderen ›Archäo-logien‹ unterscheidet. Aber er verlässt sich offenbar auf die rhetorische Überzeugungskraft dieses Begriffs, auf das, was Eliade als das »magische Prestige der ›Ursprünge‹« bezeichnet, (3) und bedient sich mit dem Erfabeln eines solchen Ursprungsmythos selbst eines ›archaischen‹ Argumentationsstils.

Da wird das Verdikt: »völlig unbrauchbar, denn es erklärt nichts«, schon etwas plausibler. Die tautologische Umformung von dogmatisch oder leerformelhaft vorausgesetzten Begriffen mag zwar eine eigentümliche ästhetische Faszination besitzen, weil sie nie falsch sein kann, aber wissenschaftliche Erklärungen lassen sich daraus nicht beziehen.(4) Ein Beispiel: »Je archaischer eine Kultur, desto wichtiger ist ihr der Rhythmus der Gesänge« (S. 73). Entweder ist das eine empirische Aussage oder eine als Wesenserkenntnis verkappte Tautologie. Wenn es eine empirische Aussage ist, dann müssen ›Archaik‹ und ›Rhythmus‹ (und ein Maß für dessen Wichtigkeit) unabhängig voneinander definiert und sodann durch entsprechende Beobachtungen aufeinander bezogen werden. Nicht dass man nun von Schlaffer eigene ethnologische oder paläoanthropologische Feldforschungen und Statistiken verlangen könnte. Auch in der Wissenschaft gibt es schließlich Arbeitsteilung. Er wird sich, so möchte man vermuten, bei entsprechenden Fach-Autoritäten kundig gemacht haben. Darüber erfahren wir aber nichts. Denn er gibt kaum Auskünfte über die Herkunft seiner Informationen, er hat keine Fußnoten, und die 22 Buchtitel, die er am Ende nennt, betreffen eher Bildungs- und Grundlagenwissen als Fachwissen.(5) So bleibt eigentlich nur die zweite Möglichkeit: Schlaffer entnimmt die Wichtigkeit des Rhythmus seiner Intuition von Archaik (und umgekehrt), wie immer die zustande gekommen sein mag.

Nun will ich gar nicht leugnen, dass früher (fast) alles anders war. Vor allem aber ist dieses ›Früher‹ ein großer Projektionsraum für mancherlei Phantasmen. Deshalb wäre sowohl die Archaik als auch deren Differenz zur Moderne näher zu bestimmen. Konkret: Haben denn die Zaubersprüche und Gebete ›früher‹ tatsächlich geholfen? Natürlich nicht, jedenfalls nicht als Mittel, die tatsächlich das physische Eingreifen der Götter bewirkten. Insofern haben sie ihren Zweck schon in archaischer Zeit verfehlt. Eine Aussage wie: »Solange alles in und über der Welt von Geistern bewohnt ist, vermag die menschliche Beteiligung durch Geben und Nehmen den guten Verlauf aller Dinge zu fördern« (S. 35), ist schlicht Unsinn. Die Redeweise wird nur deshalb toleriert und gilt sogar als elegant, weil es sich um erlebte Rede in der horizontverschmelzenden Tradition der traditionellen Geisteswissenschaften handelt; aber bei Schlaffers Fragestellung wäre es schon einigermaßen wichtig festzuhalten, dass die Welt nie von Geistern bewohnt war. Allerdings wird man nicht leugnen wollen, dass Zaubersprüche und Gebete durchaus Wirkungen haben konnten. Sie können den Sprechern oder Benutzern Mut gemacht oder sogar manifeste Placebo-Wirkungen gezeitigt haben. Aber solche mentalen Hebelwirkungen sind dann nicht auf die ›Archaik‹ beschränkt. Zwar wirkt ein moderner verbaler Liebeszauber nicht in dem Sinne, dass er das begehrte Wesen in einem unmittelbar physikalischen Sinn gefügig macht. Doch das hat er auch in archaischer Zeit nicht getan! Vielmehr wird im einen wie im anderen Fall ein komplexer psychophysischer Mechanismus in Bewegung gesetzt, der damals wie heute mittels hormoneller Anregung auch die erwünschten körperlichen Folgen haben kann.

Tatsächlich ist es ja derselbe psychische Apparat, der archaische und moderne Weltbilder produziert und verarbeitet. Eine allzu radikale Früher-Heute-Dichotomie verfehlt leicht die Differenzen, die es da tatsächlich gab. Wenn man denn erklären will, wieso Lyrik auch heute noch auf bereitwillige Rezipienten trifft, dann wird man nicht nur die Reliquienkammer eines ›literarischen Gedächtnisses‹ (S. 170) (6) in Anspruch nehmen, die aus schwer durchschaubaren Gründen auch unter säkularen Bedingungen heilige Schauer produziert, sondern eine zeitübergreifende menschliche Disposition oder Problemlage.

Es sind zwei zentrale Probleme, die Schlaffer sensibel expliziert, ohne jedoch bis zu einer Erklärung sensu stricto vorzustoßen: Wie können zweckfreie (sinnlose?) Sprachgebilde Interesse und Anteilnahme erwecken? Und wie hängt diese Anteilnahme damit zusammen, dass diese Sprachgebilde früher ihren Sinn in religiösen oder abergläubischen Kontexten fanden?

Brian Boyd, Why Lyrics Last. Cambridge MA: Harvard University Press 2012. 227 S.

Brian Boyd operiert mit den Instrumenten der Evolutionsbiologie. Auch er hat es also mit ›Archaik‹ zu tun, jedenfalls wenn man die menschliche mentale Ausrüstung im Wesentlichen als Steinzeit-Erbe einschätzt. 2009 war von Boyd ein voluminöses, grundlegendes Werk über »The Origin of Stories« (7) erschienen. Sein Zentralbegriff ist der des kognitiven Spiels oder des Spiels mit kognitiven Mustern (patterns). »Art is cognitive play with patterns«, so lautet sein Mantra, dem man durchaus zustimmen könnte, wenn »play« und »patterns« genau genug bestimmt wären. Während Boyd damals die Erzählung als den Musterfall einer biologisch disponierten literarischen Kunstform darstellte, wendet er sich nun der Lyrik zu. Als deren definierendes Merkmal führt er ein Negativmerkmal an, nämlich das Fehlen oder zumindest das Zurücktreten von Erzählung. Natürlich kann man mühelos Texte finden, die unter Lyrik rubriziert werde, aber doch starke erzählerische Elemente enthalten. Aber Definitionen sollten nicht daran gemessen werden, ob sie alle Merkmale eines alltagsprachlichen Begriffsgebrauchs aufweisen, sondern eher daran, welche Anschlüsse sie herstellen können. Boyds Definition als Versrede ohne Erzählung erscheint mir da recht fruchtbar.

Der Verzicht oder Verlust erzählerischer Bindung, so Boyd, ermögliche sieben Zugewinne lyrischer Rede (S. 28 f.): Die Konzentration auf den Vers (verbunden mit anderen ›äußerlichen‹ Elementen wie Rhythmus, Reim, überraschenden Bildern) schaffe eine spielerische Einstellung zur Sprache. – Das Fehlen der Erzählung erlaubt Kürze, Konzentration auf Situationen ohne Vor- und Nachgeschichte. – Es ermöglicht die Illusion eines Zugangs zu fremdem Bewusstsein, unabhängig von den Bedingungen einer erzählten Situation. – Es schafft eine fruchtbare Unbestimmtheit von Sprecher, Adressat und Gegenstand des Äußerungs-Aktes. – Es lädt ein zu ausgedehnter mitschwingender emotionaler Resonanz, indem es unsere Umstände an die Stelle der Umstände einer Geschichte zu setzen erlaubt. – Es erweitert die Spannung von privatem Denken und den öffentlich-objektiven Vorgaben der poetischen Form. – Und es stellt kurze, doch intensive Anforderungen an die Aufmerksamkeit, die zur Wiederholungslektüre führen. – Hinzufügen könnte man noch, dass Symbole und Analogien durch den Wegfall oder das Zurücktreten von erzählerischen Kontexten beträchtlich vieldeutiger werden. Insgesamt könnte man von einer referentiellen Instabilität lyrischer Rede sprechen, die mit einer erhöhten materialen Stabilität der Texte einher geht.
Als eine erste Lyrik-Reihe mit konsequentem Verzicht auf Erzählung annonciert Boyd Shakespeares Sonette. Die Muster, die durch den Verzicht auf einen determinierenden Rahmen zum Spiel freigegeben wurden, sind

words, images, sounds, structures; emotions and moods, of course; comparison, analogy, abstraction, argument; natural rhythms, in daily, seasonal, and life cycles; repetition, variation, continuity, discontinuity, comparison, contrast, reversal, contradiction, negation, reaffirmation, reconciliation, conjunction, incorporation, exclusion, complication, simplification, intensification, relaxation—all singly or in combination (S. 162 f.).

Also sozusagen: Alles. Insofern muss es nicht erstaunen, dass man solche Kategorien in Shakespeares Sonetten wiederentdecken kann. Eher schon fragt man sich, ob man dafür die Evolutionstheorie braucht. Aber indem Boyd Kunst generell zur biologischen Adaptation erklärt, erspart er sich, den biologischen Wurzeln der verwendeten Muster im Einzelnen nachzugehen. Das ist jedenfalls im vorliegenden Zusammenhang bedauerlich, denn hier wäre nun ein ganz anderer Begriff des ›Archaischen‹ einschlägig und könnte mit dem Schlafferschen kontrastiert werden.

Immerhin, als steter Hintergrund ist die Evolution präsent, wenn im Zusammenhang mit Lyrik und speziell mit dem Sonett immer wieder die sexuelle Selektion erwähnt wird. Schon Darwin hatte sie als Erklärung für scheinbar evolutionswidrige Eigenschaften (den famosen Pfauenschwanz!) herangezogen. Das kann man erweitern und auf die Entstehung von Kultur überhaupt beziehen. Boyd leitet das Sonett sozusagen ab ovo aus der unterschiedlichen Menge und damit auch dem unterschiedlichen reproduktiven Wert von Spermien und Eiern der Säugetiere her, also aus der These, dass unsere männlichen Vorfahren allerlei Kunstfertigkeiten erfanden, um unseren weiblichen Vorfahren zu imponieren und deren Eier zu befruchten.(8) Zur Sonett-Dichtung kann man da immerhin einen Weg finden: Das Sonett ist eine besonders kunstvolle Lyrik-Form und handelt jedenfalls in der Petrarca-Tradition zumeist von vergeblicher Werbung um eine Frau, worin man das Prinzip der weiblichen Selektion erkennen kann. Boyd führt zum Beleg an, dass in der englischen Renaissance weit mehr Männer als Frauen Sonette gedichtet haben, dass ein ähnliches Verhältnis heute bei Rap-Sängern bestehe (S. 59) und dass auch Shakespeare mit seinen Sonetten eine Verbesserung seines sozialen Status erstrebte, der seine Reproduktionschancen verbessert (S. 172). Shakespeare erringt Aufmerksamkeit im sexuellen Konkurrenzkampf, indem er das petrarkistische Schema geradezu auf den Kopf stellt. Er preist im ersten, weit größeren Teil einen jungen Mann als Muster aller guten Eigenschaften, und die ›Mistress‹ des zweiten Teils ist nicht etwa schön und keusch, sondern sie ist ein »female evil« (Nr. 144), besitzt vor allem sexuelle Anziehungskraft, auch auf den Freund. Mit diesem Hinweis auf einen besonders plakativen Einsatz des Spiels mit den Mustern mag es hier sein Bewenden haben. Er mag zeigen, dass auch Boyds Spielbegriff wenigstens auf der Ebene der dargestellten Verhältnisse die Möglichkeit einer Abkoppelung der adaptiven Muster von ihren ursprünglichen Zwecken impliziert(9).

Um die Verbindungslinie zu Schlaffers Erörterungen herzustellen, ist das Potential solchen Abkoppelns allerdings noch etwas weiter auszuschöpfen. Die Fähigkeit des Abkoppelns der Adaptationen (und Informationen) von realen Problemen bleibt nicht auf das Spiel beschränkt. Die kognitiven Muster können auch für neue Zwecke jenseits des ›lustiglichen‹ Spiels eingesetzt werden. Schon die von Schlaffer postulierten ›archaischen‹ Zwecke sind ja Zwecke zweiter Ordnung: Die Anrufung von Göttern, Geistern, Flüssen, Bäumen usw. um Nahrung, Schutz und Hilfe setzt ja bereits die Erfahrung voraus, dass man irdisch-personale Autoritäten in diesem Sinne erfolgreich beeinflussen kann. Insofern sind schon die ›ursprünglichen‹ Zwecke Schlaffers das Ergebnis eines Abkoppelungs- und Neudeterminierungs- (oder Projektions-)vorganges. Doch weshalb wendet man sich überhaupt an Götter oder Geister? Es ist mit den kognitiven Fähigkeiten des Menschen allem Anschein nach etwas Neues in die Welt gekommen: Nämlich die Annahme einer kontinuierlichen Welt, die auch unabhängig von der aktuellen Antriebslage existiert.(10) Wir reagieren nicht nur auf je gegenwärtige Momente oder Handlungssequenzen, sondern wir können kontinuierliche ›Wirklichkeiten‹ konstruieren und als gemeinsames ›Wissen‹ konservieren. Die Folge ist, dass die Menschen in einem Horizont leben, der immer weit über das aktuelle Wissens- und Handlungspotential hinausreicht, grundsätzlich unabschließbar ist und der sie mit mehr oder weniger latenter Angst erfüllen kann.(11) Während für unsere tierischen Verwandten die Wahrnehmung von Problemen immer schon mit einem Lösungsweg verknüpft ist (wenn sie erst anfangen zu grübeln, leben sie nicht mehr lange…), ist länger dauernde Ratlosigkeit angesichts ungelöster oder unlösbarer Probleme ein menschliches Privileg. Die sprachliche Auseinandersetzung mit ihnen mündet ins Leere oder in eine rein erfundene Gegenständlichkeit, die zwar die ›Muster‹ realweltlicher Information beibehält, diese jedoch mit einer zweiten, abgedunkelten Seite versieht. Niklas Luhmann hat dafür die Formel von der Simultanthematisierung von Unbestimmtem und Bestimmtem geprägt.(12)

Das Miteinander von referentieller Instabilität und formaler Stabilität macht Lyrik zum besonders geeigneten Medium solcher Simultanthematisierung. Lyrik ist undeutlich, ungenau, aber sie enthält immer ein Versprechen von Sinn.(13) Schlaffer wird man zugestehen müssen, dass dieses Versprechen sich unter den Bedingungen einer Mythologie oder fester Rituale eher als erfüllt darstellen kann als unter den Bedingungen dessen, was schon Hugo Friedrich als ›leere Transzendenz‹ umschrieb.

Prof. Dr. Karl Eibl, Ludwig-Maximilians-Universität, Institut für deutsche Philologie. D-80799 München , Schellingstraße 3 Rgb.; E-Mail: karl.eibl@gmx.net


Anmerkungen:
1) Walter Delabar, Geisterfahrer. Heinz Schlaffer leitet die Lyrik wortreich aus der Geisterbeschwörung ab und erklärt am Ende gar nichts. In: literturkritik.de 6/2012; (www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=16717&ausgabe=201206.). [zurück]
2) Zu den einschlägigen Konzeptionen, mit denen Schlaffer sich nicht auseinandersetzt, gehören der Russische Formalismus und seine Nachwirkungen sowie neuere, an die analytische Philosophie angelehnte, Positionen der Abweichungsästhetik wie die von Harald Fricke oder entsprechende Ausführungen zur Lyrik wie: Rüdiger Zymner, Lyrik. Umriss und Begriff. Paderborn 2009. [zurück]
3) Mircea Eliade, Mythos und Wirklichkeit. Frankfurt/M. 1988, S. 30. [zurück]
4) Vorausgesetzt, wir verstehen den Begriff des Erklärens in der Popper-Hempel-Tradition als Deduktion aus Basissätzen und allgemeinen Sätzen. [zurück]
5) Immerhin wird auch Karl Büchers Studie Arbeit und Rhythmus, Leipzig 6. Aufl. 1924, im Literaturverzeichnis genannt, allerdings unter dem Namen Karl Bühlers. Im Text (S. 132) jedoch widerspricht Schlaffer Büchers Befunden, ohne die Herkunft seines besseren Wissens anzugeben. [zurück]
6) Oder »die Erinnerung an eine untergegangene Denk- und Sprechweise, von der die Imagination trotzdem angezogen wird« (S. 13). Weshalb? [zurück]
7) Brian Boyd, On the Origin of Stories. Evolution, Cognition, and Fiction. Cambridge, MA, London 2009. Zu den problematischen Punkten von Boyds Werk, insbesondere zu den ›panadapionistischen‹ Zügen seiner Konzeption von Kunst vgl.: Katja Mellmann, The Multifunctionality of Idle Afternoons. Art and Fiction in Boyd’s Vision of Evolution. In: Journal of Literary Theory 2010; (online: www.jltonline.de/index.php/reviews/article/view/170/530.). [zurück]
8) Die Standardadresse für diese Argumentation ist Geoffrey Miller, The Mating Mind. How Sexual Choice Shaped the Evolution of Human Nature. New York 2000. Boyd beruft sich lieber auf Paul Seabright, The War of Sexes. Princeton 2012. [zurück]
9) Von Boyd unterschätzt werden allerdings die Beiträge der Evolutionären Psychologie: Leda Cosmides and John Tooby, The Evolution of Adaptations for Decoupling and Metarepresentations. In:Dan Sperber (Hg.), Metarepresentations. A Multidisciplinary Perspective. New York 2000, S.53-116 – John Tooby/Leda Cosmides, Does Beauty Build Adapted Minds? Toward an Evolutionary Theory of Aesthetics, Fiction and the Arts. In: Substance. A Review of Theory and Literary Criticism 94/95, Bd. 30, Nrr. 1 u. 2 (Special Issue: On the Origin of Fictions) 2001, S. 6-25. Deutsch: John Tooby/Leda Cosmides, Schönheit und mentale Fitness. Auf dem Weg zu einer evolutionären Ästhetik. In: Uta Klein/Katja Mellmann/Stefanie Metzger (Hg.), Heuristiken der Literaturwissenschaft. Disziplinexterne Perspektiven auf Literatur. Paderborn 2006, S. 217-244. [zurück]
10) Ich beschränke mich hier auf einen Hinweis auf die biopsychologischen Befunde von Norbert Bischof, Psychologie. Ein Grundkurs für Anspruchsvolle. Stuttgart 22009, speziell S. 378-387. [zurück]
11) Vgl. dazu Boyd, S. 138, ferner meinen Beitrag: Von der biologischen Furcht zur literarischen Angst. Ein Vertikalschnitt. In: KulturPoetik 12 (2012) 2, S. 155-186. [zurück]
12) Niklas Luhmann, Funktion der Religion. Frankfurt/M. 1982. [zurück]
13) So ließe sich der Anschluss an Rüdiger Zymners (Anm. 2) Befunde herstellen. [zurück]