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In: KulturPoetik 2012, Heft 2

Autor

Björn Bühner

Titel

Konservatismus nach 1945
Peter Uwe Hohendahl/Erhard Schütz (Hg.), Perspektiven konservativen Denkens. Deutschland und die Vereinigten Staaten nach 1945. Bern u.a.: Peter Lang 2012. 359 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Wessen Verdienst ist es, die Bundesrepublik in der Nachkriegszeit intellektuell begründet zu haben? Diese Frage hat in den letzten Jahren eine Reihe von Untersuchungen angeregt, in denen vor allem die Entwicklung der Kritischen Theorie und des Konservatismus sowie beider Einflussnahme auf die junge Bundesrepublik untersucht wurden. (1) In der historischen Forschung wird dabei den Konservativen zunehmend eine wichtige Rolle zugesprochen. Namentlich die Ritter-Schule hat dieser Einschätzung nach erstmals eine Position vertreten, die die parlamentarische Demokratie nicht ablehnte, sondern legitimierte.

Der von Peter Uwe Hohendahl und Erhard Schütz herausgegebene Sammelband Perspektiven konservativen Denkens baut, wie die Herausgeber in einer gut orientierenden Einleitung erklären, auf den jüngeren Untersuchungen zum Konservatismus in der Nachkriegszeit auf. Er ist komparatistisch angelegt und führt die deutsche mit der amerikanischen Ideengeschichte ins Treffen. In seinem Zentrum steht die Frage, welche Veränderungen das konservative Denken in der Nachkriegszeit in beiden Staaten vollzog und welche wechselseitigen Einflüsse sich aus der Rücksicht erkennen lassen. Eine solche Forschungsperspektive lässt sich im Blick auf Deutschland sehr gut begründen, denn die kulturkonservativen Autoren überwanden damals Teile ihrer durch den Nationalsozialismus diskreditierten Weltsicht in Auseinandersetzung mit der amerikanischen Kultur. Diese Entwicklung ist besonders bemerkenswert, weil in den Denkmustern der ›Konservativen Revolution‹ die amerikanische ›Zivilisation‹ der deutschen ›Kultur‹ gegenübergestellt wurde – eine Unterscheidung, die über den ›Abendland‹-Begriff in der unmittelbaren Nachkriegszeit weiterhin anschlussfähig war.(2)

Einen Schwerpunkt des Bandes bilden sinnvollerweise dann auch Untersuchungen zu einzelnen Intellektuellen aus dem Umfeld der ›Konservativen Revolution‹ – etwa Carl Schmitt, Ernst Jünger oder Gottfried Benn –, von denen je zentrale Texte (Essays, Gedichte, Briefe, Monographien etc.) in detaillierten Analysen erschlossen werden. Während in diesen Untersuchungen das historische Interesse im Vordergrund steht, sind die Beiträge zur amerikanischen Ideengeschichte stärker von einem gegenwartsbezogenen Interesse bestimmt. Hohendahl und Jason Frank sehen sich offenbar durch die Dominanz neo-konservativer Positionen in der heutigen amerikanischen Politik – wie sie etwa von Carnes Lord und Harvey Mansfield vertreten werden – veranlasst, nach den Wurzeln dieser Einstellungen zu suchen. Sie finden sie in Leo Strauss‘ Kritik an der Moderne, die dieser im Rückgriff auf Carl Schmitt formulierte. In dieser Hinsicht ist das wichtigste komparatistische Ergebnis des Bandes, dass sich in den beiden Ländern eine gleichsam spiegelverkehrte Entwicklung vollzog. In Deutschland wurden die kulturkonservativen Positionen unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg zwar zunächst fortgeführt, waren aber letztlich nicht anschlussfähig, weil sie durch den Nationalsozialismus dauerhaft diskreditiert waren. In den USA hingegen können heutige amerikanische Neo-Konservative an jene Positionen anschließen, weil eine vergleichbare Problematisierung dort nicht stattgefunden hat. Indem der Band die problematische Herkunft dieser Denkmuster aufzeigt, stellt er sich ihnen zugleich geschickt entgegen.

Aus der Sicht eines Germanisten sind – neben den generellen geistes- und kulturgeschichtlichen Erhellungen – insbesondere Beiträge des Bandes von besonderem Interesse, die wenig bekannte oder sonst eher vernachlässigte Quellen für die Nachkriegsforschung erschließen. Manuel Köppen etwa stellt in seinem Beitrag »…wie das Gesetz es befahl«. Von den Erinnerungen deutscher Wehrmachtsgenerale zu Carl Schmitts »Theorie des Partisanen« Aussagen deutscher Generäle vor dem Kriegsverbrechertribunal, ihre Biografien, die in der Nachkriegszeit in großer Zahl erschienen, und Carl Schmitts Theorie des Partisanen nebeneinander. Köppen kann zeigen, dass diese Aussagen und Schriften um eine Entlastung der Generalität ringen. Das vermeintlich schlagende Argument, das damals angeführt wurde, ist eine »strikte Trennung des Militärischen und des Politischen« (S. 71). Erhard Schütz untersucht in seinem lehrreichen Aufsatz Erwachsene Deutsche, »Faust« in der Tasche. Konservative Journalisten und die US-Kultur nach 1945 am Beispiel von Paul Leverkuehn, Margret Boveri, Karl Korn, Friedrich Sieburg und Herbert von Borch, wie sich konservative Publizisten in der Nachkriegszeit neu positionierten. Er weist überzeugend nach, dass zwar viele der überkommenen Denkmuster bestehen blieben – so bei Karl Korn –, dass sich aber durchaus – wie bei Herbert von Borch – eine allmähliche »Akzeptanz demokratischer Prozeduren und eine zunehmende Abstinenz von Kritik massenkultureller Phänomene« abzeichnete (S. 100).

Steffen Martus erschließt in seinem Beitrag »Das mag dann auch zu einer Grenzwanderung führen« den Briefwechsel zwischen Ernst Jünger und Theodor Heuss. Dort tauschen sich zwei Konservative aus, deren Denken sich stark unterscheidet. Während Jünger für eine mythische Weltsicht steht – die sich etwa an seinem analogischen Denken zeigt – und deshalb »auch die Politik zum zeitlichen Epiphänomen« erklärt, ist Heuss’ Blick wirklichkeitsnäher auf konkrete »historische und soziale Verhältnisse« gerichtet (S. 161). Während Jünger auch in der Nachkriegszeit weiterhin für einen »radikalen Konservatismus« (S. 161) eintritt, macht Heuss sich für das Vertrauen in die Institutionen des demokratischen Staates stark und hält Jüngers kulturkonservativer Klage in einem Brief vom 23. November 1951 entgegen, »wie sinnenhaft und gegenwärtig auch im modernen, rationalisierten Betriebe die Dinge geblieben sind« (S. 153). Thomas Wegmann (»Ach, vergeblich das Fahren!« Gottfried Benns Ästhetik des Bleibens und einige konservative Allianzen im literarischen Feld) und Helmut Kiesel (Gottfried Benns Probleme mit dem »Herrn [Sedlmayr] von der Mitte«) zeigen auf, dass sich Gottfried Benns Denken in der Nachkriegszeit wandelte und von Widersprüchen bestimmt war. Wenn Wegmann Benn eine ›Ästhetik des Bleibens‹ attestiert, verweist er damit darauf, dass Benns Geschichtsbild gleichwohl mythisch geprägt war, dass Geschichte diesem als ›Wiederkehr des Gleichen‹ erschien.

In seinem Beitrag James Burnham und der deutsche Nachkriegskonservatismus untersucht Stephen Brockmann in erster Linie die zeitgenössische Rezeption von Burnhams Das Regime der Manager (deutsch 1948) – einem heute weitgehend in Vergessenheit geratenen Buch. Für die Konservativen der Nachkriegszeit war es indes, wie Brockmann zeigt, von größerer Bedeutung, denn es erlaubte die Fortführung wesentlicher konservativer Denkmuster, vor allem der Kapitalismuskritik. Der Anschluss an Burnhams Argumentation war für die Deutschen bequem, weil Burnham selbst an deutsche Autoren anschloss (Schmitt, Weber, Jünger, Spengler) und derart eine »amerikanische Alternative« anbot, »die anheimelnd europäisch klang« (S. 204). Der Umweg über die USA verhalf diesen alten Ideen so »wieder zu intellektueller Respektabilität« (S. 201), weil sie dadurch vom Schmutz des ›Dritten Reichs‹ reingewaschen schienen.

Die hier vorgestellten Beiträge weisen also allesamt nach, dass die Autoren der unmittelbaren Nachkriegszeit – auch wenn die Beiträger es nicht immer genauso nennen – zunächst an kulturkritische und mythische Denkmuster der ›Konservativen Revolution‹ anknüpften, diese aber allmählich und zuerst vereinzelt hinter sich ließen, weil sie die Fragen der neuen Lebenswelt mit ihnen nicht mehr beantworten konnten.

Damit regen die Beiträge schließlich grundsätzliche Fragen an. Wie Erhard Schütz zutreffend feststellt, ist für die unmittelbare Nachkriegszeit von einer »Allianz von links bis rechts« auszugehen (S. 104). Diese ›Allianz‹ beruht auf geteilten Überzeugungen. Beide Seiten beschreiben den Modernisierungsprozess kulturkritisch als einen Prozess der ›Vermassung‹ und ›Technisierung‹, der zur ›rationalistischen Zivilisation‹ geführt hat und damit – in der Logik des Denkmusters – auch zum Nationalsozialismus. Der positive Bezugspunkt dieser Kritik ist – nicht immer, aber sehr oft – eine mythische Weltsicht: Die Intellektuellen stehen der eigenen Vorstellung nach in unmittelbarer Verbindung zu einem transzendenten Wirklichkeitsbereich, den sie mit den Begriffen ›Geist‹ und ›Mythos‹ beschreiben.(3) Modernisierung erscheint ihnen zuallererst als Abkehr von einem Seinsverhältnis, in dem der Mensch mit dem Transzendenten, das sich in ›Natur‹ und ›Kultur‹ gleichermaßen zeigt, in voraussetzungslosem Einvernehmen stand. In dieser überzeitlichen und unabhängig vom erkennenden Subjekt existierenden Wirklichkeit bestehen ihrer Meinung nach universell gültige Normen und Werte. Weil sie dazu in Verbindung stehen, fühlen sie sich berufen, die Welt wahrhaftig zu deuten. Das begründet schließlich eine Vorstellung sozialer Hierarchie, wonach die ›Masse‹ von der ›Elite‹ geführt werden soll.

Die Beiträge des Sammelbandes belegen vielfach, dass diese Denkmuster auch die Texte Carl Schmitts, Eduard Sprangers, Gottfried Benns, Ernst Jüngers und Arnold Gehlens bestimmen. Weil teils gleiche, teils sehr ähnliche Denkmuster aber auch in Texten von Hans Werner Richter und Alfred Andersch, von Karl Jaspers und Hannah Arendt und schließlich auch von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno nachzuweisen sind, kann man begründet fragen: Sind diese Denkmuster mit dem Begriff ›konservativ‹ wirklich richtig bezeichnet? Und sind die politischen Kategorien tatsächlich der am besten geeignete Schlüssel, um die Ideengeschichte der Nachkriegszeit zu verstehen?

Björn Bühner M.A., Universität des Saarlandes, FR 4.1 – Germanistik, Postfach 15 11 50, D-66041 Saarbrücken; E-Mail: b.buehner@mx.uni-saarland.de

Anmerkungen:
1) Vgl. besonders Clemens Albrecht u.a., Die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik. Eine Wirkungsgeschichte der Frankfurter Schule. Frankfurt/M. 1999; Jens Hacke, Philosophie der Bürgerlichkeit. Die liberalkonservative Begründung der Bundesrepublik. Göttingen 2006. [zurück]
2) Vgl. Stefan Breuer, Anatomie der konservativen Revolution. Darmstadt 1993; Axel Schildt, Zwischen Abendland und Amerika. Studien zur westdeutschen Ideenlandschaft der 50er Jahre. München 1999. [zurück]
3)  Zur kulturkritischen Gegenwartsdiagnostik vgl. Anke-Marie Lohmeier, Aufklärung und Propaganda. Politische Konsensbildung in Literatur und Publizistik der frühen Nachkriegszeit in Westdeutschland. In: IASL 25 (2000) 2, S. 115–133. Zur mythischen Denkform in der Nachkriegszeit vgl. Volker C. Dörr, Mythomimesis. Mythische Geschichtsbilder in der westdeutschen (Erzähl-)Literatur der frühen Nachkriegszeit. Berlin 2004; Thorsten Wilhelmy, Legitimitätsstrategien der Mythosrezeption. Thomas Mann, Christa Wolf, John Barth, Christoph Ransmayr, John Banville. Würzburg 2004. [zurück]