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In: KulturPoetik 2012, Heft 2

Autor

Sascha Kiefer

Titel

Zuhause in der Neuen Sachlichkeit
Ines Lauffer, Poetik des Privatraums. Der architektonische Wohndiskurs in den Romanen der Neuen Sachlichkeit. Bielefeld: transcript 2011. 352 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Kontur gewinnen literarische Figuren erst, wenn man sie in Räumen denkt. In welche Umwelt ein Individuum gestellt wird, wie es auf diese reagiert, sie beurteilt und gegebenenfalls gestaltet, trägt erheblich zu seiner Identitätskonstruktion bei, und es liegt in der Logik des kulturwissen­schaftlichen spatial turns, dass die vielfältigen Möglichkeiten der Raumsemantik in den letzten Jahren immer stärkere Beachtung finden.
Bezogen auf die Literatur der klassischen Moderne wurde dabei bisher vor allem der Ein­fluss der großstädtischen Außenwelt betont. Der Flaneur der Jahrhundertwende oder das von Fragmentierung bedrohte Subjekt des Expressionismus entwickeln neue Wahrnehmungsstrate­gien, um sich angesichts der Reizüberflutung in der urbanen Massengesellschaft zu behaupten. Wenn Ines Lauffer in ihrer Tübinger Dissertation eine Verknüpfung herstellt zwischen archi­tektonischem Wohndiskurs und neusachlichem Subjektentwurf, kann sie die ältere Forschung schlüssig ergänzen. Im verstärkten Rekurs auf den privaten Innenraum manifestiert sich Lauffer zufolge nicht nur der Übergang vom Expressionismus zur Neuen Sachlichkeit, sondern auch die grundsätzliche Doppelwertigkeit der literarischen Großstadterfahrung, in der Subjektivität und Identität immer zugleich unterminiert und modelliert werden: Denn »Moderne bedeutet in den 20er Jahren […] nicht nur emphatische Bejahung von Stadt und Straße, sondern auch deren Stillstellung und Ausgrenzung« (S. 78) im privaten Wohnraum. Bei diesem wiederum handelt es sich zunehmend nicht mehr um das ›traute‹ Familienheim, sondern um einen »individuellen Ort für Einzelpersonen, um eine Identitätszelle« (S. 41). In den Romanen der Neuen Sachlich­keit erkennt Lauffer signifikante Analogien zwischen »Wohnraum und Identität, Wohnkörper und menschliche[m] Körper« (S. 21), und verfolgt die »performative Neukonstitution des Sub­jekts im Wohnen und Schreiben« (S. 17).

Ein wichtiger Bezugspunkt sind dabei die architekturtheoretischen Texte beispielsweise von Le Corbusier, Bruno Taut, Adolf Loos oder Sigfried Giedion. Diese lassen sich überzeugend verknüpfen mit frühen kulturwissenschaftlichen Konzepten wie etwa Michail Bachtins seit 1937 entwickelter Theorie vom Chronotopos. Zeit und Raum werden (dem mathematisch-naturwis­senschaftlichen Erkenntnisstand entsprechend) immer weniger als voneinander unabhängige Größen gedacht. Die Simultaneität als zentrale zeitliche Erfahrung der Moderne gewinnt ihren räumlichen Ausdruck zum Beispiel in der Bauhaus-Architektur, die keine bestimmte Frontalan­sicht mehr zulässt, sondern durch Perforation, Transparenz und beständige Durchdringung hori­zontaler und vertikaler Ebenen eine raumzeitliche Konzeption realisiert. So werden Räume und Häuser zu materialisierter Geschichte und nicht zuletzt »zu Objekten, an denen sich die Kontur und Konstruktion ihrer Bewohner ablesen lässt« (S. 57). Die Zeit verdichtet sich im Raum (und wird dadurch überhaupt erst sichtbar), während der Raum an Intensität gewinnt und in die Be­wegung der Zeit hineingezogen wird. Damit ist auch der literarisch gestaltete Privatraum als Chronotopos im Sinne Bachtins zu fassen.

An der breiten Bekanntheit wichtiger architekturtheoretischer Reflexionen in den 1920er Jahren kann kein Zweifel bestehen; das allgemeine Leserinteresse an Architektur, Raumkunst, Städtebau und Wohnungswesen stieg derart an, dass sich ein eigenes Genre der ›Architektur­publizistik‹ etablierte (vgl. S. 98). Implizit oder explizit schwang in der emphatischen Forde­rung nach einem ›Neuen Bauen‹ das Postulat eines ›Neuen Menschen‹ bzw. eines ›Neuen Be­wohners‹ mit (ein utopischer Überschwang, der diesen Diskurs oft mehr mit dem Expressionis­mus zu verbinden scheint als mit der Neuen Sachlichkeit). Dass viele der hochfliegenden Pläne aus Architekturbüchern, Essays und Manifesten nie realisiert wurden, tat der diskursprägenden Kraft dieser Visionen keinen Abbruch; und ebenso wenig müssen die Protagonisten neusachli­cher Romane tatsächlich in Häusern oder Räumen leben, die den Leitlinien des Neuen Bauens entsprächen, um in ihren Wahrnehmungen und Wünschen bezüglich ihres Wohnumfelds ent­scheidend vom zeitgenössischen Architekturdiskurs beeinflusst zu sein.

Sechs Romane hat Ines Lauffer ausgewählt, um den Zusammenhang zwischen architektoni­schem Wohndiskurs und Neuer Sachlichkeit zu profilieren. Abgesehen von Joseph Roths Hotel Savoy (1924) und Siegfried Kracauers Ginster (1928) gehören sie allesamt der Spätphase der Neuen Sachlichkeit an; mit Gabriele Tergits Käsebier erobert den Kurfürstendamm (1931), Irmgard Keuns Gilgi – eine von uns (1931), Martin Kessels Herrn Brechers Fiasko (1932) und Hans Falladas Kleiner Mann – was nun? (1932) werden vier typische Angestelltenromane prä­sentiert. Zur Begründung dieser Auswahl dient der Hinweis, »nur solche Romane in den [!] Textcorpus aufzunehmen, die das Problem der ›Behausung‹ auf der Ebene des discours weiter­führen« (S. 71). Gemeint ist damit, dass die Texte nicht nur auf der Inhaltsebene von Wohnen und Privatheit handeln, sondern in ›Schreibverfahren der Nähe‹ versuchen, »dem Protagonisten auf den Leib [zu] rücken« (S. 20), so dass sich aus der Zentralstellung des Innenlebens und einer durch entsprechende Erzähltechniken möglichst gering gehaltenen Distanz zwischen Protagonist und Erzähler eine strukturelle Entsprechung zum Wohnen und damit eine ›Poetik des Privat­raums‹ ergibt.

Diese Begründung rekurriert zwar auf ein zentrales Merkmal neusachlicher Prosatexte, bietet aber in der alleinigen Fokussierung auf den Wohndiskurs eine monokausale Erklärung an, die so nicht völlig überzeugt – und bleibt im Verweis auf die ›Schreibverfahren der Nähe‹ derart vage, dass sich etwa Kästners Fabian oder Keuns Das kunstseidene Mädchen mit den gleichen Argu­menten zur Untersuchung angeboten hätten. Ohnehin wäre es im Hinblick auf das spezifische Erkenntnisinteresse vielleicht adäquater gewesen, den Stoff systematisch zu organisieren, zum Beispiel nach einer Typologie der Wohnungen oder der Bewohner, statt jedem der Romane ein eigenes Kapitel zu widmen; mit der Orientierung an den Einzeltexten steigt offensichtlich die Versuchung, in jedem Kapitel neue Analysekategorien der heterogenen kulturwissenschaftli­chen Raum- und Identitätsforschung ins Spiel zu bringen, wodurch theoretische Stringenz eher verhindert wird.

Dennoch können die Ergebnisse der Einzelanalysen beeindrucken. Tergits literarisches De­büt über den fiktiven Berliner Volkssänger Käsebier erscheint als Zeit- und Medienroman, in dem auch ausführlich vom Wohnen die Rede ist, ja in dem die Wohndebatte (in Analogie zur zeitgenössi­schen Architekturpublizistik) alle Informationen über die von den Figuren bewohnten Privaträume überlagert. Kracauers Protagonist Ginster hat schon von Berufs wegen einen Bezug zum Wohndiskurs: Wie sein Au­tor ist er Architekt und nimmt als solcher Stellung zu überlebter wie zu zeitgemäßer Baukunst. Seine gesamte Perzeption ist von der Dominanz des Räumlichen derart durchdrungen, dass er sogar seine Mitmenschen bevorzugt in geometrischen oder architektonischen Metaphern wahrnimmt, sie als Rechtecke, Hohlkörper, Stuben, Festungen oder Fassaden kategorisiert. In keinem ande­ren der besprochenen Texte wird die literarische Sprache derart stark und individuell durch den Raumdiskurs beeinflusst. Eher surreal wirkt hingegen das überdimensionierte polnische Hotel Savoy in Joseph Roths gleichnamigem Roman; in der mystifizierenden, mitunter dämonisierenden Schil­derung der Innenräume, der einzelnen Etagen und ihrer jeweils eigenen Bewohner ist sicher die Grenze dessen erreicht, was sinnvoll als Neue Sachlichkeit gefasst werden kann, und es scheint durchaus fraglich, ob sich dieses unheimliche Bauwerk wirklich überzeugend mit dem modernen Hygie­nediskurs oder der architektonischen »Figur des Hohlraums« (S. 181) kurzschließen lässt.
Irm­gard Keuns Protagonistin Gilgi sieht sich mit nicht weniger als drei Mutterfiguren konfrontiert, die jeweils mit unterschiedlichen Räumlichkeiten (und Milieus) assoziiert sind: Ihre langjährige Adoptivmutter pflegt kleinbürgerliche Gemütlichkeit mit Plüschsofa und Spachtelstickerei; die Frau, von der sie kurze Zeit annehmen muss, es handele sich um ihre leibliche Mutter, lebt in einem heruntergekommenen, proletarischen Mietblock; und ihre tatsächliche biologische Mutter residiert im großbürgerlichen Luxuskabinett – so »gruppieren sich die biographisch verankerten Privaträume […] zu einem Querschnitt durch das häusliche Innenleben der Drei-Klassen-Ge­sellschaft« (S. 205). Gilgi selbst wiederum findet ihre Identität am ehesten außerhalb des elterlichen Domizils, in ihrem sachlich-kühl eingerichteten Mansardenzimmer, das sie auch dann nicht aufgibt, als sie eine gemein­same Wohnung mit dem Flaneur Martin bezieht; die Abgrenzung von den Mutterfiguren (wie auch von den Männern) findet ganz wesentlich über den Wohndiskurs statt. In Martin Kessels Roman Herrn Brechers Fiasko schließlich tauchen dann tatsächlich Räume des Neuen Wohnens auf, vom ›halben Zimmer‹ bis zur großen Atelierwohnung mit »küchenartige[m] Laboratorium« (zit. n. S. 260), Räume, die auch für eine »Dynamisierung des Wohnens« (S. 265) in der modernen Großstadt stehen. Als Ausdruck einer traditionalistischen Moderne dagegen wird Falladas Klei­ner Mann – was nun? gelesen und an den Schluss der Arbeit gestellt. Wohnungssorgen treiben die kleine Familie Pinneberg von Anfang an um, vier Mal wechselt sie allein in den zwei Jahren der erzählten Zeit ihre Unterkunft, um sich in der Laube am östlichen Stadtrand erstmals wirk­lich zuhause zu fühlen; denn erst hier, in der ärmlichen Idylle, findet sie ihre Sehnsucht nach Privatheit erfüllt (auch wenn sich die Hoffnung auf eine solide bürgerliche Existenz als Illusion erwiesen hat).

Zusammenfassend bleibt jedenfalls festzuhalten: Wer dem neusachlichen Subjekt begegnen will, der sollte es nicht mehr nur auf den Straßen der Großstadt aufsuchen, sondern auch in seinem ›Identitätsgehäuse‹, seiner Wohnung, seinem Zuhause – in privaten Innenräu­men also, die zu betreten uns die neusachlichen Romane in vielfältiger Weise einladen. 

PD Dr. Sascha Kiefer, Universität des Saarlandes, FR 4.1 – Germanistik, Postfach 15 11 50, D-66041 Saarbrücken; E-Mail: sascha.kiefer@mx.uni-saarland.de