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In: KulturPoetik 2012, Heft 2

Autor

Kathleen Hildebrand

Titel

Gewissensdonner und Schamesröte
Claudia Benthien, Tribunal der Blicke. Kulturtheorien von Scham und Schuld und die Tragödie um 1800. Köln, Weimar und Wien: Böhlau 2011. 267 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Sowohl die klassischen als auch später entstandenen Tragödien sind in der Forschung bisher extensiv auf die Kategorie der Schuld hin untersucht worden. Paradigmatisch war darin stets das Konzept der nicht aktiv verursachten, aber doch existenten Schuld von Sophokles’ Ödipus. Die Hamburger Kultur- und Literaturwissenschaftlerin Claudia Benthien stellt diesen Untersuchungen mit ihrem Band Tribunal der Blicke nun eine höchst einleuchtende Auseinandersetzung mit der verwandten, aber doch entscheidend anders gelagerten Kategorie der Scham zur Seite. Benthien zieht aktuelle Kulturtheorien heran, um diese Forschungslücke zu füllen und vier einschlägige Tragödien aus der Epoche um 1800 neu zu interpretieren: Schillers Die Jungfrau von Orleans und Die Braut von Messina, sowie Penthesilea und Die Familie Schroffenstein von Kleist.

Scham gilt der Psychoanalyse und verschiedenen Kulturtheorien der Schuld gegenüber als ›unreiferer‹ Affekt, als selbstverhaftet und somit nur als Vorstufe zur Schuld, die sich identifikatorisch auf den Anderen bezieht. Die Beschädigung aber, die Scham für das Subjekt bedeutet, ist global und existenzieller, da sie durch keine Form von Buße aufgelöst werden kann. Mit Scham wird affektiv auf Passivität und Versagen reagiert, Schuld begleitet die aktive Übertretung eines Gebots. Für die Gattung der Tragödie, die sich um 1800 mit dem aufklärerischen Konzept der Subjektautonomie auseinander setzt, ist sie elementar, denn Scham besteht einerseits im Gefühl des Scheiterns am eigenen Ich-Ideal, ist zugleich aber auch positiv lesbar als Gewinnung der »Fähigkeit zur Selbstobjektivierung«(1) und Selbstreflexivität: »Scham wird als Zustand verstanden, in dem das Individuum das Bruchverhältnis zwischen unreflektiertem und reflektiertem Ich spürt« (S. 228).
Kulturanthropologisch wird seit Mitte des 20. Jahrhunderts zwischen Scham- und Schuldkulturen unterschieden. Während eine Schuld gebüßt und somit abgetragen werden kann, ist Scham irreversibel. Schuld betrifft nur die moralisch fehlerhafte Handlung, Scham hingegen die ganze Person. Als Schamkulturen gelten ostasiatische und arabische Kulturen, die alttestamentarische Kultur, sowie die der homerischen Epen. In der Entstehungszeit der attischen Tragödie hatte sich jedoch im antiken Griechenland eine frühe Form jener Schuldkultur etabliert, die auch die neuzeitlich-christliche Welt prägt.

Dramentheoretisch interessant ist Benthiens Unterscheidung zwischen dem auditiven Charakter der Schuld und dem visuellen der Scham, die beide Affekte in das Konzept der Theatralität einbindet. In den untersuchten Tragödien ist zu beobachten, dass Schuld vor allem über den Hörsinn verhandelt wird, etwa durch Donnergrollen in der Jungfrau von Orleans. Zudem findet das Konzept der Schuld, das auf einer Aufspaltung des Selbst in richtende und gerichtete Instanz beruht, seine theatrale Form im Medium des dialogisierten Monologs: »Schuldgefühle entstehen nicht in der Konfrontation mit anderen, sondern im Selbst, das sich in eine schuldige und eine beschuldigende Instanz dialogisch aufspaltet« (S. 37).

In der Scham hingegen werden die Blicke eines missbilligenden Publikums affektiv-leiblich erfahren und folglich durch körperlich sichtbare Zeichen wie das Erröten dargestellt. Die Anti-Theatralität dieses Affekts besteht darin, dass die Scham gerade den Entzug der als beschämend empfundenen Sichtbarkeit wünscht: So verhüllen sich etwa die beiden Väter am Schluss von Die Familie Schroffenstein, als sie sich über den Leichnamen ihrer von eigener Hand getöteten Kinder versöhnen, und Penthesilea wird von ihrem Amazonenheer ein Schleier gereicht, nachdem sie im Wahn Achill zerfleischt hat.

Aus der Psychologie zieht Benthien die Beschreibung von ›Scham-Schuld-Zyklen‹, die die beiden Kategorien in ihrer Interrelationalität erkennbar macht: Um das Schamgefühl abzuwehren, wird, so die Theorie, mit einer aggressiven, Schuld auslösenden Handlung reagiert, welche wiederum Scham hervorruft. In der Braut von Messina, Die Familie Schroffenstein wie in Penthesilea morden die Figuren, weil sie existenziell gekränkt wurden. Dieser Mord wiederum führt zu erneuter, noch größerer Scham. Solche Affektübergänge von Scham zu Schuld finden sich in allen vier untersuchten Tragödien.

Auffällig ist, dass die Sujets aller vier Tragödien, die im Zentrum von Benthiens Untersuchung stehen, nicht in der Gegenwart ihrer Autoren, sondern in der Vergangenheit des Mittelalters und der Antike angesiedelt sind. Sie spielen in Gesellschaftsordnungen, die als Schamkulturen gelten und so im Gegensatz zur neuzeitlich-christlichen Schuldkultur stehen. Dadurch können, so Benthien, Affekte von einer archaischen Wucht dargestellt werden, die in einem zeitgenössischen Setting als anachronistisch empfunden worden wären. Zudem zeigt der historische Kontrast, wie fragil die ›moderne‹ Schuldkultur ist und wie durchwirkt von ›archaischen‹ Kulturresten.

Schamauslöser sind in den untersuchten Tragödien eine Kränkung der Familienehre, etwa durch den angeblichen Kindsmord in Kleists Familie Schroffenstein, erotische Zurückweisung wie in Penthesilea und Die Braut von Messina oder durch die Übertretung eines selbst auferlegten Gebots, wie es Schillers Jungfrau von Orleans widerfährt, die sich nicht von »Männerliebe« berühren lassen darf. An den Gründen für die Scham macht Benthien den Genderaspekt ihrer Analyseergebnisse deutlich: Während männliche Unbeschämtheit an kriegerische Potenz, etwa an die Fähigkeit, die eigene Familie zu schützen, gebunden ist, hängt die weibliche eher von körperlicher und moralischer Unschuld ab.

Schillers viel zitierter »Zwiespalt von Pflicht und Neigung«, der ihm als grundlegend für das Konzept der Tragödie gilt, wird von seiner Johanna im Sinne von Klassik und Idealismus zu Gunsten der Pflicht entschieden. Kleist hingegen hinterfragt Schillers Leidenspathos kritisch mit Penthesilea, jenem Stück, das Benthien überzeugend als Spiegelbild zur Jungfrau von Orleans liest. Penthesileas Ausweg aus ihrem tragischen Konflikt zwischen Neigung und Pflicht ist ihr rauschhafter Mord an Achill: eine Übererfüllung ihrer gesellschaftlich vorgegebenen Rolle als Amazonenkönigin. Sie entscheidet sich damit vordergründig ›idealistisch‹ gegen ihr persönliches Glück, doch diese Tat offenbart nur die Widernatürlichkeit, nicht die Sittlichkeit des Amazonengesetzes, das Liebe und ›Weiblichkeit‹ unterdrückt. Aus Genderperspektive überzeugt Benthiens Spiegelthese ebenfalls:

Auch die Abweichung von der je als ›natürlich‹ geltenden Geschlechterordnung ist komplementär: Bei Schiller erfolgt sie im Sinne des Ideals – als Entsexualisierung und Unterdrückung –, bei Kleist erfolgt sie im Sinne der Destruktion – als Hypersexualisierung und Exzess. Sein Werk erscheint als Kontrafaktur des früheren, als dialogische Teilhabe und tropische Überbietung zugleich. (S. 196 f.)

Am Schluss des Stücks begeht Penthesilea ›mentalen‹ Suizid, indem sie ihre Scham rückhaltlos annimmt. Sie steigt, so Kleists Text, in ihren »Busen nieder / Gleich einem Schacht«(2) und stirbt an dieser Versenkung in die eigene Scham, jenes »vernichtende[...] Gefühl«. In Claudia Benthiens überzeugender Deutung ist dies als anti-idealistische Wendung Kleists zu verstehen, mit der zugleich die Unterwerfung von Schillers Johanna unter das kantische Sittengesetz dekonstruiert wird.

In ihrem durchweg hochinteressanten Band fasst Claudia Benthien umfassend die zum größten Teil sehr junge kulturwissenschaftliche Forschung zum Affekt der Scham zusammen. Sie kommt gerade deshalb zu überraschenden und sehr plausiblen Neuinterpretationen der vier Dramentexte, weil sie ihre theoretischen Ansätze aus der Gegenwart und nicht allein aus den Tragödientheorien der Zeit um 1800 bezieht. Die untersuchten Tragödien werden so lesbar als Verhandlung über und als Hadern mit einer modernen und selbstreflexiven Auffassung von Subjektivität, die sich in jener Epoche herausbildete.

Kathleen Hildebrand, M.A., Eberhard Karls Universität Tübingen, Deutsches Seminar, Wilhelmstr. 50, D-72070 Tübingen; E-Mail: kathleenhildebrand@web.de


Anmerkungen
1) Günther H. Seidler, Der Blick des Anderen. Eine Analyse der Scham. 2. Aufl. Stuttgart 2001, S. 172. Zit. n. dem besprochenen Band, S. 96. [zurück]
2) Heinrich von Kleist, Penthesilea. Ein Trauerspiel. V. 3025f. In: Ders., Sämtliche Werke und Briefe 1. Hg. v. Helmut Sembdner. 7. Aufl. München 1987, S. 321-428. Zit. n. dem bespr. Band, S. 220. [zurück]