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In: KulturPoetik 2012, Heft 1

Autor

Stefanie Luther

Titel

Die Entdeckung der narrativen Empathie
Fritz Breithaupt, Kulturen der Empathie. Frankfurt/M.: Suhrkamp Verlag 2009. 204 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Das Feld der kognitiv gefärbten Literaturtheorie gewinnt gegenwärtig rasant an Popularität. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, auf welche Weise der menschliche kognitive und emotionale Apparat die Rezeption und Produktion fiktionaler Literatur bedingt. Das wachsende Forschungsinteresse tritt zunehmend auch in den deutschsprachigen Wissenschaftsraum über. Der Begriff der Empathie ist dabei eines der meistdiskutierten Phänomene und unterliegt gleichzeitig einer unvermeidlichen definitorischen Heterogenität. Fritz Breithaupt stellt sich mit Kulturen der Empathie der Herausforderung, eine neue Definition zu entwickeln, die zugleich in der Lage ist, bereits bestehende Ansätze in sich aufzunehmen. Dabei soll durch eine Synthese und Mikro-Strukturanalyse der ursprünglichen Paradigmen ein neues Modell entstehen. Um das zu erreichen, wählt Breithaupt seinen Ausgangspunkt in einem weiteren, vor allem im Rahmen der zeitgenössischen Literaturphilosophie scharf diskutierten Konzept: bei Narrativitätstheorien, die den Menschen als narratives Wesen ex vi termini postulieren. Geschichtenerzählen gilt hier als zentrale Bedingung für das Mensch- bzw. Person-Sein und Narrativität somit als Grundstruktur des menschlichen Denkens und Handelns(1). Gemäß diesem Prinzip entspricht auch das menschliche empathische Fühlen diesen basalen narrativen Strukturen.

Um diese Hypothese darzustellen, folgt Breithaupts Buch einem durchaus klassischen Aufbau: Die ersten drei Kapitel präsentieren drei der prominentesten bestehenden Ansätze zur Bestimmung von Empathie. Aus der Synthese dieses einführenden Teils, der immerhin die Hälfte des Buches ausmacht, soll das neue Modell der Narrativen Empathie entstehen.
Breithaupts Argumentation beginnt mit einer kurzen Vorstellung seiner These, die wiederum von der Entdeckung eines Problems ausgeht, des, wie er es nennt, empathischen Lärms bzw. Rauschens (S. 8). Dieses entstünde, wenn unsere angeborenen Fähigkeiten der Perspektivübernahme und Mimikry gegenüber einer beobachteten Person nicht durch eine spezifische Instanz gedrosselt oder gar blockiert würden. Auf die Frage, wie eine solche Kanalisierung unserer Empathie aussehen und vonstattengehen könnte, formuliert er als Antwort: Wir verstehen andere Menschen (und uns selbst), »indem wir sie in kleine gedankliche Erzählungen verwickeln« (S. 10). Narration ist dabei die einzige Form, in der Empathie zugelassen werden kann, da die auf den Menschen wirkenden Eindrücke hier durch narrative Merkmale, zum Beispiel Verzeitlichung und Kausalisierung, in einer kognitiv verarbeitbaren Weise gefiltert und aufbereitet werden.

An dieser Stelle unterbricht Breithaupt seine Darstellung, um etwas weiter ausholen zu können und um die drei bestehenden Konzepte zur Erklärung von Empathie ausführlich zu diskutieren. Seine kurze Liste umfasst das Paradigma der Ähnlichkeit, verschiedene Konstruktionsmodelle der Empathie und die durch Gewalt erzwungene Empathie, zum Beispiel im Falle des Stockholm-Syndroms. Die hier getroffene Auswahl ist gewiss aus Sicht anderer Disziplinen - wie den Kognitions- und Sozialwissenschaften - unvollständig, dient jedoch funktional dazu, die Eigenschaften von Empathie herauszuarbeiten, die später in Breithaupts eigenen Modell der narrativen Empathie die Säulen des neuen Begriffs darstellen.

Das Paradigma der Ähnlichkeit unterstellt zunächst, dass Empathie ohne eine gewisse Ähnlichkeit zwischen dem Beobachter und dem Beobachteten wohl nicht stattfinden könnte. Indem wir annehmen, unser Gegenüber funktioniere so ähnlich wie wir selbst und erlebe seine Umwelt dementsprechend in einer uns zugänglichen Art und Weise, können wir uns in ihn hineinversetzen und mit ihm mitfühlen. Dabei ist es genau genommen unmöglich, ein vollkommenes Verständnis zu erzielen, da eine totale Identifikation zwischen zwei Individuen per definitionem ausgeschlossen ist(2). Breithaupt zeigt an dieser Stelle, dass es durch Phänomene wie emotionale Ansteckung und den False Consensus Effect im menschlichen Alltag häufig zu einer subjektiven Überschätzung dieser Ähnlichkeit kommt. Die Verantwortlichkeit für diese Tendenz zur Projektion liegt unter anderem bei den sogenannten Spiegelneuronen, die Forscher zunächst bei unseren evolutionären Vorgängern und später auch beim Menschen selbst identifizieren konnten. Um den Effekt ihrer unmittelbaren Funktionsweise kontrollieren zu können, so Breithaupts Hypothese, agiere das Ich als übergeordnete Instanz. Es diene zur Generierung von Nicht-Ähnlichkeit und Identität und könne somit der subjektiven Verallgemeinerung Einhalt gebieten. Als Fazit hält Breithaupt fest, dass Projektion zwar eine grundlegende Voraussetzung für Empathie ist, letztere jedoch ohne eine Instanz der Steuerung und Kontrolle nicht zustande käme.

Mit dem zweiten Paradigma begibt sich Breithaupt auf kognitionswissenschaftliches Terrain. Problematisch erscheint in diesem Abschnitt die regelmäßige Gleichsetzung der beiden Konzepte Empathie und Theory of Mind, die sich einzig dadurch rechtfertigen lässt, dass Breithaupt von Beginn an von einem weiten Empathiebegriff ausgehend argumentiert. Unter der Kategorie Kulturen der Konstruktion fasst er die beiden konkurrierenden Konzepte der Theory of Mind-Forschung, die Simulationstheorie und den Theorieansatz, zusammen und stellt sie einander gegenüber. Hier betont er vor allem die konstruktivistischen Eigenschaften der Empathie. Allen Arten dieser Empathieform sei gemein, so folgert Breithaupt, dass »wir andere in ihren Emotionen, ihrem Denken und Planen insofern verstehen, als wir ihre ›inneren‹ Gegebenheiten (Stimmungen, Emotionen, Meinungen, Wissen, Tendenzen) in eine temporale Sequenz übersetzen« (S. 88). Diese Temporalität wird Breithaupt zu einem späteren Zeitpunkt als eine der grundlegenden Gemeinsamkeiten zwischen Narrativität und Empathie postulieren.

Das dritte und letzte von Breithaupt diskutierte Paradigma spiegelt einen medizinischen Teil des Empathie-Diskurses wider, den über das Stockholm-Syndrom. Die bereits durch die Forschung hinreichend begründeten Merkmale dieser Pathologie ergänzt er durch ein weiteres, das für seine nachfolgende Argumentation im Sinne einer narrativen Empathie von Bedeutung ist. Hierbei betont er die Zentralität der mehr oder weniger offensichtlichen Dreier-Konstellation der Beteiligten in einschlägigen Situationen. Eine solche prototypische Konstellation involviert in der Regel einen oder mehrere Geiselnehmer, die Geisel(n) und eine Institution, die von außen versucht, das Geschehen zu unterbinden, wie beispielsweise die Polizei. Die Macht der Behörde erscheint dabei sowohl gegenüber der Geisel als auch dem Geiselnehmer übermächtig, was wiederum die Ursache dafür darstellt, dass sich Empathie seitens der Geisel in Richtung des Geiselnehmers entwickelt. Diese trigonometrische Grundstruktur ist laut Breithaupt essentiell für das Entstehen einer empathischen Beziehung.

Aus diesen Eckpfeilern generiert Breithaupt in Anlehnung an narrativistische Theorien die Hypothese, Empathie verhalte sich in ihren Grundmustern narrativen Texten vergleichbar. Die Mikrostrukturen eines solchen Erzähltextes lenken das Leseverhalten in einer Weise, die den Rezipienten bspw. dazu zwingen, sich für die Perspektive eines fiktionalen Charakters zu entscheiden und die fiktionale Welt aus dessen Blickwinkel zu betrachten. Die Empathie des Lesers wird auf diesem Weg ausschließlich auf diesen Charakter ausgerichtet. Die recht ausführliche Liste der tertia comparationis, die Breithaupt zur Untermauerung des Vergleichs zwischen Empathie und Narrativität ins Feld führt, wird von ihm tabellarisch und damit übersichtlich dargestellt. Sie umfasst neben der erzwungenen Empathie ebenfalls die oben schon erwähnte Kausalisierung und Chronologisierung, die beiden Phänomenen zu Grunde liegt.

Das Fazit dieser Analyse lautet, dass Narration und Parteinahme in Dreierszenen (also Empathie) sich gegenseitig bedingen. Der Leser übernimmt die Perspektive eines ausgewählten Charakters, der sich dadurch zu einem »Resonanzkörper des Erlebens« (S. 171) verdichtet. Implizite Textstrukturen lenken dabei das Verhalten des Lesers und bedingen die Wahl der Perspektivübernahme – ein Phänomen, das in der literaturwissenschaftlichen Erzähltheorie unter dem gängigen Begriff der Fokalisierung gehandelt wird. Dies ist eine ungewöhnliche und im Kern nicht uninteressante These. Diejenigen Kapitel, die sich zusammenfassend auf schon bestehende Forschungsergebnisse beziehen und als Fundament dieses neuen Modells herangezogen werden, sind informierend und gut verständlich geschrieben. Der mystifizierende Sprachstil und die Kürze der zentralen Stellen des Textes, vor allem der originellen Abschnitte, erschweren jedoch den Nachvollzug der Darstellungen. Ein fundamentales Modell wie das der narrativen Empathie zu entwickeln und es kompakt und anschaulich zu präsentieren, ist zweifelsohne ein ambitioniertes Vorhaben. Trotz der klaren Grundgliederung des Buches, die Breithaupt immer wieder erläutert, leiden die Ausführungen jedoch unter dem teilweise schwierigen Duktus des Autors.

Breithaupt leistet mit seinem Buch einen wichtigen Beitrag zum rasch wachsenden Diskurs kognitiver Literaturtheorie, dem eine breite Wirkung aber möglicherweise aus zwei Gründen verwehrt bleiben wird: Sowohl die schwierige Diktion des Werkes als auch der sehr weit und allgemein definierte Empathiebegriff erschweren die Nachvollziehbarkeit und schwächen die Aussagekraft seiner Thesen. Auf der anderen Seite darf Breithaupts Modell zukünftig innerhalb der Diskussion um die wechselseitige Bedeutung empathischen Einfühlens und narrativer Texte freilich nicht übersehen werden.

Stefanie Luther, M.A., Georg-August Universität Göttingen, Seminar für deutsche Philologie, Jacob-Grimm-Haus, Käte-Hamburger-Weg 3, D-37073 Göttingen; E-Mail: stefanieluther@aol.com


Anmerkungen

(1) Vgl. Tim Henning, Person sein und Geschichten erzählen. Eine Studie über personale Autonomie und narrative Gründe. Berlin u.a. 2009. [zurueck]

(2) Vgl. Thomas Nagel, What Is It Like to Be A Bat? In: Philosophical Review 83 (1974) 4, S. 435-450. [zurueck]