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In: KulturPoetik 2012, Heft 1

Autor

Stefan Hajduk

Titel

Stimmungsorientiertes Lesen und seine verdeckte Theorie
Hans Ulrich Gumbrecht, Stimmungen lesen. Über eine verdeckte Wirklichkeit der Literatur. München: Carl Hanser 2011. 181 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Der Vagheit, Ungerichtetheit und Offenheit des ephemeren Phänomens entsprechend signalisiert derjenige, der von Stimmung spricht, dass es ihm auf eine Konkretisierung des Gesagten, den Aufweis von Objektbezügen oder die Präzisierung des Gemeinten gerade nicht ankommt. Jedenfalls scheint dies der Normalfall zu sein, wenn persönliche Befindlichkeiten, der Wechsel der Jahreszeiten, die letzten Meetings besprochen oder der Zustand einer Gruppe, eines Landes oder einer Zeit diagnostiziert werden. Auch wer Politikbeobachter, Marktakteure oder Partygänger das Wort Stimmung gebrauchen hört, der weiß, dass da etwas gemeint ist, was durchaus reell oder sogar mächtig sein kann, aber nichtsdestoweniger unwägbar ist und kaum zu klären sein wird. Wenn hingegen die neueste Monographie eines international bekannten Romanisten Stimmungen im Titel führt, dann erwartet man sich näheren Aufschluss zumindest über die Bedeutung und Funktion von Stimmungen in einem gewichtigen Teil des Feldes der Literatur oder doch für dessen kritische Bearbeitung.

Dies gilt umso mehr, als dass in dieser Hinsicht dem Stimmungsphänomen seit einigen Jahren zunehmende Aufmerksamkeit zukommt und diese von dem in Stanford lehrenden Hans Ulrich Gumbrecht beständig mitgefördert worden ist. Durch eine eigens dessen Gedanken zum Stimmungsthema gewidmete Reihe in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wurde einem außerakademischen Publikum etwas von dem Reiz und der Relevanz vermittelt, welche Stimmungen für die Produktion, Rezeption und Besprechung von ›schöner Literatur‹ haben können.Denn in der geisteswissenschaftlichen Forschung und Lehre der letzten fünfzig Jahre wurde die Stimmung nach und nach aus dem Bereich theoriefähiger oder auch nur diskurswürdiger Gegenstände ausgeschieden. Ausgerechnet mit einem den historischen Tiefpunkt von Stimmung als ästhetischem Begriff festschreibenden Aufsatz des ebenfalls in den USA lehrenden Germanisten David Wellbery(1) setzte ihr Wiederaufstieg zu einer Reflexionskategorie im akademischen Diskurs über Literatur, Kunst und Musik ein. Nicht also die Prognose einer wahrscheinlich anhaltenden Bedeutungslosigkeit des Stimmungsbegriffes ist eingetroffen, sondern – mit hervorgerufen durch den von Gumbrecht zu Recht gepriesenen Beitrag Wellberys – das Gegenteil: die interdisziplinär ambitionierte Neuthematisierung von Stimmung, eine sorgfältig differenzierende Behandlung auf internationalen und eine nicht abreißende Folge von Publikationen zu Poetiken und Ästhetiken der Stimmung unter Anknüpfung an die Philosophie und Phänomenologie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Erst vor diesem Hintergrund wird verständlich, inwiefern das hier zu besprechende Buch sich gewissermaßen bescheiden ausnimmt. Es ist ein Plädoyer für die Konzentration auf die physisch-affektive Basis der Text-Leser-Kommunikation. Der programmatische Verzicht auf durch historische Analysen flankierte Interpretationen scheint seinen Grund darin zu haben, dass Gumbrecht die Möglichkeit skeptisch betrachtet wenn nicht gar verworfen hat, Theorien zu bilden, mit denen sich Stimmung zu einem methodisch tragfähigen Konzept ausbauen ließe. Während die gegenwärtige Literaturforschung durch systematisch ansetzende Fokussierungen auf die Stimmungsdimension eine Vielzahl neuer Einsichten in das poetologische und epistemologische Bedeutungsspektrum des Phänomens und seines ästhetik- und wissensgeschichtlichen Wandels mit sich bringt, belässt es Gumbrecht bei einer argumentativ unbelasteten Empfehlung, »wie man die Wirklichkeit der Literatur heute denken kann« (S. 7).

Das so betitelte Eingangskapitel geht von einem polemischen Rückblick auf die Methodendebatten vergangener Dekaden aus, um stimmungsorientiertes Lesen als Ausweg aus einer theoriebedingten Sackgasse anzubieten. Letztere wird in einer als literaturontologische Alternative konstruierten Oppositionsstellung zwischen weltfremdem Sprachimmanentismus einerseits und literaturferner Weltreferentialität anderseits – in Gumbrechts Sicht also zwischen Dekonstruktion und Kulturwissenschaft vorgeführt. Ohne explizite Bezüge zur älteren oder neueren Phänomenologie, wie sie sowohl dekonstruktive als auch kulturwissenschaftliche Ansätze durchaus kennen, bringt Gumbrecht die Stimmung als einen Begriff in Stellung, der zwischen wahrnehmungs- und literarästhetischer Erfahrung vermitteln soll.

Kraft ihrer Zwischenstellung in einem Wahrnehmungsfeld, auf welchem sich physische Umgebungsqualitäten mit psychischer Wirkungsdynamik überlagern, zeichnet die Stimmung sich ja phänomenologisch dadurch aus, duale Schemata wie Innen/Außen oder Subjekt/Objekt zu unterlaufen und auf eine Drittposition hin zu überschreiten. In dieser allerdings genuin ästhetischen Richtung vermutet Gumbrecht zu Recht das originäre Potential von Stimmung, das aber mit selbst auferlegter Theorieabstinenz nicht ausgeschöpft werden kann. Indes ist ihm kaum vorzuhalten, dass er das komplexe Zusammenspiel der leiblich uns von außen berührenden Atmosphären und den »inneren Gefühlen« (S. 12) nicht zum Untersuchungsgegenstand macht, was zumal bei historischem Material nicht zu leisten ist. Auch dass unter bestimmten historischen Umständen spezifisch realisierte Stimmungen in ihrem Strukturzusammenhang mit den rhetorisch oder textuell manifesten Sprachdimensionen wie Prosodie, Rhythmus und Erzählformen vor allem thesenhaft und schließlich spekulativ aufgewiesen werden, ist verständlich. Können Stimmungen doch nicht wie propositionale Gehalte auf Wahrheit hin geprüft, semantisch ohne weiteres decodiert oder als sprachlicher Sinn richtig oder falsch verstanden werden.

Allerdings können literarische Stimmungen auch nicht gänzlich ohne ihre Übergängigkeit in symbolische Prozesse ›gelesen‹, ihr unmittelbarer Bezug zur materialen Präsenz von Literatur keineswegs als bedeutungsneutral gedacht werden, wie Gumbrecht annimmt. Wird nicht gerade im psychophysischen Selbstvollzug von Stimmungen bereits ein ästhetisches Verstehenspotential freigesetzt? Konnte nicht eben aufgrund ihres Welterschließungscharakters Heidegger die Stimmung als existentiale Befindlichkeit seiner ontologischen Systematisierung einfügen? Die kognitive Dimension der Stimmung blendet Gumbrecht jedoch aus, wenn er ein bloß affektives Sicheinlassen auf ihre Textpräsenz fordert.

Der Einfluss Heideggers bleibt freilich in der Diktion erkennbar, wenn für Gumbrecht sich das literarische Lesen darauf beschränken mag, Stimmungen zu »entdecken« und auf sie zu »zeigen« (S. 31). Vor der eigentlichen Herausforderung, die der Literaturwissenschaft mit der poetologischen Figur der Stimmung gestellt ist, nämlich die Transposition der Erfahrung der Sinne in diejenige des Sinns zu konzeptualisieren, weicht Gumbrecht zurück. Er scheint von diesem notwendigen Mangel in theoreticis auch etwas zu ahnen (s. S. 31), indem er zum einen umso mehr den lektürepraktischen Wert der Stimmungsorientierung hervorhebt. Zum anderen wird die Ästhetik der Lektüre überbewertet, wenn deren körperlich manifeste Gegenwartserfahrungen zum alleinigen Garanten für Objektivität im Umgang mit Literatur erklärt werden.

Wenn Gumbrechts Distanzgestus gegenüber literaturwissenschaftlicher Theoriefindigkeit auch nicht unverständlich ist, so kann doch nicht übersehen werden, dass seine Inanspruchnahme von Theorie eine teils nur reduzierte teils implizite ist. Dies führt seinen Ansatz in die vermeidbare Schräglage eines offenen Theorieverzichts bei gleichzeitig offensichtlicher Theoriebedürftigkeit. Dennoch vermag Gumbrechts Lektürekonzept selbstständig genug die Attraktivität des wiederentdeckten Stimmungsthemas für genießende und professionelle Leser vorzuführen. Dabei wird die Aufmerksamkeit zumindest beiläufig auch immer wieder auf die ästhetische Materialität von Literatur gelenkt. In derselben auch Ermöglichungsbedingungen für die historische Rekonstruktion von Stimmungen und ihrer textuellen Organisation wahrzunehmen, bleibt indessen ein Desiderat weiterer Forschungsarbeit.

So werden unter der Rubrik mit dem Titel ›Momente‹ Stimmungslektüren versammelt, deren Parcours nicht nach Maßgabe möglichen Sinnverstehens abgesteckt sind, sondern dem freien Schwingen »einer intensivierten ästhetischen Faszination« (S. 33) folgen. In der lockeren Verbindungsform jener Essays, die über ihre oben angesprochene Veröffentlichung im FAZ-Feuilleton eine breitere Resonanz gefunden haben, wird ein poetischer Stimmungsbogen über achthundert Jahre gespannt. Er hebt an mit prekären Frühlingsstimmungen in der Lyrik um 1200 (Walther von der Vogelweide), nimmt die gereizte »Duplizitätsstimmung« (S. 52) des ersten spanischen Schelmenromans in der Mitte des 16. Jahrhunderts (Lazarillo de Tormes von 1554) auf und erreicht mit der Stimmung der Zeit und der »Welt von William Shakespeare« (Sonette) seinen chronologischen Höhepunkt um 1600.

Auf ihm wendet sich der mehrere Nationalliteraturen überschauende Entdeckerblick noch einmal auf das bereits abklingende Siglo de oro zurück. In der spanischen Hauptstadt findet sich die Jugend der besseren Gesellschaft zu Literaturabenden (›Serao‹) zusammen, welche das narrative Zentrum der Novellen von María de Zayas bilden. Mit Luhmanns Begriff der »Kompaktkommunikation« versucht Gumbrecht diese erzählten Geselligkeiten zu fassen, bei denen ihrerseits das Erzählen von Liebesgeschichten stimmungsbildend ist. In der Vielfalt beschriebener Stimmungen dominiert im Eindruck der existentialen Nähe von Liebe und Tod diejenige »amouröser Melancholie« (S. 79).

Der Reigen an Stimmungen, die als ästhetisch objektivierte Erfahrungen zugleich als historische Stimmungen aufgefasst werden, setzt sich fort im Paris des 18. Jahrhunderts. Hinsichtlich Diderots Le Neveu de Rameau gilt die Aufmerksamkeit der Wechselhaftigkeit der Wetterverhältnisse, des Tons, in dem gesprochen wird, sowie der pantomimischen Inszenierung von Affekten. Diese Wechselhaftigkeit konfiguriert eine Stimmung, deren körperlich gegenwärtige Lebendigkeit das Gegenspiel zum philosophischen Dialog aufführt. Schließlich werden zwei Erzähltexte aus der Moderne kurz vor dem ersten Weltkrieg besprochen, die sehr gut unter dem Vorzeichen von Stimmungen gelesen werden können.

Da ist zunächst Tod in Venedig von Thomas Mann. Anhand dessen literarischer Vergänglichkeitsmelancholie ist es am leichtesten nachvollziehbar, was Gumbrechts Präferenz für den auf Stimmungen hinweisenden Textkommentar anstelle von sinnentziffernden Interpretationen anbietet. Mögliche Ausdeutungsmuster wie die thematischen Spannungen zwischen Künstlertum und Leben, Sexualität und Tod sowie Liebe und Altern treten hinter die Möglichkeit des Andeutens von poetischen Stimmungen und damit lesendes Verstehen hinter vernehmendes Genießen zurück. Insbesondere über die vielfach beschriebenen Wetterlagen über der Lagunenstadt, ihrer Schwüle und Lichtintensität werden die Stimmungsreflexe, Bewusstseinslagen und Gefühlsbewegungen Aschenbachs in der Imagination des Leser gleichsam physisch miterlebbar. Dass ein solches atmosphärisches Einfühlen in Dichtungen das sowohl hermeneutisch-theoretische wie auch das philologisch-praktische ›Erlebnis‹-Konzept Diltheys bestimmte, dessen Todesjahr (1911) zudem mit dem Erscheinungsjahr von Tod in Venedig (1912) fast koinzidiert, wäre allerdings auch bei einem stimmungsorientierten Textkommentar für den Leser erwähnenswert.

Sodann ist da aus etwa der gleichen Zeit J. Machado de Assis’ Roman Memorial de Aires (1908), der seine Meisterschaft in der Evokation der portugiesisch-brasilianischen ›saudade‹ erreicht. Dabei handelt es sich um eine für kulturspezifisch gehaltene Stimmung, in der sich das Empfinden vergangenen Glücks, eine Sehnsucht der Unwiederbringlichkeit mit nostalgischer Verlorenheit im Jetzt und einer gewissen Zukunftstrauer mischen. Abschließend erläutert Gumbrecht seinen – dann doch zur Interpretation neigenden – Kommentar, indem er dieses Buch ›über nichts‹ als einen mit Heideggers Sein und Zeit »konvergierenden Text« zu lesen für möglich hält. Die ontologische Zeitlichkeit von Stimmung als Existential ist freilich ohne theoretisch-explikative Kontextualisierungsarbeit nicht mit einer Stimmung abgleichbar, die zuvor als Lesefigur einer sich begriffsfrei einschwingenden Imagination eingeführt worden ist.

Die literarisch ausgesparte Romantik wird in diesem Buch besetzt mit Kommentaren zu Bildern von C. D. Friedrich. Wie die vorliegende Stimmungsforschung zeigen konnte – ohne dass einschlägige Beiträge (Angelika Jacobs, Kerstin Thomas) in Gumbrechts fußnotenfreiem Text Erwähnung fänden –, spielt hier eine mediale Figur von Selbstreflexion die entscheidende Rolle. Der seine Beobachtung beobachtende Beobachter ist konstitutiv für die bildlogische Komposition der erhabenen Stimmungen angesichts der Weite von Landschaften. Der schönste Teil von Gumbrechts Buch schließt mit einer generationsnostalgischen Vergegenwärtigung der 1960er Jahre, deren Stimmung in der Stimme von Janis Joplin Klang wurde und bis heute in phonographischer Form nachklingt. Zugleich wird an dem in seiner Stimmungsproduktivität eingängigsten Medium, der Musik, die Suprematie der physischen und affektiven Erfahrung gegenüber der an Bedeutung und Wahrheit interessierten Bezugsweise auf Kunst überzeugender verdeutlicht als an der Literatur.

Den in ästhetischen Objektivationen aufgezeigten ›Momenten‹ wird ein beinahe kühn zu nennender Teil über historische Stimmungen angefügt. Der Titel ›Situationen‹ wird auf kollektive Befindlichkeiten, nationale Idiosynkrasien oder kulturelle Konstellationen der Vergangenheit bezogen. Deren empirisch unzugängliche Stimmungen ›lesen‹ zu können, namentlich mit historischem Sinn und Verstand, würde eine Rekonstruktionsarbeit erfordern, die auch der Archäologe Foucault – der zentrale Referenzdenker Gumbrechts – zu leisten für aussichtslos gehalten hätte. Einer zentralen Diagnose aus Les mots et les choses folgend, wird in der ›Krise der Repräsentation‹ eine Art ursprüngliches und fortwirkendes Movens für Verschiebungen in den Grundstimmungen Europas seit dem 19. Jahrhundert gesehen.

Mit den im Schwinden empfundenen Möglichkeiten der Abbildbarkeit der Welt als ein das menschliche Selbst tragendes Gefüge werde die »Distanz zwischen ›Subjekt‹ und ›Objekt‹« (S. 140) als eine weiter wachsende erfahren und zu einer latent dramatischen Stimmung in der Moderne verarbeitet. Deren geschichtlicher Wandel wird anhand ausgewählter Raum-Zeit-Sequenzen vom Beginn bis zum Ende des 20. Jahrhunderts anvisiert und schlaglichtartig beleuchtet. Insbesondere an künstlerischen und philosophischen Bewegungen samt ihrer mentalen Grundhaltungen vom Surrealismus – mit Seitenblicken auf Dadaismus und Expressionismus –, über den Existentialismus bis zur Dekonstruktion.

Dabei wird in teilweise redundanten Formulierungen und durch locker gehaltene Bezüge zu Heidegger der Begriff der Stimmung historisiert, indem das In-der-Welt-Sein als räumlich-zeitliche Konkretion von geschichtlicher Erfahrung aufgefasst wird. Gumbrechts ›Situationen‹ sind mutig versuchte Darlegungen zu demjenigen, was Stimmung als geschichtsphilosophischer Begriff heute noch oder wieder leisten könnte. Mutig zu nennen sind solche Zeitdiagnosen deshalb, weil Wendungen wie Stimmung einer Zeit, der damaligen Welt oder einer kulturellen Situation dem historiologisch reflektierten Denken heute ähnlich ungeheuer vorkommen wie die Rede vom Zeitgeist oder gar dem Lebensgefühl früherer Epochen.

In den historischen Wissenschaften diskreditiert haben sich Kategorien wie die Stimmung schließlich nicht zu Unrecht deshalb, weil sie pauschalisierende Aussagen und verallgemeinernde Unbeweisbarkeiten mit sich führen oder überhaupt Beweislasten scheuende Zusammenhangsdarstellungen nach sich ziehen. Dabei wird dasjenige, was durch historische Rekonstruktionsarbeit gezeigt werden müsste – aber oft nicht kann –, eigentlich schon als erkannt oder eben nur gespürt vorausgesetzt. Indes ist Gumbrechts beherzter Wiederbelebung von Stimmung als geschichtsdiagnostischem Begriff zugute zu halten, dass damit ›historische Rhizome‹ überhaupt erst in den Blick geraten, die aufgrund ihrer Komplexität einer wissenschaftlich verfahrenden Analytik unzugänglich bleiben müssen.

Der letzte Beitrag wird leider von der schon die Einleitung rahmenden Polemik gegen die literaturwissenschaftliche Konkurrenz eingeholt, indem der Stimmungsansatz diskursstrategisch eingespannt wird – nämlich inmitten des hierzu simplistisch stilisierten Paradigmenkonflikts zwischen Kulturwissenschaft und Dekonstruktion. Angeblich versinke diese mangels Weltreferenz in asketischem Selbstmitleid, während jene aus »epistemologische[r] Sorglosigkeit« (S. 9) die Weltrepräsentation durch Sprache für allzu unproblematisch halte. Der Eindruck dieser Frontbesichtigung soll das Lesen von bereits zur Wirklichkeit gehörenden Stimmungen als eine Art dritten Weg erscheinen lassen, der die Literaturwissenschaft aus ihrer »Lethargie und Unsicherheit« (S. 7) erlösen kann.

Gumbrechts polemische Positionierung des so wichtigen Themas der Stimmungen muss als ebenso forciert wie unglücklich angesehen werden. Eine stimmungsorientierte Lektürepraxis ersetzt nicht nur keine Literaturtheorie, sondern enthält eine solche als ihre ›verdeckte Wirklichkeit‹. Sie ersetzt auch keine Textanalyse oder Interpretation, könnte und sollte diesen aber als ein der Literatur angemessenes ästhetisches Verfahren vorausgehen. Sonach wäre das professionelle Lesen von Stimmungen nicht als Alternative zur literaturwissenschaftlichen Methodik aufzubieten, sondern als deren ästhetische Basis produktiv zu machen.

Dr. Stefan Hajduk,Mary Immaculate College, University of Limerick, Department of German Studies, South Circular Road, Limerick City, Ireland; E-Mail: stefan.hajduk@gmx.net


Anmerkungen

(1) David E. Wellbery, Stimmung. In: Karlheinz Barck u. a. (Hg.), Ästhetische Grundbegriffe. Historisches Wörterbuch in sieben Bänden. Bd. 5. Stuttgart, Weimar 2003, S. 703-733. [zurueck]