Detailansicht

In: KulturPoetik 2012, Heft 1

Autor

Nils Kasper

Titel

Diagrammatik und Kulturanalyse
Matthias Bauer/Christoph Ernst, Diagrammatik. Einführung in ein kultur- und medienwissenschaftliches Forschungsfeld. Bielefeld: Transcript Verlag 2010. 368 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Seit geraumer Zeit kursiert im Umfeld der Bild- und Medienwissenschaften ein Zentralbegriff, der mit dem wachsenden Interesse an räumlichen Wissensrepräsentationen wie Karten, tabellarischen Notationen oder Entwurfsskizzen auch in den Literatur- und Geschichtswissenschaften an Bedeutung gewinnt: das Diagramm. Die Autoren des vorliegenden Bandes stellen sich der theoriegeschichtlichen Aufräumarbeit mit dem Anspruch, die Theorie des Diagrammatischen im Grundriss zu entwerfen, ohne sich dabei auf eine Gattungstheorie der Diagramme und ihrer Verwendung zu beschränken. Entsprechend weit ist der Gegenstandsbereich angelegt, der neben medialen Techniken wie computergenerierten Graphiken und Simulationen, Technobildern, Entwurfsskizzen, Rollenspielen und literarischen Texten auch Gedankenbilder und Gedankenexperimente mit schlussfolgerndem Charakter umfasst (vgl. S. 18, 20).

Als äußerst fruchtbar für eine Theorie des Diagrammatischen erweist sich die Re-Lektüre der Semiotik von Charles Sanders Peirce. An dessen Zeichenauffassung anknüpfend, optieren Bauer und Ernst für einen pragmatischen Begriff der Diagrammatik, der die Dualismen von Mentalität und Materialität des Denkens und dessen interner bzw. externer Realisierung unterlaufen zu können beansprucht (vgl. S. 35). Da Peirce bekanntermaßen keine systematische Abhandlung zum Thema hinterlassen hat, besteht eine wesentliche Leistung des Bandes bereits darin, dessen verstreute Überlegungen zusammenzutragen und mit der Diagrammatik in ein Kerntheorem seiner Semiotik einzuführen.

Nach diesem einführenden Kapitel, das neben Peirce auch die themenbezogene Relevanz von Nelson Goodmans Symboltheorie verhandelt, nehmen die Autoren Kurs auf Literatur, Malerei, Medien- und Filmtheorie, um in einem zweiten Kapitel die »Gegenstandsfelder der Diagrammatik« zu erschließen. Dort wird die Diagrammatik an Figurengedichten und semantischen Modellen einer mit Jurij M. Lotman als ›sekundäres modellbildendes System‹ begriffenen literarischen Sprache erprobt (S. 109-129), Pen & Paper-Rollenspiele auf ihre kulturellen Implikationen hin untersucht (S. 138-162), die filmische Inszenierung ehelicher Untreue diagrammatisch entschlüsselt (S. 196-200) und die Prozesse in der Bildrezeption narrativer Malerei analysiert (S. 240-244). Den Abschluss der Studie bilden Überlegungen zu »Grenzgängern der Diagrammatik« unterschiedlichster Provenienz von Edmund Husserl bis Susanne K. Langer, Hans Blumenberg, Michel Foucault u.a., in deren Schriften sich aber eine gemeinsame Referenz auf die Diagrammatik im Sinne schematisierender Leistungen des Denkens finden lasse. Anregend sind diese Ausführungen vor allem da, wo sie die hergebrachte Frontstellung von Semiotik und Phänomenologie unter dem Aspekt des Diagrammatischen ins Auge fassen und die Semiose – in Peirces Verständnis als Zeichenbildung – selbst reflektieren (S. 297-300). Damit scheint das Konzept prinzipiell geeignet, neben dem instrumentellen Umgang mit Zeichen auch ihre kulturtechnische Hervorbringung erfassen zu können. Allerdings zeigt der von den Autoren gewählte pragmatische Ansatz hier zugleich seine Grenzen: Vor allem im Umkreis von Entwurfshandlungen wären auch die medialen und konkret materiellen Bedingungen der Zeichenbildung zu berücksichtigen.

Die Autoren des vorliegenden Bandes berufen sich auf ein Schaubild da Vincis, um einen ersten Grundzug der Diagrammatik zu verdeutlichen: Das Bild zeigt ein automatisches Radschloss in Explosionszeichnung und stellt so dessen Funktionieren aus. Ein solches Schaubild basiert auf der kulturellen Praxis der Sichtbarmachung und lässt den dargestellten Gegenstand evident i.S. von ›einsichtig‹ werden, indem es dem Betrachter das Funktionsprinzip vor Augen führt. Diagramme entfalten so ein »Wechselspiel von Ansicht und Einsicht« (S. 10).

In enger Verbindung damit steht eine weitere Bedeutung von evident i.S. von ›einleuchtend‹. Diagrammatische Darstellungen sind mitunter von einer Anschaulichkeit, welche sich stimulierend auf die Einbildungskraft des Betrachters auswirkt. Das führt unter Umständen dazu, dass Diagramme ihr Denotat vergegenständlichen und gestreute Daten erst zu einem gestalthaften ›Etwas‹ machen, dem schließlich gar eine eigene Existenz zuzukommen scheint: In den sogenannten bildgebenden Verfahren der Naturwissenschaften werden die Dinge oft erst auf der Ebene der visuellen Darstellung zu Objekten mit stabilen Eigenschaften, die sich wiederholt beobachten, messen oder auch verändern lassen. Die Lektüre derartiger Bilder ist dann entscheidend von der Kenntnis der zugrundeliegenden Algorithmen ihrer Erzeugung abhängig.

Daran wird deutlich, dass Diagramme sich nie schon über ihre Anschaulichkeit dem Betrachter erschließen, sondern immer von einem diskursiven Kontext abhängig sind. Beispiele dafür sind Legenden und Kommentare in Karten und technischen Zeichnungen. Im Falle von elektronenmikroskopisch hergestellten Bildern von Nervenzellen gelingt es den Autoren besonders gut, die Relevanz der Diagrammatik angesichts der Erzeugnisse moderner bildgebender Verfahren plausibel zu machen (vgl. S. 244-262). Um die Lesbarkeit zu erleichtern, schließen derartige Wissenschaftsbilder auf der Oberfläche ihrer graphischen Bearbeitung häufig an bereits bestehende ästhetische Wahrnehmungsgewohnheiten an, die aber ihrem propositionalen Gehalt gegenüber äußerlich sind. Zugleich verbergen sie diese Konventionalität und erzeugen so eine Art mimetischen Schein, der erst aus ihrer theoretischen und technischen Einbettung heraus aufzulösen ist. Zu fragen bliebe hier freilich, ob die Konstruktivität von Diagrammen sich grundsätzlich von derjenigen des Bildes unterscheidet, wie etwa der Medientheoretiker Dieter Mersch anzunehmen scheint (1).

Das von den Autoren formulierte »Evidenzprinzip« (vgl. S. 24) macht die Diagrammatik jedoch nicht in erster Linie zu einem Instrument der Bildkritik. Für die Peirce’sche Semiotik ist die Annahme leitend, dass Referentialität immer auch logische Schlüsse involviert und so die Frage nach der kognitiven Dimension von Zeichen stellt.(2) Aus der engen, von den Autoren »ästhetikologisch« genannten Beziehung zwischen Denken, Vorstellen und Anschauen ergibt sich umgekehrt die Hypothese, dass schlussfolgerndes Denken auf ein »Beobachten von Beziehungen« rückführbar sein könnte (S. 14). Ein solches Konzept, wonach diagrammatisches Denken auf einem Beobachten von konkreten Beziehungen beruhe, ist reizvoll, da hierin der sinnlich-materielle Bezug des Denkens zur Geltung kommt: »Beziehungen zu beobachten heißt, konjekturale Erfassungsakte zu vollziehen, die Wahrnehmung und Wissen verdichten« (S. 12). Das diagrammatische Denken gehe jedoch über dieses figurative Erfassen von Konfigurationen hinaus und sei prinzipiell darauf angelegt, Rekonfigurationsmöglichkeiten zu eröffnen.

Weil Diagramme neben ihrer Darstellungsfunktion auch hypothetische Schlüsse über Veränderungsmöglichkeiten des Dargestellten nahelegen, unterstehen sie nach Ansicht der Autoren zudem einem »Virtualitätsprinzip« (vgl. S. 24). An dieser Stelle kommt neben Induktion und Deduktion insbesondere jenes Schlussverfahren ins Spiel, auf dessen zentrale Bedeutung sowohl im alltäglichen wie im wissenschaftlichen Gebrauch bereits Peirce selbst ausdrücklich hingewiesen hatte: die Abduktion. Wenn das Evidenzprinzip die Deduktion ermöglicht, das Virtualitätsprinzip die Abduktion, so komme als drittes ein als regulative Idee fungierendes »Kontinuitätsprinzip« ins Spiel, auf dem der Induktionsschluss beruhe. »Dieses Prinzip besagt, dass die diagrammatische Darstellung respektive Vorstellung in einem unauflöslichen Zusammenhang mit der Realität steht« (S. 25). Mit diesen drei elementaren Prinzipien der Diagrammatik, insbesondere aber mit dem zuletzt genannten, formulieren die Autoren starke epistemologische Annahmen, die durchaus kontrovers sind. Die an späterer Stelle ausdrücklich offen gelassene Frage, ob man Peirces Metaphysik teilen müsse, um sich dessen Konzeption der Diagrammatik bedienen zu können, dürfte dann auch eigentlich nicht mehr zur Disposition stehen (vgl. S. 82). Jedenfalls könnte die zwischen diagrammatischer Darstellung/Vorstellung und ihrem Gegenstand bestehende Beziehung auch als Homologie, als strukturelle Isomorphie oder – wie Roland Barthes 1963 in seinem programmatischen Aufsatz die strukturalistische Tätigkeit ganz ähnlich zu Peirces diagrammatischem Denken beschrieb – als Mimesis formuliert werden. (3)

Den gemeinsamen Angelpunkt der meisten aktuellen Bestimmungsversuche zum Diagramm-Begriff sehen die Autoren in der Ikonizität, die – allerdings in einem sehr weiten Verständnis (4) – auch den Kern von Peirces Diagrammatik bildet (vgl. S. 19). Nun ergebe sich aus der wechselseitigen Verschränkung der drei oben genannten Prinzipien ein »produktiver Regelkreis aus Konfiguration und Deduktion, abduktiver Rekonfiguration und Induktion, der durch Zeichen und Medien in Form gebracht wird« (S. 25). In der Beteiligung der Medien an diesem »Regelkreis« sehen die Autoren aber lediglich eine unterstützende Funktion. Wäre an dieser Stelle nicht eine Ikonizitätskritik gefragt, die z.B. im Falle von visuellen diagrammatischen Darstellungen klarmacht, dass die graphische Transkription logischer Beziehungen auf einer Konvention beruht, die wesentlich historisch und kulturell spezifisch ist? Dadurch könnte sich herausstellen, dass der genannte »Regelkreis« erst mit der Ausbildung entsprechender, medial gegründeter Kulturtechniken in Gang kommt, anstatt verallgemeinernd zu konstatieren: »Folgerichtig müssen diagrammatische Operationen als Schlüsselverfahren einer jeden Kultur betrachtet werden, in der die Welt nicht einfach nur als gegeben hingenommen, sondern als Gestaltungsaufgabe wahrgenommen und begriffen wird« (S. 25).

Die Realisierung dieser »Gestaltungsaufgabe« ist aber wesentlich von der Kombinatorik, das heißt von den syntaktischen Möglichkeiten eines Zeichenverbundsystems abhängig. Die spezifische Operativität, die sich aus der graphischen Notation von Sprache ergibt und in der Literatur insbesondere von Figurengedichten ausgenutzt wird, hat Sybille Krämer unter dem Terminus der »Schriftbildlichkeit« in die Diskussion gebracht.(5) Die Autoren greifen diesen Ansatz auf, zielen aber darüber hinaus auf einen erweiterten Begriff von Diagrammatik, der nicht nur die kognitiven Dimensionen auf visuell-schriftlicher, sondern auch auf kommunikativ-sprachlicher Ebene erfassen soll und damit seinen Geltungsbereich um den Phänomenbestand von Gedankenexperiment, mental map und anderen Erscheinungen im »Medium des inneren, geistigen Auges« ausdehnt (vgl. S. 31-39).

Dadurch büßt die Diagrammatik zwar erheblich an historischem Profil ein, bietet im Gegenzug aber vielfältige kultur- und medienübergreifende Vergleichsmöglichkeiten, die im Anwendungsteil des Bandes ausführlich behandelt werden. Ansätze zur Historisierung des Diagrammatischen weisen dann auch eher in ideen- oder problemgeschichtliche Richtung. Interessant zu lesen ist in diesem Zusammenhang der Exkurs über »Diagrammatik und Metaphysik«, in dem die Autoren Peirces Diagrammbegriff auf dessen Kant-Rezeption, speziell auf das Problem des transzendentalen Schematismus, zurückführen (vgl. S. 72-82).

Mit dem vorliegenden Band wurde eine solide Basis geschaffen, die für die weitere, durch sehr unterschiedliche fachbezogene Interessen motivierte Diskussion zum Diagramm-Begriff grundlegend ist. Etwas störend fallen lediglich die vielen Druckfehler auf. Der Band bietet mit seinem handbuchartigen Aufbau eine perspektivenreiche Einführung in das Forschungsfeld und eröffnet darüber hinaus zahlreiche Anschlussmöglichkeiten für weiterführende theoretische Auseinandersetzungen. Erfreulich ist zudem, dass sich die Verfasser einer Sprache befleißigen, die auch einem Neuling auf dem Gebiet zugänglich sein dürfte und so an die Lektüre entsprechender Referenztexte heranführt.

Nils Kasper, Karl-Franzens-Universität Graz, Germanistik, Griesgasse 24, A-8020 Graz; E-Mail: nils.kasper@edu.uni-graz.at

Anmerkungen

(1) Vgl. Dieter Mersch, Visuelle Argumente. Zur Rolle der Bilder in den Naturwissenschaften. In: Sabine Maasen/Torsten Mayerhauser/Cornelia Renggli (Hg.), Bilder als Diskurse – Bilddiskurse. Weilerswist 2006, S. 95-116; hier S. 111-114. [zurueck]

(2) Vgl. Charles Sanders Peirce, Die Kunst des Räsonierens. In: Ders., Semiotische Schriften, Bd. 1. Hg. u. übers. v. Christian Kloesel u. Helmut Pape. Frankfurt/M. 1986, S. 191-201; hier S. 191. [zurueck]

(3) Vgl. Roland Barthes, Die strukturalistische Tätigkeit. In: Strukturalismusdiskussion. Hamburg 1973, S. 69-75; hier S. 70 f. [zurueck]

(4) Peirce beschränkt sich nicht auf das Visuell-Ikonische, sondern fasst auch mathematische Gleichungen als ikonische Zeichen auf; vgl. Charles Sanders Peirce, Prolegomena zu einer Apologie des Pragmatizismus. In: Ders., Semiotische Schriften Bd. 3. Hg. v. Christian Kloesel u. Helmut Pape. Frankfurt/M. 1993, S. 132-192; hier S. 134. [zurueck]

(5) Vgl. dazu Sybille Krämer, Die Schrift als Hybrid aus Sprache und Bild. Thesen über die Schriftbildlichkeit unter Berücksichtigung von Diagrammatik und Kartographie. In: Torsten Hoffmann/Gabriele Rippl (Hg.), Bilder. Ein (neues) Leitmedium? Göttingen 2006, S. 79-92. [zurueck]