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In: KulturPoetik 2012, Heft 1

Autor

Johannes Schlegel

Titel

»Microhistories of ›discplaced‹ things and persons«. Wird der New Historicism bodenständig?
Stephen Greenblatt, zusammen mit Ines Zupanov, Reinhard Meyer-Kalkus, Heike Paul, Pál Nyíri und Friedericke Pannewick, Cultural Mobility. A Manifesto. Cambridge: Cambridge UP 2010. 271 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Bei einem Blick auf gegenwärtige Debatten über die Theoriebildung in den Literatur- und Kulturwissenschaften drängt sich der Eindruck auf, dass sich die Disziplinen in einem schwebenden Zustand, in einer Art theoretischem Interregnum befinden. Während der Post­struk­tu­ra­lismus vor allem französischer Provenienz noch nicht gänzlich verdaut ist, wird ein neues Paradigma zwar bereits herbei gesehnt, aber bis dato nicht identifiziert (1). Unbeantwortbar muss dabei wohl bleiben, ob es sich bei der zugleich beobachtbaren thematischen Ausweitung des Objektbereichs der Literatur- und Kulturwissenschaften eher um eine Ursache oder um ein Symptom dieses Zustandes handelt. Offensichtlich ist in jedem Fall, dass sich derzeit verstärkt Ansätze herausbilden, die sich weniger einer Theorie, noch nicht einmal einer gemeinsamen Methode, als vielmehr der Fokussierung auf einen Gegenstandsbereich verpflichtet fühlen. Solche Be­ob­ach­tungs­per­spek­tiven firmieren dann beispielsweise als green studies, disability studies, fat studies, oder critical whiteness studies. In diese keineswegs despektierlich gemeinte Reihe stellt sich nun auch Stephen Greenblatt mit einem von ihm und einem internationalen Autorenkollektiv verfassten Buch – Cultural Mobility. Das Anliegen: dem Forschungsfeld der mobility studies Konturen verleihen.

Der Kontext, aus dem dieses Buch hervorgegangen ist, ist schnell benannt: Unter gleichem Namen firmierte unter Leitung Greenblatts von 2003 bis 2004 eine Schwerpunktgruppe am Wissenschaftskolleg zu Berlin, die jetzt allerdings nicht ›lediglich‹ ihre Ergebnisse publizieren, sondern explizit eine Forschungsprogrammatik vorschlagen möchte: Der Untertitel – A Manifesto – ist ernst gemeint und der Vorschlag mithin nicht gerade bescheiden. In diesem Anspruch aber liegt auch ein erstes Irritationspotential des Buches: Das eigentliche »mobility studies manifesto« bildet erst das letzte Kapitel (S. 250-253), verfasst hat es Greenblatt selbst. Die »shared basic principles« aller Aufsätze (S. 20) werden somit an das Ende verlagert; fast wirken sie, als supplementierten sie die vorstehenden Beiträge. Das ist deshalb befremdlich, weil die Ein­zel­un­ter­suchungen tatsächlich von diesen ausgehend verfasst wurden und nicht etwa auf diese hin zielten.

Wie aber konzipiert Greenblatt die mobility studies nun im Detail? Fünf Punkte sollen nach Möglichkeit berücksichtigt und abgearbeitet werden:

First, mobility must be taken in a highly literal sense […]. Second, mobility studies should shed light on hidden as well as conspicuous movements of peoples, objects, images, texts, and ideas. […] Third, mobility studies should identify and analyze the ›contact zones‹ where cultural goods are exchanged. […] Fourth, mobility studies should account in new ways for the tension between individual agency and structural constraint. […] Fifth, mobility studies should analyze the sensation of rootedness (S. 250-252).

Grundsätzlich geht es also um die Analyse und Beschreibung, wie die Mobilität kultureller Gegenstände so etwas wie Kultur und ihre entsprechenden Artefakte erst hervorbringt – wer, was, wann und wo mobil ist, ist zunächst einmal sekundär. In einer solchen Perspektive lässt sich Kultur zweifach bestimmen: Zum einen als die durch kulturelle Zirkulation erzeugten »webs of significance« im Sinne von Geertz, zum anderen als etwas durch eine konstitutive Dialektik von ›mobility‹ und ›constraint‹ Hervorgebrachtes. Diese Dialektik ist entscheidend: Greenblatt erscheint Kultur weder als etwas ausschließlich Bewegliches noch als etwas ausschließlich Fixiertes und Unwandelbares konzipierbar (2).

 Der systematische Vorteil dieses Arguments ist offensichtlich: Es ermöglicht es, das Konzept der cultural mobility gegen solche »brave new theories« (S. 1) in Stellung zu bringen, die ausschließlich von einer grundsätzlichen Hybridität und einer bereits immer schon an sich variablen Kultur ausgehen. Methodisch schleichen sich dann aber – zumindest in Greenblatts eigenen Beiträgen zu diesem Buch – Unschärfen und Widersprüche ein, weil Greenblatt einerseits überzeugend auf der grundsätzlichen Kontingenz von Welt und Kultur beharrt, andererseits aber gerade die Erfahrung von Kultur als »fixed, inevitable, and strangely enduring« (S. 16) lediglich als eine Illusion von Prädestination abtut und somit hinter die eigenen Prämissen zurück fällt. Anders gewendet: Wenn Greenblatt mit Montaigne sagt, dass im Grunde alles in Bewegung ist – und sei diese auch nicht wahrnehmbar – wird die dialektische Dynamik suspendiert. Diese Problematik ließe sich womöglich lösen, wenn beispielsweise die Dialektik als eine zwischen ›objektiver‹ Kontingenz einerseits und ›erfahrener‹ oder ›erlebter‹ Kontinuität andererseits konzipiert wäre, aber darüber lässt sich Greenblatt nicht weiter aus.

Ein weiteres Problem: Greenblatt konstatiert bezüglich gotischer Raubzüge, dass nicht jedwede ›Bewegung‹, nicht jede Verlagerung oder Übertragung relevant ist: »But rapine, even on a huge scale, is not the same as cultural mobility« (S. 9). An dieser Stelle wären Kriterien für die Differenzierung interessant gewesen, weil die Einschränkung hier, zumindest in dieser Form, auch wieder gegen mehr als ein ›Gebot‹ des Forschungsprogramms verstößt. Und schließlich: Trotz aller methodischen Reflexion schreckt Greenblatt nicht vor dem Versuch zurück, einen Moment kultureller Mobilität zu stiften. Im Kapitel Theatrical Mobility (S. 75-95) beschreibt er recht ausführlich und biografisch, wie er in Kollaboration mit dem amerikanischen Dramatiker Charles Mee das verlorene Shakespeare-Stück Cardenio nicht nur rekonstruierte, sondern auch appropriierte, schließlich zur Aufführung brachte und international verbreitete. Dieser Aufsatz kommt über die Behauptung von Mobilität aber nicht hinaus, er scheitert letztlich an seinem stiftenden Gestus.

Die weiteren, nicht aus Greenblatts Feder stammenden Beiträge des Buches indes sind durchweg überzeugend. Aus platzökonomischen Gründen konzentriere ich mich auf zwei Beispiele, bei denen nicht nur das Forschungsprogramm konsequent angewendet, sondern auch die tatsächliche Relevanz der mobility studies deutlich wird.

In ihrem Aufsatz ›The Wheel of Torments‹: Mobility and Redemption in Portuguese Colonial India (Sixteenth Century) (S. 24-74) untersucht Ines G. �upanov den reziproken, diskursiven Austausch zwischen einer Vielzahl unterschiedlicher Akteure. Angestoßen wird das dynamische Spiel, das sie nachzeichnet, durch den als bedrohlich empfundenen Eindruck einer »permanent mobility« im Goa des ausgehenden 16. Jahrhunderts, der selbst Resultat der kolonialen Ausweitung, das heißt natürlich der Mobilität ist. Schnittpunkte ihrer Betrachtung sind zwei Bücher: Das in Dialogform geschriebene medizinische Lehrbuch Colóquios dos Simples e Drogas he Cousas Medicinais da India (1563) des Konvertiten, Arztes und Kaufmannes Garcia da Orta sowie die Schrift Desengano de perdidos des Theologen und Erzbischofs von Goa, Dom Gaspar de Leão Pereira. Die eng miteinander verwobenen Austauschbewegungen lassen sich an dieser Stelle nicht im Einzelnen nachzeichnen. Eine einfache Aufzählung soll dennoch einen Eindruck von der Komplexität der Beschreibung bieten. In Bewegung oder durch Bewegung (bzw. die Einschränkungen von Bewegung) hervorgerufen sind: Körper, die Seele, die Sünde, Krankheiten und deren mögliche Heilung, Konfessionen und die Etablierung von Geschlechterdifferenzen und Geschlechterrollen sowie – last but not least – die beiden erwähnten Bücher und ihre diskursiven Strategien. �upanov gelingt es in ihrem erhellenden Aufsatz, ein ausgesprochen dichtes und komplexes Netz von Austauschbeziehungen sichtbar zu machen.

Cultural Mobility between Boston and Berlin: How Germans Have Read and Reread Narratives of American Slavery lautet der Titel des Aufsatzes von Heike Paul. Sie beschreibt darin, wie anhand der Rezeption, Aneignung und diskursiven Überformung amerikanischer Sklaverei-Narrative in Deutschland eine eigene kulturelle Identität konstruiert wurde, deren Spuren noch heute sichtbar sind. Interessant ist, dass Paul diese Überlegungen mit solchen zu den textuellen Voraussetzungen dieser Dynamik verbindet. Warum, so lautet eine der Fragen, die sie sich diesbezüglich stellt, sind manche Texte ›produktiver‹ als andere? Der Grund liegt in der »general adaptabilty« (S. 162) eines konkreten Textes, einer inhärenten Qualität also, die nicht (zumindest nicht ohne Weiteres) von außen an diesen herangetragen werden kann. Somit lassen sich Pauls Überlegungen zugleich als eine Art indirekten Korrektivs zu Greenblatts Cardenio-Erzählung lesen.

Mit der Adaptation ist zugleich eines der wesentlichen Prinzipien der mobility studies angesprochen, die den zu Grunde liegenden Austausch organisieren. Außerdem zu nennen sind hier unter anderem Appropriation, Transmission, Transformation und Zirkulation. Nun mag man einwenden, dass in den Kulturwissenschaften keines dieser Konzepte neu ist. Jedes einzelne hat eine ausführliche Theoriebildung erlebt, zu der der vorliegende Band nichts Neues beiträgt. Doch dieser Einwand würde eine klare Leistung des Buches ignorieren: Cultural Mobility zeigt nachdrücklich, warum jeder dieser Begriffe (und eine Reihe weiterer) eine nicht zu unterschätzende Relevanz für die kulturwissenschaftliche Praxis hat. Weit entfernt davon, bloße Analyse­kategorien zu sein, erweisen sie sich als Prinzipien, die Kulturen generieren und organisieren. Greenblatts eigenes Konzept der »circulation of social energy«, das für den New Historicism zwar stilbildend war, aber selbst als Metapher immer etwas opak blieb, scheint hier eine gewisse Erdung zu erfahren. Dergestalt selbst ›mobilisiert‹, eröffnet es den Blick auf ein spannendes Forschungsfeld.

Johannes Schlegel, Georg-August-Universität Göttingen, Seminar für Englische Philologie, Käte-Hamburger-Weg 3, D-37073 Göttingen; E-Mail: johannes.schlegel@phil.uni-goettingen.de


Anmerkungen

(1) Um nur einige wenige, einschlägige Beispiele für die Auseinandersetzung zu nennen: Terry Eagleton, After Theory. New York 2003; Jane Elliott/Derek Attridge (Hg.), Theory after ›Theory‹. New York 2011; Nicholas Birns, Theory after Theory. An Intellectual History of Literary Theory from 1950 to the Early Twenty-First Century. New York 2010. Explizit auf sich selbst gewendet geschieht dies bei Mario Grizelj/Oliver Jahraus (Hg.), Theorietheorie. Wider die Theoriemüdigkeit in den Geisteswissenschaften. München 2011. [zurueck]

(2) Diese Dialektik hat Greenblatt bereits früher betont; vgl. Stephen Greenblatt, Culture. In: Frank Lentricchia/Thomas McLaughlin (Hg.), Critical Terms for Literary Study. Chicago, London 1995, S. 225-232. [zurueck]