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In: KulturPoetik 2012, Heft 1

Autor

Susanna Brogi

Titel

Hinwendung zur Armut, Vereinnahmung des Anderen. Erträge der aktuellen kulturwissenschaftlichen Prekaritätsforschung
(1) Lukas Clemens/Nina Trauth/Herbert Uerlings (Hg.), Armut. Perspektiven in Kunst und Gesellschaft. Begleitband zur Ausstellung »Fremdheit und Armut« im Stadtmuseum Simeonstift Trier und im Rheinischen Landesmuseum Trier 10.4.–31.07.2011 sowie im Museum der Brotkultur Ulm 11.09.–6.11.2011. Darmstadt: Primus 2011. 448 S.
(2) Katharina Pewny, Drama des Prekären. Über die Wiederkehr der Ethik in Theater und Performance. Bielefeld: transcript 2011. 331 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

In Goethes Roman Die Wahlverwandtschaften bittet ein Bettler von mehr ›frechem als bedürftigem‹ Aussehen hartnäckig um eine Spende. Eduard, der zuvor bereits seine Abneigung gegen den Umgang mit Bauern und Bürgern zum Ausdruck gebracht hat, gerät daraufhin »ganz aus der Fassung«, zumal sich der Bettler beschwert und auf seinen Anspruch pocht, als Mitmensch wahrgenommen und nicht beleidigt zu werden. Um Eduard zu beschwichtigen, regt der Hauptmann Otto an, künftig die ländliche Polizei zur Abwehr solcher Missstände zu involvieren:

Almosen muß man einmal geben; man tut aber besser, wenn man sie nicht selbst gibt, besonders zu Hause. […] Eine allzureichliche Gabe lockt Bettler herbei, anstatt sie abzufertigen; dagegen man wohl auf der Reise, im Vorbeifliegen, einem Armen an der Straße in der Gestalt des zufälligen Glücks erscheinen und ihm eine überraschende Gabe zuwerfen mag. (1)

Diesem Rat folgt unverzüglich die Tat: Tatsächlich wird die ländliche Polizei eingeschaltet und Geld bei einer Zahlstelle am Ortsausgang hinterlegt. Zum Fernhalten von Bettlern soll man diesen beim Verlassen und nicht beim Betreten des Territoriums eine festgesetzte Summe aushändigen.

Bekanntlich handelt es sich hier um nur eine der vielen durch den Hauptmann angeregten Maßnahmen, den Herrschaftsbereich Eduards zu reformieren. Und wie das Gros der anderen Initiativen, ist auch diese am Ende nicht von Erfolg gekrönt: Die Einrichtung der Armenkasse erfüllt nicht den erhofften Zweck, und Eduard selbst wird später hinter sein Vorhaben zurückfallen, wenn er denselben Bettler ›in seiner glücklichsten Stunde‹ spontan mit einem Goldstück beschenkt.

Offensichtlich ist Eduards in vielen Belangen rückständiges Territorium auch in dieser Angelegenheit seiner Zeit hinterher: Bereits im 16. Jahrhundert ist die Armenkasse zum sichtbaren Symbol der Bürokratisierung und der Abkehr von der personenbezogenen Herrschaft zugunsten einer institutsgebundenen Praxis geworden, die in den protestantischen Territorien in den Händen der weltlichen Landesherren und Kommunen liegt. In unserer Gegenwart erscheinen die vom Hauptmann ausgesprochenen Wünsche nach Abgrenzung,   Anonymisierung der Zuwendungen und einer Differenzierung zwischen hilfeberechtigten und fernzuhaltenden ›fremden‹ Armen sowie das Räsonieren über angemessene Summen der Unterstützung nur allzu vertraut. Die Erfahrungen des sich wandelnden Arbeitsmarktes, der Abbau sozialstaatlicher Sicherungssysteme und die partielle Wiederaufnahme des alten Prinzips von Leistung und Gegenleistung, rigide Abwehrmaßnahmen an den europäischen Grenzen: um die nationalen, europäischen und globalen Veränderungen zu bezeichnen, ist der Begriff der »Krise« viel zu schwach, insbesondere wenn es gilt, die individuellen und gesellschaftlichen Folgen prekärer Arbeits- und Lebensverhältnisse zu benennen. Als eine Neuerung erweist sich hierbei, dass der die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen kommentierende Diskurs lange Zeit marginalisierte Formen alter und neuer Armut sowie die viel besprochenen Verarmungsängste des bürgerlichen Milieus einschließt.

In diesem Sinne kommt die gegenwärtige Hinwendung zum großen Themenkomplex der Armut nicht von ungefähr. Hiervon sprechen Tagungen wie die von Sieglinde Lemke am FRIAS durchgeführte Konferenz im Juli 2011 arm, nicht sexy. Repräsentationen von Armut in der amerikanischen Gegenwartskultur sowie mehrere Neuerscheinungen, die nicht in erster Linie soziologische oder politologische Aspekte behandeln, sondern vorrangig ästhetisch-künstlerische Darstellungen von Armut und Prekarität.


Lukas Clemens/Nina Trauth/Herbert Uerlings (Hg.), Armut. Perspektiven in Kunst und Gesellschaft. Begleitband zur Ausstellung »Fremdheit und Armut« im Stadtmuseum Simeonstift Trier und im Rheinischen Landesmuseum Trier 10.4.–31.07.2011 sowie im Museum der Brotkultur Ulm 11.09.–6.11.2011. Darmstadt: Primus 2011. 448 S.

Auf die in langen Phasen gültige diskursive und visuelle Ausgrenzung von Erscheinungsformen der Armut in den westlichen fortgeschrittenen Industriegesellschaften reagierte der in Trier angesiedelte SFB 600 Fremdheit und Armut. Wandel von Inklusions- und Exklusionsformen von der Antike bis zur Gegenwart. Unter anderem entstand in Zusammenarbeit mit dem Stadtmuseum Simeonstift und dem Rheinischen Landesmuseum die Ausstellung Fremdheit und Armut, die  zuerst in Trier und später in Ulm gezeigt wurde. Der umfangreiche Katalog stellt dabei aufgrund seines extrem weit gefassten Gegenstandsbereichs viel mehr dar als einen »Begleitband zur Ausstellung«. Eine Einführung umfasst Herbert Uerlings Themenaufriss samt konzeptioneller und methodischer Darlegung sowie Lutz Raphaels historische Einordnung Armut zwischen Ausschluss und Solidarität. Europäische Traditionen und Tendenzen seit der Spätantike. Raphael legt hierin das Spannungsverhältnis zwischen den nach wie vor gültigen politischen, ökonomischen und religiösen Sichtweisen auf Armut in den hierarchischen Gesellschaften Europas dar. In diesen hätten zu jeder Zeit Distanz, Verachtung und Indifferenz gegenüber den am unteren Ende der sozialen Pyramide Stehenden geherrscht. Außerdem deutet der Beitrag in Vorbereitung der späteren Aufsätze an, wo welche Modelle der Armutsvermeidung und -bekämpfung entwickelt worden sind (S. 23-31).

Im Hauptteil folgt – mit der Intention, inhaltliche und historische Koordinaten festzulegen –  eine 30 Schlüsselbegriffe umfassende Heranführung (S. 33-69) von A wie Almosen (Beate Althammer) und Altersarmut (Andreas Gestrich) bis Z wie Zedakah (Rainer Josef Barzen) und Zucht-/Arbeitshaus (Franz Dorn/Jens Gründler/Sebastian Schmidt). Dabei geht es den Herausgebern um eine tagesaktuelle Belange berücksichtigende kulturelle, religiöse und historische Öffnung der Thematik, die sowohl Kontinuitäten als auch Transformationen und Neuerungen veranschaulicht. Die untereinander hilfreich ›verlinkten‹ Stichwort-Artikel repräsentieren unter Einschluss der Disziplinen Soziologie und Politologie den Forschungsstand, so dass die Einträge zum Einstieg sowie zum (späteren) lexikonartigen Nachschlagen durchgängig hilfreich sind.

Den Löwenanteil des Katalogs machen 30 Aufsätze (S. 73-335) aus, die in die beiden Bereiche Perspektiven langer Dauer (mit den zwei Rubriken Weltanschauliche Konzepte und Herrschaftliche Ordnungsverhältnisse) sowie Armut und Repräsentation (mit den zwei Rubriken Medien – zwischen Dokument und Inszenierung und Armut – eigene und fremde) unterteilt sind.
Hier versammeln sich Überblicksessays und »Fallstudien«, die ein Potpourri sehr unterschiedlicher Untersuchungen zu Armuts-Repräsentationen und -diskursen darstellen. Auf diese Behandlung von Bildtraditionen, von mit Armut assoziierten Gattungen etc. folgt (S. 338-411) der die thematischen Schwerpunkte der Ausstellung wiedergebende Katalogteil: Perspektive Dokumentation, Perspektive Ideal, Perspektive Stigma, Perspektive Reform und schließlich Armut in der Antike. Aus dem Anhang (S. 414-448) sind vor allem das Literaturverzeichnis (S. 420-443) sowie das (leider in erster Linie auf den Katalogteil bezogene) Register (von Hanna Büdenbender) hervorzuheben.

Entlang des Konzeptes »Inklusion/Exklusion«, das die Beschreibung sozialen Ein- bzw. Ausschlusses von Einzelnen oder Gruppen quer zu einer Unterscheidung in oben und unten meint, fragen die Aufsätze konsequent danach, wie »Armut (und Fremdheit) als Grenzsituationen sozialer, politischer oder religiöser Zugehörigkeit seit der Antike konstituiert worden sind« (S. 14). Neben der Untersuchung von Semantiken und Praktiken der In- und Exklusion steht, bedingt durch den Publikationskontext des Bandes, die Analyse von ›Bildern‹ diverser medialer Erscheinungsformen im Mittelpunkt. Hier geht es um eine Bestandsaufnahme der künstlerischen Verfahrensweisen zur Sichtbarmachung des Tabu-Themas der absoluten Armut von Obdachlosen, Bettlern und Straßenkindern in der westlichen Welt. Außerdem finden sich Beiträge zu Formen künstlerischer Reflektion der relativen Armut von Langzeitarbeitslosen, sog. ›Aufstockern‹, Altersarmen und von Armut betroffenen Alleinerziehenden sowie Analysen der vielfältigen gesellschaftlichen und kulturellen Stigmatisierungspraktiken.

Das Gros der durchgängig gut lesbar geschriebenen Aufsätze der beiden ersten Rubriken besitzt aufgrund der Funktion, (kultur-)historische Entwicklungslinien aufzuzeigen, einen narrativen Duktus, was dem Kompendium, das hier vor allem den Forschungsstand referiert, den Charakter eines Handbuchs verleiht. Nur ausnahmsweise werden, vor allem dort, wo die Darstellungswinkel enger gefasst sind – etwa bei Andreas Gestrichs Beitrag Armut im liberalen Staat (S. 130-139) oder Winfried Thaas und Markus Lindens Armut im demokratischen Wohlfahrtsstaat (S. 140-149) – Forschungspositionen akzentuiert und benannt, wodurch der Band ebenfalls gewinnt.

Die durchgängige Fragestellung nach In- bzw. Exklusion lässt beim konsequenten Durchlesen des Bandes mitunter Redundanzen hervortreten, doch erweist sich diese Fokussierung angesichts des historisch und thematisch kaum eingegrenzten Blickwinkels als hilfreich, um Kohärenz zwischen den Artikeln und Aufsätzen der 63 Beiträger mit ihren teilweise weit auseinanderliegenden Inhalten zu stiften. Außerdem tritt oft – bspw. in Sebastian Schmidts Armut und Arme in Stadt und Territorium der Frühen Neuzeit (S. 120-129) – erst durch diese Befragung nach den eigenen und den fremden Armen hervor, welche Gruppen durch die Zeiten hindurch beständig unberücksichtigt blieben: Dies waren innerhalb der ›eigenen‹ Fremden die Frauen bzw. Mädchen – man denke als indirekten Beleg aus dem Feld der Literatur an die schulische Ausbildung und wöchentliche Speisung in Karl Philipp Moritz? autobiographischem Roman Anton Reiser, wie sie nur einem armen Jungen zukommen konnte.

Mit der Praxis der Ausschließung innerhalb der Mehrheitsgesellschaft sieht man sich auch in sozialistischen Ansätzen konfrontiert, in denen das Proletariat als Adressat der Sorge und Aufmerksamkeit vom ›Lumpenproletariat‹, das man als faul und unrettbar verkommen disqualifizierte, in Differenz gesetzt wurde (vgl. Jörg Neuheiser, Von Proletariern, Lumpen und Entfremdung. Armut und Arme in sozialistischer Sicht, S. 102-111). Eine durchgängige Unterscheidung zwischen ›eigenen‹ und ›fremden‹ Armen traf insbesondere die als ›Zigeuner‹ ausgeschlossenen Personengruppen (vgl. Beate Althammer u.a., Mobile Arme. Fremde Bettler, ›Zigeuner‹ und Vagabunden, S. 273-280), aber auch herumziehende Bettler, die man als ›starke‹ und deshalb notfalls mit Gewalt abzuweisende Fremde von den ortsansässigen ›verschämten Armen‹ unterschied. Es ist ein Verdienst des Bandes, gemäß der Schwerpunktsetzung des SFB 600 die durch Literatur, Künste und andere meinungsmachende Medien bewirkte Stigmatisierung und Verfolgung der ›Zigeuner‹ zu berücksichtigen und damit den Kultur- und Literaturwissenschaften weitere Forschungsimpulse zu geben.

Solchen wiederkehrenden Fragestellungen innerhalb der inhaltlich klar abgegrenzten Einzelbeiträge kommt eine Brückenfunktion zu, die maßgeblich zum Erkenntnisgewinn bei der Lektüre und der Betrachtung der Ausstellungsexponate beiträgt. Durch die Schwerpunktsetzung auch auf Formen der Inklusion ist der Band zugleich eine Geschichte der Fürsorgeansätze und -maßnahmen seit der Antike. Deren religiöse Verankerung (in Judentum, Christentum und Islam) entfalten mehrere Beiträge, ebenso wie die in diesem Zusammenhang maßgeblichen ideologisch-weltanschaulichen Ansätze innerhalb unterschiedlicher Staatsformationen bis in die Gegenwart. An einem Beitrag wie dem auf den kulturgeschichtlichen und gesellschaftspolitischen Überblicksdarstellungen aufbauenden Aufsatz von Philine Helas Martins Mantel und der Bettler. Ein Heiligenbild im Horizont sozialer Praktiken (S. 161-169), zeigt sich, dass es in den Darstellungen des die Tugend der Mildtätigkeit repräsentierenden Heiligen durchaus Raum für gesellschaftskritisches Potential gab, und wie schwer es ist, bei diesem Bildgegenstand Rückschlüsse auf gesellschaftliche Praktiken zu ziehen.

Auf der Folie der Tradierung und Entwicklung solcher Topoi und Klischees werden wiederholt diskursive Transformationen bspw. im Zuge einer Politisierung der Armut hervorgehoben. Der Herstellung entsprechender Zusammenhänge trägt die Ausstellung etwa im Rahmen des Schwerpunktes Perspektive Ideal (S. 353-374) Rechnung, wenn die Begriffe »Barmherzigkeit« und »Caritas« bzw. »Gerechtigkeit« und »Solidarität« vergleichend kontextualisiert werden.

Die damit angesprochene Ausstellung selbst erscheint gleichfalls äußerst ambitioniert mit ihrer langen historischen, überregional ausgerichteten und viele künstlerische Ausdrucksformen und Alltagsbereiche einschließenden Perspektive im Vergleich mit anderen Ausstellungen zu diesem Thema – etwa der sich auf großstädtische Armut des 19. und 20. Jahrhunderts konzentrierenden eindrucksvollen Ausstellung des Wien Museums Ganz unten. Die Entdeckung des Elends – Wien, Berlin, London, Paris, New York vom 14.06.-28.10.2007 (2). Gerade auch mittels der Bandbreite an Alltagsgegenständen und Kunstobjekten von der antiken Statue über das mittelalterliche Tafelbild bis hin zur zeitgenössischen Installation sensibilisieren die Trierer Ausstellung und ihr Katalog für eine stärkere respektive neue Wahrnehmung der Armut in der Kunst. In diesem Zusammenhang sei zusätzlich der von Franziska Eißner und Michael Scholz-Hänsel herausgegebene Sammelband Armut in der Kunst der Moderne erwähnt, dessen Beiträge Ergänzungen für die Zeit des 20. und beginnenden 21 Jahrhunderts darstellen (3).

Des Weiteren veranschaulichen Katalog und Ausstellung die historisch langlebige Marginalisierung von Armut und Armen als ›Bildgegenstand‹ bzw. die Konzentration von Bildern der Armut im Bereich der ›niedrigen‹ Gattungen und kleinen Formen. Der Ausstellungsansatz, eigene und fremde, historische und aktuelle, religiöse und säkulare sowie alltagsweltliche und weltanschaulich bedingte bzw. in Kauf genommene Formen der Armut mittels der oben genannten Perspektiven zu bündeln und unter dem Aspekt von In- und Exklusion zu befragen, bereichert ohne Zweifel die gegenwärtige Armutsforschung.


Katharina Pewny, Das Drama des Prekären. Über die Wiederkehr der Ethik in Theater und Performance. Bielefeld: transcript 2011. 331 S.

In dem hier angesprochenen Forschungsfeld ist Katharina Pewnys Habilitationsschrift Das Drama des Prekären angesiedelt, die darüber hinaus anschließt an das aktuelle Forschungsparadigma der ›turns‹, speziell des ›ethical turns‹ (4). Angesichts der Virulenz des Themas, die sich u.a. anhand aktueller Spielpläne mit neuen Stücken sowie Wiederaufnahmen und Neuinszenierungen älterer Theatertexte (bspw. aus der Zeit der Weimarer Republik) äußert, stellt ein solches Forschungsvorhaben fraglos ein Desiderat dar.

Pewnys Studie will indes mit ihrem Ansatz des Prekären im Unterschied zu zeitnahen,  thematisch orientierten Publikationen – wie Elke Brüns Ökonomien der Armut (5) – als systematische Arbeit eine »Theorie des (postdramatischen) Theaters des Prekären« (S. 15) vorlegen. Wie der Untertitel andeutet, greift die über profunde Kenntnisse nicht nur europäischer Aufführungstexte verfügende Arbeit über die Grenzen des Sprechtheaters hinaus, um hier (konzentriert auf den europäischen Kontext) ebenfalls Aufführungen der Tanz- und Performancekunst mit zu berücksichtigen. Diese Auffächerung, die freilich die Titelbezeichnung »Drama des Prekären« zur uneigentlichen Rede werden lässt, ist notwendig, um das theatrale Spektrum anzudeuten, durch welches die Zuschauer zu »Ko-Produzierenden in und von künstlerischen Aufführungen werden« (S. 110).

Voraussetzung für eine Identifizierung weiter Teile des Gegenwartstheaters als »Drama des Prekären« ist nach Pewny der Befund, dass, die dramatischen Gattungsgrenzen überschreitend, überproportional häufig bereits am Beginn eines theatralen Ereignisses ein Abgrund auszumachen sei. Dieser breche im Unterschied zur Tragödie nicht erst in ihrem Verlauf auf, sondern sei bereits »als aufgebrochener sichtbar und wird als solcher unermüdlich gezeigt« (S. 9 f.). ›Aufgehoben‹ werde dieser Abgrund im Gegenwartstheater wiederum durch eine präsente »Sehnsucht nach Ethiken«, die den Hintergrund für die »Auseinandersetzung mit dem Schwierigen, Heiklen, Ungesicherten« (S. 13) bilde. (Hier würde man sich eine vertiefende Darstellung, inwiefern dieser Befund des ›Schwierigen‹ über die grundsätzlichen Eigenschaften der Kunst der Moderne hinausweist, wünschen.) Die Kategorie des Prekären soll als Scharnier wirken, um Strukturelles (Bühnengeschehen und Zuschauerraum), Kontexte (Theater und andere Realitäten) sowie Inhaltliches und Ästhetisches miteinander zu verklammern.

Solchen einführenden Darlegungen im Kapitel Das Theater des Prekären öffnen folgt im zweiten Kapitel Das Prekäre und die Performance Studies der Versuch einer semantischen Annäherung und inhaltlichen Bestimmung des Begriffs »prekär«, dessen relationale Qualitäten Pewny explizit betont, und der als ein der Komplexität sozialer Situationen und Hierarchien gemäßer in seiner Bedeutung von »ungesichert« bzw. im späteren Verlauf (mit Judith Butler) im Sinne von »verletzlich« (S. 62) fruchtbar gemacht wird. Eine gewisse Ungenauigkeit des Ansatzes entsteht durch das Kurzschließen von Strukturellem und Inhaltlichem vermittels der inner- und interdisziplinär sehr uneinheitlich verwendeten Begrifflichkeiten Prekarität – Prekarisierung – Prekariat.

Zur Vermeidung der daraus resultierenden Unschärfe mit einem Prekaritätsbegriff, der je nach Disziplin und Theorie unterschiedlich konturiert ist, wäre eine differenziertere Abhandlung im Kapitel 2.3 Soziologische und (kunst-)politische Diskurse des Prekären angebracht gewesen. Davon hätten auch die späteren Analysen mit ihren Anknüpfungspunkten im gesellschaftlichen und politischen Bereich (bspw. der prekären Beschäftigungsverhältnisse) profitiert. Anstelle des Hinweises auf die soziale Milieu-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung von 2006, in deren Folge die Rede vom »abgehängten Prekariat« zum unreflektiert verbreiteten Gemeinplatz wurde, hätte eine knappe Darlegung der für Pewnys Interpretationen hilfreichen Kernpunkte der Prekaritäts- und Prekariatsforschung (wie sie bspw. Manfred Seifert in Prekär arbeiten, prekär leben (6) vornimmt) mehr überzeugt.

Ausgehend von einer Festlegung im Sinne von ›prekär gleich ungesichert‹, ist für die Studie in ihrer ethischen Ausrichtung Emanuel Lévinas? Ansatz elementar (Kap. 2.3 Die Ethik der Begegnung mit dem Ungesicherten). Hierfür überträgt Pewny Lévinas? Ansatz der ›Aufforderung‹ an den Einen, in Differenz zu sich zu treten, um Verantwortung für den Anderen/das Andere zu übernehmen, auf das Verhältnis von Publikum und Performern im Aufführungstext. Das Theater des Prekären performe »sowohl die prekäre Verletzlichkeit des Anderen als auch Möglichkeiten, ihr (auf der Bühne und als Zuschauer) zu begegnen« (S. 298).

In ihrer Offenheit stellen die Aufführungstexte nach Pewny Angebote an das Publikum dar: Besonders den Aufführungstexten der Performance-Kunst wird in diesem Sinne eine »Strategie der Unschärfe« (S. 101) attestiert, wodurch das Publikum in den ambivalenten Innenraum des Kunstwerks hineingezogen werde. Dies wiederum bewirke, so die Autorin in Anlehnung an Richard Sennett, dass sich beim Publikum das Bewusstsein, gebraucht zu werden, einstelle – eine in spätkapitalistischen Zusammenhängen nicht mehr häufig anzutreffende Erfahrung der Unersetzbarkeit. So richteten künstlerische Aufführungen den Anspruch des Anderen an ihre Zuschauer, und böten damit, indem sie sich nicht auf eine monologische Aussage reduzieren ließen, mehrere mögliche Antworten an (S. 106-129).

Im Hauptteil soll, den relationalen Charakter von ›prekär‹ produktiv nutzend, eine Theatertheorie des Prekären im Sinne des »Ungesicherten« (S. 23) mit Hilfe von Aufführungsanalysen dreier Theaterbereiche exemplifiziert werden. Diese systematisierende Einteilung aktueller Aufführungstexte in Das posttraumatische Theater als Wahrnehmung des Ungesicherten (Kap. 3), Das transformatorische Theater als Sicherung des Ungesicherten (Kap. 4) sowie Das relationale Theater als (unmögliche) Begegnung mit dem Ungesicherten (Kap. 5) überzeugt in Anbetracht der Theaterlandschaft ebenso wie die darin vorgenommenen Interpretationen. Als »Überschreibung« bezeichnet Pewny (in Anlehnung an die entsprechende Bezeichnung »Überlesen« des Tanzwissenschaftlers Randy Martin) ihr Verfahren der auf den vorangeschickten Theorien basierenden interpretierenden Beschreibung (S. 130).

Das Moment des Ethischen sieht die Arbeit hier im Rahmen des sich vor allem auf Erfahrungen wie Krieg, Gewalt, Migration, Tod (Selbsttötung) konzentrierenden Posttraumatischen Theaters durch Verfahren des Wahrnehmbar-Machens, des Visualisierens des Traumatischen verankert. Exemplarisch werden solche Verfahrensweisen herausgestellt, die den Zuschauer in die Dynamiken des Posttraumatischen zu involvieren suchen. In den »Überschreibungen« wird die oben angesprochene Öffnung – von den Verfahren her keineswegs neu – durch Fragmentierung der Handlung, gezielten Medieneinsatz, aber auch durch das Erzählen von Geschichten, die das Unaussprechliche umkreisen, realisiert. Auch wenn man nicht jeder Interpretation bis ins Letzte folgen will, liegt die Stärke dieser Kapitel sicherlich in ihrer umfassenden Besprechung und Kontextualisierung der Aufführungen, die zugleich Aufschluss über die den Theatertexten zugrunde liegenden Poetiken liefern.

Prekarität im Sinne des oben zu Armut Gesagten wird hier vor allem im Zusammenhang mit Flucht und Vertreibung evident sowie mittels der Verfahren zur Darstellung der entsprechenden Extremerfahrungen. Im größeren Zusammenhang dieser Rezension sind vor allem die beiden folgenden Analysekapitel maßgeblich. Ausgehend von der Realitäten generierenden Kraft des Theaters, durch die auch die gesellschaftlichen Diskurse über Formen der Armut geprägt werden, kommen dort ästhetische Transformationsprozesse zur Sprache, die als Sicherungsprozesse des Ungesicherten gelesen werden. So zeigt das Beispiel der Aufführung Home sweet home der Theatermacherin Emre Koyuncuoglu, wie auf den Verlust von Heimat im Zusammenhang mit Migrationserfahrungen geantwortet wird. ›Heimat‹ soll sich entsprechend in der Sprache durch Interviews mit wechselnden Personen neu konstituieren und dadurch, dass sie Raum durch die Aufmerksamkeit und die späteren Erinnerungen des Publikums gewinnt.

Schließlich entfaltet Pewny u.a. anhand der Arbeiten Jochen Rollers (»Leistungssteigerung und Profit durch Arbeit am Körper im Postfordismus«, S. 229) und René Polleschs die wechselseitige Abhängigkeit und Prägung des gesellschaftlichen und künstlerischen Diskurses u.a. mit Blick auf prekäre Arbeitsverhältnisse. Die Autorin versteht das Theater, dessen prekäre Arbeitsbedingungen durch Subjektivierung und vielfältige Formen der Unsicherheit gekennzeichnet sind, als ein »Modell für postfordistische Ordnungen« (S. 238). Diese Bedingungen stelle René Pollesch in seinen Produktionen inhaltlich und dramaturgisch heraus, wie er sie auch selbst in der Performanz seiner Person repräsentiere. Er sei ein »Prototyp der prekären Arbeit in der Kunst und ein Protagonist der Verwandlung von prekärer Arbeit in einer Erfolgserzählung« (S. 234). Daher habe er in der Anfangszeit seiner Arbeiten Ende der 1990er Jahre den Diskurs über prekäre Arbeit besonders im Kunst- und Kulturbetrieb ›vorgeahmt‹ (S. 237). Gleichzeitig halte seine ›Aufstiegsstory‹ vom vormals arbeitslosen, prekär arbeitenden Künstler Pollesch aufgrund seiner Verwandlung, der Transformation, vom »Regisseur Prekär« zur »Marke Pollesch« Potential zur Identifikation für das Publikum bereit (S. 233).

Anhand der schließlich vorgestellten Beispiele des »relationalen Theaters« mit ihrer noch weiter fortgeschrittenen Verbindung von Bühnengeschehen und Publikum (als eine Fortschreibung partizipativer Publikumsdramaturgien seit den 1970er Jahren), zeigt Pewny die diesen Texten inhärente Gefahr auf, die Begegnung mit dem Anderen zu verfehlen. Die Arbeit stützt sich in einer differenzierten Interpretation u.a. auf Tino Sehgals Diese Beschäftigung von 2005, wo Obdachlose zu Performern und ihre von den Anstrengungen des Lebens und von der Armut gezeichneten Körper in der Hamburger Kunsthalle (die Objekte ersetzend) zu Zeichenträgern werden. Der institutionelle Rahmen setze die hierarchisierende Struktur des Theaters auch jenseits der Konfrontationsbühne fort und werde durch die sozialen Hierarchien weiter vertieft.

Pewnys Studie zeigt damit anhand von drei für das Gegenwartstheater zentralen Kategorien diverse Möglichkeiten auf, prekäre Existenzformen unserer Tage überzeugend zu inszenieren. Obwohl dabei keinesfalls die auch andernorts konstatierte Rolle des Ethischen für das Gegenwartstheater in Abrede zu stellen ist, erscheint der Anspruch einer Neu-Interpretation von Lévinas? Ethik mehr als heikel. Obwohl Pewny darauf kaum hinweist, ist letztere untrennbar mit der Tradition des jüdischen Messianismus und der jüdischen Sprachphilosophie verbunden und ihrer Konzeption nach bereits allem Ontologischen vorgängig. Sie bedingt eine für das Subjekt existentielle Verpflichtung zur Hinwendung zum Anderen. Die Übertragung von Lévinas? Angesichtstheorie auf moderne Aufführungstexte mit ihrer durch Intentionalität charakterisierten Beziehung zwischen Publikum und Performern läuft damit in mehrfacher Hinsicht dem Wesen von Lévinas? auf die Sprache bezogenen Ethik zuwider. Weil sich der Andere als Fremder einer Beschreibung durch das Subjekt entzieht, kann es um keine erkenntnismäßige Annäherung an den Anderen gehen, wie es bei Aufführungstexten trotz aller Offenheit und sinnlich-medialen Vielschichtigkeit der Fall wäre. Pewnys Verständnis von Offenheit der Theater- und Aufführungstexte mit ihren möglichen Angeboten an die Zuschauer ist von Lévinas' Verständnis zu unterscheiden, wo Offenheit ein Ausdruck der Anerkennung und der übernommenen Verantwortung angesichts der Andersheit des Anderen ist. Diese Verantwortung ist keine, die beliebig im Zusammenhang mit einer Inszenierung vom Aufführungsbesucher angenommen werden kann, stellt sie doch die Basis allen Seins dar und ist in sofern auch nicht frei wählbar.

Künftige Arbeiten, die dem Prekären auf inhaltlicher und formal-ästhetischer Ebene nachgehen, könnten die komparatistische Perspektive stärker machen: Im Vergleich der Diskurse von deutschen respektive spanischen Theateraufführungen zeigt Pewny, dass das Leiden an der Prekarität im spanischen Theater stärker anhand eines gezeigten Mangels an Geld, Wohnraum und Erwerbsarbeit dargestellt werde, während es im deutschen Diskurs mit seinen Stücken, die die Subjektivierung der (künstlerischen) Arbeit betonen, vielfach (aber längst nicht mehr ausschließlich) um einen Mangel an Kontinuität und Freizeit gehe. Auch wäre öfter trotz aller gattungssystematischen Absichten das Aufzeigen von Traditionslinien wünschenswert gewesen, weil solche Verbindungen in der Studie stets erhellend sind (etwa zum Prekarium in der Danaiden-Trilogie des Aischylos; S. 27).

Katharina Pewnys Studie hätte zusätzlich gewonnen, wenn sie im Zeichen des Prekären für das ausgehende 20. und beginnende 21. Jahrhundert die Geschichte der theatralen Wirkungsästhetik fortgeschrieben hätte. Ihre präzisen Beobachtungen, umfangreichen Kenntnisse der Aufführungslandschaft sowie die Systematisierungen fordern eine Aktualisierung der aufklärerischen Formel vom ›mitleidigsten Menschen als dem besten Menschen‹ aus dem Blickwinkel ethischer Positionen heraus.

Die beiden im Mittelpunkt dieser Rezension stehenden Publikationen zur gegenwärtigen Armuts- und Prekaritätsforschung deuten Wege für weiterführende Forschungsprojekte an. Wiederholt wird darin auf die Schwierigkeit hingewiesen, im Darstellen wie auch im Analysieren des Prekären dem ›Gegenstand‹ angemessen zu begegnen. Vermisst wird der Eindruck des ›Authentischen‹, den Selbstthematisierungen nicht per se vermitteln und der im Zusammenhang mit dem Aufgreifen und Fortschreiben bestimmter Bild-Traditionen kaum zu erwarten ist. So verschränken, wie oben gezeigt, mittelalterliche Bilder der Legende vom Heiligen Martin stets in verdichteter Form den Wohltäter, den armseligen Empfänger sowie die Gabe des Mantels. Dass eine Transformation dieses Motivs sprachlich auf kleinstem Raum gelingen kann, zeigt Ilse Aichingers Gedicht Nachruf. Dieses stellt den Armen in den Mittelpunkt und schenkt ihm darüber hinaus eine Stimme. So fordert das Ich, das sich nicht mit dem halben Mantel zufrieden geben will, den ganzen Umhang des Heiligen und enttarnt im selben Atemzug den als selbstlos verherrlichten Martin als einen Scheinheiligen: »Gib mir den Mantel, Martin,/ aber geh erst vom Sattel/ und laß dein Schwert, wo es ist,/ gib mir den ganzen.« (7) Der Zorn, der hier im Fortschreiben von Traditionen gerade den Bruch mit denselben vorführt, gehört in Ilse Aichingers Poetik zum Kostbarsten, was zu vergeben ist. Noch mehr Widerspruch solcher Art haben Armutsrepräsentationen und Armutsforschung bitter nötig.

Dr. Susanna Brogi, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Department für Germanistik und Komparatistik, Bismarckstr. 1, D-91054 Erlangen; E-Mail: sbrogi@web.de


Anmerkungen

(1) Johann Wolfgang Goethe, Die Wahlverwandtschaften. In: Ders., Sämtliche Werke. Briefe, Tagebücher und Gespräche. 40 Bde. 1. Abteilung, Bd. 8. Hg. v Waltraud Wiethölter zus. mit Christoph Brecht. Frankfurt/M. 1994, S. 269-529; hier S. 317. [zurueck]

(2) Werner Michael Schwarz/Margarethe Szeless/Lisa Wögenstein (Hg.), Ganz unten. Die Entdeckung des Elends. Wien u.a. 2007. [zurueck]

(3) Franziska Eißner/Michael Scholz-Hänsel (Hg.), Armut in der Kunst der Moderne. Marburg 2011. [zurueck]

(4) Vgl. etwa Christine Lubkoll/Oda Wischmeyer (Hg.), ›Ethical turn‹? Geisteswissenschaften in neuer Verantwortung. Paderborn 2009; Stephanie Waldow (Hg.), Ethik im Gespräch. Autorinnen und Autoren über das Verhältnis von Literatur und Ethik heute. Bielefeld 2011. [zurueck]

(5) Elke Brüns (Hg.), Ökonomien der Armut. Soziale Verhältnisse in der Literatur. Paderborn 2008. [zurueck]

(6) Manfred Seifert, Prekarisierung der Arbeits- und Lebenswelt – Kulturwissenschaftliche Reflexionen zu Karriere und Potential eines Interpretationsansatzes. In: Irene Götz/Barbara Lemberger (Hg.), Prekär arbeiten, prekär leben. Kulturwissenschaftliche Perspektiven auf ein gesellschaftliches Phänomen. Frankfurt/M. 2009, S. 31-53. [zurueck]

(7) Ilse Aichinger, Verschenkter Rat. Gedichte. In: Dies., Werke. Hg. v. Richard Reichensperger. Bd. 8. Frankfurt/M. 1991, S. 77. [zurueck]