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In: KulturPoetik 2012, Heft 1

Autor

Hanna Engelmeier

Titel

Manipulation – Bewusstseinserweiterung – Transzendenz
Katrin Solhdju, Selbstexperimente. Die Suche nach der Innenperspektive und ihre epistemologischen Folgen. München: Fink 2011. 217 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Im Jahr 1903 lässt sich der britische Arzt Henry Head von seinem Kollegen William Halse Rivers einige Millimeter der Nerven seines linken Unterarmes entfernen. Die Operation ist der Auftakt einer ganzen Reihe von Versuchen, denen sich der Neurologe in einem Zeitraum von mehr als vier Jahren in Zusammenarbeit mit seinem Kollegen unterzieht, um neues Wissen über den Zusammenhang zwischen Reiz und Empfindung zu erlangen. Dabei nutzen die beiden Ärzte kleine Härchen, Nadeln und andere Gerätschaften, um Heads verletzten Arm zu traktieren. Seine Erfahrungen während dieser Prozedur bilden die Grundlage für den Text The Afferent Nervous System From a New Aspect, der im Jahr 1905 in der Zeitschrift Brain erscheint.

Das Head/Rivers-Experiment ist das erste von dreien, das Katrin Solhdju in Selbstexperimente. Die Suche nach der Innenperspektive und ihre epistemologischen Folgen vorstellt, um sich der Frage zu nähern, warum und mit welchen Auswirkungen Wissenschaftler daran interessiert sein können, sich selbst als Objekt riskanter, möglicherweise sogar schmerzhafter Versuche einzusetzen. Diese Frage, mit der Arbeiten von drei Autoren der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bearbeitet werden, ordnet Solhdjus Studie zahlreichen weiteren Arbeiten aus den Kultur- und Literaturwissenschaften zu, die in den vergangen Jahren zum Feld des Experiments erschienen sind (1). Während diese Studien jedoch den Experimentalcharakter der Literatur selbst oder soziale Strukturen als Versuchsanordnungen beschrieben, unternimmt Solhdju es, zu zeigen, was geschieht, wenn »Personen, Disziplinen, Dinge und Praktiken« (S. 39) im Experiment zusammenfallen. Dieser Zugang ist neu und nicht zuletzt dadurch reizvoll, dass die Art der beschriebenen Experimente offenbar einen bestimmten Typ Wissenschaftler anzieht, dessen Eigenwilligkeit Solhdju nicht nur präzise zu analysieren, sondern auch unterhaltsam darzustellen weiß.

Neben dem Neurologen Head, von dessen Manipulationen am eigenen Arm in dem Kapitel »Nerven werden« berichtet wird, tritt im zweiten Kapitel der von Foucault »Claude Bernard des Wahnsinns« (S. 95) getaufte Jacques-Joseph Moreau de Tours auf: Der Psychiater unternahm in den 1840er Jahren den Versuch, durch die Einnahme großer Mengen von Haschisch in einen Zustand zu gelangen, der dem seiner psychisch kranken Patienten so weit ähneln sollte, dass seine Rauschzustände ihm eine Intimkenntnis des Wahnsinns vermitteln konnten. Diesem Kapitel, das »Wahnsinnig-Werden. Selbstexperimentieren zur Modellierung und Artikulation des Wahnsinns 1837–1855« (S. 87) betitelt ist, folgt das dritte und letzte Beispiel eines draufgängerischen Experimentators, der »Farmer, Boxer, Gewichtheber, Spieler, Geschäftsspekulant, Mühlenarbeiter, Erfinder, Poet, passionierter Lachgaskonsument und Philosoph« (S. 145) Benjamin Paul Blood. Dieser entdeckte unter einer zahnärztlichen Narkose im Jahr 1860 eine »anästhetisch-mystische Realität« (S. 150), in die er sich in den folgenden Jahren immer wieder selbst durch die Betäubung mit dem Gas begab. Die Beschreibung seiner Erfahrungen, in denen er von einem allumfassenden Verständnis für die Zusammenhänge im Universum berichtete, regte schließlich seinen Brieffreund William James in den 1890er Jahren zur Prägung des Begriffs Pluriversum an.

Die Kapitelüberschriften legen bereits nahe, welches der entscheidende Punkt in der Betrachtung der abenteuerlichen wissenschaftlichen Praxis von Head u.a. ist: Unter den Bedingungen des Versuchs geht die personale Identität des mit sich selbst Experimentierenden ganz in einer sinnlichen Erfahrung auf. Head wird also zu den Nerven, die sein Kollege reizt. Es ist der Versuch, durch einen existenziellen Spieleinsatz die Frage zu beantworten: »Wie kann man etwas über die Innenperspektive, die inneren Erfahrungen eines lebendigen Gefüges wissen, das man nicht selbst ist?« (S. 16)

Für die epistemologischen Folgen, die bereits im Titel der Studie annonciert werden, ist dementsprechend der Zusammenfall von Subjekt und Objekt (2) im Selbstexperiment der maßgebliche Ausgangspunkt – dies kann naturgemäß in keinem der beschriebenen Fälle variiert werden. Hinzu kommt als wichtige Gemeinsamkeit, dass alle drei Experimente von einer materialen Basis ausgehend, dem Körper nämlich, zu erklären versuchen, wie sich subjektive Wahrnehmung in intersubjektive, in diesem Fall: in wissenschaftliche Kommunikation übersetzen lässt. Warum also überhaupt drei Beispiele heranziehen statt eines ausführlich abzuhandeln? Die sorgfältige Aufarbeitung des Quellenmaterials gibt die Antwort.

Anhand der Fotografien von Heads Arm zeigt Solhdju auf, wie überhaupt ein epistemisches Ding Bedeutungsvielfalt erzeugen kann. Die verschiedenen Repräsentationsebenen dieses Bildes, das den »Arm als eine Art neurologischer tabula rasa« (S. 83) zeigt, seinen Charakter als wissenschaftliches Phänomen enthüllt und schließlich die »experimentelle Gemachtheit« dessen darlegt, was Head zeigen möchte, stehen in einem ständigen Austausch miteinander und in Abhängigkeit voneinander. Die Rede von der Rolle des Experimentalsystems als »Repräsentationsraum für den Auftritt epistemischer Dinge« (S. 83), so wie Hans-Jörg Rheinberger es nennt, erhält hier durch den Einsatz des eigenen Körpers eine neue Dringlichkeit.
Im Falle der Haschischexperimente von Moreau, die in großer Runde stattfanden und von denen auch Schriftsteller wie Théophile Gautier berichteten, ist es die Sicht auf die Natur des Wahnsinns selbst, die einen neuen Zugang zur Episteme des Untersuchungszeitraums erlaubt: Durch die Versuche des Esquriol-Schülers Moreau wird der Wahnsinn erst zu dem »experimentell modellier- und analysierbaren Objekt« (S. 95), über das Arzt und Patient durch geteilte Erfahrung ins Gespräch kommen können.

Die »zahnärztlich induzierte Offenbarung« (S. 146) von Blood schließlich bildet den Ausgangspunkt für den Philosophen James, um einen Wissensbegriff zu entwickeln, der nicht auf einer erstarrten, zu Fakten geronnenen Kenntnis beruht, sondern Potentialität, Offenheit und Prozess zum Zentrum hat. Diese Form der Annäherung nennt James knowledge of acquaintance. In dem letzten Kapitel der Studie, das eben diesem Konzept gewidmet ist, finden sich dem anspruchsvollen Wissensbegriff von James entsprechend die ausführlichsten Diskussionen der epistemologischen Folgen der Selbstexperimente, von denen die Studie handelt.

Während es gleich auffällt, dass Solhdju ihre Quellen auch deshalb ausgewählt hat, weil sie sich sehr gut für spannende wissenschaftliche Narration eignen, scheint es jedoch nicht unbedingt zwingend, sie in der gewählten Reihenfolge zu untersuchen. Eine chronologische Anordnung würde die Experimente des Psychiaters Moreau vor denen des Neurologen Head einsortieren. Die Versuche Heads fußen zwar nicht auf denen Moreaus, so dass es durch die gewählte Reihenfolge nicht zu Verständnisproblemen kommt. Es fehlt aber dennoch eine nachvollziehbare Begründung für den gewählten Aufbau. Vermuten lässt sich, dass die Beispiele dem Verlauf einer Steigerung folgen, in der erst an einem kleinen Teil des Körpers manipuliert wird, dann das Bewusstsein durch den Haschischrausch erweitert und schließlich unter der Wirkung des Lachgases quasi transzendiert wird.

Dieser letzte Schritt offenbart auch die größten Probleme im Forschungsdesign der Arbeit. Die beiden ersten Kapitel entwickeln das Quellenmaterial in gekonnter wissenschaftshistorischer Manier, um daran epistemologische Fragen zu richten und die eben genannten Beobachtungen anzustellen. Im dritten Kapitel kommt es zu einer Vermischung der Quellentypen, der ›Erlebnisberichte‹ und der philosophischen Abhandlungen Bloods, die zwar klar motiviert ist (immerhin bezeichnete William James Bloods Lachgas-Schrift Anaesthetic Revelation als »Sprungbrett für sein eigenes Denken« (S. 154)), aber nicht thematisiert oder problematisiert wird. Eine philosophische Schrift wie James’ The Varieties of Religious Experience von 1902 operiert aber nicht nur oberflächlich in einer anderen Disziplin als beispielsweise Moreau de Tours medizinische Schrift Du hachisch et de l’alienation mentale von 1843, sondern zieht auch ein anderes Register, nämlich das der Wissenstheorie im Unterschied zu dem des Wissens von einem bestimmten Phänomen. Die verschiedenen Ansprüche, welche die behandelten Texte damit stellen, werden zugunsten ihrer gemeinsamen Thematik eingeebnet. Da die Studie teilweise auch noch literarische Quellen einbezieht (wenn es um den Haschischrausch geht), wäre es aufschlussreich gewesen, auch noch etwas darüber zu erfahren, was die Natur dieser Texte verbindet, beispielsweise ihre poetologischen Strategien, und so zu einem Diskurs über das Selbstexperiment werden lässt.

Das Selbstexperiment, so sehen wir in Solhdjus Studie, kann dabei helfen zu verstehen, dass die Theorie des Wissens von einer bestimmten Praxis abhängig ist, in der hergebrachte Dichotomien wie die von Subjekt und Objekt ins Wanken geraten oder sogar aufgelöst werden. Die Bereitschaft, mehr über »die Vielfalt von Realität in Erfahrung zu bringen« (S. 203) und dabei eventuell auch schmerzhafte Erfahrungen zu machen, zeichnet jedoch nicht nur die genannten Selbstexperimentatoren aus, sondern auch die Autorin der Studie, die ihnen zu einem gebührenden Platz in der Wissenschaftsgeschichte verholfen hat.
 
Hanna Engelmeier, M.A., Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Kulturwissenschaft; E-Mail: hanna_engelmeier@web.de


Anmerkungen

(1) Grundlegend: Hans-Jörg Rheinberger, Experiment, Differenz, Schrift. Zur Geschichte epistemischer Dinge. Marburg 1992. Exemplarisch seien hier weiterhin genannt: Michael Gamper, Experiment und Literatur. Göttingen 2010; Henning Schmidgen und Casey Alt, Kultur im Experiment. Berlin 2004. [zurueck]

(2) Im Fall von Head/Rivers spricht Solhdju auch von »Unschärfe« (S. 61), da in deren Fall erschwerend hinzu kommt, dass sich zwei Beobachter die Subjekt-Position teilen. [zurueck]