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In: KulturPoetik 2012, Heft 1

Autor

Julia Seebert und Matthias Grüne

Titel

Epoche ohne Konturen
Claudia Stockinger, Das 19. Jahrhundert. Zeitalter des Realismus. Berlin: Akademie-Verlag 2010. 256 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Der Titel von Claudia Stockingers Einführungsbuch Das 19. Jahrhundert. Zeitalter des Realismus kündigt ein zeitlich weit gefasstes Epochenbild an. Damit soll in der Reihe Studienbuch Literaturwissenschaft des Akademie-Verlags die Lücke zwischen der Literatur um 1800 (Harald Tausch, 2011) und der Literatur um 1900 (Philipp Ajouri, 2009) geschlossen werden. Die ersten fünf der insgesamt sechzehn Kapitel des Buches, auf die im Folgenden verstärkt Bezug genommen wird, sind den Epochengrundlagen gewidmet und beziehen dabei allgemeine sozial- und kulturgeschichtliche Faktoren mit ein. In den Kapiteln sechs bis dreizehn folgen Darstellungen über allgemeine Gattungsentwicklungen und Einzelanalysen ausgewählter Autoren. Das vierzehnte Kapitel behandelt die Epochenränder, die Abgrenzung zur Romantik (ebenfalls Gegenstand des dritten Kapitels) wie zum Naturalismus. Die Ausführungen zu den einzelnen Gattungen (Lyrik, Novelle, Roman und Drama) umfassen jeweils zwei Kapitel. Das erste ist in der Regel einem gattungsgeschichtlichen Überblick und der zeitgenössischen Gattungstheorie vorbehalten, das darauf folgende Kapitel stellt dann zumeist zwei Autoren in Beispielanalysen vor. Die beiden abschließenden Kapitel bieten vor allem dem Hauptadressaten, dem (Bachelor-)Studenten, nicht nur nützliche Informationen zu bibliographischen Hilfsmitteln, sondern auch ein Glossar zu Schlüsselbegriffen. Die klare Strukturierung wird durch eine studentenfreundliche Aufbereitung (mit zeitgenössischen Illustrationen, Stichwörtern am Seitenrand und »Fragen und Anregungen« am Ende jedes Kapitels) ergänzt.

Die grundlegende und daher zu Recht bereits als Überschrift des ersten Kapitels gewählte Frage »Was ist Realismus?« versucht Stockinger durch die Bestimmung der Epochengrenzen zu beantworten – und gerät dabei in Widersprüche. So betont sie zunächst die Revolution von 1848 als markante Zäsur und ausschlaggebenden Faktor für die Entwicklung eines »neue[n] Wirklichkeits- und Literaturverständnis[ses]« und setzt entsprechend im Folgejahrzehnt die »programmatische Gründungsphase« (S. 9) des Realismus an. Kurz darauf relativiert sie jedoch die literaturhistorische Bedeutung des Revolutionsjahrs und verschiebt zudem den Epochenbeginn um ganze zwei Jahrzehnte nach vorne. So zählt sie Autoren wie Büchner, Grabbe, Grillparzer, Immermann und Mörike zum Realismus und erklärt die Zeit um 1830 als den »terminus post quem, […] ab dem sinnvollerweise von realistischer Literatur die Rede sein kann« (S. 16). Sie führt für diese Autoren das Stichwort »Frührealismus« ein, versäumt es jedoch, den Begriff zu erläutern. Zugleich konstruiert Stockinger mit dieser Epochenzäsur einen fast nahtlosen Übergang von der Romantik zum Realismus, ohne eine in der Forschung vielfach mit guten Argumenten diskutierte eigenständige Epoche »zwischen Goethezeit und Realismus« (Titzmann) (1) näher in Betracht zu ziehen. Dass die »Begriffe Spätromantik, Biedermeierzeit und Vormärz« nicht nur, wie Stockinger beiläufig formuliert, »alternativ« (S. 16) gebräuchlich sind, sondern von grundlegend anderen literaturgeschichtlichen Strukturierungen ausgehen und zum Teil eigene Epochen darstellen, wird nicht deutlich. Die frühe Ansetzung der Epoche findet darüber hinaus in den Textanalysen kaum Berücksichtigung, denn unter den dort behandelten Autoren wäre allein Eduard Mörike (Kap. 7.1) zu den ›frührealistischen‹ Autoren zu zählen. Zudem wird versäumt, die Unterscheidung der einzelnen Phasen des Realismus anhand spezifischer literarischer Charakteristika zu untermauern. So wendet die Autorin den Begriff des »Detailrealismus« (S. 42) auf die gesamte Epoche an und nicht, wie es Sengle vorschlägt (2), auf restaurationszeitliche (im Sinne Stockingers: frührealistische) Darstellungsformen.

Ausgehend von der hier entfalteten zeitlichen Expansion der Epoche auf Kosten der Restaurationszeit ist es nur konsequent, wenn die Romantik als epochales Gegenbild diskutiert wird (Kap. 3). Stockinger zufolge vollziehe sich die Abgrenzung von der Romantik als ein Prozess der Selektion und der »Komplexitätsreduktion«, der als Modus gedeutet wird, »mit den komplizierter gewordenen Verhältnissen fertig zu werden« (S. 41). Die Zeit sei von einem Gefühl der Unordnung und Unübersichtlichkeit geprägt, auf das die Kunst des Realismus durch Abgrenzung und Verklärung von Wirklichkeit reagiere. Es sei dahingestellt, ob sich nicht auch das Gegenteil diskutieren ließe: dass nämlich gerade das Bewusstsein von Ordnung und Transparenz, nicht Abwehr, sondern vielmehr Zuwendung zur Realität (überhaupt ein vollkommen neues Realitätsverständnis) die literarischen Entwicklungen der Zeit charakterisieren. Problematisch jedenfalls ist Stockingers Argumentation aus zwei Gründen: Zum einen erhellt sich selbst nach der Lektüre des zweiten Kapitels zu den politik- und kulturgeschichtlichen Entwicklungen kaum, warum »die rasanten politischen, sozialen, demografischen, technischen und wissenschaftlichen Veränderungen« notwendigerweise die Menschen »überforderten und bedrohten« (S. 42). Zum anderen werden die gesellschaftspolitischen und geistesgeschichtlichen Fakten in keine aussagekräftige Verbindung zur Literatur gesetzt. So will Stockinger am Beispiel der Eisenbahn die »Herausforderungen der Moderne« und die »Ambivalenz des Zeitalters« (S. 24) aufzeigen, muss aber gleichzeitig eingestehen, dass sie in »der Literatur der Zeit […] keine große Rolle« (S. 29) spielt. Auch der Darstellung religiöser und philosophischer Diskurse fehlt der konsequente Bezug zur Reflexion in der Literatur. Beispielsweise hätte es sich angeboten, die überzeugenden Ausführungen zur Philosophie Feuerbachs in Verbindung mit Gottfried Kellers Poetik zu bringen. Zu überzeugen vermag indessen der differenziert dargelegte Begriff des Bürgertums, der nicht nur im fünften Kapitel zu »Literaturbetrieb und Lese(r)öffentlichkeit« aufgegriffen, sondern auch in den Einzelanalysen in seiner literarischen Relevanz beleuchtet wird. Anhand von Freytags Soll und Haben und Fontanes Irrungen, Wirrungen arbeitet Stockinger das »bürgerliche Arbeitsethos als leitendes Prinzip« (S. 149) heraus und bettet so die Texte überzeugend in ihre sozialgeschichtlichen Kontexte ein.

Ein eigenes Profil erhält die Epocheneinführung vor allem durch das Kapitel »Medienkonkurrenzen« über die Beziehungen von Literatur zu Fotographie, Malerei und Panoramatik. Diese informativen und illustrativen Ausführungen leiden jedoch unter dem Versuch, die intermedialen Bezugnahmen unbedingt als Konkurrenzverhältnis zu interpretieren. So behauptet die Autorin bezüglich der Fotografie, dass der literarische Realismus sich vorwiegend »in der Abgrenzung vom fotografischen Realismus« profiliert (S. 58 f.) und auf diese Weise sein poetisches Programm erhalten habe. Die Fotografie hätte die ›fehlerhafte‹, weil unvollständige Weltbetrachtung der Literatur aufgezeigt, infolgedessen »die […] realistische Literatur auf Vereinfachung, Verkürzung, kurz: auf Idealisierung verpflichtet werden« musste (S. 60). Die Behauptung, dass das neue Medium impulsgebend für die Literatur des Realismus war und es zudem in ihrem Programm maßgeblich beeinflusst hat, scheint etwas zu weit gegriffen. Ein Konkurrenzverhältnis zur Literatur erkennt Stockinger auch im Hinblick auf die Malerei. Das wird plausibel in den kunstkritischen Debatten um naturalistische und impressionistische Positionen (S. 62 f.), wobei der Blick auf die konkrete Auseinandersetzung in literarischen Texten interessant gewesen wäre. Auch das Phänomen der ›Doppelberufung‹ einiger Autoren wie Stifter oder Keller hätte an dieser Stelle diskutiert werden können. Worin die ›Medienkonkurrenz‹ für das dritte von Stockinger angeführte Beispiel, die Panoramatik, besteht, wird nicht ausgeführt und stattdessen die sozialgeschichtliche Dimension in den Vordergrund gerückt. Aus der Schichten übergreifenden Zugänglichkeit des neuen »Massenmedium[s]« (S. 52) schließt die Autorin etwas überraschend auf eine »Demokratisierung in der Wahrnehmung« (»Kunstgenuss für jedermann«, S. 53). Der ›neue‹ Panoramablick entspreche einem Perspektivwechsel, der in der Literatur in Karl Gutzkows Programm eines ›Romans des Nebeneinander‹ vorbereitet wurde. Wenn dieses allerdings, wie behauptet, eine »Absage an jegliche (idealisierende) Selektion von Wirklichkeitsausschnitten« (S. 55) impliziert, dann lässt es sich eigentlich nicht mit dem vorgestellten Realismuskonzept (›Komplexitätsreduzierung durch Selektion‹) vereinen.

Die grundsätzliche Problematik, die sich in den fünf Kapiteln zu den Epochengrundlagen abzeichnet, liegt in der ungenauen Bestimmung der Wechselbeziehung zwischen Literatur und kultur-/sozialgeschichtlichem Kontext. Es wird nicht deutlich, auf welche Weise (und mit welchen poetischen Strategien) die Literatur des 19. Jahrhunderts auf die Anforderungen der Zeit reagierte. Obwohl den folgenden Kapiteln zu den einzelnen Gattungen deshalb gelegentlich die Rückbindung an ein konsistentes Epochenbild fehlt, überzeugen diese im Ganzen. Die Zweigestaltung von gattungsgeschichtlichen Grundlagen und konkreten Einzelanalysen ermöglicht einen umfassenden Blick auf die literarischen Entwicklungen der Zeit. Das Interesse an einem möglichst breiten Zugang zur Epoche zeigt sich auch in der Wahl der behandelten Autoren, die die ›Dichter der zweiten Reihe‹ wie Emanuel Geibel und Paul Heyse berücksichtigt. Bedauerlich ist allerdings, dass wichtige Vertreter des Realismus – zu nennen wären Wilhelm Raabe, Gottfried Keller oder Adalbert Stifter – nur peripher behandelt werden.

Matthias Grüne M.A./Julia Seebert M.A., Universität Leipzig, Institut für Germanistik, Beethovenstraße 15, D-04107 Leipzig; E-Mail: matthias.gruene@uni-leipzig.de, julia.seebert@uni-leipzig.de.


Anmerkungen

(1)  Michael Titzmann(Hg.), Zwischen Goethezeit und Realismus. Wandel und Spezifik in der Zeit des Biedermeier. Tübingen 2002. [zurueck]

(2) Friedrich Sengle, Biedermeierzeit. Deutsche Literatur im Spannungsfeld zwischen Restauration und Revolution 1815-1848. Bd. 1. Stuttgart 1971, S. 287 f. [zurueck]