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In: KulturPoetik 2012, Heft 1

Autor

Julia Bodenburg

Titel

Narrationen von Affen. Ein literarisches und kulturgeschichtliches Bestiarium der Affenfigur
Julika Griem, Monkey Business. Affen als Figuren anthropologischer und ästhetischer Reflexion 1800-2000. Berlin: trafo 2010. 427 S.

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Rezension

Volltext

In den letzten fünfzehn Jahren ist eine Vielzahl kulturwissenschaftlicher Publikationen erschienen, in denen das Tier nicht mehr nur als Symbol oder Motiv, sondern als Denkfigur menschlicher Selbsterkenntnis erforscht wird. Die Anglistin Julika Griem legt mit ihrer im Forschungsfeld der literarischen Anthropologie zu verortenden Habilitationsschrift eine instruktive und materialreiche Studie vor, die das anthropologische und ästhetische Reflexionspotential von Affenfiguren in literarischen Texten des 19. und 20. Jahrhunderts hauptsächlich aus dem anglo-amerikanischen Raum auslotet. Sie geht dabei dem Topos des gelehrten und imitierenden Affen aus einer doppelten Perspektive nach: Literarische Texte werden im Rahmen einer anthropologisch und historisch ausgerichteten Literaturwissenschaft »sowohl als zu kontextualisierendes kulturelles Teilsystem als auch mit spezifischen formalen Strategien arbeitende Kommentierung von Kultur betrachtet« und haben in dieser Weise antizipierende, deutende und diskursintegrierende Funktionen (S. 12). Wenn das anthropologische und das ästhetische Reflexionsvermögen gleichzeitig in den Blick genommen werden – eben diese Sichtweise zeichnet Julika Griems Arbeit aus –, lässt sich das interdiskursive Potential von Literatur an der topischen Figur des Affen besonders gut aufzeigen: Affen stellen sowohl aufgrund ihrer biologisch und ethologisch verbürgten Nähe zu Menschen als auch in Hinblick auf das an Affenfiguren verhandelte ästhetische Verfahren der Mimesis das menschliche Selbstverständnis in Frage:

Mit fiktionalen Affen-Figuren läßt sich also zum Beispiel an evolutionsbiologische und ethologische Erklärungen anschließen, aber die in naturwissenschaftlichen Diskursen mit Hilfe der Figur des Affen exemplifizierten Erklärungs- und Beziehungsmuster können in Fiktionen auch neu ausgespielt werden (S. 15).
 
Die literarische Affenfigur lässt in besonders hohem Maße Erkenntnisse im Bereich anthropologischer Grundfragen zu. Der Erkenntnisreichtum speist sich dabei aus einer paradoxalen Struktur der Figur des Affen, denn mittels dieser Tierfigur lässt sich die gleichzeitige Ähnlichkeit und Unterschiedlichkeit zum Menschen literarisch ins Werk setzen. Mit literarischen Affen ist bevorzugt die Grenze zwischen dem, was schon menschlich, und dem, was noch tierisch ist, bestimmt und immer wieder verschoben worden. Die Affenfigur ist damit zum einen als Teil eines Archivs zu betrachten, das durch erprobte Worte und Bilder das durch sie repräsentierte Andere des Menschen zu bannen trachtet. Andererseits kann die Tierfigur auch als Text einer konkreten Inszenierung – so Griem – dichotome Entwürfe dekonstruieren und scheinbar feste Oppositionen von Eigenem und Fremdem instabil werden lassen. Archiv und Inszenierung sind daher zwei Leitbegriffe, die die Autorin für die Analyse diskursiver Mensch-Tier-Konstellationen produktiv macht.
In einem einleitenden methodischen Kapitel klärt Julika Griem in konziser Weise diese theoretisch-methodische Perspektive, erläutert die Eingrenzung des Untersuchungsmaterials ebenso wie die von ihr vorgenommene historisch-systematische Gliederung ihrer Untersuchungen. Letztere ergibt sich aus »symptomatische[n] Paradigmenwechsel[n] im Verhältnis von Affe und Mensch«, die anhand von literarischen und populärwissenschaftlichen Texten zugespitzt dargestellt werden (S. 16). So gliedert sich die Arbeit in vier umfangreiche Kapitel. Das erste analysiert Erzähltexte des 19. Jahrhunderts und führt in dieser historischen Eingrenzung so unterschiedliche Texte zusammen wie Rétif de la Bretonnes Lettre d’un Singe und E.T.A. Hoffmanns Satire Nachricht von einem gebildeten jungen Mann, die die Figur des gelehrten Affen einsetzt, um Kritik an zeitgenössischen Bildungskonzepten zu artikulieren. Hier ist der Affe als Motiv gestaltet und hält dem zivilisierten Menschen einen verzerrten Spiegel vor, in dessen Bild die zivilisatorischen Errungenschaften weniger als genuin humanes Vermögen erscheinen, denn als leere Fassade. Das Kapitel nimmt unter dem Stichwort ›Unheimliche Mischungen‹ aber auch Gustave Flauberts Groteske Quidquid volueris auf, die aus literaturanthropologischer Perspektive ganz anders kontextualisiert ist: Sie gestaltet vor dem Hintergrund von kolonialistischen und evolutionsbiologischen Diskursen mittels einer missing link-Figur die Rassen-, Klassen- und Geschlechterdifferenz virtuos aus. Griem zeigt zudem anhand von Charles Darwins The Decent of Man, wie Affenfiguren auch in wissenschaftlichen Narrationen als Alteritätsfiguren in Stellung gebracht werden und dabei auf literarische Konventionen zurückgreifen, indem sie als literarische Figuren mit Identifikationspotential für den Leser gestaltet werden. Die Bennenung dieses ersten Analysekapitels mit dem etwas unscharfen Titel ›Vom Affen als Mensch zum Menschen als Affe‹ zeigt dabei die Schwierigkeit, die vielfältigen Funktionalisierungen der Affenfigur gerade im 19. Jahrhundert, in dem sich die Naturwissenschaften ausdifferenzieren und die Evolutionstheorie als Universaltheorie anzusehen ist, in dem sich das humane Selbstverständnis durch kolonialistische Bestrebungen wie durch die Psychoanalyse mit dem Anderen auseinandersetzen musste, auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Sie zeigt so, mit welchen unterschiedlichen anthropologischen Herausforderungen sich die Literatur konfrontiert sah.
Die Überschriften der drei folgenden Analysekapitel erschließen sich einleuchtender: Erzähltexte der modernistischen Ära ordnet Julika Griem unter das Stichwort des Primitivismus und nimmt hier explizit eine gendertheoretische Perspektive ein, wodurch die besprochenen Texte, darunter eine noch kaum erforschte, eindrucksvolle Erzählung von Tania Blixen alias Isak Dinesen, an Dichte gewinnen. Affenfiguren inszenieren in Dinesens formal anspruchsvoller Erzählung The Monkey nicht nur gender, sondern auch species trouble. Aus dieser Sicht und dank der komparatistischen sowie kontextualisierenden Zusammenstellung kann die Autorin auch einer master narration wie King Kong und Franz Kafkas Ein Bericht für eine Akademie neue Deutungsaspekte abgewinnen.
Die letzten zwei Hauptkapitel untersuchen Narrationen aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und sind systematisch unterteilt in ›Postmoderne Primaten‹ und ›Postkoloniale Affen‹. Im ersten bezieht Griem populärwissenschaftliche Texte und tierrechtliche Programmschriften wie etwa das Manifest des Great Ape Project in ihre Untersuchungen mit ein . Dieses fordert auf der Grundlage verhaltensbiologischer Erkenntnisse, den Großen Menschenaffen spezifische Menschenrechte zuzugestehen. Die daraus erwachsende Perspektive, welche Affen in die Gemeinschaft der Menschen inkludiert, wird auch, wie Julika Griem darlegt, von literarischen Texten wie z.B. von William Boyds Brazzaville Beach oder Will Selfs Great Apes zur Disposition gestellt. Der Schwerpunkt ihrer Analyse liegt hier jedoch auf der Frage, wie die postmodernen Affentexte mit dem »hermeneutischen Versprechen einer sprachlichen Grenzüberschreitung zwischen Mensch und Tier« und dem damit verknüpften Problem des Anthropomorphismus umgehen, insofern die erzählenden Affen möglicherweise nichts über deren Intelligenz aussagen, sondern lediglich über menschliche Projektionen (S. 394). Die ›postmodernen‹ Affen haben mit den ›postkolonialen‹ gemeinsam, dass sie hybrid und dialogisch figuriert sind. Im letzten Kapitel fokussiert die Autorin in der Analyse von literarischen Texten des späten 20. Jahrhunderts und zweier theatraler Aufführungen in Südafrika (des Musicals King Kong sowie der Performance Chimp Project) das Eingebundensein von Affenfiguren in postkoloniale Konstellationen. Vor dem Hintergrund postkolonialer Theoriekonzepte (Hybridität, Mimikry, Trickster-Konzepte) stellt Griem an den transgressiv gestalteten Affenfiguren etwa in Derek Walcotts Dream on Monkey Mountain deren Verwandlungskunst heraus, die es ihnen ermögliche, dichotomische Identitätsentwürfe zu durchkreuzen und sich festen Positionen zu entziehen.
Julika Griem stellt in ihrer gut lesbaren Studie die z.T. kurzen, aber theoretisch hervorragend perspektivierten Einzelinterpretationen literarischer Texte und kultureller Dokumente zu einem vielschichtigen und aspektreichen Panorama zusammen. Sie bietet ein anknüpfungsfähiges literarisches und kulturgeschichtliches Bestiarium derjenigen Tierfigur an, die in ihrer Widerständigkeit die menschlichen Repräsentationen des Anderen zu überdenken anregt.

Julia Bodenburg M.A., Westfälische Wilhelms-Universität, Germanistisches Institut, Neuere deutsche Literatur, Hindenburgplatz 34, D-48143 Münster; E-Mail: juboden@uni-muenster.de