Detailansicht

In: KulturPoetik 2006, Heft 1

Autor

Michael Niehaus

Titel

Vergewaltigung statt Verführung
Gesa Dane, »Zeter und Mordio«. Vergewaltigung in Literatur und Recht. Göttingen: Wallstein 2005. 312 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Dass der erzwungene Beischlaf in seinen verschiedenen Formen ein relevantes literarisches Motiv ist, wird jedem einleuchten. Und dass man die Vergewaltigungen in der schönen Literatur ohne ihren rechtlichen Kontext nicht angemessen deuten kann, ist keine sonderlich gewagte Behauptung. Im Zuge des verstärkt kulturwissenschaftlichen Selbstverständnisses der Literaturwissenschaft und im Zuge der Geschlechterforschung liegen Thema und Methode der von Gesa Dane unter dem Titel Zeter und Mordio vorgestellten Untersuchung gewissermaßen auf der Hand. Gleichwohl gibt es für die deutsche Literatur ein vergleichbares Buch noch nicht. Dane kann zwar auf verschiedene neuere kulturgeschichtliche Arbeiten zur Vergewaltigung verweisen – etwa Sexual Violence in German Culture von Sabine H. Smith (1998) oder Vergewaltigungslektüren von Christine Künzel (2003) –, aber diese Arbeiten haben nicht denselben Anspruch und setzen andere Schwerpunkte: So beginnt die Arbeit von Smith – unter anderen Vorzeichen – erst mit der Goethezeit, während Künzel sich in dem der Literatur gewidmeten Teil auf Kleists Marquise von O. konzentriert und sich ansonsten mit tatsächlichen Prozessen beschäftigt.

Fraglich ist allerdings, worin der Anspruch Gesa Danes besteht und ob sie ihm gerecht wird. Sie selbst nennt ihr Vorhaben eine »Verschränkung von historischer Anthropologie und Rechtsgeschichte – aus der Warte literaturgeschichtlicher Fragestellungen« (S. 26). Was man sich unter dem Label ›Historische Anthropologie‹ jeweils genau vorzustellen hat, bleibt aber – wie so oft – unklar. Dane zufolge zieht die historische Anthropologie »über die Ebene des Diskurses hinaus immer auch dessen Träger, also die Menschen, ihre Vorstellungswelten und ihre Institutionen mit in Betracht« (S. 271). Das verheißt nicht unbedingt klare Konturen und folgt eher dem Motto, dass es nicht falsch sein kann, möglichst viel in Betracht zu ziehen. Aber wie setzt man das in ein Programm um?

Die ersten beiden Teile sollen das nötige Rüstzeug bereitstellen. So wird unter dem Titel »Voraussetzungen in der Antike« ein Blick auf das griechische, jüdische und römische Recht geworfen; von zentraler Bedeutung ist dann das Kapitel über die Vergewaltigungsproblematik in De civitate dei. Augustinus beschäftigt sich darin mit der Frage, ob Lucretia tugendhaft gehandelt hat, als sie sich nach ihrer Vergewaltigung durch Sextus Tarquinius selbst entleibte. Er kann Lucretia nicht als Vorbild gelten lassen. Denn sollte sich Lucretia vor Scham umgebracht haben, so möglicherweise deshalb, weil sie dem Geschehen insgeheim zugestimmt und Lust verspürt hat. Damit – und nicht durch den äußerlichen physischen Akt – hätte sie ihre Keuschheit verloren; sie hätte sich verführen lassen, »auch wenn der Geschlechtsakt als Vergewaltigung begonnen hat« (S. 52). Die Frau hingegen, die nichts verspürt, bewahrt ihre Keuschheit. Aber so aufgefasst ist die Verführung immer möglich – so kommt es in den christlichen Märtyrerinnenlegenden auch sicherheitshalber nicht bis zum Vollzug der Vergewaltigung. Im Zweifelsfalle lässt sich daher allenfalls der Freitod rechtfertigen, um einer Vergewaltigung zu entgehen. Dieses Modell findet sich auch – wie Dane in einem eigenen Kapitel darlegt – kritisch gewendet in Lessings Emilia Galotti. Die Frau wird durch diese christliche Version der Unterscheidung zwischen Verführung und Vergewaltigung in eine doppelt ohnmächtige Position versetzt, da sie den Verdacht der Verführung niemals ausräumen kann. Gleichfalls verdächtig ist aber, dass die Unterscheidung zwischen Vergewaltigung und Verführung der tragende Pfeiler von Danes Untersuchung ist.

In den Rechtskodifikationen zur Vergewaltigung, denen der zweite Teil gewidmet ist, geht es natürlich ebenfalls um diese Unterscheidung. Hier aber gibt es immerhin ein – wenn auch zweischneidiges – Kriterium der Unterscheidung: Nach altem Recht muss die Frau dadurch, dass sie »Zeter und Mordio« schreit, auf die Vergewaltigung aufmerksam machen (daher der Titel des Buches). Dane skizziert in diesem Teil den Wandel der Definition eines Deliktes in der Neuzeit, das erst im zwanzigsten Jahrhundert mit dem Titel der Vergewaltigung bedacht wurde. Nach der Carolina von 1532 wird die »nottzucht« als Ehrenraub aufgefasst, mit dem preußischen Landrecht von 1794 rückt die Täterseite dieses ›fleischlichen Verbrechens‹ in den Vordergrund, in den Strafgesetzbüchern seit Mitte des 19. Jahrhunderts wird es zum ›Delikt gegen die Sittlichkeit‹, und erst mit der Strafrechtsreform von 1973 wird die Vergewaltigung als ›Verbrechen gegen die sexuelle Selbstbestimmung‹ definiert. Folgerichtig wird seit 1997 auch der eheliche erzwungene Beischlaf unter Strafe gestellt.

Für Dane bilden diese rechtlichen Verschiebungen leider kaum mehr als den Hintergrund für eine literarische Motivgeschichte der Vergewaltigung. Das Problem, das etwa die Nachweisbarkeit dieses Verbrechens für die Rechtsprechung darstellt, findet keine weitere Beachtung. Dafür gibt es ja die literarischen Texte aus dem 17. bis 19. Jahrhundert, die die Verfasserin in den übrigen Teilen Revue passieren lässt. Denn in der Literatur – so die merkwürdige Feststellung – »kann stets entschieden werden, ob es sich um einen erzwungenen Beischlaf handelt oder um eine Verführung« (S. 26). Das ist einerseits trivial, da die Literatur nun einmal im Bereich der Fiktion den Tatbestand nicht erhebt, sondern festlegt, wie sie will. Und es ist andererseits fragwürdig, da es den Anschein erweckt, für die literarischen Fälle seien rechtliche Kategorien der Strafbarkeit und Unsträflichkeit entscheidend. Letztlich lässt sich Dane – ohne das eigens zu reflektieren – ihr Thema von der rechtlichen Definition der Vergewaltigung vorgeben, statt zu sehen, dass sich die Literatur eben gerade auch für das interessiert, was nicht justiziabel ist. Literarische Texte zeigen daher, dass die Unterscheidung zwischen Verführung und Vergewaltigung viel zu grob ist, um Licht etwa in die große Grauzone erpressten Beischlafes zu bringen. Die Mangelhaftigkeit dieses Generalschlüssels macht auch die Erwägung deutlich, dass die Vergewaltigung – wie Dane hervorhebt, ohne aber daraus weitergehende Überlegungen abzuleiten – in der Rechtsgeschichte die meiste Zeit ein ›Antragsdelikt‹ war: Wenn die Frau keine Anzeige erstattet, dann gibt es eben auch keine Strafverfolgung, dann kann man de jure auch nicht von einer Vergewaltigung sprechen. Was aber wird sie dann gewesen sein?

Was die literaturgeschichtliche Linie betrifft, die Dane aufzeigt, so ist sie schnell erzählt: Zunächst – im 17. Jahrhundert – schändet die Vergewaltigung nicht nur die Ehre der Frau, sondern auch die ihres Geschlechtsvormundes. Während sich etwa Harsdörffer mit seinen Exempelgeschichten noch auf die Seite der Strafgewalt schlägt, herrscht seit der Aufklärung die literarische Rechtskritik vor, die die Perspektive der Opfer in den Vordergrund rückt. Zugleich wird die Frage der Schande zu einem unlösbaren psychologischen Problem, wofür Richardsons Clarissa als wirkungsmächtiges Modell einsteht. In Ida Hahn-Hahns Roman Gräfin Faustine wird schließlich auch der erzwungene eheliche Beischlaf als traumatisierende Ohnmachtserfahrung angesprochen. Den verschiedenen literarischen und historischen Epochen entsprechen dabei verschiedene Formen der Aussparung, der Nicht-Darstellbarkeit des eigentlichen Vergehens und der Unaussprechlichkeit des dabei Erlittenen in den einzelnen Texten.

Gleichwohl sieht Dane in der Opferperspektive den eigentlichen Beitrag der Literatur, die es vermag, »problematische Verhältnisse aus der Sicht der betroffenen Opfer zu thematisieren, lange bevor ein Wandel in den Rechtsvorstellungen und eine Veränderung in den Gesetzen eintritt« (S. 265). Das ist nicht zu bestreiten, aber wenn unter dem Strich nur herauskommt, dass den vergewaltigten Frauen schweres Leid angetan wird, und dass sie dieses Leid kaum angemessen mitteilen können, dann ist das zu wenig. Opfer ist nicht gleich Opfer. Inwiefern kann die an der Grimmelshausenschen Courasche vollzogene Massenvergewaltigung als dasselbe gelten wie die priesterliche Zwangsentjungferung Didos in Lohensteins Arminius-Roman?

Eine angemessene Rede über die Vergewaltigung in Literatur und Recht setzt eine theoretische Reflexion auf das Geschlechterverhältnis und seine Darstellung voraus, die in diesem Buche fehlt. Wären die literarischen Texte als wirkliche Erkenntnisquelle befragt worden, hätten sie zu einer solchen Theorie beitragen können. Stattdessen gibt es die Texte in häufig zu lang geratenen Inhaltsangaben, während die Textanalyse zu kurz kommt. Und die reichhaltigen literaturwissenschaftlichen Zusatzinformationen bringen für die Sache wenig und machen nur deutlich, dass die Verfasserin letztlich eine eher biedere, wenn auch wohltuend unprätentiös und flüssig geschriebene Motivgeschichte betrieben hat.

PD Dr. Michael Niehaus, Ruhr-Universität-Bochum, Germanistisches Institut, Raum GB 3 (Nord) / 31, Universitätsstr. 150, 44780 Bochum; E-Mail: MchNiehaus@aol.com