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In: KulturPoetik 2006, Heft 1

Autor

Heiko Christians

Titel

Direktbelichtung der Sinne
Hans Ulrich Gumbrecht, Diesseits der Hermeneutik. Die Produktion von Präsenz. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2004. 189 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Die Zeiten haben sich seit den erbitterten Grabenkämpfen zwischen Strukturalismus, Dekonstruktion und Hermeneutik geändert. Die Epoche »vorsätzlich hingenommenen Leidens« (70)(1) durch den »sanften Terror der Dekonstruktion« (73) ist Geschichte. Man streitet nicht mehr ernsthaft über Probleme des Kommentars oder der Lesbarkeit, man unterzieht nicht mehr gerne coram publico schwierige Textstellen aufwendigen Mehrfachlektüren, die womöglich noch ergebnislos verlaufen. Die jahrzehntelang subventionierte Fahndung nach der aporetischen Struktur dieses oder jenes Textes ließ selbst beflissenen und gläubigen Text- bzw. Lektüreemphatikern schließlich den Stoßseufzer aus Goethes Faust entfahren: ›Mein Abscheu wird durch euch vermehrt‹.

Tadel und Gegentadel, Verweis und Wiederaufnahme sind dementsprechend als vorletzte und letzte Mittel aus den Debatten der gestrengen Lehrergeneration und ihrer jeweiligen Theorieschulen verschwunden. Im Gegenteil: Das seiner philologisch-rhetorischen Rigidität beraubte Paradigma der Textualität ermöglichte zwischenzeitlich den Konnex zwischen Philologien und Sozialwissenschaften. Die daraus entstandenen neuen Kulturwissenschaften wurden wiederum unter dem etwas ungelenken Label Medienkulturwissenschaft für die zwischen Didaktik, Empirie und Techniktheorie schwankenden Medienwissenschaften anschlussfähig. Alles schien in bester Ordnung.

Um so erstaunlicher ist es, dass die konzeptuelle Milde dieses Textbegriffs nicht zu einem endgültig laizistischen Theorieklima führte, in dem schließlich alles gedeiht und sorgsam präparierte semantische Stellvertreter des Lebens oder der Wirklichkeit sich nur noch in einer bunten, aber ungeordneten Menge von alternativen Leitbegriffen tummeln. Vielmehr steht, ohne dass sich die Gemüter dabei besonders erhitzten, auch dieses Kompromisskonzept ›Text‹ erneut zur Debatte. Das aber ist womöglich weniger weltanschaulich motiviert, als vielmehr einer der vielen Effekte jener digitalen Revolution, die in den letzten Jahren dazu führte, dass in den meisten kulturwissenschaftlichen Bibliotheken immer öfter (Computer-)Arbeitsplätze statt Regale aufgebaut werden. Für Seminararbeiten recherchieren Studenten in der Regel im Netz und fügen sie dann aus seinen unendlichen pdf-Ressourcen virtuos zusammen. Man kann beobachten, dass die technischen Möglichkeiten digitaler Medien die Erwartungen an Texte und Textanalysen bei Lernenden und Lehrenden in den Kulturwissenschaften radikaler transformieren, als das weitestgehend institutioneninterne Theoriestreitigkeiten jemals vermochten.

In einem Umfeld, in dem bei kurzweiligen Vortragsevents mit wenigen Mausklicks das Szenenrepertoire eines Filmklassikers (oder jeder anderen bildlichen Realisierung) bzw. die zehn Hauptpunkte des gerade ablaufenden Vortrags zur Verfügung stehen, geraten gerade die über die Drittmittelfixierung wieder stärker an die populäre Öffentlichkeit gebundenen Kulturwissenschaften unter einen Relevanz-, Schnelligkeits- oder Intensitätsdruck, den man so in der langen Geschichte des Geistes und seiner Fakultäten noch nicht gesehen haben will. Doch wenn man die Macht einer Rhetorik der Konkretheit, der Wirklichkeitsnähe bzw. eines drohenden Verlusts derselben ernst nimmt, dann versteht man auch die Macht, mit der anonym evolutionierende medientechnische Umwelten die Kulturwissenschaften und ihre definitorische Eigenmacht über jene Wirklichkeit periodisch bedrängen können.

Diese Perioden sind in der Geschichte des Geistes und der Universität mehrfach und unterschiedlich markiert. Man hat es entweder mit einem wiederkehrenden Ethik-, Erlebnis- oder Realitätsrevival unter Kulturwissenschaftlern zu tun oder mit Vermittlungsversuchen zwischen Verstehen und Messen, zwischen Labor und Bibliothek, zwischen Wahrnehmung und Interpretation. Zur Zeit werden die programmatischen Revisionen der kulturwissenschaftlichen Fächer von einem ihrer bedeutendsten Repräsentanten, dem deutschstämmigen Albert Guérard-Professor of Literature im Department of Comparative Literature an der Stanford University Hans Ulrich Gumbrecht, mit der menetekelhaften Ankündigung neuer »unbekannter Dramen«(2) am Horizont der Wissenschaft angekündigt: Erlebnis, Präsenz, Kontakt oder Berührung (65) heißen dabei die Losungsworte für eine ungewisse Zukunft.(3)

Das besondere an diesem Werk und diesem Autor ist nun die Tatsache, dass in ihm die aufwendigen Ausarbeitungen beider Varianten zusammenfallen. Eine frühere Version des im selben Jahr zuerst auf amerikanisch unter dem Titel Production of Presence – What Meaning Cannot Convey erschienenen Buchs hatte nämlich noch 1996 den Verdacht nahe gelegt, dass diese Dramen gleichwohl medientechnisch inspiriert sein könnten: »Grammophon und Film sind Medien«, heißt es hier unter anderem, »in deren spezifischen Funktionen jene Simultanität von Erfahrung und Wahrnehmung technische Wirklichkeit wird, von deren Unmöglichkeit der epistemologische Druck auf das hermeneutische Feld ausgegangen war.«(4)

Gumbrechts Überlegung von 1996, dass die idealistische Ästhetik, Dilthey und Heidegger periodisch »die akademische Apotheose und Restituierung des hermeneutischen Feldes«(5) unter dem Druck einer (messbare) Erfahrung genannten, hermeneutikferneren Konkurrenzepistemologie betrieben, beschreibt den Gumbrecht der Gegenwart auf das Genaueste. Jene Begrifflichkeit, die die Kulturwissenschaften 2004 unter Gumbrechts Führung in ein Diesseits der Hermeneutik bzw. ein Jenseits der Sinnzuschreibung (85) führen soll, ist der alte harte rhetorische Kern der Hermeneutik, der seine Kraft und Wirkung schon in vergleichbaren Situationen der Herausforderung durch medientechnische Revolutionen entfalten konnte. Hatte die Hermeneutik sich mit dem ›Sitz im Leben‹, der ›Intuition‹ und der ›Rückkehr zu den Sachen‹ methodisch immer wieder eindrucksvoll und produktiv verankert, tritt nun der ›Sitz im gesteigerten (intensiven) Erleben und Urteilen‹ erwartungsgemäß die Nachfolge an.

Die Spuren jener zehn Jahre vorher angestellten Überlegungen zur Lage der Hermeneutik sind denn im vorliegenden Werk auch mehr oder weniger gründlich getilgt. Die neueste methodische Grundlegung diesseits der Hermeneutik gibt sich nur noch wenig Mühe, das beschworene Diesseits oder Jenseits unhermeneutisch auszustaffieren. Der hermeneutikspezifische ›Begriff des Erlebens‹ wird ganz unprätentiös in einer Fußnote abgehandelt: »Wie bereits erwähnt, benutze ich den Begriff ›Erleben‹ zur Bezugnahme auf das Intervall zwischen der physischen Wahrnehmung eines Objektes und der (endgültigen) Sinnzuschreibung. Im Gegensatz zu Dilthey gebe ich nicht die Empfehlung, die Lektüre eines Gedichts z.B. solle uns zu dem die Niederschrift motivierenden Erlebnis zurückführen« (149).

Doch die angeblich nun gänzlich untechnische Direktbelichtung oder -belegung der Sinne mit den Dingen (der Wirklichkeit) sucht sich hier erstens mit der ad personam gelenkten Einfühlungshermeneutik alten Stils einen dankbaren, weil allseits schlecht beleumundeten Gegner, und kommt zweitens ohne eine »intuitive Vorstellung von Präsenz« (15, 69 u.ö.) nicht aus – womit das Buch das zentrale phänomenologische update der älteren empfindsamen Einfühlungssemantik doch noch zielsicher und schnell angesteuert hätte. Die Ausrichtung dieser guten Intuition wird an anderer Stelle konkretisiert: Es wird ein Gegensatz zwischen einer der spezifisch romantischen Intuition treu gebliebenen Prägnanz der in der Romanistik bewahrten Text- und Sprachbeschreibungen und einer »geisteswissenschaftlichen Vertiefung der Interpretation und Sinnstiftung«(6) a la Dilthey konstruiert, den es nicht gibt. Gerade die grundlegenden Ausführungen Karl Vosslers zur Feindschaft zwischen Dichtung und Unterhaltung zeigen, wie die Romanistik diese kulturkritischen Implikationen der Hermeneutik im Zeichen von Tiefe deutlicher und unmissverständlicher entfaltete, als ein Dilthey das je getan hatte.(7)

Anschlüsse des neuen alten Vokabulars an die in den Kulturwissenschaften im erneuerten Wettbewerb mit den Sozialwissenschaften ohnehin hoch im Kurs stehenden Begriffe des Rituals und der Performanz werden vom Autor an anderer Stelle angeboten.(8) Das die Literaturwissenschaft lange und bis zum Zerwürfnis der Schulen beschäftigende Problem der ›Literarizität‹ dagegen wird in einem neu perspektivierten Zusammenschluss mit der Philosophie zur lebensfernen Nebensache: »Existentialistisch wäre hier eher die Faszination durch von der Literatur inszenierte Fragen, auf welche die Philosophie keine bindenden Antworten geben kann«.(9) Tatsächlich werden hier schon die neue Konkretheit und Prägnanz der Literaturwahrnehmung durch den Philologen gegen den Tiefsinn der philosophischen Interpretation ausgespielt – und so eine einfache Umkehrung der bekannten kulturkritisch-polemischen Semantik vorgenommen.(10)

Dieser Gestus räumt die eine oder andere Frage der Vergangenheit allzu generös in ein angeblich angestaubtes Abseits. Die hermeneutische Methode reagierte schon im 18. Jahrhundert als datenkomprimierendes paraphrasierendes Verstehen ohne überbordenden Fußnotenapparat sowohl auf den expandierenden wissenschaftlich-publizistischen Buchmarkt als auch auf die Alphabetisierung und eine sich damit ausweitende individuelle Schreib- und Lesepraxis der Bevölkerungen. Dazu hat der bei Gumbrecht durchaus rühmend (aber nun – 2004 – folgenlos) ins Spiel gebrachte Theoriehistoriker Friedrich A. Kittler (13) unter dem Titel Die Nacht der Substanz bereits 1989 das Notwendige geschrieben. So hatte Edmund Husserls Schlachtruf gegen den Neukantianismus vom ›Studium der Sachen selbst‹ den Charakter einer Renaissance. Ausgelöst wurde die schließlich Phänomenologie genannte hermeneutische Rückkehr zu den Sachen und Situationen (des Lebens und der Wirklichkeit) unter anderem durch die in Sachen Erhellung der Lebenszusammenhänge (Ortega y Gasset(11)) konkurrierende Leistungsfähigkeit der Photographie und des Films.

Diese Zusammenhänge und Wechselwirkungen von Technik und Textualität in den Geistes- oder Kulturwissenschaften, d.h. ihre regelmäßige rhetorische Aufhebung in einer ihnen von den medialen Umwelten abgeforderten neuen Lebens- oder Wirklichkeitsnähe, wären sicherlich ein genaueres, noch unprogrammatisches Nachdenken wert. Wenn man die existenzielle Situation auch als Kulturwissenschaftler schließlich der medientechnischen vorzieht, verlässt man den Boden eines spezifisch deutschen Kulturbegriffs und der zugehörigen metaphysischen Rhetorik – jenes hermeneutische Feld – nicht. Vor dem Auge des Betrachters aber oszilliert dann unablässig eine einzige Wunschformel: ›Endlich räumlichen (intensiven) Kontakt mit den Dingen!‹ (86).

Daran ändern auch nachgereichte Beschwichtigungen des Autors, »unsere Medienumwelt weder zu verteufeln noch durch eine geheimnisvolle Aura zu überhöhen« (163), wenig, vielmehr kommt diese gar nicht so neue Medienumwelt – hermeneutisch korrekt – schlicht nicht mehr vor. An ihre Stelle tritt – technisch gesprochen – wieder das Ausgangs- und Startformular der (pietistischen) Hermeneutik: jene um einen oder mehrere Konversions- oder Erlebniskerne gerankte autobiographische Skizze. Diese Skizze ist immer das Protokoll einer Versenkung, einer der Inspiration folgenden Abstandnahme vom allzu technischen Lauf der Welt. »Ohne Zweifel«, lässt der Autor uns schließlich wissen, »liegt es an dieser allgemeinen Mobilmachung, daß wir uns nach jenen kurzen Momenten der Konzentration auf ›die Dinge dieser Welt‹ und der damit einhergehenden intensiven Ruhe sehnen und sie zu schätzen wissen« (161). Sollte uns dieses Bonmot schließlich doch noch zu jenem »die Niederschrift motivierenden Erlebnis« (149) zurückführen?

PD Dr. Heiko Christians, Universität Potsdam – Institut für Künste und Medien. Europäische Medienwissenschaft, Karl-Liebknecht-Str. 24-25, 14476 Golm; H.Christians@netcologne.de


Anmerkungen

(1) Alle Seitenangaben im Text beziehen sich auf das rezensierte Buch. [zurück]

(2) Hans Ulrich Gumbrecht, Die neue Wörtlichkeit. Leise verabschiedet sich die ehrgeizige Literaturtheorie. In: FAZ, 16. Februar 2005, Nr. 39, S. N3. [zurück]

(3) Vgl. auch Michael Neumann, Gespräch mit Hans Ulrich Gumbrecht. ›Präsenz als Berührbarkeit von Welt‹. In: Tumult 28 (2004), S.13-17. [zurück]

(4) Hans Ulrich Gumbrecht, Das Nicht-Hermeneutische: Skizze einer Genealogie. In: Jörg Huber/Alois Martin Müller (Hg.), Die Wiederkehr des Anderen. Frankfurt/M., Zürich 1996, S.17-35; hier S.27. Der Autor kündigt das schließlich 2004 vorliegende Buch hier unter dem Titel The Non-Hermeneutic für 1997 an. Vgl. ebd., S.17. [zurück]

(5) Vgl. Gumbrecht (Anm. 4), S.29. [zurück]

(6) Hans Ulrich Gumbrecht, Einladung ins Reich der Sinne. Romanische Konkretion und romanistische Prägnanz. In: FAZ, 28. September 2005, Nr. 226, S.N3. [zurück]

(7) Vgl. Karl Vossler, Der Roman und das Epos (1925-1937). In: Ders., Die Dichtungsformen der Romanen. Hg. v. Andreas Bauer. Stuttgart 1951, S. 291-316; hier S. 296; Ders., Aus der romanischen Welt I. Leipzig 1940, S. 124 f.; Ders., Der Roman bei den Romanen. Rektoratsrede gehalten am 18. Juni 1927. In: Ders., Aus der romanischen Welt. Karlsruhe 1948, S. 107-125; hier S. 110. [zurück]

(8) Vgl. Hans-Ulrich Gumbrecht, Sanfte Wende. Erika Fischer-Lichte findet eine Ästhetik für unsere Gegenwart. In: FAZ, 22. Januar 2005, Nr.18, S.44. [zurück]

(9) Gumbrecht (Anm. 2), S. N3. [zurück]

(10) Vgl. Gumbrecht (Anm. 6), S. N3. [zurück]

(11) »Es wird dieser gesamte Bedeutungsreichtum mit einem Schlage begreiflich, und mit einem Schlage sieht man das ganze ungeheure Panorama der Welt sich erhellen. Diese maximale Erhellung ist das, was ich Verstehen genannt habe«; José Ortega y Gasset, Meditationen über ›Don Quijote‹. Stuttgart 1959, S.44. [zurück]