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In: KulturPoetik 2006, Heft 1

Autor

Stefan Schweizer

Titel

Wissenschaft(en) der Kultur? – Perspektiven der Literaturwissenschaft
(1) Ansgar Nünning/Roy Sommer (Hg.), Kulturwissenschaftliche Literaturwissenschaft. Disziplinäre Ansätze – Theoretische Positionen – Transdisziplinäre Perspektiven. Tübingen: Narr Verlag 2004. 233 S.
(2) Heinz Dieter Kittsteiner (Hg.), Was sind Kulturwissenschaften? 13 Antworten. München: Fink Verlag 2004. 300 S.
(3) Ursula Peters, Von der Sozialgeschichte zur Kulturwissenschaft. Tübingen, Basel: Francke Verlag 2004. 338 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Stellt man die Frage nach dem Stand der kulturwissenschaftlichen Debatte, dann zeigt sich eine Diskrepanz zwischen Publikationsflut und innovativen Einsichten. Angesichts der hohen Zahl immer neuer Veröffentlichungen zum Thema drängt sich der Verdacht auf, nicht eben selten werde eher die immer neue Umlegung alter Standpunkte zur Verfestigung der eigenen Positionen betrieben, statt diskursives Neuland zu betreten. Folgende Rezension fokussiert die Frage nach der Text-Kontext-Unterscheidung, da diese vielleicht sogar als der zentrale Punkt der kulturwissenschaftlichen Debatte betrachtet werden kann: Zur Gewinn bringenden Analyse literarischer Texte etwa reicht eine textimmanent verfahrende Lektüre nicht aus. Insbesondere bei zeitlich weit zurückliegenden Texten wird eine Einbeziehung literarische Texte beeinflussender Kontexte erforderlich. Einige Formen der Kontexte freilich (wie die Residualkategorien Geschlechterverhältnis, Klassenkampf und Interesse des Kapitals) besitzen dabei aus mancher Sicht nur eine einseitige Erklärungskraft. Ziel einer ambitionierten, wissenschaftstheoretisch anspruchsvollen und wissenschaftlich verfahrenden Literaturwissenschaft sollte deshalb wohl nicht zuletzt die Fokussierung vertexteter und vornehmlich wissenschaftlicher Kontexte sein. So wird der Philologe zugleich auch zum Wissenschaftshistoriker und Wissenschaftstheoretiker – innerhalb des heute in Bewegung geratenen disziplinären Institutionengefüges zweifellos eine privilegierte Position.

 
Ansgar Nünning/Roy Sommer (Hg.), Kulturwissenschaftliche Literaturwissenschaft. Disziplinäre Ansätze – Theoretische Positionen – Transdisziplinäre Perspektiven. Tübingen: Narr Verlag 2004. 233 S.
 
Der von Ansgar Nünning und Roy Sommer herausgegebene Band Kulturwissenschaftliche Literaturwissenschaft bezieht eine mittlere Position im Diskursgefüge von Literatur- und Kulturwissenschaft, welche weder einer Universalisierung des Textbegriffs noch der Abspaltung der philologischen von der kulturwissenschaftlichen Germanistik das Wort redet, die man, so die Herausgeber in ihrer Einleitung, »mit [Manfred] Engel (2001) als ›kulturwissenschaftliche Literaturwissenschaft‹ bezeichnen kann und die mit der im Jahr 2001 gegründeten Zeitschrift KulturPoetik ein vielstimmiges und zukunftsweisendes Forum gefunden hat« (S. 12). Die Einleitung des Bandes gefällt durch Klarheit, gedankliche Stringenz und begriffliche Präzision. Literarische Texte, so wird betont, selektieren aus Diskursen und sind Formen kultureller Selbstwahrnehmung und -thematisierung. Dabei manifestieren sich in ihnen kulturbestimmende soziale Konstellationen, Diskurse und Mentalitäten, weshalb es einer kulturwissenschaftlich orientierten Literaturwissenschaft nach Nünning und Sommer um Fragen des Verhältnisses literarischer Texte zu Wissens- und Gesellschaftsdiskursen, der Verarbeitung soziokulturellen Wissens und der Erfüllung gesellschaftlicher Funktionen gehen sollte (S. 20). Eine heuristisch-typologische Klassifizierung bisheriger Ansätze, Methoden und Modelle zeigt dann, dass auf der textzentrierten Seite textimmanente, stoff-, themen- und motivgeschichtliche Ansätze sowie dekonstruktivistische und poststrukturalistische Theorien verortet sind. Den Pol der kulturwissenschaftlich orientierten Ansätze bilden kultur-, sozial- und mentalitätsgeschichtliche, literatur-, text- und kultursoziologische und -anthropologische Konzepte (vgl. Schaubild S. 14). Die Autoren eruieren souverän das Antwortspektrum der Text-Kontext-Frage und definieren ihren Standpunkt im Umfeld der anthropologischen Literaturwissenschaft.

Nach dem überzeugenden Vorwort ist es für die anderen Beiträge schwierig, dieses Niveau zu erreichen. Britta Herrmann geht in ›Cultural Studies‹ in Deutschland der Frage nach dem Gewinn einer Verwendung der Cultural Studies in den deutschsprachigen Kulturwissenschaften nach. Ihr Vorbehalte signalisierender Hinweis auf das Erfordernis der Universalgelehrtheit der Kulturwissenschaftler leuchtet unmittelbar ein (S. 49). Leider zeigt Hermann an diesem Punkt nicht die Wichtigkeit einer genauen Grenzziehung zwischen Text und Kontext auf. Sie versäumt es darauf hinzuweisen, dass literarische Texte die diskursive Mitte außerliterarischer, häufig wissenschaftlicher Kontexte bilden können, welche ihrerseits maßgeblich auch ihre Entstehung mitbedingen. Ohne die Fähigkeit zur wissenschaftshistorischen und -theoretischen Rekonstruktion dieser wissenschaftlichen Kontexte ist die Erklärungspotenz literaturwissenschaftlicher Analysen von vornherein empfindlich eingeschränkt. Herrmann allerdings reflektiert eher lose zusammengefügt im Weiteren die oft genug wiederholte Entstehungsgeschichte der Kulturwissenschaften. Sie sieht diese als Folge der Ausdifferenzierung des Wissenschaftssystems um 1800 (ohne dabei den notwendigen Rekurs auf Luhmann(1) zu leisten) und als Wirkung der Frankfurter Schule (S. 36). Eine Eigenschaft der Cultural Studies besteht laut Hermann darin, dass Kultur und Text auf alles Soziale anwendbare Universalbegriffe seien, die eine Analyse der nicht-hierarchischen Zirkulation wissenschaftlicher Ideen und Programme ermöglichten (S. 45). Damit aber werden Kultur, Text und Soziales m.E. eins, was Konturierungen von Grenzen zwischen Text und Kontext schwierig bis unmöglich macht.

Ina Schabert möchte möglichst ohne Grenzen auskommen und zeichnet in Hardliners – Selbstzweifler – Traumtänzer ironisierend mögliche Positionen innerhalb des Streits um die Kulturwissenschaften nach und beginnt mit der Einsicht, dass es keine wahren oder falschen Aussagen gibt, weshalb die kritische Reflexion der Diskurse, Forschungsergebnisse, Methoden und ideologischen Aufgeladenheit von Standpunkten primäres Ziel des Kulturwissenschaftlers sein sollte (S. 163). Hardliner insistieren, so Schabert, auf patriarchalischer Wissenschaft und der hermeneutisch-privilegierten Position des erkennenden Subjekts (S. 164). Selbstzweifler praktizieren ironisierende Schreibweisen, ohne eigene Lösungswege aufzeigen und ein Verschwinden des Subjekts leisten zu können (S. 168). Traumtänzer schließlich versuchen die Aufgabe der autoritativ-wissenschaftlichen Ich-Positionen (S. 171). Bei Schabert ist mitnichten von Grenzen zwischen Text und Kontext die Rede. Der Forscher soll sich sogar als Subjekt auflösen und Eins werden mit Text und Kontext. Panta rei! Alles ist im Fluss.

Auch bei Doris Bachmann-Medick wird das Verschwinden von Text-Kontext-Grenzen gefordert. Sie plädiert in Kultur als Text? angesichts der so oft beschworenen Alternative vom Einzelfach Kulturwissenschaft und den Kulturwissenschaften (i. S. v. Cultural Studies) für die zweite Option, da diese fächerübergreifend, interkulturell und kulturübergreifend angelegt sind (S. 147). Für die Literaturwissenschaft bedeutet diese Ausrichtung eine epistemologische Kritik an Leitkategorien. Darüber hinaus fordert Bachmann-Medick das Niederreißen von Text-Kontext-Grenzen und Kategorien wie Autorschaft, Schriftlichkeit etc. (S. 151). Den Leser beschleicht das Gefühl, dass hier die ureigensten Gegenstände der Disziplin abhanden kommen. Es scheint nicht unproblematisch, dass Bachmann-Medick keine Lösungsvorschläge ausarbeitet. Deshalb ließe sich fragen: Sollte nicht auch weiterhin literaturwissenschaftlich-hermeneutisches Handwerkszeug die, oder zumindest eine wichtige Basis des kulturwissenschaftlich arbeitenden Literaturwissenschaftlers sein? Sind darüber hinaus nicht umfangreiche wissenschaftshistorische und -theoretische Kenntnisse des empirisch agierenden Literaturwissenschaftlers erforderlich?

Harald Neumeyer verknüpft in Literaturwissenschaft als Kulturwissenschaft seine Ausführungen zur Theorie der Kulturwissenschaft mit konkreten Topoi der Literaturwissenschaft: Überzeugend demonstriert er an den Beispielen Kindsmord-, Melancholie- und Onaniedebatte, dass sich die Aufgeklärtheit der Romantik innerhalb der in der Literatur (v.a. Hoffmann und Tieck) auffindbaren diskursiven Formationenspiegelung identifizieren lässt (S. 191 f.), und vermag so zu zeigen, dass Aufklärung und Romantik nicht polar zueinander verlaufen. Hier werden theoretische Reflexionen und praktische Anwendbarkeit gelungen miteinander verknüpft und die Fruchtbarkeit der Verbindung von literarischen Texten mit wissenschaftlichen Kontexten aufgezeigt.


Heinz Dieter Kittsteiner (Hg.), Was sind Kulturwissenschaften? 13 Antworten. München: Fink Verlag 2004. 300 S.

Die von Heinz Dieter Kittsteiner herausgegebene Aufsatz- und Vortragssammlung Was sind Kulturwissenschaften? 13 Antworten versammelt Autoren, die am kulturwissenschaftlichen Institut der Europauniversität in Frankfurt an der Oder lehren. Das Vorwort mit dem Titel Was sind Kulturwissenschaften? zeichnet sich zwar durch einen lesefreundlichen Stil aus, irritiert aber ebenso durch manche inhaltlich-thematische Inkohärenz der vorgetragenen Argumentation wie durch zweifelhafte Thesen, etwa wenn  »Die ›Frankfurter Schule‹« knapp, aber wenig stichhaltig, wie folgt definiert wird:

Es war eine über Simmel kommende [!] Spätform der Lebensphilosophie, die neben Nietzsche und Schopenhauer einen ›westlichen‹, d.h. undogmatischen Marx und die Psychoanalyse Sigmund Freuds in sich aufgenommen [!] hatte, wobei in verschiedenen Graden jüdische Denktraditionen einflossen [!] (S. 10).

Bezeichnender Weise formuliert die Einleitung keine Zielsetzung. Statt dessen werden wirkungsträchtige und aufmerksamkeitsheischende Stichwörter wie Positivismus, Hermeneutik, Postmoderne, Globalisierung, Heideggerianismus nach dem Gießkannenprinzip im Vorwort verteilt. Überhaupt irritiert der Band mehr, als er Erkenntnis zu fördern versteht: Die Kapitel zwei (»Kulturwissenschaftliche und kulturphilosophische Traditionen«) und drei (»Institutionelle Anläufe zur ›Kulturwissenschaft‹«) der Einleitung vermischen fortlaufend Reflexionen über den Gehalt von Wissenschaft (z.B. des kritisch-dialektischen Ansatzes) und institutionelle Gegebenheiten (z.B. das Frankfurter Institut für Sozialforschung). Das Autorenkollektiv kokettiert mit einem wissenschaftstheoretischen Überbau kritisch-dialektischer Provenienz.(2) Als Ergebnis erhält man ein heterogen-eklektisches Theorien- und Methodenarsenal, als deren geistige Väter Marx, Freud, Nietzsche, Heidegger, Derrida, Bourdieu und Lacan identifizierbar sind. Wichtig ist den Autoren die erkenntniskritische Rückwendung der Wissenschaften auf sich selbst, denn dadurch werde die Grundeinsicht in die soziale Konstruiertheit gesellschaftlicher und wissenschaftlicher Realität ermöglicht (S. 19). Im Vergleich zu Luhmanns anspruchsvollem, (meta-)theoretisch ambitioniertem und theoretisch ertragreichem Konstrukt der Erfordernis von Beobachterstandpunkten mindestens zweiter Ordnung(3) zur System- und Selbstbeschreibung(4) bleiben die Ausführungen des Autorenkollektivs meines Dafürhaltens unpräzise. Auch an der Text-Kontext-Frage zeigt sich eine gewisse Konzeptionslosigkeit und wissenschaftliche Unreflektiertheit des Bandes: In der Einleitung etwa ist alles Text und alles Kontext und methodisch kann jeder nach eigenem Gusto verfahren, Hauptsache der Ansatz entstammt einer kritischen und/oder dialektischen Theorierichtung.

In Weiterführung des Vorworts geht es Dariusz Aleksandowicz in Die beiden Grundprobleme um die (meta-) wissenschaftliche Klärung der Fragen, was Kultur und was kulturwissenschaftlich ist (S. 25). Dabei wird durch Name-Dropping (Quine, Snow, Tarski, …) eine wissenschaftstheoretische Fundiertheit vorgespiegelt, die inhaltlich nicht umgesetzt wird. De facto findet eine wenig nachvollziehbare Verquickung von wissenschaftshistorischen, -theoretischen, -politischen, historischen und soziokulturellen Einflussfaktoren auf Kultur und Kulturwissenschaft statt. Der Autor konstatiert eine Konfusion der Begriffe Kultur und Kulturwissenschaft(en) (S. 29). Zur Klärung dieser Konfusion schlägt er eine Trias von Kulturkunde, Kulturologie und Kulturwissenschaft vor (S. 31 f.): Kulturkunde meint dabei als Wissenschaft von der Kultur die Erforschung kultureller Phänomene und des Kultursystems. Kulturologie bezeichnet ein Forschungskonzept, welches Kultur nicht im Wirkungskontext von äußeren Rahmenbedingungen oder Einflussfaktoren bestimmt, sondern ihre Eigengesetzlichkeiten erforscht. Kulturwissenschaft schließlich ist eine Art Metadiskurs, welcher Erkenntnis von beliebigen Objekten theoretisch analysiert und in welchem Kultur als Basiskategorie vorhanden ist (S. 32). Durch die von Aleksandowicz geforderte Dreiteilung allerdings werden – unvermeidlich, wie es scheint, – inhaltliche Konturierungen eher verschleiert denn befördert. Auch hier ist, so meine ich, der erforderlichen Klärung des Verhältnisses von Text und Kontext die schwach ausgeprägt theoretisierende Klassifizierung abträglich, so wie überhaupt grundlegendere, theoretische Fragen weniger bewusst reflektiert, sondern unterschwellig mittransportiert werden. Aleksandowiczs Fazit lautet, dass Kompromisse hinsichtlich der Ausrichtung der Kulturwissenschaften problematisch sind (S. 37). Sie seien metatheoretisch nicht möglich, verharmlosten die Disziplin und nähmen Inhalte nicht ernst. Erwidern ließe sich darauf, dass es der wissenschaftstheoretischen Standpunkte viele gibt und dass es sicherlich nicht möglich ist, eine für Alle und alle Zeiten richtige Marschrichtung vorzugeben. Dies widerspräche – wie Wissenschaftshistoriker und -theoretiker wissen – dem Immunisierungsverbot und Grundcharakter der Wissenschaften.

Bozena Choluj akzentuiert den Performanzaspekt der Kulturwissenschaft und sieht in ihrem Aufsatz Der literaturwissenschaftliche Beitrag zu den Kulturwissenschaften den performativen Akt von Literatur als gemeinsame Basis der Kultur- und Literaturwissenschaft. Darüber hinaus insistiert sie einerseits auf einer Beibehaltung des Werts der Ästhetik und Literarizität (S. 59), andererseits geht sie von der Kontextualisierungsnotwendigkeit literaturwissenschaftlicher Analysen aus. Choluj spricht somit drei Knackpunkte des literaturwissenschaftlichen Diskurses unter kulturwissenschaftlichen Vorzeichen an: 1) Text-Kontext 2) Die Frage des Handelns (Performanz) und 3) Poetizität. Die Performativität von Kultur und literarischem Text sieht Choluj als Bindeglied von Kultur- und Literaturwissenschaft (S. 74). Dunkel bleibt bedauerlicher Weise bei Cholujs Ausführungen, welchen analytischen (Erklärungs-) Wert die Performativität für den kulturwissenschaftlich agierenden Literaturwissenschaftler besitzt.

Die Tonart Eckhard Höfners in Kulturwissenschaftlich denken wirkt beinahe aggressiv. Er lässt das Repertoire eines Wissenschaftshistorikers und -theoretikers spielen und geht entgegen dem wissenschaftlichen Mainstream von einer Vermittelbarkeit der Geistes- und Naturwissenschaften aus (S. 101). Das dazu benötigte Medium ist gemäß Höfner das populärwissenschaftliche Buch (S. 102). Beispielsweise haben Physiker den sicheren Hafen mathematischer Formalisierung verlassen und ihre Überlegungen in qualitativer Sprache dargelegt. Dadurch machen sie sich angreifbar. In der Populärwissenschaft sieht der Autor ein Übersetzungsangebot qua Vermittlungstexten an andere Disziplinen und, so möchte man hinzufügen, nicht zuletzt auch an Dichter. Höfner kritisiert Geistes- und Sozialwissenschaftler, die den Schritt zur Popularisierung von Forschungsergebnissen scheuen. Die Konstruktion von aufschlussreichen und tragfähigen Weltbildern erfordert einen heterogenen und polykontextualen Diskurs der Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften (S. 128). Dieser wird wohl manches Mal in der Literatur geleistet, da die dichterische Freiheit wissenschaftliche Zwänge durch poetische Verklärung kaschieren kann. Um für die Kompatibilität und Anschlussfähigkeit der Ergebnisse zu sorgen, ist laut Höfner der Schritt zur Popularisierung und Übersetzung durch das Medium des populärwissenschaftlichen Buchs als Vermittlungstext unumgänglich. Dem kann man entgegenhalten, dass die forschungspraktische Realität so aussieht, dass innerhalb großer Forschungsprojekte Forschergruppen aus Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaftlern zusammengesetzt sind. Es bedarf keiner trivialisierend-popularisierender Verfahren zur Übersetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse. Ein vielversprechender Ansatz zur ertragreichen Analyse des Phänomens Populärwissenschaft besteht im Forschungsprogramm der Weltanschauungsliteratur.(5)


Ursula Peters, Von der Sozialgeschichte zur Kulturwissenschaft. Tübingen, Basel: Francke Verlag 2004. 338 S.

In Von der Sozialgeschichte zur Kulturwissenschaft sind Aufsätze der Mediävistin Ursula Peters versammelt. Das Vorwort von Andreas Kablitz spricht der Autorin zutreffend Offenheit gegenüber methodischen Neuerungen sowie Kritikfähigkeit an denselben zu. So habe Peters sowohl das Innovationspotential der Theorierichtung des New Historicism geschätzt, wie zugleich ein methodisches Defizit darin erkannt, dass der New Historicism bei seinem hermeneutischen Vorgehen den strukturell-symbolischen Charakter literarischer Rede übersehe. Peters insistiere, so Kablitz, dass Literatur nicht nur Repräsentationsleistung und Dokument, sondern der diskursive Ort ist, »an dem der Widerspruch zum Offiziellen, an dem die Überkreuzung andernorts geschiedener Diskurse stattfindet; und gerade der mittelalterliche literarische Text besitzt hierin seine besondere Faszination« (S. XI). Darüber hinaus sei es für die Mediävistik nicht erst im Zuge der kulturwissenschaftlich orientierten Literaturwissenschaft selbstverständlich (S. X), Text-Kontext-Relationen eingehend zu untersuchen, da doch insbesondere hier eine Frage-Antwort-Rekonstruktion der Sinnlücken in besonderem Maße erforderlich sei. Die analytische Rekonstruktion von Verbindungen der Literatur mit kulturellen und sozialen Praktiken war gemäß Kablitz immer inhaltliches und methodisches Erfordernis der Mediävistik.

1973 konzediert Peters in Niederes Rittertum oder hoher Adel? dem Romanisten Köhler ein Abrücken von vulgär-marxistischen Ansätzen, welche in literarischen Artefakten einen kausalmechanischen Reflex gesellschaftlicher Entwicklung sehen (S. 2). Vielmehr betone Köhler, dass die Reproduktion historisch-gesellschaftlicher Wirklichkeit in der spezifischen literarischen Textstruktur gespiegelt werde. Insbesondere bei historischen Umbruchsituationen wird das Variationsrepertoire literarischer Formmuster erweitert (S. 3). Formale und inhaltliche Innovationen verweisen folglich auf einen relevanten Wandel im Gesellschaftssystem. Die These Köhlers bestehe in einer strukturanalogen Parallelisierung zwischen Dichtung und historischer Realität (S. 4), wobei gesellschaftsbezogene literarische Themen Aufschluss über mögliche historische Fakten gäben. Peters kritisiert, Köhler gehe zu wenig auf die »Stellung der dichterischen Aussagen in ihrem literarischen System, auf die innerliterarische Evolution und Themenbildung ein« (S. 5). Der Vorwurf besteht in einer Ausblendung der Intertextualität, einer nicht ausreichenden Betonung des Literarischen selbst. Damit ist eine präzise Aussage Peters gegeben: Der literarische Text wird sowohl vom sozialgeschichtlichen als auch literarischen Kontext geprägt.

Nach dem sozialgeschichtlichen war es das dem französischen Theoriekreis entstammende mentalitätsgeschichtliche Paradigma, welches Peters in ihren Publikationen von 1985 (»Literaturgeschichte als Mentalitätsgeschichte?«) und 1987 (»Höfische Liebe«) beschäftigte. Literaturgeschichte versteht sich demnach als Geschichte der einstmaligen »structures mentales« und »mentalités collectives« (S. 78). Dabei geht es neben materiellen, sozialen, demographischen und technischen Fakten sowie konkreten Handlungen der Menschen um kollektiv-mentale Gegebenheiten. Im Mittelpunkt steht, so Peters, die Frage, welche Bilder, Vorstellungen, Hoffnungen und Befürchtungen die Menschen einer bestimmten Epoche von sich und der Welt besitzen (S. 76). Das Forschungsinteresse gilt untergründigen Emotionen, spontanen Reaktionsweisen und kollektiven Einstellungen der Menschen. Hiermit wird, behauptet Peters, eine Verlagerung des Interesses von den objektiven Fakten gesellschaftlicher Wirklichkeit auf überindividuelle psychische Faktoren hinsichtlich Themen wie Sexualität, Geburt, Tod etc. vorgenommen. Die Methodik erinnert zum Teil an diejenige aktueller Text-Kontext-Ansätze. In hermeneutischem Studium werden neben literarischen Texten Quellen wie Verhörprotokolle, Traumberichte, Hexenprozesse usw. ausgewertet (S. 78). Solange die Kontextseite textgebunden ist, kann man diesem Ansatz Fortschrittlichkeit attestieren. Sobald aber ein psychologisierendes Verständnis literarischer Themen vorherrscht, sollte die unwissenschaftlich-anachronistische Basis vor deren Verwendung abschrecken.

Seit dem Ende der 80er Jahre rückt das gender-Konzept in Frauenliteratur im Mittelalter und Nature et Noriture Themengeflechte wie Frau, Geschlechterverhältnis und Weiblichkeitsvorstellungen in Peters' Fokus. Dabei identifiziert Peters eine ideologische, empirische und utopische Argumentationsebene (S. 108). Die mediävistische Frauenforschung ermöglicht auf der ideologischen Ebene den Blick auf neue literarische Bilder von Weiblichkeit (z.B. die weibliche Dominanz in Form von Herrscherinnen) und vergessene Autorinnen. Frauenbilder werden theoretisch aus patriarchalisch inspirierten juristischen, philosophischen und theologischen Diskursen gespeist. Empirisch meint dagegen die Rekonstruktion faktischer Lebenszusammenhänge, von Verhaltensweisen und Ausdrucksformen der Frauen. In den utopischen Bereich gehört die Frauenmystik mit entsprechenden Textkorpora. Die frauenmystischen Texte des 13. und 14. Jahrhunderts zeigen laut Peters die Begrenztheit der Anwendung von gender-Ansätzen auf, da sie keine Tradition einer vox feminae begründen, sondern sich in literarische Konventionen und herrschende Gattungs- und Diskurssysteme einfügen (S. 129). Richtiger Weise sieht Peters Frau und Geschlechterverhältnisse nicht als alles erklärende Residualkategorie. Vielmehr insistiert sie zu Recht, dass Frauenbilder kontextuell und diskursiv bestimmt sind.

Einen weiteren Ansatz diskutiert Peters seit Anfang der 90er Jahre unter dem Stichwort der (historischen) Anthropologie (»Historische Anthropologie und mittelalterliche Literatur«, »Mittelalterliche Literatur am Hof und im Kloster« und »Text und Kontext«). Hierunter versteht sie ein Sammelsurium von Theorieansätzen, wie der Ethnologie, Anthropologie, des New Historicism etc. Fokussiert werden gemäß Peters in dieser Theorierichtung Fragen nach der literarischen Verarbeitung genereller Lebenssituationen, unbewusster Verhaltensweisen und unartikulierter Einstellungen (S. 199). Literarische Texte sind demnach Ergebnisse einer zuhöchst selektiven Repräsentation von Realität. Elemente außertextlicher Realität werden dem Ansatz zu Folge im Text durch Selektionsvorgänge wie der innertextlichen Kombination und der fiktionalen Selbstentblößung zu einer Realität des Als-Ob, die sich gerade nicht in ihrem unmittelbaren Referenzbezug auf die lebensweltliche Realität erschließt. Eine kulturwissenschaftliche Öffnung der Literaturwissenschaft besteht nach Peters in einer umfassenden Kontextualisierung der literarischen Texte, wobei ihr besonderer –  v.a. ästhetischer –  Status beachtet werden muss (S. 332 ff.). Die Pluralität der Diskurstraditionen und Kontingenz kultureller Praktiken kombiniert mit der literarischen Spezifik des Einzeltextes bildet, so Peters Fazit, den viel versprechenden Ansatzpunkt für kulturwissenschaftliches Arbeiten.

Resümiert man hinsichtlich des Innovationspotentials die Frage des literaturwissenschaftlichen Text-Kontext-Verständnisses, so herrscht teilweise Ernüchterung. Nünning und Sommer entwerfen in ihrer Einleitung ein schlüssiges Text-Kontext-Verständnis, welches sich an der anthropologischen Literaturwissenschaft orientiert. Einige der dem Vorwort folgenden Aufsätze allerdings negieren die so entworfene Grenzziehung und plädieren eher für eine Verwischung oder Eliminierung der Grenzen. Wenig aussagekräftig ist der von Kittsteiner herausgegebene Sammelband. Auch hier wird die Frage nach Text-Kontext-Verhältnissen mitunter mit einem alles ist Text und alles ist zugleich Kontext beschieden. Dazu kommt die Propagierung einer eher nicht zu begrüßenden methodischen Beliebigkeit. Peters hingegen demonstriert einrucksvoll Reflexionsschärfe und Analysepotential. Sie untersucht scharfsinnig die jeweiligen temporären wissenschaftlichen Moderichtungen hinsichtlich derer Text-Kontext-Verhältnisse.

Am Ende der Sammelrezension bleiben die folgenden Fragen bestehen: Wie lassen sich in einer kulturgeschichtlich ausgerichteten Literaturwissenschaft Text-Kontext-Grenzen bestimmen? Was können die Perspektiven einer kulturwissenschaftlich agierenden Literaturwissenschaft sein? Die besprochenen Sammelbände liefern nicht viele neue Einsichten. Somit bleibt, Altbekanntes und Bewährtes festzuhalten: Eine Annäherung von Literaturgeschichte und Wissenschaftsgeschichte, Poesie und Wissen sollte im heutigen literaturwissenschaftlichen Betrieb selbstverständlich sein. Kulturwissenschaftlich inspirierte Literaturwissenschaft könnte dann eine der Philologie verpflichtete Literaturwissenschaft bedeuten, »die methodisch kontrolliert auf externe Wissenskontexte ausgreift und eine vorsichtige Erweiterung ihres traditionellen Textkorpus anstrebt«.(6) Damit ist ein historischer und quellenorientierter Ansatz erforderlich, der eine Schließung der zeitgenössischen Sinnlücken als Frage-Antwort-Rekonstruktion vornimmt. Der Ort dieses Ansatzes ist das Archiv, die Vorgehensweise hermeneutisch. Die Hauptarbeit bestünde also nach wie vor im literaturwissenschaftlichen Quellenstudium. Das dergestalt skizzierte Ziel ist nicht die große Erzählung, sondern eine gehobenen wissenschaftstheoretischen Anforderungen entsprechende und wissenschaftshistorische Konstellationen gebührend berücksichtigende historisch-kontextuelle Rekonstruktion mittlerer Reichweite. Gelingt es der Literaturwissenschaft sich in diesem Rahmen zu platzieren, so ist ihr eine erfreuliche Zukunft gewiss.

Dr. Stefan Schweizer, Externer Lehrbeauftragter der Universität Stuttgart, Institut für Literatur-wissenschaft I, Keplerstraße 17, D-70174 Stuttgart; E-Mail stef.schweizer@gmx.de


Anmerkungen

(1) Vgl. Niklas Luhmann, Die Wissenschaft der Gesellschaft. Frankfurt/M. 1992. [zurück]

(2) Dies verrät nicht zuletzt der Verweis auf Immanuel Wallerstein, S. 21. [zurück]

(3) Das Konzept der Kybernetik zweiter Ordnung, also des Beobachtens von Fremdbeobachtungen, stellt ein methodisch anspruchsvolles und theoretisch ausgereiftes Instrumentarium dar, welches für Text-Kontext-Ansätze zur wissenssoziologischen Aufarbeitung von Textkorpora geeignet ist. [zurück]

(4) Vgl. Niklas Luhmann, Die Wirtschaft der Gesellschaft. Frankfurt/M. 1994, S. 9; sowie Ders., Die Religion der Gesellschaft. Frankfurt/M. 2002, S. 75 f. [zurück]

(5) Vereinfacht gesagt werden Form (Gattung, Textorganisation, Darstellungsverfahren) und Inhalt (Leitideen, Aussagen) des Textes in einem analytisch gehaltvollen Verfahren anhand seiner kontextuellen Relationen analysiert. Besondere Bedeutung besitzt dabei die Analyse der Erzählinstanz. Vgl. Horst Thomé, Weltanschauungsliteratur. In: Lutz Danneberg/Friedrich Vollhardt (Hg.), Wissen in Literatur im 19. Jahrhundert. Tübingen 2002, S. 341-380;  und Horst Thomé, Der Blick auf das Ganze. In: Werner Frick u.a. (Hg.), Aufklärungen: Zur Literaturgeschichte der Moderne. Tübingen 2003, S. 391-401. [zurück]

(6) Lutz Danneberg u.a., Vorwort. In: Scientia Poetica. 8 (2004), S. VIII. [zurück]