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In: KulturPoetik 2006, Heft 1

Autor

Catrin Gersdorf

Titel

Ökologie als Paradigma der Literatur- und Kulturwissenschaft
(1) Michael Giesecke, Von den Mythen der Buchkultur zu den Visionen der Informationsgesellschaft. Trendforschungen zur kulturellen Medienökologie. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2002. 457 S. + CD-ROM.
(2) Hubert Zapf, Literatur als kulturelle Ökologie. Zur kulturellen Funktion imaginativer Texte an Beispielen des amerikanischen Romans. Tübingen: Max Niemeyer Verlag 2002. 239 S.
(3) Michael P. Branch/Scott Slovic (Hg.), The ISLE Reader. Ecocriticism, 1993-2003. A Tenth Anniversary Anthology. Athens, London: The University of Georgia Press 2003. XXIII, 360 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Der Begriff Ökologie, 1866 vom späteren Jenenser Biologieprofessor Ernst Häckel geprägt, existiert heute vor allem in zwei Diskursbereichen: In der Alltagssprache ist er Synonym für eine Politik des Umweltschutzes und der Nachhaltigkeit, die von Gegnern und Skeptikern oft als pure Ideologie wahrgenommen wird. Im Wissenschaftsdiskurs hingegen hat sich Ökologie als ein wichtiger Teilbereich der Biologie etabliert, der sich mit den Wechselbeziehungen der Organismen untereinander sowie zwischen einzelnen Organismen und ihrer Umwelt beschäftigt. Aufgrund der definitorischen Wurzeln des Ökologie-Begriffs in der Naturwissenschaft erschien seine assoziative Verknüpfung mit dem Begriff des (häufig als Norm gesetzten) Natürlichen gleichsam zwingend. In diesem, durchaus paradoxen, Verständnis von Ökologie als Ideologie einerseits und als Teilbereich der Biologie anderseits ist die Ursache dafür zu suchen, dass das Konzept trotz der in den letzten zwei Jahrzehnten gewachsenen öffentlichen Sensibilität für Umweltfragen kaum Auswirkungen auf die Theorie- und Methodenentwicklung  in den literatur- und kulturwissenschaftlichen Disziplinen hatte. Darüber hinaus ist die Natur seit der Ablösung des romantischen Zeitalters durch die Moderne nicht nur als Gegenstand literarischer, künstlerischer und philosophisch-kritischer Erkenntnisinteressen marginalisiert worden; sie hat scheinbar auch als Reservoir ernstzunehmender Metaphern für die Analyse und Interpretation sozialer Verhältnisse, historischer Entwicklungen und kultureller Strukturen ausgedient.

Nun soll an dieser Stelle nicht einer neo-romantischen Reautorisierung der Natur als alleingültiger, ethischer Instanz das Wort geredet werden. Wohl aber ist es im Zeitalter wachsender globaler Konflikte um schwindende fossile Energieressourcen und in der Epoche von Biotechnologie, Klimaveränderungen und Umweltungerechtigkeit geboten, das Verhältnis zwischen Kultur und Natur wieder stärker in geistes-, kultur- und sozialwissenschaftliche Überlegungen einzubeziehen, historisch-kritisch zu evaluieren und schließlich politisch, sozial, epistemologisch und ästhetisch neu zu definieren. Als »Lehre von den Beziehungen der Lebewesen zu ihrer Umwelt« (Wahrig) bietet die Ökologie dafür einen wichtigen konzeptuellen Rahmen. Wenn es zwischen den drei hier zur Rezension vorliegenden Bänden einen gemeinsamen Nenner gibt, dann den, dass ihnen ein Verständnis von Ökologie zugrunde liegt, das weder ideologisch verbrämt, noch naturalistisch-biologistisch verzerrt ist. Vielmehr geht es den Autorinnen und Autoren darum, ökologische Konzepte und Begriffe aus der Biologie in das Diskursfeld der Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften zu übersetzen, d.h. kulturelle, geistige, soziale und natürliche Phänomene nicht als isolierte Einzelphänomene zu betrachten, sondern als ein System von Beziehungen, Verhältnissen und gegenseitigen Bedingtheiten. Der Begriff der Umwelt wird dabei nicht ausschließlich in seinen natürlichen, sondern auch in seinen kulturellen und sozialen Dimensionen verstanden. Denn aus der Perspektive des Menschen ist Umwelt einerseits alles, was jenseits der Grenzen unserer Körper existiert: die Luft, die wir atmen, das Wasser in Flüssen, Seen und Meeren, die Gebirge, Wiesen, Wüsten, Wälder und Felder mit ihrer je spezifischen Flora und Fauna – kurz, all das, was landläufig als Natur bezeichnet wird. Andererseits sind auch Städte und Dörfer Umwelt, und zwar mit allem, was darin von Menschen produziert wird: Waren und Medien, Häuser und Maschinen, Kunst und Literatur, Technologien und Informationen, soziale Gemeinschaften und politische Strukturen – all das also, was im weitesten Sinne als Kultur bezeichnet werden kann.

Die Anwendung ökologischer Konzepte und Begriffe in den Sozial- und Kulturwissenschaften geschieht erstmals in den späten dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts. Damals begann der amerikanische Ethnosoziologe Julian H. Steward, seine Kulturtheorie als cultural ecology zu bezeichnen und darunter die Beschreibung und Analyse der »Anpassung einer Kultur an die jeweils herrschenden natürlichen Rahmenbedingungen«(1) zu verstehen. Erst dreißig Jahre später und gut hundert Jahre nach der Einführung der Ökologie in die Naturwissenschaft findet das Konzept unter dem Einfluss von Gregory Batesons bahnbrechender Studie Steps to an Ecology of Mind(2) Eingang in einen breiteren, kulturwissenschaftlichen Diskurszusammenhang. Batesons Verständnis von Ökologie als ein dynamisches, nicht-hierarchisches Kommunikationsnetz, also als »the study of the interaction and the survival of ideas and programs (i.e., differences, complexes of differences, etc.) in circuits«(3), erklärt, warum die Ökologie zunächst vor allem in den Kommunikations- und Medienwissenschaften auf fruchtbaren Boden fiel. Erst in den 1990er Jahren gibt es, vor allem im angelsächsischen Raum, ähnliche Bemühungen in der Literaturwissenschaft, und das obgleich auch hier, hauptsächlich vor dem Hintergrund der Romantikforschung, bereits Ende der 1970er Jahre mit William Rueckerts Aufsatz Literature and Ecology: An Experiment in Ecocriticism(4) ein erster Vorschlag zur interdisziplinären Aneignung ökologischer Konzepte und Begriffe vorlag (Literatur als Element innerhalb eines kulturellen Fließgleichgewichts; das Gedicht als kreativer Energiespeicher). Die drei im folgenden einzeln besprochenen Bände bezeugen auf unterschiedliche Weise die Produktivität eines ökologischen Ansatzes für die Weiterentwicklung und transdisziplinäre Modernisierung der kultur- und literaturwissenschaftlichen Fächer.

 
Michael Giesecke, Von den Mythen der Buchkultur zu den Visionen der Informationsgesellschaft. Trendforschungen zur kulturellen Medienökologie. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2002. 457 S. + CD-ROM.

In der Medientheorie hat der metaphorische Gebrauch der Begriffe Ökologie und Umwelt eine Tradition, die sich zwischen zwei konträren Polen bewegt. Entweder werden die begrifflich als Umwelt gefassten Kommunikations- und Informationsmedien als ein technologisches System beschrieben, das nach eigenen, unabhängig vom Menschen operierenden Gesetzen funktioniert; oder ökologische Konzepte werden zitiert, um gerade das Wechselspiel zwischen Subjekt und Umwelt zu beleuchten und die Bedeutung menschlichen Handelns im Mediensystem zu betonen.(5) Michael Gieseckes medienökologischer Entwurf einer den Bedürfnissen des post-industriellen Zeitalters gerecht werdenden Kulturtheorie fällt in die zweite Kategorie. Er rückt die Menschen als rational denkende und sinnlich erfahrende Wesen ins Zentrum der Aufmerksamkeit und betrachtet sie als kommunikativ handelnde Subjekte in einer gleichwohl zunehmend durch verschiedene Formen der Informationsverarbeitung definierten Kultur. Wichtig ist dabei, dass in der vorliegenden Studie Informationsverarbeitung nicht nur als technologischer, d.h. typographisch oder elektronisch gestützter Prozess dargestellt wird, sondern auch als ein Vorgang, der durch soziale und leibliche Bedürfnisse strukturiert, organisiert und gesteuert wird. Hier wird deutlich, dass sich Gieseckes kultur- und medientheoretischer Ansatz zu einer Art Befreiungsökologie verdichtet, die den Wandel von der Industrie- zur Informationsgesellschaft nicht als Machtübernahme einer technologisch optimierten und sich stets optimierenden, »autonomen Kommunikationsmaschine« (Bolz) denkt, sondern vielmehr als einen Prozess, in dem »alle technischen Medien nur als Elemente in kulturellen Ökosystemen funktionieren und deshalb auf leibliche und soziale Medien angewiesen bleiben« (S. 257). Die theoretisch-konzeptuelle Polarität zwischen dem Bolz’schen und seinem eigenen Ansatz spitzt Giesecke auf folgende, sowohl politisch als auch kulturell schwergewichtige Grundwertefrage zu: »Soll die Automatisierung der (individuellen) Informationsverarbeitung oder die Effektivierung der sozialen Kommunikation im Mittelpunkt der Medienpolitik stehen« (S. 251)?

Giesecke selbst beantwortet diese Frage in seinem Buch mit einem Plädoyer für eine »multisensuelle, polyzentrische und multimediale Kultur« (S. 300). In diesem Sinne sind seine »Trendforschungen zur kulturellen Medienökologie« als ein durchaus gelungener Versuch zu werten, einem seit der Renaissance und der Erfindung des Buchdrucks immer wieder zu beobachtenden »Reduktionismus in der Kulturbetrachtung« (S. 257) Einhalt zu gebieten, welcher sich darin ausdrückt, dass der Mythos vom »bloß sehenden, nur denkenden, alles sprachlich abspeichernden und sich ausschließlich redend oder schreibend verständigenden Menschen« (S. 257) hochgehalten wird, während gleichzeitig und abhängig von der jeweils im Mittelpunkt der Betrachtung stehenden, historischen Epoche ein einzelnes Medium (das Buch, das Fernsehen, das Internet) zur Charakterisierung der gesamten Kultur herhalten muss. Diese Privilegierung oder, wie Giesecke es nennt, »Prämierung« eines einzelnen Informations- und Kommunikationsmediums als kulturelles Leitmedium sabotiert ein Verständnis von »Kulturgeschichte als Koevolution von Gesellschaft, Natur und Technik« (S. 188). Eine ökologische Betrachtungsweise von Kultur und Gesellschaft mache es hingegen möglich, Mediengeschichte nicht als Reduktions- und Substitutionsvorgang zu beschreiben, sondern als ein durch »Balancieren, Oszillieren, Emergieren« (S. 172) gekennzeichnetes »Prozesskonglomerat« (S. 174), in dem »Menschen, soziale Systeme, Natur und Technik gleichermaßen als Medium und als Katalysator kultureller Veränderungsprozesse« (S. 371) wirken. Das sprengt die immer noch allgemein übliche Verengung des »Gegenstands der Medienwissenschaft […] auf die technischen Medien« (S. 18), in der Giesecke »eine Hauptursache für die Stagnation der Medientheorie« (S. 413) sieht. Gleichzeitig wirke eine »radikale ökologische Mediengeschichte« (Kap. 5) in die Kulturwissenschaft hinein und öffne diese für einen Begriff von »Kultur als ein multimediales, Information massiv parallel verarbeitendes Ökosystem« (S. 36). Am Ende der Studie spitzt Giesecke dies auf eine metaphorisch verpackte Formel zu: »Der Reichtum unserer Kultur gründet auf der Artenvielfalt unserer Medien« (S. 453). Die Kommunikation der Zukunft stellt sich Giesecke als »Ökulog« vor, eine neologistische Wortschöpfung, mit der er das Zusammenspiel von »Ökologie, Kultur und Dialog« (S. 409) markieren will. Als »Vernetzung artverschiedener Kommunikationsformen« (S. 410) seien Ökuloge die Kommunikationsform der Zukunft. Noch hat dieses Wort wenig Verbreitung gefunden; die dahinter stehende Theorie einer tatsächlich multimedial kommunizierenden Kultur, die sich darüber hinaus auch nicht-kultureller Formen der Kommunikation bewusst ist, verdient allerdings eine breite Diskussion.

Auf die Fülle der historischen Beispiele, die dieses medienökologische Kommunikationsmodell untermauern, kann hier nicht im Einzelnen eingegangen werden. Es darf jedoch nicht unerwähnt bleiben, dass Giesecke seinem medienökologischen Modell eine doppelte Funktion zuschreibt: als Kulturtheorie der Informationsgesellschaft dient es der historisch-kritischen Analyse gegenwärtiger Medienverhältnisse; als »normatives Konzept« und »cultural vision« (S. 370) ist es zugleich strategisches Instrument zur Entwicklung zukünftiger Gesellschafts- und Kommunikationsverhältnisse (Kap. 9 und 10). Dabei wird zum einen der Mythos von der Aufklärung als Ideologie des Entdeckens, Enthüllens und der ständigen Erweiterung des Wissens relativiert. Denn auch das Geheimnis, oder genauer gesagt das, was als Geheimnis autorisiert wurde und wird, ist nach Giesecke ein »Informationstyp« (S. 80-83) und deshalb politisch und kulturell ebenso machtvoll wie das Wissen. Zum anderen stellt Giesecke die mehr oder weniger stillschweigende Akzeptanz der Ökonomie als Leitdiskurs für kulturwissenschaftliche Fragestellungen auf den Prüfstand. Gerade der Blick auf die Buchwissenschaft zeige, dass »die Betrachtung des Buches als Element in einem wirtschaftlichen Kreislauf« (S. 49) zwar durchaus von Nutzen für das Verständnis des Warencharakters typographischer Produkte sein kann, aber wenig Aufschluss über deren Mediencharakter und ihre Wahrnehmung als »Wendemarke in der Kultur- und Geistesgeschichte« (S. 49) liefere. Aus produktionstechnischer und marktwirtschaftlicher Sicht sei das Buch vor allem eine Ware: wenn es in ausreichender Menge gekauft wird, ist es dem Markt gleichgültig, ob es auch tatsächlich gelesen wird.

Gieseckes medienökologische Kulturtheorie liegt in drei medialen Formen vor: als Buch, als CD-ROM und als Internetseite www.mythen-der-buchkultur.de. Bis auf einige Ausnahmen unterscheiden sich die in den Medien zur Verfügung gestellten Gedanken und Informationen nicht, wohl aber ermöglichen sie unterschiedliche Rezeptionsweisen. Als souveräne Leserin kann ich mich entscheiden, ob ich Gieseckes theoretisches Angebot als klassisch illustrierten Text lesen will oder als Netzwerk aus hypertextuell verknüpften Fließtexten, Abbildungen, Tabellen und Definitionen.


Hubert Zapf, Literatur als kulturelle Ökologie. Zur kulturellen Funktion imaginativer Texte an Beispielen des amerikanischen Romans. Tübingen: Max Niemeyer Verlag 2002. 239 S.

Hubert Zapfs Vorschlag der Betrachtung von Literatur als kulturelle Ökologie erscheint im gleichen Jahr wie Gieseckes medienwissenschaftliche Einlassung und geht ebenso von der These aus, dass die Metapher der Ökologie sich hervorragend zur Analyse und Interpretation kultureller Prozesse eignet. Dabei, so Zapf, gehe es »nicht in erster Linie um eine inhaltliche Untersuchung  der Literatur auf Themen wie Naturentfremdung, Umweltkrise, Verhältnis von Mensch und nichtmenschlichen Lebensformen«, sondern »vielmehr um Analogien zwischen ökologischen Prozessen und den spezifischen Strukturen und kulturellen Wirkungsweisen der literarischen Imagination« (S. 3). In diesem Sinne wirke »Literatur als ökologische Kraft innerhalb der Kultur […] darauf hin, die Basisdifferenz der Kultur/Natur-Beziehung auf eine Weise neu zu bestimmen, dass deren essentialistisch-hierarchische Entgegensetzung, in der die Arroganz zivilisatorischer Macht, aber auch idyllische Gegenphantasien einer heilen Naturwelt wurzeln, durch ein Bewusstsein ihrer wechselseitigen Bedingtheit und Interdependenz ersetzt werden« (S. 4). Dahinter steckt der Ruf nach einer Reformation der traditionellen Funktionszuweisung von Literatur als Medium bürgerlicher Selbstvergewisserung und Selbstkonstituierung, wie sie vor allen Dingen in der Romantheorie erfolgt ist. Anders jedoch als Giesecke, für den der Roman seine literarische Vormachstellung als bedeutendster Kulturträger innerhalb der monomedial beherrschten, auf die Durchsetzung nationaler Interessen abzielenden Industriegesellschaft in einer multimedialen, interaktiven und global vernetzten Informationsgesellschaft verliert(6), bleibt für Zapf der Roman ein Genre, an dessen Beispiel sich der Charakter von Literatur als »Sensorium und symbolische Ausgleichsinstanz für kulturelle Fehlentwicklungen und Ungleichgewichte« aber auch als »Ort einer beständigen, kreativen Erneuerung von Sprache, Wahrnehmung und kultureller Imagination« (S. 3) nach wie vor am besten nachweisen lässt.

Als Beispiel zur Untermauerung seiner These dient dem Amerikanisten Zapf der amerikanische Roman des 19. und 20. Jahrhunderts. In einem jeweils eigenen Kapitel werden Nathaniel Hawthornes The Scarlet Letter, Herman Melvilles Moby-Dick, Mark Twains The Adventures of Huckleberry Finn, Kate Chopins The Awakening, Toni Morrisons Beloved und Don DeLillos Underworld analysiert und interpretiert – allesamt Romane, »die sich gerade nicht in  erster Linie mit Themen der Natur, sondern mit kulturellen Themen, darunter allerdings ganz zentral mit dem Verhältnis von Kultur und Natur, auseinandersetzen« (S. 18).

In einem ausführlichen, theoretischen Teil breitet Zapf mit Blick auf ein zu entwickelndes, »triadisches Funktionsmodell« (S. 63) jedoch zunächst die begrifflichen und konzeptuellen Grundlagen seines literatur- und kulturökologischen Ansatzes aus. Nach Ausführungen »Zum Begriff der Ökologie im kulturwissenschaftlichen Zusammenhang« (so die Überschrift zu Kap. 2) diagnostiziert er fünf grundlegende »Aspekte und Position der Literary Ecology« (Kap. 3): (1.) politisch-ideologisch äußert sich eine literarische Ökologie als Gegensatz »Pragmatische vs. Deep Ecology« (S. 27-31); (2.) kulturanthropologisch werden Aspekte der Naturentfremdung und die Biophilie-Hypothese in den Blick genommen (S. 31-36); (3.) die ethische Perspektive behandelt den Übergang »vom ego- zum eco-consciousness, vom Macht- zum Kooperationsmodell« (S. 36-41); (4.) philosophisch-epistemologisch steht die Frage des Übergangs vom linearen zum nicht-linearen Denken im Mittelpunkt (S. 41-46); und (5.) geht es aus ästhetischer Perspektive um »Analogien zwischen ökologischen und ästhetischen Prozessen« (S. 46-52). Zapf legt die Anregungen und Grenzen jeder dieser fünf Aspekte und Perspektiven dar, wobei deutlich wird, dass er sich entschieden von einem »naiv-realistischen Repräsentationsmodus« abgrenzt, »der deutlich hinter den Reflexionsstand der neueren Literaturtheorie zurückfällt und die medialen Besonderheiten der Texte als ästhetisch-kulturelle Zeichensysteme nicht angemessen berücksichtigt« (S. 29). Eine »Rückwendung zur Referentialität«, wie sie zum Beispiel vom amerikanischen Literaturprofessor Lawrence Buell vorgeschlagen wird, sei aus ökologischer Perspektive jedoch nicht vollkommen unsinnig, vorausgesetzt sie erfolgt »differenziert und theoretisch reflektiert« (S. 30). Nur so könne der Gefahr entgangen werden, Literaturwissenschaft von einem analytisch-kritischen in einen normativ-affirmativen Diskurs zu verwandeln.

Das zentrale, theoretische Problem besteht für Zapf in der Neubestimmung der Funktion von Literatur angesichts der gegenwärtigen, ökologischen Krise. Kennzeichnend für diese sei es, »dass die evolutionäre Erfolgsgeschichte der Menschheit gerade durch den Versuch der Ausgrenzung des Außermenschlichen und der vollständigen Beherrschung der Natur den paradoxen Effekt hatte, ihre eigenen Lebensgrundlagen zu unterminieren« (S. 39). Die Reintegration des Anderen, Außermenschlichen (auch des kulturell Anderen) in den Prozess menschlicher Subjektkonstitution(7) und die Loslösung kultureller Entwicklungsprozesse von  der Idee und Praxis absoluter Naturbeherrschung sieht auch Zapf als wichtige Voraussetzungen für die Überwindung der ökologischen Krise. Eine ökologisch perspektivierte Literaturwissenschaft kann dazu einen bedeutenden Beitrag leisten, denn aufbauend auf anthropologischen Funktionsmodellen von Literatur (Iser, Pfeiffer, Fluck) »eröffnet« sie nicht nur »Spielräume der Entfaltung, Erweiterung und Pluralisierung individuellen Bewusstseins«; sie »erkundet« auch »das spezifische Erkenntnis- und Sinnstiftungspotential, das in der unauflöslichen Rückbindung und Vernetzung des einzelnen Individuums mit anderen Individuen, des Imaginären mit Erfahrung, der Kultur mit anderen Kulturen, der Zivilisation mit der Natur liegt« (S. 63).

Dementsprechend hat Literatur innerhalb der Ökologie der Kultur folgende drei Funktionen: (1.) Sie ist »kulturkritischer Metadiskurs« (S. 63), d.h. sie repräsentiert »Defizite, Einseitigkeiten, Blindstellen und Widersprüche dominanter politischer, ökonomischer, ideologischer oder pragmatisch-utilitaristischer Systeme zivilisatorischer Macht« (S. 64); (2.) sie ist »imaginativer Gegendiskurs« (S. 63) und inszeniert als solcher das, was »im kulturellen Realitätssystem marginalisiert, vernachlässigt oder unterdrückt ist« (S. 64); und (3.) schließlich ist sie »reintegrativer Interdiskurs« (S. 63), der in einem Akt imaginativer Grenzüberschreitung das, was durch »Konvention und kulturelle Praxis voneinander getrennt ist« (S. 66) miteinander vernetzt. Nach Zapf gehören dazu »gegeneinander abgegrenzte Sprachregister und Bedeutungsmuster, aber auch verschiedene Sphären einer arbeitsteiligen, institutionell ausdifferenzierten Gesellschaft, soziale Rollen und privates Selbst, Öffentlichkeit und Intimität, Intellekt und Leidenschaft, Bewusstes und Unbewusstes und, alle durchdringend, die ökologische Basisdimension von Kultur und Natur« (S. 66). Im Interpretationsteil seiner Studie verdeutlicht Zapf die Produktivität eines kulturökologischen Ansatzes in der Literaturwissenschaft. Es kann und soll hier nicht auf die einzelnen Romaninterpretationen eingegangen werden. Festzuhalten sei lediglich, dass sich die literarische Inszenierung von Alternativen zum Rationalismus der modernen, amerikanischen Zivilisation in den genannten Romanen auf Bilder und Symbole stützt, die auf Natur, Leiblichkeit und Chaos rückbeziehbar sind (Wald, Meer, Fluss, Wüste, post-industrielle Landschaft) – eine Strategie, mit der die Romane, unabhängig von ihrem historischen Kontext, den Zusammenhang zwischen und die gegenseitige Bedingtheit von Natur und Kultur hervorheben. Anders ausgedrückt: Die aus der dominanten Kultur verdrängten Elemente werden unter dem Zeichen der Natur als gewichtige Aspekte moderner wie postmoderner Subjektivität re-legitimiert.

 
Michael P. Branch/Scott Slovic (Hg.), The ISLE Reader. Ecocriticism, 1993-2003. A Tenth Anniversary Anthology. Athens, London: The University of Georgia Press 2003. XXII, 360 S.

Branch und Slovics ISLE Reader unterscheidet sich in verschiedener Hinsicht von den beiden anderen Büchern. ISLE ist das Akronym für Interdisciplinary Studies in Literature and Environment, eine amerikanische Fachzeitschrift, die sich seit Beginn der 1990er Jahre kontinuierlich zu einem international anerkannten Forum für eine ökologisch orientierte Literatur- und Kulturwissenschaft entwickelt hat. Die Existenz der Zeitschrift ist eng verbunden mit der Gründung der Association for the Study of Literature and Environment (ASLE) im Jahre 1992. Zusammen bilden Zeitschrift und Gesellschaft nicht nur die institutionellen Eckpfeiler des US-amerikanischen Ecocriticism, sie waren auch Impulsgeber für ähnliche, wissenschaftliche Entwicklungen und die Gründung verwandter Gesellschaften in Großbritannien, Japan, Korea, Indien, Australien/Neuseeland und Kontinentaleuropa. Der hier zur Rezension vorliegende ISLE Reader zieht Bilanz der ersten zehn Jahre ökokritischer Arbeit. Doch während in der Zeitschrift neben akademischen Aufsätzen auch Rezensionen, Interviews, Lyrik und nichtfiktionale Prosa veröffentlicht werden, hat man sich für die Jubiläumsausgabe auf eine repräsentative Auswahl aus der Rubrik »Scholarly Articles« beschränkt.

Die thematische Dreiteilung der insgesamt 19 Essays des Bandes in »Part 1: Re-evaluations«, »Part 2: Reaching Out to Other Disciplines« und »Part 3: New Critical and Practical Paradigms« lässt einen Paradigmenwechsel innerhalb der kurzen Geschichte des amerikanischen (bzw. amerikanisch beeinflussten) Ecocriticism erkennen.

Den Ecocritics der ersten Stunde ging es noch vornehmlich darum, dem in der Romantik zur Blüte gelangten Genre des nature writing zu kanonischen Ehren zu verhelfen und neben Klassikern wie Henry David Thoreau und Ralph Waldo Emerson auch die Bedeutung von Autor/innen wie Aldo Leopold, Gary Snyder und Gretel Ehrlich (siehe die Beiträge von Harold Fromm, Katsunori Yamazato und Gretchen Legler) für eine umweltbewusste, literarische Kultur des 20. Jahrhunderts zu betonen. Im Mittelpunkt ökokritischer Aufmerksamkeit stand dabei das, was Zapf als »eher offensichtliche Beispiele naturbezogenen Schreibens« (S. 17) bezeichnet, Texte also, die sich hervorragend zum Zwecke des ökologischen consciousness raising eignen. Die unberührte, ›naturbelassene‹ Wildnis erscheint im nature writing häufig nicht nur als ethisches, sondern auch als ästhetisches Ideal, das vor dem Übergriff der menschlichen Zivilisation zu schützen ist. Neben der Neubewertung dieses für die US-amerikanische Nationalliteratur spezifischen Genres hat es aber auch schon sehr bald Versuche gegeben, aus der ästhetisch wie politisch normativen Umklammerung der menschenleeren Wildnis herauszutreten und andere, auch internationale (siehe Niall Binns Beitrag zu ökologischer Lyrik aus Lateinamerika) Aspekte literarischer und kultureller Repräsentationen des Natur-Kultur-Verhältnisses in den kritischen Blick zu nehmen. Gordon M. Sayres Aufsatz steht exemplarisch für das Thema »re-evaluation«, zeigt er doch am Beispiel des Umgangs mit sublimer Wildnis in der Zeit zwischen 1775 und 1825, dass »early Americans did not see the natural sublime as antithetical to the human goals or uses of natural resources« (S. 104). Mit einer ähnlich motivierten Absicht der Neubewertung kanonisierten Wissens, sowie unter Rückgriff auf den Phänomenologen Merleau-Ponty und den Psychologen James L. Gibson untersucht Carol Cantrell am Beispiel von Virginia Woolf die Wahrnehmungsästhetik des Modernismus und weist nach, dass moderne Subjektivität als dialogisch hergestellte Beziehung zwischen Individuum und Umwelt zu verstehen ist. In No Trees Please, We’re Jewish schreibt Andrew Furman über die Ortlosigkeit desjenigen, der großes Interesse an der Natur hat, aber in seiner ethnisch-literarischen Tradition dafür keinen Platz findet, weil sie scheinbar unauflösbar mit Urbanität und der Struktur sozialer Beziehungen befasst ist. Ursula K. Heise schließlich untersucht die Evolution des Topos der Bevölkerungsexplosion in literarischen Texten von den 1960ern bis in die 1990er Jahre und ist damit eine der ersten Ecocritics, die sich urbanen (siehe dazu auch Michael Bennetts Beitrag) und virtuellen Räumen öffnen und Ökologie nicht mehr ausschließlich als Synonym für Umweltbewusstsein und Umweltpolitik gebrauchen.

Die Öffnung des amerikanischen Ecocriticism hin zu Fragestellungen, die über die Neubewertung einer vor allem politisch-pragmatisch definierten Umweltliteratur hinausgehen, und das Eintreten in einen aktiven Dialog mit anderen Disziplinen werden in Teil 2 und 3 der Anthologie noch stärker fokussiert. Dabei wird zum einen der ökokritische Gegenstandsbereich erweitert und auf Werbung (Lisa Lebduska) und Film (Scott Macdonald) ausgedehnt; zum anderen werden gendertheoretische (Nandita Batra), anthropologische (Ian Marshall), pädagogische (R. Edward Grumbine) und kritisch-theoretische (Randall Roorda) Aspekte in ökokritische Diskussionen einbezogen. Trotz wichtiger Impulse und aufschlussreicher Einzelanalysen unterschiedlicher, kultureller Formen der Repräsentation von Natur und Umwelt bleibt der Ökologie-Begriff selbst äußerst unscharf. Das wird besonders in Roordas Beitrag KB in Green: Ecology, Critical Theory, and Kenneth Burke (S. 173-187) deutlich. Die hier vorgeschlagene Gleichsetzung von Ökologie und einem von Burke inspirierten Biozentrismus beruht auf einem nicht zu unterschätzenden Denkfehler – dem Missverständnis nämlich, ökologisches Denken sei ein auf die Umwelt fixiertes (oder zentriertes) Denken, während es eigentlich (wie oben bereits dargestellt) dynamische Verhältnisse und Beziehungen zu repräsentieren versucht. Es ist ja gerade der Versuch einer epistemologischen Dezentralisierung, durch den sich ökologisches Denken auszeichnet.

Im letzten, auf neuere theoretische Ausformungen des Ecocriticism eingehenden Teil wird deutlich, wie wichtig konzeptuelle Impulse aus anderen kritischen Diskursen (wie etwa der postcolonial oder der gender theory) sind, um  das zu vermeiden, was die australische Umweltphilosophin Val Plumwood in Teilen des Ökofeminismus als »uncritical reversal« diagnostiziert hat: die Privilegierung des einst unterprivilegierten Teils einer Dichotomie, in diesem Falle also der Natur gegenüber der Kultur. Dem so notwendigen Projekt einer ökologischen Erneuerung von Literatur- und Kulturwissenschaften wäre damit nicht gedient. Es ist Robert Kern zuzustimmen, der den Gegenstand des Ecocriticism so beschreibt: »the history or evolution of the relations of culture to nature […] and of the perception of nature by culture« (S. 266). Und in einer Fußnote heißt es ergänzend: »the interests of ecocriticism are best served when it pursues a complex, indeed ecological, attentiveness not only to environmental processes seen as the basis of culture but to the whole range of circumstances – aesthetic, psychological, literary-historical, ideological, and so on – by which all texts (even scientific ones) are inescapably conditioned« (S. 279).

Auch wenn die im ISLE Reader versammelten Beiträger/innen den Ökologie-Begriff sehr unterschiedlich fassen und selten so eindeutig definieren wie Giesecke und Zapf, so eint sie alle die Erkenntnis, dass es sich bei der gegenwärtigen Umweltkrise nicht nur um eine materielle Krise handelt, sondern auch um eine Krise kultureller, literarischer und epistemologischer Systeme. Die drei hier besprochenen Bücher verweisen auf die Notwendigkeit, dieser Krise mit einem methodologisch-begrifflichen Paradigmenwechsel, zumindest aber mit der Entfaltung ökologischer Fragestellungen innerhalb der Literatur- und Kulturwissenschaft zu begegnen.

PD Dr. Catrin Gersdorf,  Freie Universität Berlin, John F. Kennedy Institut für Nordamerika-studien, Abt. Literatur, Lansstr. 7-9, D-14195 Berlin; E-Mail:  cgers@zedat.fu-berlin.de


Anmerkungen

(1) Peter Finke, Kulturökologie. In: Ansgar Nünning/Vera Nünning (Hg.), Konzepte der Kulturwissenschaften: Theoretische Grundlagen, Ansätze, Perspektiven. Stuttgart 2003, S. 252. [zurück]

(2) Erstmals 1972 erschienen, basiert der Band auf Essays und Vorträgen, die in den 60er Jahren entstanden sind. [zurück]

(3) Gregory Bateson, Steps to an Ecology of Mind. Chicago, London 2. Aufl. 2000, S. 491. [zurück]

(4) In: Iowa Review 9 (1978) 1, S. 71-86. [zurück]

(5) Für eine ausführliche, kritische Darstellung zum Gebrauch der Umweltmetapher und ökologischer Konzepte in der Medientheorie siehe Ursula K. Heise, Unnatural Ecologies: The Metaphor of the Environment in Media Theory. In: Configurations 10 (2002) 1, S. 149-168. [zurück]

(6) Siehe dazu Michael Giesecke, Literatur als Produkt und Medium kultureller Informationsverarbeitung und Kommunikation. In: Martin Huber/Gerhard Lauer (Hg.), Nach der Sozialgeschichte. Konzepte für eine Literaturwissenschaft zwischen historischer Anthropologie, Kulturgeschichte und Medientheorie. Tübingen 2000, S. 259-283. [zurück]

(7) Zu diesem Themenkomplex haben sich bereits 1983 die Brüder Hartmut und Gernot Böhme geäußert: Das Andere der Vernunft. Zur Entwicklung von Rationalitätsstrukturen am Beispiel Kants. Frankfurt/M. 1983. Allerdings geht Zapf nicht auf diese Studie ein. [zurück]