Detailansicht

In: KulturPoetik 2005, Heft 2

Autor

Andreas Dittrich/Tilmann Köppe/Julia Mansour

Titel

Kunst und Kognition / Art and Cognition (Universität Erfurt 9. – 11. Juni 2005). Ein Kongressbericht

Kategorie

Rezension

Abstract


Volltext

Welchen Beitrag leistet Literatur für unser Verständnis der Welt? Sind literarische Texte eine Quelle von Wissen über uns selbst und die Welt? Auf welche Weise erweitert das Lesen von Literatur unsere kognitiven Kompetenzen? Im Rahmen der Tagung Art and Cognition in Erfurt sprachen Vertreter der analytischen Ästhetik aus dem anglo-amerikanischen und deutschsprachigen Raum über den kognitiven Gehalt von Literatur, literarisch vermittelte Wissensformen und die Rolle ästhetischer Erfahrung.

Richard Eldridge (Swarthmore College) zufolge können literarische Werke ihre Leser zu »conceptual consciousness« führen. Dies bedeutet, dass man affektive, emotionale und kognitive Einstellungen verschiedenster Art nicht nur (gleichsam unbewusst) hat, sondern über eine Sprache verfügt, in der diese Einstellungen ausgedrückt und verständlich gemacht werden können. Da eine Lektüre zugleich zu einer Veränderung der Einstellungen selbst führen könne, wäre es verkürzt zu sagen, man hätte im Zuge der Lektüre lediglich ›Wissen‹ erworben. Literatur könne uns vielmehr auf vielschichtige Weise zu einem aktiven Verhältnis unserem Leben gegenüber verhelfen und damit ein entsprechendes Ideal personaler Autonomie (»expressive freedom«) befördern.

Bernard Harrison (University of Sussex) unterscheidet zwischen Wissen, das man über Sachverhalte erwirbt (»knowledge-about«), und Wissen, das aus der Teilnahme an einem Sachverhalt hervorgeht (»knowledge-of«). Gute Literatur biete letzteres, da sie ihren Lesern eine (sprachlich vermittelte) imaginative und emotionale Teilnahme an neuen und fremdartigen Situationen erlaube.

Für John Gibson (Temple University) beruht der kognitive Wert literarischer Werke nicht auf der Wahrheit fiktionaler Sätze, die den Text des Werkes selbst ausmachen, sondern er ist ein Resultat von Interpretationen: Versuchen wir, komplexe fiktionale Welten literarischer Werke zu verstehen, müssen wir unsere sprachlichen und begrifflichen Ressourcen – und damit zugleich jenen Bereich unserer Welt, den wir als ›erschlossen‹ bezeichnen können – überdenken und (oft) auch erweitern. Literatur vermittele insofern ›humanistisches Wissen‹: »knowledge of how our culture articulates a sense of its world«. Geteilt wird diese Ansicht von Wolfgang Huemer (Universität Erfurt). Ausgehend von einem an Wittgenstein orientierten Bild von Sprache bestimmt Huemer das Potenzial literarischer Werke, Leser mit neuen ›Weisen, die Welt zu sehen‹ bekannt zu machen, als Erweiterung sprachlicher Kompetenzen: Literarische Werke können uns dazu bringen, in unseren Sprachspielen ›neue Züge‹ zu unternehmen. Joachim Schulte (Universität Bielefeld) weist darauf hin, dass das Verstehen literarischer Sprache paradigmatisch sein könne für das Verstehen inhaltlicher und formaler Aspekte nicht-literarischen Sprachgebrauchs.

Peter Lamarque (University of York) vertritt die Auffassung, das Lesen eines Werkes als Literatur ziele nicht in erster Linie auf den Erwerb von (wahren) Überzeugungen und Wissen. Gleichwohl könnten literarische Werke auf der Ebene generalisierender thematischer Aussagen (»thematic level content«) nicht-triviale Kandidaten für propositionale Wahrheiten enthalten, etwa allgemeine Wahrheiten über uns selbst und unser Verhältnis zur Welt (»humanistic conception of literature«). Darüber hinaus könne Literatur zur Kenntnisnahme, Klärung und einem vertieften Verständnis von Auffassungen (»cognitive strengthening«) beitragen. Dabei dürfe freilich nicht aus dem Blick geraten, dass die Funktion thematischer Elemente nicht in der Vermittlung von Wahrheit oder Wissen bestehe, sondern in der Herstellung eines kohärenten und ästhetisch schlüssigen Gesamttextes: generalisierende thematische Aussagen helfen uns in erster Linie, ein literarisches Werk zu verstehen, und erst in zweiter Linie, uns selbst und die Welt zu verstehen. Auch Luca Pocci (University of Western Ontario) geht von der Bedeutung thematischer Einheiten für das »cognitive strengthening« aus und weist darauf hin, dass Leser nicht nur passive Rezipienten kognitiver Gehalte seien, sondern bei der Identifikation (»heuristic mode«) und Interpretation (»hermeneutic mode«) von Themen eine aktive Rolle spielen. Folglich sei der Umgang mit Literatur eher eine kritische Praxis ›kognitiver Erfahrung‹ als eine Quelle von Wissen.

Die kognitive Relevanz fiktionaler Texte ergibt sich für Catherine Z. Elgin (Harvard University) auf der Grundlage eines Kognitionsmodells, das die Kategorien der Informationsordnung und -hierarchisierung berücksichtigt: Welche epistemisch zugänglichen Aspekte in der Welt relevant sind, lasse sich nicht a priori festlegen, sondern ergebe sich über das Testen von Hypothesen (etwa in wissenschaftlichen und nichtwissenschaftlichen Experimenten). Literatur als ›Gedankenexperiment‹ könne relevante (und im Alltag bislang unberücksichtigte) Aspekte unserer Welt exemplifizieren, Hypothesen über unsere Welt nahe legen und neue Perspektiven auf unsere soziale Lebenswelt etablieren (›die Welt in den Augen anderer‹).

Im Gegensatz dazu bestimmt Alex Burri (Universität Erfurt) den Erkenntniswert von Literatur weniger in der Erweiterung unserer kognitiven Fähigkeiten, als vielmehr in der Erkundung der ›subjektiven Natur‹ unserer Erfahrung, die ein Korrektiv darstelle zur vermeintlich ›objektiven Natur‹ naturwissenschaftlichen Wissens.

Christiane Schildknecht (Universität Bonn) zufolge ist es gerade der nicht-kognitive, qualitative und nicht-propositionale Gehalt (d.h. ›wie etwas sich für uns anfühlt, wie etwas uns erscheint‹) einer ästhetischen Erfahrung, der unser Verständnis von Welt und Selbst erweitert. Wird ästhetische Erfahrung allerdings nicht-kognitivistisch gefasst, stellt sich die Frage, wie ein nicht-propositionaler Gehalt die Grundlage für (propositionale) objektive ästhetische Urteile sein kann. Nach Schildknecht kann eine phänomenale Erfahrung ein Urteil nur dann (prima facie) fundieren, wenn dem erfahrungsbasierten Urteil kein weiteres Urteil widerspricht. Allerdings sei diese Art der Begründung nicht kommunizierbar: Ausgedrückt werden könne nur, dass man über eine phänomenale (und ästhetische) Erfahrung verfüge, nicht aber, was diese genau sei. Auch könnten auf dieser Basis keine objektiven Standards für zutreffende ästhetische Urteile aufgestellt werden. Gottfried Gabriel (Universität Jena) schließlich vertritt den moderat kognitivistischen Standpunkt, dass zwar kein zwingender Beweis für die Geltung eines ästhetischen Urteils geliefert werden könne, wohl aber ein plausibles Argument. Ein solches Argument sei von der jeweiligen Beschreibung ästhetischer Objekte abhängig: Eine jede Beschreibung identifiziere relevante Eigenschaften, die das ästhetische Objekt exemplifiziert. Die Zahl möglicher Beschreibungen (und damit möglicher ästhetischer Urteile) sei innerhalb eines durch das ästhetische Objekt inhaltlich gesetzten Rahmens unbegrenzt (›bestimmte Unbestimmtheit‹ des ästhetischen Objektes).

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Tagung stimmten darin überein, dass literarische Werke kognitive Funktionen haben, dass diese jedoch nicht nach dem Modell eines kumulativen (etwa naturwissenschaftlichen) Erkenntniserwerbs verstanden werden können: Literarische Werke erweitern nicht in erster Linie unser Faktenwissen, sondern vermitteln vornehmlich verschiedene kognitive Kompetenzen – etwa alternative Weisen, sich selbst oder die Welt zu verstehen bzw. zu ›sehen‹. Aufgabe künftiger Forschung wird es sein, die entsprechenden Konzepte kognitiven Fortschritts (›begriffliches Wissen‹, »cognitive strengthening« u.a.) genauer zu explizieren.

Andreas Dittrich (Universität Passau), Michaelstraße 5, D-72070 Tübingen; E-Mail: AndreasDittrich@gmx.net

Tilmann Köppe, Georg-August-Universität Göttingen, Seminar für Deutsche Philologie, Käte-Hamburger-Weg 3, D-37073 Göttingen; E-Mail: Tilmann.Koeppe@phil.uni-goettingen.de

Julia Mansour (Universität Stuttgart), Michaelstr. 5, D-72070 Tübingen; E-Mail: julia.mansour@gmx.net