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In: KulturPoetik 2002, Heft 1

Autor

Jutta Heinz

Titel

Von Generalisten, Kanonkundigen und Universaldilettanten. Kulturwissenschaftliche Einführungen im Vergleich
(1) Hartmut Böhme/Peter Matussek/Lothar Müller, Orientierung Kulturwissenschaft. Was sie kann, was sie will. Reinbek: Rowohlt 2000.
(2) Friedrich Kittler, Eine Kulturgeschichte der Kulturwissenschaft. München: Fink 2. Auflage 2001.
(3) Klaus P. Hansen, Kultur und Kulturwissenschaft. Eine Einführung. Tübingen: Francke 2. Auflage 2000. 
(4) Ute Daniel, Kompendium Kulturgeschichte. Theorien, Praxis, Schlüsselwörter. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2001

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Rezension

Volltext

Man stelle sich vor: einen angehenden Studenten auf der Suche nach seinem Berufsziel; aufgewachsen in den Zeiten der Beschwörung der Wissensgesellschaft; unverbindlich multikulturell sozialisiert, vage ›kulturell‹ interessiert; nennen wir ihn, der Kürze und der Tradition zuliebe, Wilhelm. Irgendwo – wir gehen sicher davon aus, dass es sich weder um das Arbeitsamt noch um das Fernsehen gehandelt haben kann – hat Wilhelm etwas von den neuen Kulturwissenschaften aufgeschnappt, und dass sie eine Zukunftsperspektive böten (für wen oder was auch immer). Neugierig geworden, will er sich informieren und startet bei amazon.de eine Suchaktion nach den Schlüsselbegriffen ›Kulturwissenschaft‹ und ›Einführung‹. Das Angebot ist nicht überwältigend, aber immerhin gut sortiert; und so beginnt er erwartungsvoll (hier grenzt die Fiktion leider bedenklich ans Unwahrscheinliche) mit der Lektüre.


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Zuerst greift er nach einem mittelmäßig umfangreichen Taschenbuch mit dem Titel Orientierung Kulturwissenschaft: Was sie kann, was sie will von einem Dreier-Autorenkollektiv unter Führung eines gewissen Hartmut Böhme. Er weiß nicht, dass es sich bei diesem um den Direktor des kulturwissenschaftlichen Seminars der Humboldt-Universität – und damit um einen der Leuchttürme der neuen Kulturwissenschaft – handelt; er fühlt sich vorerst nur angesprochen vom umgangssprachlichen Duktus des Titels und dem Versprechen von »Orientierung«. Bereits im Vorwort jedoch wird sein Vertrauen herbe erschüttert: Zwar sei das kulturwissenschaftliche Studium wegen seiner Neuheit und Unbestimmtheit ein »anspruchsvolles Abenteuer« (S. 7); gleichzeitig jedoch wird gewarnt: »man wird zwischen produktivem Dilettantismus und Expertenwissen hin und her geworfen, man findet keinen festen Boden, man vermißt Perspektive und Orientierung« (S. 8).

Diese Warnung kann Wilhelm nach der Lektüre der ersten beiden Kapitel, »›Kulturwissenschaft‹ als Programm« und »Zur Geschichte kulturwissenschaftlicher Ansätze in Deutschland«, bereits nachvollziehen: Er hört, in enger Folge, gedrängter Diktion und auf relativ hohem Abstraktionsniveau, von so exotischen Unternehmen wie der Völkerpsychologie und der Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts oder der Kulturphilosophie um 1900; es wird ihm berichtet von der Psychoanalyse Freuds und der Kritischen Theorie (die Namen hat er immerhin schon gehört); und schließlich werden ihm mit den cultural studies, dem New Historicism und der Mentalitätsgeschichte noch die allerneuesten Entdeckungen der wissenschaftlichen Welt präsentiert. Wilhelm scheint die kulturwissenschaftliche Relevanz all dieser Ansätze unterschiedlich stark zu sein; aber da er bisher weder über einen anderen als einen alltagsweltlichen Begriff von Kultur noch über eine genauere Vorstellung der Wissenschaft davon verfügt, lässt er sich willig belehren.

Zum Glück versorgt ihn das dritte Kapitel, »Arbeitsfelder kulturwissenschaftlicher Forschung und Lehre«, nun zumindest mit einer kleinen Begriffsgeschichte der Kultur. Diese läuft darauf hinaus, dass Kultur heutzutage allgegenwärtig sei (und deshalb wohl auch nicht recht definierbar, denkt er sich); dass sie etwas Konstruiertes ist und als solches »kontingent, eben dadurch aber auch (re)konstruierbar« (S. 106). Das sei gleichzeitig das Ziel der Kulturwissenschaft, die nun mittels eines »enzyklopädischen Stichworts« (S. 104) bestimmt wird: Sie konzentriere sich auf menschliche Einrichtungen, Handlungen und Werte; sie werde medial vermittelt; sie untersuche sowohl Theorien der Kultur wie materielle Kulturprodukte; und sie verstehe sich zugleich geschichtlich und systematisch wie sogar kulturkritisch und selbstreflexiv.

An dieser Stelle brummt unserem armen Wilhelm ziemlich der Kopf. Die folgenden Beispiele verschiedener »Arbeitsfelder« (wie der Wissenschaftsgeschichte, der Kulturgeschichte der Natur, der Themen Erinnerung oder Technik) machen das Ganze etwas handgreiflicher, zumal sie sich mal mehr, mal weniger anschaulicher Beispiele bedienen. Zudem lernt Wilhelm bei diesem Rundumschlag durch die europäische Ideengeschichte eine Menge imponierenden Bildungswissens. Dann und wann findet er sogar deutliche Anknüpfungspunkte an aktuelle Fragestellungen der Ökologie, der Neurowissenschaften oder der Nachrichtentechnik. Zwar wird ihm nicht klar, wie ein solches Sammelsurium von Themengebieten jemals irgendwie systematisch eingrenzbar sein sollte (was er eigentlich von einer Wissenschaft erwartet hätte); die einzelnen Themen jedoch erscheinen ihm interessant und durchaus zeitgemäß.

Aber was muss der Student nun eigentlich lernen, um zu all diesen vielversprechenden Fragestellungen und Untersuchungsergebnissen vorzustoßen? Einlassungen zur Methode kulturwissenschaftlichen Arbeitens sucht Wilhelm vergebens. Natürlich laufen hier und dort in den Sach- und auch in den Geschichtskapiteln Begriffe, methodische Ansätze, Voraussetzungen mit; eigens thematisiert wird die Arbeitsweise des Kulturwissenschaftlers jedoch nicht – es sei denn, in den verdienstvollen, den Band abschließenden Übersichten über die verschiedenen Studiengänge. Insgesamt hängt diese Zurückhaltung wohl mit dem Selbstverständnis der Autoren zusammen, das Wilhelm im vierten Kapitel »Perspektiven« erläutert wird. Man wehrt sich dort vehement gegen eine allzu platte Reduzierung auf gesellschaftliche Orientierungsinteressen und Verwertungszusammenhänge; demgegenüber verweist man darauf, dass ein kulturwissenschaftlicher Ansatz geradezu zwingend eine Steigerung der Komplexität und des intellektuellen Niveaus mit sich bringe (leidvolles Nicken von Seiten Wilhelms). Immerhin bekennt man sich aber zu einer – ebenfalls gesellschaftspolitisch zumindest rhetorisch immer wieder eingeforderten – Vermittlung von »Kernkompetenzen« (S. 207). Diese umfassen jedoch in ähnlicher Weise offenbar beinahe alle Formen wissenschaftlichen Arbeitens wie auch die Kultur selbst, und formen insgesamt eher einen allgemeinen »intellektuellen und sozialen Habitus« (S. 206) als ein tatsächliches Handwerkszeug.

 
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Nun gut, denkt sich Wilhelm; jetzt haben wir einen ersten systematischen Überblick gewonnen, aber vielleicht geht es ja auch ein bisschen anschaulicher. Da kommt ihm ein schon äußerlich ansprechenderes Werk wie Friedrich Kittlers Kulturgeschichte der Kulturwissenschaft gerade recht. Dass er damit den Antipoden zu Böhme in so ziemlich jeder denkbaren Hinsicht erwischt hat, kann er natürlich nicht wissen; schon nach den ersten Seiten erkennt er jedoch, dass es sich hier offensichtlich statt einer kollektiven Feldstudie um die große Erzählung eines genialen Einzelnen handelt, der zudem gleich anfangs zugibt, statt zur Allgemeinverständlichkeit eher zur Selbstbespiegelung zu tendieren. Die einzige Gemeinsamkeit mit Böhme scheint die nun schon bekannte frustrierende Warnung vor der Dilettantismusgefahr zu sein (vgl. S. 11). Außerdem findet Wilhelm einen seltsamen Widerspruch: Zwar verspricht Kittler, eine »Geschichte der Philosophien der einfachen Dinge« (S. 10) zu geben; daneben kündigt er jedoch an, im Zeitraffer die Philosophiegeschichte der letzten 250 Jahre zu bündeln, die sich, dem begrenzten Vorwissen Wilhelms nach, wohl kaum auf die einfachen Dinge beschränkt hat. Was meint Kittler also nun eigentlich mit Kultur? Ist sie eher identisch mit großer Philosophie oder mit dem ominösen kleinen Gefäß, das – wohl als exemplarischer Kulturgegenstand und »einfaches Ding« – den Einband ziert?

Der Autor ist bei der Beantwortung dieser Frage keine große Hilfe; tatsächlich erläutert er in der gesamten Vorlesung weder seinen Kulturbegriff noch seine Vorstellung von Kulturwissenschaft. Also konzentriert sich Wilhelm zunächst auf die chronologische Darbietung der Geschichte der Kulturwissenschaft von Giambattista Vico über Herder, Hegel und Nietzsche bis hin zu Heidegger, in der Hoffnung, dort beiläufig fündig zu werden. Die Geschichte selbst erscheint ihm allerdings im Rückblick auf Böhme gänzlich unvertraut: Offensichtlich macht Kittler ganz andere Autoren zu den Gründervätern der Kulturwissenschaft; und finden sich einmal seltene Parallelen – wie im Falle Sigmund Freuds –, scheint es sich trotz zufälliger Namensgleichheit um andere Personen zu handeln. Immerhin jedoch liest sich das Ganze großartig: Der Autor erzählt zu seinen Autoren wunderbare Biographien, die offensichtlich als eine Art kulturgeschichtlicher Hintergrund fungieren (und wahrscheinlich, so könnte Wilhelm boshaft vermuten, das kulturwissenschaftlich-handgreiflichste an dem Buch sind); er beschäftigt sich mit leichter Hand mit den größten Autoritäten und den philosophischen Super-Themen schlechthin (wobei er offensichtlich eine Vorliebe für Technik- und Medienfragen hat, daneben auch für sprachtheoretische Überlegungen; weniger jedoch für metaphysische oder gar ethische Fragestellungen). Er schreibt aufregend polemisch, vor allem dort, wo er seine Autoren nicht auf der Höhe der eigenen Fragestellungen und Einsichten vermutet (wie im gesamten 19. Jahrhundert). Und er wagt sogar Extrapolationen in die Zukunft, die die Kulturwissenschaft als eine Art von philosophischem Prognosen-Generator erscheinen lassen.

Bei aller Begeisterung beschleichen Wilhelm nach und nach einige Zweifel ob der wissenschaftlichen Zuverlässigkeit des Autors. So legt Kittler zwar seine Aversion gegen jegliche Art von sozialwissenschaftlichem Vokabular und gesellschaftstheoretischer Argumentation (die er etwas kraus des Totalitarismus zeiht, S. 153) in wünschenswerter Weise offen und verkauft seine Version von Kulturwissenschaft als eine Art interpretativen Gegenschlag von unten. Den inzwischen deutlich gewitzigten Wilhelm beschleicht dabei jedoch der Verdacht, er tue dieses genau auf diejenige Weise, die er Nietzsche mit bewunderndem Unterton unterstellt hatte: nämlich indem er »die Kategorien selber […] aus der Kulturgeschichte als historische Vokabeln« holt und sie »umschafft« (S. 171). So darf nun Kittlers »Philosophie der einfachen Dinge« keinesfalls mit einer geradezu idiosynkratisch abgelehnten »Wissenschaft vom Alltag« (S. 120) in einer »empirischen Kulturwissenschaft« verwechselt werden. Die »einfachen Dinge« sind stattdessen offensichtlich fundamentalontologische Kategorien im Sinne Heideggers (die wiederum keinesfalls anthropologisch gedacht werden dürfen, wie dies beispielsweise Böhme täte), »Zeug« wie das auf dem Titel abgebildete Gefäß, das »zuhanden« ist. Damit fällt schließlich die Kulturwissenschaft ganz und gar mit der Ontologie in eins; die lästige Beschäftigung mit anderen als philosophischen Höhenkamm-Texten entfällt, das »abendländische Wissen« (S. 248) ist vor dem anstürmenden Amerikanismus der cultural studies gerettet und der neu-alte Kanon etabliert.

 
3

Angesichts dieser Wendung erwägt Wilhelm, doch lieber gleich ein Philosophie- oder wenigstens ein Informatik-Studium aufzunehmen. Vorerst möchte er aber nun wirklich wissen, was die Kultur in den Kulturwissenschaften nun eigentlich sei und greift deshalb zu einem bereits in zweiter Auflage erschienenen Werk, das endlich auch einmal die Kultur selbst im Titel trägt: Kultur und Kulturwissenschaft von Klaus P. Hansen. Der Autor ist Amerikanist in Passau – also hofft Wilhelm auf etwas mehr provinzielle Selbstbescheidung nach dem genialischen Ansturm von Kittler und der frustrierenden Komplexitätsüberflutung bei Böhme und Konsorten. Zudem betont Hansen sein »didaktisches Ethos« (S. 6) und – in diametralem Gegensatz zu Kittler – die Vorbildhaftigkeit amerikanischer Wissenschaftsprosa. Nach seinen bisherigen Erfahrungen ist Wilhelm jedoch skeptisch geworden gegenüber vollmundigen programmatischen Versprechungen: Wie kann wohl eine Kulturtheorie »auf der Höhe der Zeit« (ebd.) in allgemein verständlicher Diktion und didaktisch wirksam dargeboten werden? Spitzbübisch reibt sich unser Kandidat die Hände: Da kann er doch zur Abwechslung einmal gleich selbst auf Dilettantismus tippen!

Zunächst jedoch wird sein Bedürfnis nach Aufklärung über den Begriff der Kultur ziemlich gründlich befriedigt. Hansen konstruiert – typisch für seinen induktiven und auf den common sense abzielenden methodischen Zugriff – liebevoll erzählte Beispiele, um schließlich zu einer möglichst offenen und gleichzeitig durch ihre abstrakte Begrifflichkeit operationalen Definition zu gelangen: »Kultur umfaßt Standardisierungen, die in Kollektiven gelten« (S. 39). Böhme wäre nicht unglücklich, Kittler hingegen geradezu angeekelt, denkt sich Wilhelm, und liest weiter. Das wird ihm, trotz aller didaktischen Verdienste des Autors, nicht ganz leicht gemacht: Zwar findet er hier keine Ausflüge in die Ahnengalerie der Kulturgeschichte oder auf die Höhenkämme der Philosophiegeschichte; stattdessen jedoch ausführliche systematische Herleitungen aller verwendeten Grundbegriffe – Standardisierung, Individuum/Kollektiv etc. Hansen bezieht sich dabei vor allem auf Disziplinen wie die Sozialpsychologie, die Neurowissenschaften, die Soziologie (meistens übrigens, wie Wilhelm auffällt, um die dortigen Ergebnisse mehr oder weniger abzulehnen); seine wenigen Ausflüge in die Philosophie erscheinen Wilhelm nach Kittler als doch ein wenig unterkomplex. Da folgt er dem Autor lieber in seinen genuin autodidaktischen Überlegungen, die ihm, wenn er ihnen auch im Einzelnen manchmal widersprechen möchte, immerhin eine Ermutigung sowohl zum Selbstdenken wie auch zur »Fundamentaltheorie« (S. 188 f.) bieten.

Allerdings: Wer zu viel selbst denkt, verrennt sich leichter. Wilhelm wird im Verlauf der Lektüre immer kritischer gegenüber den Beispielen Hansens: Offensichtlich reduziert der common sense des Autors die Realität ein wenig allzu simpel auf Klischees (selbst die Mitglieder bayerischer Tennisclubs haben ein wenig mehr Anspruch auf eine komplexe Persönlichkeit, denkt Wilhelm). Den konstruierten Erzählungen haftet notwendig eine gewisse Willkür an, die dann aber den Universalitätsanspruch der aus ihnen gezogenen Schlüsse fraglich erscheinen lässt. Zudem wird im Verlauf der Argumentation immer deutlicher, dass sich Hansens Definition von Kultur ausschließlich auf die kollektiven und heterogenen Begriffskomponenten zuspitzt und damit in eine polemische Gegenposition zu all denjenigen kulturwissenschaftlichen Ansätzen gerät, die Kultur in irgendeiner Weise mit der Herstellung von Sinn oder Bedeutung – oder gar mit Werten – in Beziehung bringen wollen. Für wen die Untersuchung bedeutungsfreier und wertneutraler gruppenspezifischer Standardisierungen allerdings noch irgendein Interesse haben soll, bleibt Wilhelm verschlossen – dann doch lieber Fundamentalontologie à la Kittler oder historische Anthropologie à la Böhme, denkt er sich.

Deshalb sind wohl auch Aussagen darüber, wie die Kulturwissenschaft auf der Basis des ausführlich exponierten Kulturbegriffs nun eigentlich vorgehen soll, so selten. Nach der Lektüre von Kittler und Böhme vermisst Wilhelm zwar keine Geschichte der Kulturwissenschaft mehr; andererseits erscheint es ihm aber auch seltsam so zu tun, als gäbe es gar keine. Das stark schematisierte Kapitel zum »Kulturbegriff und den wissenschaftlichen Fächern« bietet zwar einen vagen Überblick über kulturwissenschaftliche Bemühungen in anderen Disziplinen; übrig bleiben jedoch letztendlich nur die zwei herrschenden Paradigmen gegen Ende des 20. Jahrhunderts, nämlich die Kulturwissenschaft und die Biologie. Offensichtlich, so geht es Wilhelm nun auf, ist das der Preis der Fundamentaltheorie: Die Geschichte existiert nicht mehr für den Sieger; das neueste Paradigma macht keine Gefangenen unter den älteren. Ein bisschen mehr ›interkulturelles‹ Verständnis für die eigene Geschichte des Multikollektivs Kulturwissenschaft erschiene Wilhelm da doch angeraten.

 
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Flugs greift er deshalb zu guter Letzt zu einem ganz neuen Werk speziell über Kulturgeschichte: dem Kompendium Kulturgeschichte der Braunschweiger Historikerin Ute Daniel – endlich einmal eine Frau, denkt er sich, und ein Kompendium: das klingt nach umfassenden Wissen in handlichen Päckchen und nach Stand der Forschung in Lehrbuchform. Wiederum muss er jedoch schnell erkennen, dass er getäuscht wurde: Zwar sind die Päckchen äußerlich handliche Einzelkapitel, jedoch von schwergewichtigem Inhalt; und auch diese Autorin reitet ihr Steckenpferd, nämlich ein besonderes kulturwissenschaftliches Wissenschaftsverständnis. Fundamentaltheorie also auch hier – aber immerhin im ausgeprägten Bewusstsein der eigenen Geschichte und Herkunft.

Wilhelm hat inzwischen volles Verständnis dafür, dass die Autorin eine Begriffsdefinition anfänglich verweigert, weil sie die »unendliche Mühe intellektueller Aufräumarbeit« (S. 9) scheut; er ist sogar nicht wenig stolz darauf, die Anordnung des Kapitels zum Schlüsselwort ›Kultur‹ am Ende des Bandes als ironisch zu verstehen. Zudem scheint die Autorin den unproblematisch-weiten Kulturbegriff Böhmes im Wesentlichen zu teilen, da sie sich keinen Gegenstand vorstellen kann, »der nicht kulturgeschichtlich analysierbar wäre« (ebd.). Ihr kommt es jedoch im Gegensatz zu Böhme nun vor allem darauf an, die Art und Weise dieser Analyse näher zu bestimmen. So trifft Wilhelm in den ersten beiden Kapiteln, »Kulturwissenschaftliches Wissen I und II«, auf viele ihm bereits bekannte Autoren. Diese werden jedoch vor allem unter der Perspektive betrachtet, wie sie kulturwissenschaftliches Wissen erkenntnistheoretisch fundieren. Bemerkenswerterweise scheint die Autorin im Übrigen die historischen Beiträge ihrer eigenen Disziplin – also der Kulturgeschichte im engeren Sinn, wie sie im 19. Jahrhundert entstand –, verhältnismäßig gering zu schätzen gegenüber den Beiträgen von Philosophen und Soziologen aus dem frühen 20. Jahrhundert und neueren methodischen Ansätzen wie dem des Poststrukturalismus oder der Diskursgeschichte. Das wundert Wilhelm ein wenig; insgesamt überwiegt jedoch seine Dankbarkeit für die äußerst kompakten und ungewöhnlich verständlichen Einführungen in die neueren kulturwissenschaftlichen Strömungen.

Obwohl das Kompendium gegenüber der relativ breit kulturwissenschaftlich argumentierenden Einführung in den Anfangskapiteln in seinen weiteren Abschnitten immer ›historischer‹ wird, liest es Wilhelm mit wachsender Begeisterung: Sowohl die in den »Herleitungen« präsentierten Forscherpersönlichkeiten (Norbert Elias, Natalie Zemon Davis und Carlo Ginzburg) wie auch die in den »Themen« präsentierten Arbeitsbereiche (Alltagsgeschichte, Geschlechtergeschichte, Generationengeschichte etc.) verbinden einfühlsame und textnahe Darstellungen mit grundlegenden Überlegungen zum jeweiligen Ertrag für die Kulturwissenschaft insgesamt. Das hängt nicht zuletzt mit einem der wesentlichen Anliegen Daniels zusammen, nämlich ihrer Forderung nach stärkerer Konzentration auf konkrete Fragestellungen und Forschungsergebnisse gegenüber einer immer stärker verselbständigten Methodendiskussion. Das zumindest, so versteht es Wilhelm nach Lektüre des Schlusskapitels der »Schlüsselwörter« (besonders empfehlenswert: Tatsache/Objekt/Wahrheit), ist ein wesentlicher Teil des wissenschaftlichen Credos von Ute Daniel. Gewohnte Denkweisen und lieb gewordene wissenschaftliche Rituale müssen abgelegt werden – wie das Denken in dichotomischen Begriffen oder einsträngigen Ursache-Wirkungs-Schemata oder die Vorstellung von Wahrheit als Abbild der Realität. Der Wissenschaftler soll sich darüber hinaus bewusst sein, dass seine Erkenntnisse immer auch etwas über die Art ihrer Herstellung aussagen. Er soll sogar Verantwortung dafür übernehmen, und zwar sowohl bezüglich seines Umgangs mit den ›Objekten‹ seiner Forschung – den Menschen der Vergangenheit – wie auch bezüglich ihrer Aussagekraft für nicht-akademische Fragestellungen und Interessen.

Von so viel Idealismus ist der jugendliche Wilhelm spürbar angetan; zumal die Autorin in ihrem Werk selbst vorführt, wie ein solches kulturwissenschaftliches Ethos umgesetzt werden könnte. Sie ist als Person deutlich anwesend in ihrem Text, ohne sich aufzudrängen; sie lässt ihren ›Objekten‹, den behandelten Autoren, große Freiräume der Selbstäußerung in ausgiebigen Gesprächs- und Werkzitaten. Und schließlich passt sie sogar die Art ihrer Darstellung in beinahe literarisch zu nennender Weise ihren Gegenständen an, indem sie beispielsweise den Poststrukturalismus als Collage, die Postmoderne als Streit oder das Kapitel zur eigenwilligen Forscherpersönlichkeit Natalie Zemon Davis’ als Auszug aus deren Autobiographie gestaltet. Eine solche Flexibilität des Ausdrucks scheint Wilhelm schließlich ein nicht geringes Verdienst und ein erstrebenswertes Ziel einer kulturwissenschaftlichen Ausbildung zu sein.

 
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Wir resümieren: Hätte sich Wilhelm tapfer durch all diese Lektüren hindurchgebissen, so hätte er wahrlich ein umfassendes Bild von Kultur und Kulturwissenschaft davontragen können – und eines, das ihm die Einzellektüre keines der besprochenen Werke hätte vermitteln können. Die Kulturwissenschaft präsentiert sich in ihren Einführungen als die bunte Mischung, die ihren Gegenstand und ihre Zugangsweisen selbst kennzeichnet. Dass den Autoren in summa idiosynkratische Neigungen und Abneigungen nachweisbar sind, ist vor diesem Hintergrund verzeihlich: Den Diskursdschungel Kultur und Kulturwissenschaft kann man wohl nur durchdringen, indem man seine persönlichen Neigungen und Abneigungen als Buschmesser benutzt. Ein kulturwissenschaftlicher Super-Autor, der die Systematik und den kritischen Impetus Böhmes, das anregende Spekulationstalent Kittlers, die systematische Geradlinigkeit Hansens und das reflektierte wissenschaftliche Selbstverständnis Daniels (bei Vermeidung aller hier nicht eigens betonten Schwächen und Einseitigkeiten) mitbrächte, wäre demgegenüber ein mindestens ebenso unrealistisches Phantasma wie ein Student, der der notwendigen Komplexität auch der grundlegendsten Einführung auf diesem Gebiet vollends gewachsen sein könnte – und wie letztlich eine Rezension, die die dargestellten Kompendien aus einer noch globaleren Perspektive kritisch summieren könnte. Das Gedankenexperiment der Rezensentin bezieht seine Berechtigung daher nur aus der Herstellung von Vergleichbarkeit, die auf diese Weise möglich scheint; und nicht aus der dafür nötigen, potenzierten Simplifizierung kulturwissenschaftlicher Fragestellungen und Erkenntnisse. Gleichzeitig sollte jedoch auf diese Weise auch das Dilemma deutlich werden, das gerade die einführenden Werke, thematisiert oder nicht, mit sich führen: Der flexible Generalist Böhmes, der Kanonkundige Kittlers, der universelle Autodidakt Hansens und der vollständig reflektierte Wissenschaftler Daniels lassen sich wohl kaum in achtsemestrigen Schnellstudiengängen zur baldigen Verwertung als willige Orientierungsgehilfen in der Wissensgesellschaft erzeugen.
 

Dr. Jutta Heinz, FSU Jena, Institut für Germanistische Literaturwissenschaft, Fürstengraben 14-18, D-07740 Jena