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In: KulturPoetik 2011, Heft 1

Autor

Susanna Brogi

Titel

Pfade durchs Labyrinth: neue gartenwissenschaftliche Publikationen
(1) Stefanie Hennecke/Gert Gröning (Hg.), Kunst – Garten – Kultur. Berlin: Reimer 2010. 319 S.
(2) Richard Faber/Christine Holste (Hg.), Arkadische Kulturlandschaft und Gartenkunst. Eine Tour d’ Horizon. Würzburg: Königshausen & Neumann 2010. 329 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

»Welche unter den Künsten ist die vornehmste?« Dass sich die Gartenkunst, lange Zeit marginalisiert und der Architektur untergeordnet, im 18. Jahrhundert vorübergehend souverän im Wettstreit der Künste zu behaupten wusste, verdankte sie der ihr zugesprochenen Eigenschaft, zugleich Werke der Kunst und der Natur hervorzubringen. In unserer Gegenwart zeugt eine enorme Anzahl an Ausstellungen, Tagungen und Publikationen davon, dass sie erneut ihr Mauerblümchen-Dasein überwinden konnte und nun als Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchung gerade auch interdisziplinär große Anerkennung erfährt.


Stefanie Hennecke/Gert Gröning (Hg.), Kunst – Garten – Kultur. Berlin: Reimer 2010. 319 S.

Im Wissen darum, dass in den letzten beiden Jahrzehnten viele Bereiche der Garten-Thematik ausgiebig beackert worden sind, fragte eine im Juli 2009 von Stefanie Hennecke aus Anlass der Emeritierung Gert Grönings an der Universität der Künste (UdK) in Berlin durchgeführte Konferenz Kunst – Garten – Kultur nach möglichen weiteren Perspektiven gartenkultureller Forschung. Die 15 Beiträge im gleichnamigen, von Hennecke und Gröning herausgegebenen, Tagungsband stellen mehrheitlich Belege für die Fruchtbarkeit der Disziplinen- und vielfach Ländergrenzen überschreitenden Analysen dar, liegt doch (in Anlehnung an Georg Jägers Plädoyer für die Etablierung des Faches Buchwissenschaft) auch hier der Gegenstand ›quer‹: »Gartenkultur und Freiraumentwicklung« (so die Bezeichnung des ausrichtenden Fachgebiets) erschöpfen sich keinesfalls in der Beschreibung historischer und gegenwärtiger Gartenanlagen. Erst eine umfassende kulturwissenschaftliche Analyse, die sich nicht mit Bestandsaufnahmen zufrieden gibt, die über einen bloßen Vergleich mit den anderen bildenden Künsten (Architektur, Malerei und Bildhauerei) hinausgeht und nach zeitgenössischen Diskursen fragt, wird Antworten beispielsweise im Bereich kultureller Deutungsmuster finden.
Den in der Publikation im Unterschied zur Tagung leicht modifizierten, sich freilich inhaltlich überschneidenden fünf systematischen Schwerpunkten des Bandes sind, harmonisch gewichtet, jeweils drei Beiträge subsummiert. Diese Schwerpunkte treffen sich nicht zufällig mit Grönings wissenschaftlichen Kernanliegen, zu denen – im ersten Oberkapitel Forschung zur Gartenkunst – zuvorderst auch mit Blick auf die Zukunft eine selbstbewusste Positionierung des Fachs selbst (als Gartenwissenschaft?) gehört. Neben einer umfassenden Bestandsaufnahme der Quellenlage, die der in den letzten Jahren nicht nur in diesem Bereich verdiente Uwe Schneider im Überblick vorstellt, sollen daher auch Impulse zur Sicherung ihrer künftigen Legitimation gegeben werden.
Naturgemäß rufen Jubiläums- und Verabschiedungsfeiern zum spielerischen Umgang mit disziplinären Grenzbereichen auf. So ist vielleicht auch Joachim Wolschke-Bulmahns Ansinnen, die Comic-Art als einen ausbaufähigen Forschungsgegenstand ernst zu nehmen, ja sogar die Schöpfung entsprechender, für die gartenkulturelle Forschung relevanter Comic-strips anzuregen, zu einem kleinen Teil dem Anlass der Tagung geschuldet. Allerdings haben er und Gröning gemeinsam zu diesem Gegenstand publiziert, so dass diesem Vorstoß wohl auch daran gelegen ist, neue Bereiche für die vor allem in den ›E‹-Künsten erfolgreich verankerte Gartenthematik zu erschließen. Dies entspräche ja auch der tatsächlichen Nutzung von Gartenanlagen und dem Besuch öffentlicher Grünflächen als einer Gesellschaftsschichten übergreifenden Praxis. Aussichtsreich wäre sicher die Berücksichtigung der Rolle des Emotionalen für das Comic-Genre in Verbindung mit der Gartenthematik.
Unter den folgenden vier systematischen Rubriken – Die Musikalisierung des Gartens, Der Kunst-Garten, Der veröffentlichte Privatgarten und Politisierte Garten-Landschaften – erscheint nicht zufällig die den Auftakt bildende besonders ambitioniert, dominieren doch gewöhnlich literarische und bildkünstlerische Untersuchungen oder Präsentationen von Einzelobjekten. Letztere werden in diesem Band gleichwohl immer wieder, jedoch sehr unterschiedlich behandelt: in ihrer tatsächlichen lebensweltlichen Nutzung (Mees), ihrer historischen Instrumentalisierung (Rinaldi; Lang), als Vehikel ideologischer Einschwörungspraxis (Schmitz/Söhnigen), als Orte der Literatur und des Films (Thielking; Richards/Yearsley) oder in Gestalt autonomer Kunstwerke unserer Tage, die teilweise den gartentypischen Aspekt der Benutzbarkeit zurückweisen (J. Ullrich). Erläutert und präzisiert nicht zuletzt durch die auch als eigenständigen Beitrag zu wertende Einleitung der Herausgeber, lassen die historisch und topographisch weit auseinander liegenden Vorhaben, die sich auf ganz unterschiedliche mediale Präsentationsformen stützen, doch eine detaillierte Karte gartenkultureller Forschung entstehen.
Eine zentrale Rolle der Literatur unterschiedlichster Provenienz tritt auch bei Beiträgen zutage, die sich – wie Martin Ullrichs Aufsatz über die Äolsharfe, dem Instrument zur Musikalisierung von Gärten im 18. und 19. Jahrhundert – zunächst primär anderen Künsten zuwenden. Schließlich sind es doch vielfach Texte – hier E.T.A. Hoffmanns, Jean Pauls oder Eduard Mörikes –, durch welche die psychische Wirkung eines Instruments anschaulich gemacht oder seine metaphysischen Wirkungen vergegenwärtigt werden sollten. Elegant löst Sigrid Thielking im ersten Beitrag des Kapitels Der Kunst-Garten die Aufgabe, diese angedeutete gewichtige Rolle der Literatur für die Gartenkunst (und vice versa) zusammenfassend darzustellen: Ihr Beitrag konzentriert sich auf humorvolle und parodistische Gartentexte. Die Leser werden es dabei freilich den Herausgebern danken, dass diese durch einen entsprechenden Hinweis (»Der eher satirischen Seite von Gartenmythen und Gartenklischees in der Literatur widmet sich Sigrid Thielkings Beitrag«) zur Aufklärung dessen beitragen, was Thielking unter dem »Jardinesken« in der Literatur versteht – eine originelle Wortschöpfung, die, so kann man vermuten, vom »Burlesken« oder »Grotesken« angeregt wurde.
Als möglicherweise hilfreich für die künftige Konzeption von Projekten könnte sich Jessica Ullrichs Zusammenstellung Gärten als Kunstwerke erweisen, die den Fokus auf zahlreiche seit den 1990er Jahren entstandene Arbeiten zeitgenössischer Künstler lenkt. Etwas zu kurz greifen indes ihre sich zum Teil an den Werktiteln (etwa »Wintergarten«) orientierenden thematischen Gruppierungen sowie Bewertungen und Kurzanalysen, bei denen bisweilen der Rekurs auf künstlerische Traditionen erhellend wäre. Nicht nur an dieser Stelle erscheint die in den vergangenen Jahren verstärkte Internationalisierung der Forschung produktiv. Beim Vergleich mit den großen Gartenanlagen Chinas relativiert sich dadurch doch die lange Zeit kaum hinterfragte eurozentrische Einschätzung der Singularität der europäischen Gartenanlagen (mit dem Schlossgarten von Versailles als Krone dieser Schöpfungen). Einen lebhaften Eindruck davon, dass diese Ignoranz nicht allein in Unwissenheit begründet liegt, liefert Bianca Maria Rinaldis Vorstellung der wiederholten gezielten Verwüstung der das chinesische Kaiserreich symbolisierenden Parkanlage von Yiheyuan durch westliche Mächte 1860 und 1900.
Rainer Schmitz’ und Johanna Söhningens Darlegung zum Dorf Elstal, das aus Anlass der Olympischen Spiele von 1936 angelegt wurde, liefert auf der Basis einer genauen Beschreibung der Topographie und der architektonischen Ausbildung der Anlage mehr als eine bloße Bestätigung materialisierter Blut-und-Boden-Ideologie: Anhand der Darlegung der spezifischen, gezielt auf das Unterbewusste wirkenden national-landschaftlichen Ästhetik tritt deren genuine Verwobenheit mit dem NS-Militarismus und mit dem in den Spielen zum Tragen kommenden Nationalsportgedanken zutage. Darüber hinaus entsteht einmal mehr ein klares Bild interessengelenkter ideologieverhafteter universitärer Forschung, deren Kontinuität über 1945 hinaus eindrucksvoll belegt wird. Ähnliches ließe sich von Sonja Dümpelmanns komplexem und anregendem Beitrag über die Relevanz der motorisierten Luftfahrt für die Landschaftsgestaltung in Zeiten des Krieges festhalten.
Dem Grundgedanken der UdK entspricht nicht nur die Interdisziplinarität, sondern auch die Integration praktischer gartenkultureller Aspekte des Bandes. Für die buchästhetisch überzeugende Gestaltung zeichnet Anastassìa Bichàn verantwortlich, die hier darüber hinaus mit einer Dokumentation zu einer eigenen Arbeit vertreten ist. Als »Prasialogisches Buffet« bezeichnet sie ihre als Tagungsbuffet konzipierte kulinarische Nachempfindung der beiden dominierenden europäischen Gartenstile – formal versus landschaftlich, wobei die an Architekturmodelle angelehnte Präsentation nicht allein die typischen Parkstrukturen nachzuempfinden und eine kreative Übertragung der gärtnerischen Topiarik zu realisieren sucht, sondern auch mittels der Einspeisung von Erinnerungsmotiven einen ästhetischen Mehrwert erreicht.


Richard Faber/Christine Holste (Hg.), Arkadische Kulturlandschaft und Gartenkunst. Eine Tour d’ Horizon. Würzburg: Königshausen & Neumann 2010. 329 S.

»Eine Tour d?Horizon«, einen weitgespannten Überblick, verspricht der von den beiden Kultursoziologen der FU Berlin Richard Faber und Christine Holste herausgegebene Sammelband Arkadische Kulturlandschaft und Gartenkunst. Anders als vom Titel suggeriert, vermisst man jedoch eine deutliche, übergeordnete Fragestellung, die dem Band angesichts der Vielzahl an Publikationen zum Gartenthema etwas Charakteristisches verliehen hätte. Der im Vorwort erwähnte Umstand, dass eine Monographie Fabers aus dem Jahr 1977 Politische Idyllik. Zur sozialen Mythologie Arkadiens den (freilich erstaunlich späten) Anstoß für diese Publikation gegeben hat, sowie der einleitende Beitrag Fabers (Arcadia und Utopia. Über politischen Idyllismus) insinuieren eine Ausrichtung auf den Traum idealer Landschaften im Diesseits und gesellschaftspolitische Entwicklungen, wie sie auch den von der Kritik äußerst positiv aufgenommenen Sammelband Gärten und Politik(1) kennzeichnet.
Der Band – so die Herausgeber im sehr knapp gehaltenen Vorwort – scheue »den Eindruck von Disparatheit nicht notwendig« (S. 7). Aber gerade aufgrund dieses vorhergesehenen und sich bei der Lektüre wiederholt einstellenden Eindrucks hätten sich eine kurze Überblicksdarstellung und eine vorausgehende Darlegung dessen, was das Spezifische einer ›arkadischen Kulturlandschaft‹ ausmache, als hilfreich erwiesen. (Von daher trägt auch die prinzipiell begrüßenswerte disziplinäre Vielfalt eher zu größerer Unklarheit bei.)
Fraglos hat die überwiegende Mehrheit der in historischer Abfolge von der Antike bis in die Gegenwart präsentierten sechzehn Aufsätze mit Vorstellungen idealer Landschaften zu tun, doch wäre eine systematische Anordnung der Beiträge von Vorteil gewesen. Zu wenig ist als vorbereitende Zusammenfassung des die Beiträge Verbindenden ausgesagt mit: »Der gleichzeitige Blick auf Extremes und Entgegengesetzes, sich u.U. gegenseitig Ausschließendes, in unterschiedlichsten Bereichen, Medien, Räumen und Zeiten Beheimatetes ist [...] der dem Band spezifische« (S. 7). Der zweifelsohne interessante musikwissenschaftliche Beitrag von Nicolas Schalz zum Eingangs-Chor von J.S. Bachs Matthäus-Passion hätte einer inhaltlichen Anbindung bedurft, weil dieser weder auf Arkadien noch auf Gartenlandschaften dezidiert Bezug nimmt. Einen Schlüssel hierfür hätte dabei die in der kundigen Herausarbeitung des Pastoralen-Gehalts ins Spiel gebrachte irdische Hirten-Musik (in ihrer Bezogenheit auf die himmlische Engel-Musik) durchaus liefern können.
Auch bietet der zweite einleitende Beitrag Nemo in Arcadia von Norbert Wokart nur wenig Anschlussmöglichkeiten für die ihm nachfolgenden Aufsätze, beschränkt er sich doch in erster Linie darauf, Arkadien allgemein als ein Gegenbild zur Wirklichkeit darzustellen, das nur deshalb ein schöner Traum sei, weil er sich nicht erfüllen könne.
Der Wunsch nach einer stärkeren Einbindung und Vernetzung soll jedoch nicht als Kritik am Gros der Beiträge verstanden werden, die sich mit der geistesgeschichtlichen, teilweise ideologischen Überfrachtung spezifischer Landschaften (etwa der Alpen oder des ›deutschen Waldes‹) beschäftigen. Am explizitesten begegnet die Reflexion arkadischer Kulturlandschaften in Michael Niedermeiers klar strukturiertem, präzise argumentierenden Beitrag Freimaurer und Geheimbünde in den frühen Landschaftsgärten der Aufklärung. Niedermeier gibt einen knappen Überblick über die politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen in England, die sich auch auf agrarische Reformen auf dem Kontinent auswirken sollten. Dies wiederum zog eine sich in der Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts niederschlagende moralische und ästhetische Bevorzugung des Landlebens nach sich, mit der auch die von Faber erwähnten nutzbringenden Verschönerungsmaßnahmen der Landschaft Hand in Hand gingen.
Entsprechende Zuschreibungen, wie sie sich bei Novalis in seiner Begeisterung für die (deutsche) Landschaft finden, die er einer (englischen) Parkanlage entschieden vorzieht, zeigt Wolfgang Reifs literaturwissenschaftlicher Beitrag über Die Alpen und die Schweiz in Literatur und Kunst anhand von Gedichten vom Beginn des 18. bis hinein ins 19. Jahrhundert auf. Als eine – hiervon zu differenzierende – Radikalisierung der Vereinnahmung des Landschaftlichen kann in der NS-Zeit die Verschmelzung von Rassedenken und Religion mit der Idee des ›deutschen Waldes‹ angesehen werden. Johannes Zechners auf zahlreichen Vorarbeiten gründender Beitrag Wald, Rasse und Religion. Zur Re-Konstruktion eines germanischen Wald- und Baumglaubens durch das SS-Ahnenerbe stellt in diesem Sinne ein Extrem innerhalb der im Band präsentierten Arkadien-Vorstellungen dar. (Für die Heidelandschaft haben Gröning und Schneider Vergleichbares erarbeitet.) Das Weiterwirken solcher Ideologeme noch nach Kriegsende ließe sich vermutlich anhand von (Lied-)Texten nachzeichnen.
Verglichen damit nimmt sich der Gegenstand von Esther Gajeks gleichfalls dem Kapitel Antimoderne zugeordneten kultgeschichtlichen Beitrag zu einem Ausstellungsprojekt über Gartenzwerge Eine kleine Einführung in die Nanologie denkbar harmlos aus – allerdings nur solange dadurch die Vorstellung an Kleingartenidyllen und nicht an jene unpolitische ›deutsche Innerlichkeit‹ des Doktor Faustus wachgerufen wird, deren Reichweite sich nicht auf Erzeugnisse der Populärkultur beschränkt.
Als Bilanz dieser Lektüre ist festzuhalten, dass wiederholt deutlich wird, in welcher Weise einschneidende gesellschaftliche Umbrüche von der Antike bis in die Gegenwart neben unmittelbaren Auswirkungen auf die Kulturlandschaften selbst (in Gestalt tatsächlicher Eingriffe) sich gerade auch in einer ideologischen Überformung des Landschaftlichen zu äußern pflegen. Ein großes Verdienst des Bandes ist damit das Sichtbarmachen der ganz und gar diesseitigen politischen Zuschreibungen im Wandel der Zeit, die es dann bei der Lektüre und Interpretation Vergils oder Plinius d. Jüngeren (Harich-Schwarzbauer), beim Analysieren der Ruinen-Landschaften Caspar Davis Friedrichs (Rautmann) oder bei dem Besuch der »Europa-Biennale« im Lausitzer ›Fürt-Pückler-Land‹ unbedingt zu berücksichtigen gilt.

Dr. Susanna Brogi, FAU Erlangen-Nürnberg – Department für Germanistik, Bismarckstr. 1, D-91054 Erlangen; E-Mail: sbrogi@web.de


Anmerkungen

(1) Vgl. Brita Reimers, Gärten und Politik. Vom Kultivieren der Erde. München 2010. [zurück]