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In: KulturPoetik 2011, Heft 1

Autor

Matthias Grüne

Titel

Kulturhistorische Impulse in der aktuellen Narratologie
Peter Hühn/John Pier/Wolf Schmid/Jörg Schönert (Hg.), Handbook of Narratology. Berlin, New York: de Gruyter 2009. 468 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Towards a Cultural and Historical Narratology – unter diesem Aufsatztitel beschwor Ansgar Nünning vor genau einem Jahrzehnt eine von ihren strukturalistischen Fesseln befreite, kontextneugierige und diachrone Narratologie(1). Die Frage, ob sein zunächst eher vage formuliertes Programm inzwischen zu einem klar konturierten Paradigma innerhalb der Erzähltheorie avanciert ist, soll in der folgenden Besprechung an das Handbook of Narratology herangetragen werden. Zweifellos ist damit eine verkürzende Perspektive gewählt. Doch gerade die unbedingt überzeugende programmatische Ausrichtung dieses Handbooks, den Schwerpunkt auf die Ausführlichkeit und nicht die Zahl der Artikel zu setzen, rechtfertigt eine derart spezifische Fragestellung: Denn es ist nicht darauf angelegt, gezielt über einzelne Theorien bzw. deren Terminologien zu informieren. Vielmehr stellt es übergreifende ›Grund­begriffe‹ der Narratologie (wie ›Erzähler‹ oder ›Raum‹) und deren Konzeptuali­sierung in umfassenden Beiträgen dar, wobei laut den Herausgebern sowohl den verschiedenen disziplinären Paradigmen wie den nationalen Traditionen Rechnung getragen werden soll. Tatsächlich ergibt sich so ein relativ umfassendes Bild aktueller Diskussions­schwerpunkte über die Breite der narratologischen Ansätze hinweg. Nützlichkeit und Qualität des Handbooks, dessen Beiträger fast allesamt führende Narratologen aus dem deutschsprachigen wie dem angelsächsischen Raum sind, stehen also außer Frage. Überprüft werden soll hier allein, inwieweit in den einzelnen Artikeln bzw. in der Gesamtkonzeption spezifisch kulturhistorische Interessen artikuliert oder reflektiert werden. 
Das wachsende innerdisziplinäre Interesse an historischen Dimensionen mag für die Entscheidung der Herausgeber ausschlaggebend gewesen sein, in der vorgegebenen Struktur der Beiträge der Begriffs- und Forschungsgeschichte einen zentralen Platz zuzuweisen. Die Artikel beginnen mit einer kurzen Begriffserläuterung (Definition), gefolgt von einer breiteren systematischen Darstellung (Explication). Sie schließen jeweils mit einem Ausblick auf weiterführende Forschungsansätze (Topics for Further Investigation) und mit zentralen Literaturhinweisen (Bibliography). Der mittlere Abschnitt jedes Artikels ist mit History of the Concept and its Study überschrieben. Offen bleibt zunächst, ob darunter vornehmlich die Positionen und Modelle der (neueren) wissenschaftlichen Forschung fallen oder ob auch vorwissenschaftliche Reflexionen und Theorien über die vorgestellten Begriffe mit erfasst werden können. Im letzteren Fall ergäbe sich für die Autoren die Möglichkeit, den Fokus auf die kulturhistorische Variabilität zu legen, mit der einzelne Aspekte narrativer Gestaltung durch die Epochen begriffen, problematisiert oder erklärt werden. Doch nur wenige Beiträge im Handbook nutzen diese Möglichkeit und sie liefern, wenn sie auf Theoriediskurse jenseits des 20. Jahrhunderts zu sprechen kommen, meist nur gängige Referenzen und stichpunktartige Verweise. So rekurrieren auffällig viele Autoren zwar auf antike Theoretiker, meist Platon oder Aristoteles, schlagen dann aber gleich den Bogen entweder bis ins frühe 20. Jahrhundert oder in die strukturalistische Gründungszeit der Narratologie. Poetologisches Material beispielsweise der Romanpoetik wird dagegen kaum beachtet. Jan Alber und Monika Fludernik, um ein repräsentatives Beispiel zu nennen, springen in ihrem Beitrag Mediacy and Narrative Mediation von der Erwähnung Platons (Stichwort: ›mimesis‹ – ›diegesis‹) abgesehen von einem kurzen Verweis auf Spielhagens Objektivitäts-Forderung direkt zu Genette und Stanzel (S. 176). Jan Christoph Meister zählt zwar in seinem Artikel zur Geschichte der Narratologie (Narratology) die Romantheorie des 17. bis 20. Jahrhunderts zu den Vorläufern der Disziplin, bezweifelt aber aufgrund der normativen und vorwiegend stofflichen Ausrichtung ihre narratologische Relevanz (S. 333). Erwähnenswerte Ausnahmen von dieser verkürzenden Darstellungsweise sind hingegen Jörg Schönerts Darstellung epochenspezifischer Autorkonzepte (Author, S. 4ff.), Peter Hühns Rekurs auf die Tragödien- und Novellentheorie am Gegenstand der ›Ereignishaftigkeit‹ (Event and Eventfulness, S. 82f.) oder Marie-Laure Ryans Exkurs zu Lessings Laokoon (Narration in Various Media, S. 265).
Der Blick auf die Einzelbeiträge zeigt insgesamt die anhaltende Dominanz pragmatisch, konstruktivistisch und kognitionstheoretisch orientierter Ansätze in der Narratologie. Die Betonung des (re-)konstruierenden Beitrags des Lesers zur Etablierung bestimmter narrativer Grundkategorien und Basisrelationen impliziert zumeist, dass man diese Kategorien generell als kulturell und historisch variabel einstuft. Im Allgemeinen bleibt es jedoch bei der Feststellung dieses Befundes, ein konkreter Einbezug kultur- und literaturhistorischer Aspekte wird dagegen künftiger Forschung überlassen. So schließt Wolf Schmid seine systematische Konzeption des Implied Author mit der Einschränkung, dass die »manifestation of the implied author« in verschiedenen Epochen und ›kulturellen Sphären‹ noch im Detail untersucht werden müsse (S. 170). Ebenso fordert Peter Hühn (Event and Eventfulness) eine stärkere Beachtung der »historical dimension of the category« (S. 94) und auch Birgit Neumann und Ansgar Nünning (Metanarration, Metafiction) sehen Forschungslücken vor allem im Bereich der diachronen Aufarbeitung der Kategorien (S. 210).
Ein vergleichbares Zurückweichen vor dem konsequenten Einbezug kulturhistorischer Variablen in die systematischen Überlegungen dominiert ebenfalls in Beiträgen zu Begriffen, die fast unumgänglich eine historisch-kontextuelle Dimension aufweisen. Jörg Schönert liefert in seinem Artikel über den Author zwar eine informative Zusammenstellung wichtiger literaturhistorischer Autor-Konzepte, vom ›poeta vates‹ bis zur poststrukturalistischen ›Autor-Funktion‹. Er verpasst aber eine Einbindung der Kategorie in explizit narratologische Fragestellungen. Denn wichtige textstrukturelle Fragen – etwa das Verhältnis zur Instanz des ›Erzählers‹ oder des ›impliziten Autors‹ – werden erst im letzten Abschnitt angesprochen (S. 9) und dann ebenfalls der weiteren Forschung anheimgestellt. Konkreter wird Peter Hühn über Event and Eventfulness. Er macht nicht nur plausibel, dass die Kriterien für die Bestimmung von ›Ereignishaftigkeit‹ unter Rückgriff auf die kognitive Schema-Theorie und in ihrer Abhängigkeit von kulturellen und historischen Kontexten zu bestimmen wären (S. 93), sondern setzt auch einen historischen Akzent durch die bereits erwähnte umfangreiche Darstellung epochen- und gattungsspezifischer Annährungen an den Gegenstand in der traditionellen Poetik. Seine Darstellung unterscheidet sich in diesem Aspekt auch von den Beiträgen zu den benachbarten Konzepten der Tellability (Raphaël Baroni) und Narrativity (H. Porter Abbott), die in ihrer Anschlussfähigkeit für praktische diachrone oder kulturvergleichende Arbeiten eher unbestimmt bleiben.
Insgesamt drängt sich bei der Lektüre des Handbooks der Eindruck auf, dass die narratologischen Diskussionen nach wie vor primär um systematische Definitionen kreisen. Diachrone und kontextuelle Aspekte werden zwar häufig zur Sprache gebracht, aber kaum konkret gemacht und in den meisten Fällen als Desiderata nachfolgenden Forschergenerationen überantwortet. Zur Auswahl der Einträge ist zu bemerken, dass Ansätze aus den Postcolonial- und den Gender-Studies, die bisher eines der wichtigsten Forschungsfelder kulturhistorischer narratologischer Arbeiten ausmachten, erstaunlicherweise keinen Platz gefunden haben. Ebenfalls sind die Ergebnisse der florierenden narratologischen Mediävistik nicht repräsentiert, weder in einem speziellen Artikel noch in den Einzelbeiträgen. Dafür widmen sich gleich zwei Einträge genuin Bachtinschen Begriffen (David Shepherd: Dialogism, Valerij Tjupa: Heteroglossia). Ob über diese Themengebiete die historische und kontextuale Narratologie neue Impulse erhalten wird, bleibt abzuwarten. Unter Umständen kann die Fortführung des Handbuchs als eine open-access Online-Version(2), die kontinuierlich erweitert und aktualisiert werden soll, bald das Bild des gegenwärtigen narratologischen Diskussionsfelds komplettieren. Es ist zu hoffen, dass dann das living handbook of narratology deutlicher als sein gedrucktes Pendant die Wege zu benennen vermag, auf denen eine »Cultural and Historical Narratology« möglich ist.

Matthias Grüne, Universität Leipzig, Institut für Germanistik, Beethovenstraße 15, D-04107 Leipzig; E-Mail: matthias.gruene@uni-leipzig.de


Anmerkungen

(1) Ansgar Nünning, Towards a Cultural and Historical Narratology. A Survey of Diachronic Approaches, Concepts, and Research Projects. In: Bernhard Reitz/Sigrid Rieuwerts (Hg.), Anglistentag 1999 Mainz. Proceedings. Trier 2000, S. 345-373. [zurück]

(2) Peter Hühn u.a. (Hg.), the living handbook of narratology. Hamburg 2010 ff. URL = hup.sub.uni-hamburg.de/lhn [19. November 2010]. [zurück]