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In: KulturPoetik 2010, Heft 2

Autor

Alexander Schwieren

Titel

Das Alter(n) der Kulturwissenschaften. Drei neue Sammelbände stellen Ansätze zur Konzeptualisierung des Alters vor
(1) Heike Hartung/Dorothea Reinmuth/Christiane Streubel/Angelika Uhlmann (Hg.), Graue Theorie. Die Kategorien Alter und Geschlecht in der Forschung. Köln, Weimar, Wien: Böhlau 2007. 296 S.
(2) Heiner Fangerau/Monika Gomille/Henriette Herwig/Christoph auf der Horst/Andrea von Hülsen-Esch/Hans-Georg Pott/Johannes Siegrist/Jörg Vögele (Hg.), Al-terskulturen und Potentiale des Alter(n)s. Berlin: Akademie 2007. 253 S.
(3) Dorothea Elm/Thorsten Fitzon/Kathrin Liess/Sandra Linden (Hg.), Alterstopoi. Das Wissen von den Lebensaltern in Literatur, Kunst und Theologie. Berlin: Akademie 2007. 253 S.

Kategorie

Rezension

Abstract



Volltext

Dass das Alter ein Gegenstand nicht nur der Gerontologie, sondern auch der Kulturwissenschaften sein könnte oder sein müsste, ist kein ganz neuer Gedanke. Im Anschluss an die – um es schematisch zu formulieren – psychologische, die soziologische und schließlich die historische Erweiterung der biomedizinischen Altersforschung steht seit etwa zwei Jahrzehnten auch eine kulturelle Perspektive auf das Alter zur Debatte, wobei in den vergangen fünf Jahren eine deutliche Konjunktur zu verzeichnen ist. Trotz dieser zunehmenden Aufmerksamkeit ist allerdings alles andere als klar, wie sich eine derartige kulturelle Perspektive zur multidisziplinären Gerontologie zu verhalten hätte. Die Frage, ob diese eher den Gegenstandsbereich kulturwissenschaftlicher Arbeiten ergänzen müsste oder aber als deren Rahmen zu betrachten wäre, scheint bislang nur schwer zu beantworten.


Heike Hartung/Dorothea Reinmuth/Christiane Streubel/Angelika Uhlmann (Hg.), Graue Theorie. Die Kategorien Alter und Geschlecht in der Forschung. Köln, Weimar, Wien: Böhlau 2007. 296 S.

Die ersten Publikationen im deutschsprachigen Raum neigten tendenziell zur zweiten Option: Das Ziel war insofern vielmehr eine (auch) kulturwissenschaftliche Gerontologie als eine kulturwissenschaftliche Perspektive auf die Gerontologie selbst. Hier zu nennen sind neben dem schmalen Sammelband des Deutschen Zentrums für Altersforschung (DZA) Zur Kulturgeschichte des Alterns,(1) der vor allem die angloamerikanischen Forschungspositionen in die deutschsprachige Diskussion einführte, zunächst die Bände Alter und Geschlecht und Graue Theorie, die aus dem Greifswalder Post-Doc-Kolleg »Alter – Geschlecht – Gesellschaft« hervorgegangen sind. Wie schon im Band von Conrad/Kondratowitz ist auch hier die Orientierung an angloamerikanischen Forschungszusammenhängen von zentraler Bedeutung. Mit dem Ziel, »Brücken zwischen Theorie und kulturellem Diskurs zu schlagen«, werden ›Alter‹ und ›Geschlecht‹ als Kategorien in ihrem Zusammenhang reflektiert, wobei das Alter als »anthropologische Grundkonstante der Kulturgeschichte« vorausgesetzt wird (S. 1). Wenn im Folgenden das Alter »im kulturellen Diskurs« (S. 2) in den Mittepunkt rückt, geht es insofern in erster Linie um kulturelle Verhaltensweisen im Angesicht einer ›biologischen Tatsache‹. Dazu werden linguistische, sozial- und politikwissenschaftliche, geschichts- und literaturwissenschaftliche sowie wissenschaftshistorische Perspektiven bemüht. Der vielleicht stärkste Zusammenhang dieser Perspektiven ist der hohe Stellenwert, der fast durchgängig dem Begriff der Generation beigemessen wird.

In der ersten Abteilung des Bandes »Zeitbestimmungen: Jahrgänge und Generationen« stehen dabei Selbst- und Fremdbeschreibungen in Generationen und deren Zusammenhang mit dem Alter im Vordergrund. Die Rezeptionsgeschichte zur ›Generationenrevolte‹ der ›68er‹ von Riccardo Bavaj macht z. B. mit der Durchlässigkeit des hier in Anschlag gebrachten Generationenbegriffs zugleich deutlich, inwiefern ›Generation‹ und ›Alter‹ »zueinander ins Verhältnis zu setzen« sind, »indem man Generationenzeit und Lebenszeit in ihrer bedeutungsgenerierenden Interdependenz begreift« (S. 68), d. h. mit dem fortschreitenden Alter auch die Möglichkeit wechselnder generationeller Identifikationen erwägt. Dieses Argument ist schon insofern von Bedeutung, als vor seinem Hintergrund die Rede vom Altern einer Generation zumindest solange simplifizierend bleiben muss, solange sie mit dem Altern an der Kontinuität einer ›Erlebnisgemeinschaft‹ festhält – die Protagonisten der ›68er‹ haben in der Folge derart heterogene Lebensläufe erfahren, dass von ›einer Generation‹ heute nur schwerlich mehr die Rede sein kann.

Allerdings ist die kritische Reflexion eines spezifischen Generationenbegriffs keineswegs allen Beiträgen gemein, die die Generation im Forschen über Alter und Geschlecht in den Titel heben. So stellt etwa Susan Richters aufschlussreiche Untersuchung Fürstliche Testamente als Medium intergenerationeller Beziehungen in der vierten und letzten Abteilung »Rechtlich geregelte Formen des Altersdiskurses« neben ihren eigenen Erkenntnissen über den Zusammenhang von testamentarischen Praxen und der Negation von Zukunft im Modus einer »Kontinuität von sozialdisziplinierenden Ordnungen« (S. 285) zugleich die Suggestionskraft eines oftmals anachronistischen Registers in gegenwärtigen Verhandlungen des Alters aus, das auch da von Generationen sprechen macht, wo (adelige) Geschlechter und Genealogien inszeniert werden. Dass die Rede von den Generationen insbesondere in gegenwärtigen ›Altersbildern‹, d. h. in allgemeinen Vorstellungen des Alters und deren Vermittlung, von großer Bedeutung ist und insofern im Studium des Alters eine gewichtige Rolle zu spielen hat, ist damit nicht in Abrede gestellt. Offensichtlich erscheint aber angesichts der unterschiedlichen Verfahrensweisen im Angesicht des Generationenbegriffs, dass dessen Stellenwert im Kontext einer kulturwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Alter klärungsbedürftig ist.

Einen Beitrag, der derartige wissenschaftstheoretische bzw. -historische Dimensionen – wenn auch ohne Bezug auf den Generationenbegriff – besonders stark macht, ist Mone Spindlers instruktive Aufarbeitung des sozialgerontologischen Forschungsfelds insbesondere der vergangen 20 Jahre. Als Folie dient dabei die Entwicklung der Gender Studies, womit eine Denkfigur in den Mittelpunkt rückt, die inzwischen als Topos von Kulturwissenschaften und Sozialgerontologie bezeichnet werden kann: Da das Verhältnis von Biologie und Gesellschaft sowohl für das Geschlecht als auch das Alter konstitutiv ist, müsste dessen ›Dekonstruktion‹ – in dem Maße, wie es im Hinblick auf das Geschlecht geschehen ist – auch das zentrale Anliegen einer theoretischen Auseinandersetzung mit dem Alter sein. Während diesem Umstand in den Gender Studies intensiv begegnet worden sei, würden in der Altersforschung hingegen »anhaltende, sogar zunehmende Theoriedefizite beklagt« und konkreter die »fehlende oder unzureichende Konzeptualisierung der Kategorie Alter kritisiert« (S. 79). Vor diesem Hintergrund erscheine es nicht abwegig, gender-theoretischen Überlegungen Modellcharakter zuzusprechen. Spindler stellt die dem begegnenden, vornehmlich angloamerikanischen Arbeiten vor, wobei Stephen Katz’ Disciplining Old Age (1996) eine besondere Rolle zukommt, da er in seiner wegweisenden Diskursanalyse gerontologischer Episteme den fundamentalen Status physiologischen Wissens auch und gerade für die emanzipatorischen Ansätze aus der Mitte des 20. Jahrhunderts herausarbeitet. Eine dieser radikalen Historisierung von Alter vergleichbare Wirkung in der Forschungslandschaft schreibt Spindler zudem den soziologischen Arbeiten von Mike Featherstone und Mike Hepworth zu, die mit dem Konzept einer ›Mask of Aging‹ die Dissoziation von alterndem Körper und Subjekt zu beschreiben suchen. Diese Arbeiten machen deutlich, dass der alternde Körper nicht mehr alleiniger Gegenstand der Physiologie und auch nicht nur die (physiologische) Voraussetzung kompensatorischer Psychologien ist, sondern in zunehmendem Maße auch der Gegenstand einer Forschung, deren Desiderat nicht empirischer oder historischer, sondern vornehmlich theoretischer Natur ist. Gerade im Hinblick auf die avancierteren Debatten um das Anti-Aging im Kontext des Transhumanismus wird sich zeigen, ob die theoretischen Ansätze bei Katz u. a. die Sozialgerontologie bereits in die Lage versetzt haben, die ›Kulturgeschichte des Alters‹ in Echtzeit zu verhandeln, oder ob sie weiterhin in den Rekurs auf tradierte Topoi der ›Würde‹ und ›Ganzheit‹ flüchten muss.

Spindlers Beitrag wirft insofern auch und gerade im Hinblick auf den Sammelband konzeptionelle und wissenschaftspolitische Fragen auf: Welcher Natur sind die hier präsentierten theoretischen Angebote und vor allem: Wohin führen sie, wenn ihre Argumente ernst genommen und nicht nur als Abwehr theoretischer Einwände kanonisiert werden? Mit anderen Worten: Ist es hier um eine Transformation der (Sozial-)Gerontologie zu tun oder geht es nicht vielmehr um deren Überwindung?

Der Sammelband greift diese Frage zwar nicht auf, und seine Beiträge legen auch keine eindeutige Antwort nahe. Während gerade die (rechts-)soziologischen und historischen Aufsätze durchaus im Rahmen einer Sozialgerontologie zu verorten sind, stellen aber sowohl die wissenschaftshistorischen bzw. -theoretischen Perspektiven als auch die im weiteren Sinn kulturwissenschaftlichen Beiträge der dritten Abteilung – Literarische Formen des Altersdiskurses – eine von dieser grundlegend abweichende Forschungsperspektive dar. Insbesondere Heike Hartungs Beitrag zu Alter zwischen Neid und Mitleid. Kulturelle Erzählungen vom Altern im sentimentalen Diskurs macht dabei deutlich, dass das Alter eine Kulturgeschichte besitzt, die weder Sozial- noch Mentalitäts- noch Motivgeschichte ist. Indem die ikonographische Tradition nicht des Alters, sondern der Affekte in der Transformation, die sie in den Utopien der Aufklärung erfährt, nachvollzogen wird, erscheint das Alter als Element und Effekt historischer Diskurse.

Der Sammelband bietet insofern sowohl eine theoretische Problematisierung als auch methodologische Ansätze für eine dem Alter entsprechende kulturwissenschaftliche Epistemologie. In seiner begrifflichen, theoretischen und methodologischen Heterogenität lässt er sich aber kaum als deren Ausgangspunkt begreifen.


Heiner Fangerau/Monika Gomille/Henriette Herwig/Christoph auf der Horst/Andrea von Hülsen-Esch/Hans-Georg Pott/Johannes Siegrist/Jörg Vögele (Hg.), Alterskulturen und Potentiale des Alter(n)s. Berlin: Akademie 2007. 253 S.

Im engeren und avancierteren, wenn auch nicht kohärenteren Sinn prägen kulturwissenschaftliche Perspektiven demgegenüber in wesentlich stärkerem Maße den im gleichen Jahr – im Rahmen des an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf begründeten Forschungsprojekts »Kulturelle Variationen und Repräsentationen des Alter(n)s« – entstandenen Sammelband Alterskulturen und Potentiale des Alter(n)s. Auch dieser Band wendet sich nicht ab vom medizinischen Wissen, sondern geht aus von einem »die geistes-, sozial- und medizinwissenschaftlichen Diskurse integrierenden Konzept von Altersdiskursen und Potentialen des Alter(n)s« (S. 7). Offenkundig ist die damit beanspruchte Innovation – etwa vor dem Hintergrund des bereits diskutierten Sammelbands – weniger als solche und vielmehr als Beleg für die Konjunktur eines neuen kulturwissenschaftlichen Untersuchungsgegenstands oder vorsichtiger: Untersuchungsinteresses zu werten. Der Band markiert allerdings, und das unterscheidet ihn von der Grauen Theorie, deutlicher die Beiträge, die einzelne Disziplinen zu einer Kulturwissenschaft des ›Alters‹ beizutragen haben. Er ist damit der vielleicht interessanteste unter den hier diskutierten Veröffentlichungen, lässt dafür allerdings auch am stärksten eine stringente theoretische Perspektive vermissen.

Das wird insbesondere in den weiten historischen Perspektiven deutlich, die der Band versammelt. Die Diskrepanz zwischen Zäsuren und Kontinuitäten, die dabei in den Blick geraten, sind vor allem auf unterschiedliche Diskurs-Begriffe zurückzuführen:

Wie die Gerontologie in der Rede von den ›biologischen Tatsachen‹ die Geriatrie als Ausgangspunkt im Sinn eines Wissens um die ›Natur des Alters‹ einsetzt, so scheinen die Bemühungen um eine Kulturgeschichte des Alters die Demographie als ein Wissen um die ›Geschichte des Alters‹ zu Grunde zu legen. Diese Argumentationsbewegung zeichnet nicht nur die Katastophenszenarien bis hin zu Frank Schirrmachers Methusalem-Komplott (2004) aus, die im demographischen Wandel ein kaum lösbares Problem ausmachen. Sie liegt auch der Antwort der historischen Forschung zugrunde, für die im vorliegenden Band besonders der Beitrag von Pat Thane, The Long History of Old Age, einsteht.(2) Der Forschungsaufriss insbesondere zur englischsprachigen Geschichtswissenschaft markiert eine Reihe von Kontinuitäten gerade dort, wo bislang zumeist Kennzeichen der Moderne ausgemacht worden seien. Dabei erscheint die demographische Einsicht, nach der ein hohes Alter (hier: über 60 Jahre) auch in der Vormoderne eine statistisch signifikante Größe bedeutet, als zentraler Befund. Auf dessen Grundlage wird herausgearbeitet, dass das Zusammenleben mit Eltern und Großeltern (im Rahmen von ›Großfamilien‹) nicht erst im 20. Jahrhundert eher eine Ausnahme darstellt und dass reziproke Sozialbeziehungen zwischen ›Alt‹ und ›Jung‹ bestanden, obwohl die Einsamkeit alter Menschen auch in der Vergangenheit ein verbreitetes Phänomen anzeigte. Auch die für diese Perspektive epistemologisch insofern fundamentale Bedeutung des demographischen Narrativs wird nicht zuletzt mit dem Begriff der Generationen deutlich, der gegenwärtig zu einem Schlüsselbegriff demographischer Erzählungen avanciert ist: »Conflict between generations is nothing new« (S. 193). In einer derartigen Perspektive werden zwar wichtige Beobachtungen herausgearbeitet, sie führen an der Geschichte der Begriffe allerdings vorbei. Das wird in der Historisierung sowohl der – als einziger Zäsur akzeptierten – Institutionalisierung von Renten nach dem 2. Weltkrieg als auch der Diskriminierung von alten Menschen deutlich: Erwartungen, von der Arbeit im Falle nachlassender Kräfte ausgenommen zu werden, »continued to prevail until they became institutionalized in retirement and pension rules in the twentieth century« (S. 196). Oder auch: »Europe has a long history of treating older people as unworthy of respect and socially and economically worthless and of discrimination against them. Hence, recent moves in Europe make age discrimination illegal« (S. 195). Wie die anthropologische Universalie ›Alter‹ und ihre aus demographischer Retrospektive bereits langwährende Signifikanz erscheinen hier auch die Diskurse über das Alter in einer beeindruckenden Kontinuität, die allein durch die Institutionalisierung eine gewisse Veränderung erfährt. Dass hier gerade diese Veränderung so wenig interessiert, liegt an einem Diskursbegriff, der im Wesentlichen die allgemeine Rede vom Alter meint. Märchen und Theaterstücke werden dabei gerne zur Repräsentation weniger von Realitäten, sondern vielmehr von Moralen bzw. ›Bildern des Alters‹. Die wesentlichen Qualitätsunterschiede von Alltagsdiskurs, politischer Rede und poetischer Schreibweise werden dabei nivelliert. Wissenschaftliche Diskurse kommen oftmals überhaupt nicht zur Sprache.

Ähnliche Diskursbegriffe prägen auch die, auf inzwischen einschlägige Monographien zurückgehenden Beiträge von Gerd Göckenjan und Hans-Georg Pott, Diskursgeschichte des Alters: Von der Macht der Alten zur ›alternden Gesellschaft‹ bzw. Alter als kulturelle Konstruktion. Diskursanalytische und philosophisch-kritische Beobachtungen.(3) Wenn Göckenjan davon spricht, dass »Altersdiskurse binär codiert« seien und somit »Diskurstypen« wie Alterslob und Altersschelte (der für Göckenjan grundlegende ›Code‹) bzw. den von diesen ableitbaren Altersklage oder Alterstrost zuzuordnen seien (S. 127), dann können mit ›Diskursen‹ offenbar allein normative Redeweisen gemeint sein. Trotz der insofern kaum ›kulturwissenschaftlich‹ zu bezeichnenden, eingeschränkten Konzeption macht Göckenjan sowohl die ›Anreizung‹ der Diskurse über das Alter um 1800 – »Neu ist die Dichte des Diskurses« (S. 132) – als auch die häufig negative Ausgangsfigur dieser Diskurse deutlich, in denen das Alter häufig mehr das Mittel als den Zweck ausmacht. Damit geraten zwar anders als bei Thane wesentliche Veränderungen bereits im 18. Jahrhundert in den Blick: »anders als in den historisch vorhergehenden Diskursen wird jetzt auf dem höchstmöglichen moralischen Nötigungsniveau dem Greis nahe gelegt, die vorgestellte Altersrolle anzunehmen und abzutreten« (S. 132). Allerdings wird die Qualität dieses Bruchs mit einem scharf umrissenen Materialkorpus eher ausgeblendet. Denn die zunehmende Dichte untersucht Göckenjan fast ausschließlich in den zunehmenden sozialgeschichtlichen ›Teildiskursen‹, welche sich an Wochenzeitschriften und ähnlichen Medien ablesen lassen. Dabei geht es nicht um den Begriff, sondern das ›Bild des Alters‹, dass spätestens Mitte des 20. Jahrhunderts als »säkulares, moralisches und politisches Anomieproblem konzeptionalisiert« ist (S. 136). Damit sind für Göckenjan die »klassischen Diskurstypen der Altersthematisierungen in der Gegenwart nicht mehr angemessen« (S. 139). Mit der Institutionalisierung schwindet für ihn die Notwendigkeit kultureller Bilder bzw. Normen. ›Altersdiskurs‹ heißen hier insofern wie auch bei Pott vor allem die Altersbilder der Massenmedien. Potts Beitrag wendet sich zwar auch den ›Gegendiskursen‹ der Literatur (Brecht) bzw. der Philosophie (Simone de Beauvoir) zu. Ausgangspunkt ist aber ebenfalls ein Diskursbegriff, der weit verbreitete und insofern virulente Altersbilder als Agenten der Normalisierungsgemeinschaft meint.

Prolegomena einer Kritik an dieser sowohl in der einschlägigen geschichtswissenschaftlichen als auch der neueren kulturwissenschaftlichen Altersforschung weit verbreiteten Auffassung von Diskursen liefert Peter Rusterholz im selben Band. Sein Beitrag verdeutlicht im Hinblick auf die Literatur der frühen Neuzeit, dass die insbesondere bei Göckenjan behauptete Kontinuität des Altersdiskurses bis weit ins 18. Jahrhundert »nur dann richtig« ist, »wenn wir uns auf radikal konventionalisierte Texte beschränken« (S. 37). Demgegenüber eröffnet sich erst im Spannungsfeld theologischer, politischer, epistemologischer und literarischer Diskurse ein differenzierter Blick auf das, was historisch das Alter zu denken gab.

Ansätze zu einer Analyse mit derartig erweitertem Blickwinkel liefern etwa die Beiträge von Simone Moses sowie Heiner Fangerau und Jörg Vögele, die deutlich machen, dass eine Wissenschaftsgeschichte der Geriatrie bzw. der Biologie des Alters nicht ohne die Geschichte demographischer Diskurse (›Alternde Bevölkerung‹) zu denken ist.

Zudem findet sich mit Anja Schonlaus Beitrag zu Werk und Stil des alten Künstlers. Altersbegrifflichkeiten um 1900 ein zumindest implizit begriffsgeschichtlicher Beitrag, mit dem eine in der kulturwissenschaftlichen Altersforschung weitgehend ignorierte Methodologie ins Spiel gebracht wird. Zwar bemerkt schon Göckenjan, dass das Alter in der Regel nicht als Gegenstand, sondern zuerst als metaphorisches Mittel neuzeitlicher Diskurse zur Sprache kommt. Dennoch bleiben bei ihm ›Altersdiskurse‹ der Untersuchungsgegenstand. Dass aber gerade die Übertragung des ›Alters‹ in verschiedene Diskurse Aufschluss geben könnte über seine Geschichte, ist demgegenüber bislang kaum thematisiert worden. Auch wenn Schonlaus Argumentation, nach der die herausgearbeitete Konjunktur des ›Altersstils‹ um 1900 als Antwort auf den öffentlichen Diskurs über die Jugend zu verstehen ist, fragwürdig bleibt – der hier in den Blick geratene Untersuchungsgegenstand macht deutlich, dass über das Alter vielleicht dort am meisten zu erfahren ist, wo es Grenzen des Wissens überschreitet.

An diese Grenzen begeben sich die Beiträge des Bandes allerdings nur selten. Ob der Band angesichts der historischen und theoretischen Differenzen sowie des höchst heterogenen Untersuchungsmaterials als spannungsreiche und insofern produktive Konstellation oder eher als theoretische Unentschiedenheit zu bewerten ist, mag streitbar sein – dem Anspruch der Herausgeber, Natur-, Sozial-, Literatur- und Kunstwissenschaften sowie die Wissenschaftsgeschichte nicht nur zu vereinigen, sondern zusammenzuführen, entspricht er kaum. Deutlich wird neben den aufschlussreichen Einzelbeiträgen vielmehr immer wieder, wie unvermittelt sie nebeneinander stehen: Wie etwa die quantitative Vermessung der Lebensqualität im ›dritten Alter‹ mit dem ›Alter der Heiligen‹ in Verbindung zu bringen ist, kann der Band nicht beantworten.


Dorothea Elm/Thorsten Fitzon/Kathrin Liess/Sandra Linden (Hg.), Alterstopoi. Das Wissen von den Lebensaltern in Literatur, Kunst und Theologie. Berlin, New York: de Gruyter 2009. 346 S.

Dem Umstand, dass eine kulturwissenschaftliche Vermittlung derartig heterogener ›Altersforschungen‹ allein theoretischer Natur sein kann, hat bislang allein der Sammelband Alterstopoi. Das Wissen von den Lebensaltern in Literatur, Kunst und Theologie entsprochen, der im Rahmen des im Nachwuchskolleg der Heidelberger Akademie der Wissenschaften angesiedelten Forschungsprojekts »Religiöse und poetische Konstruktion der Lebensalter« entstanden ist. Ausgehend von der Frage nach der »semantischen Variabilität und ästhetischen Potentialität von Altersbildern« untersucht der Band »Alterstopoi als Beschreibungsmuster verschiedener Lebensphasen unter der Annahme, dass über eine Analyse des Toposgebrauchs Strategien beschrieben werden können, die erklären, wie sich ein Wandel in der Wiederholung formiert« (S. 2). Damit schließen sich die Herausgeber einer Argumentation an, die – unabhängig vom Untersuchungsgegenstand ›Alter‹ – eine Rehabilitierung der Toposforschung vorgeschlagen hatte. Vor allem Lothar Bornscheuer hatte bereits in den 1970er Jahren gegen die bei Ernst Robert Curtius prominent erfolgte Verengung des Toposbegriffs eine Aktualisierung der antiken Topik-Konzeption im Sinn einer Argumentationskunst vorgeschlagen, wonach die Topik Allgemeinverständlichkeit mit Innovation im Sinn eines »Wandlungskontinuums« (S. 4) zu verbinden erlaubte. Das theoretische Problem dieser Perspektive ist sicherlich die Verschiebung eines historischen Begriffs hin zu einer Heuristik gegenwärtiger Forschung. So wenden sich die Herausgeber – im Anschluss an Bornscheuer – nicht nur gegen die verkürzte Konzeption der Topos-Forschung in Curtius’ Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter (1948), sondern gegen die Geschichte des Topos-Begriffs selbst, insbesondere seit dem späten 17. Jahrhundert, in dem sich die Kritik an ›Gemeinplätzen‹ durchzusetzen beginnt. Inwiefern aber die Geschichte des Toposbegriffs im Kontext ›des Alters‹ selbst Aufschluss gibt über die Geschichte ›des Alters‹ und ob etwa gerade die Kritik und Überschreibung von Alterstopoi nicht als Voraussetzung einer Begriffsgeschichte des Alters zu verstehen ist, darüber gibt der Band keine Auskunft. Der Fokus einer im Sinn Bornscheuers betriebenen Analyse von Alterstopoi liegt vielmehr auf dem sich wandelnden Gebrauch eines Topos und den diesem zugeschriebenen »normativen Meinungen« (S. 4), wobei mit der »Habitualität«, »Potentialität«, »Intentionalität« und »Symbolizität« vier Hauptdimensionen im Mittelpunkt stehen: Topoi sind insofern gesellschaftliche Deutungsstandards, die mehrdeutig interpretierbar sind, pragmatisch auf eine spezifische Wirkung hin Verwendung finden und in einer prägnanten Formel vielfältige Bedeutungen transportieren können (S. 9).

Vor diesem Hintergrund orientiert sich der Sammelband in seinen Analysen »historischer Meinungsformationen« (S. 10) vor allem auf die ersten beiden Dimensionen, wie etwa in Thorsten Fitzons Beitrag ›Der Greis im Frühling‹. Schöpferische Toposvariationen in der Lyrik des 18. und 19. Jahrhunderts. In einer detaillierten Analyse vornehmlich empfindsamer Gedichte zeichnet er die Herausbildung des ›Greises im Frühling‹ nach, die vor dem Hintergrund traditioneller Parallelisierungen von Lebensaltern und Jahreszeiten ein »topisches Paradoxon« (S. 189) darstellt. Gerade die Diskrepanz zwischen der Zyklizität der Jahreszeiten und der Linearität der Lebenszeit eröffnet um 1800 einen ästhetischen Spielraum, der Fitzon zufolge sowohl affirmativ als auch kommentierend zum zeitgenössischen Altersdiskurs gefüllt wurde. Ebenso grundlegend für die literarische Produktion erscheine daneben die Fragmentierung tradierter (Alters-)Topoi, wie sie durch die alphabetische anstelle einer semantischen Ordnung in den Toposkatalogen des 17. Jahrhunderts, etwa in Michael Bergmanns Deutschem Aerarium Poeticum (1661/1662), angezeigt wird. Denn erst diese Fragmentierung mache den Rückgriff auf die in den Katalogen verloren gegangene Korrespondenz von Lebens- und Jahreszeit innovativ und variationsfähig: »In der Figur des Greises, der einen vielleicht letzten Frühling erlebt, versucht die Zusammenführung von Frühling und Winter, die im hohen Alter manifeste Kürze des Lebens mit der ihr gegenüber indifferent fortschreitenden Zeit auszusöhnen« (S. 205). Die dabei wesentliche Referenz auf die Heilsgeschichte werde im Verlauf des 19. Jahrhunderts dann »vom Jenseitstrost zum Diesseitsgenuss auch im hohen Alter« semantisch invertiert (S. 213), um von hier aus, so Fitzon, »das aktuelle Bild von den jungen Alten« vorzubereiten (S. 216).

Fitzons Beitrag steht mit dieser theoretischen und historischen Perspektive exemplarisch für eine Vielzahl von Beiträgen, deren Kohärenz nicht nur durch das hilfreiche Register am Ende des Bandes deutlich wird. Miriam Hallers Beitrag über Die ›Neuen Alten‹? Performative Resignifikation der Alterstopik im zeitgenössischen Reifungsroman etwa verfolgt auf ähnliche Weise einen neuen Topos, auch wenn sie zuvor versucht, den Toposbegriff selbst mit dem französischen ›Poststrukturalismus‹ Michel Foucaults, Jacques Derridas oder auch Julia Kristevas zu verbinden. Auch wenn die vorgeschlagene Identifikation von Topoi und Foucaultschen Formationsregeln problematisch bleibt, macht der Beitrag in seinen präzisen Lektüren zu J. M. Coetzees Slow Man (2005) und Monika Marons Endmoränen (2002) bzw. der Fortsetzung Ach Glück (2007) deutlich, inwiefern sich zentrale Elemente des ›Bildungsromans‹ derart prägnant in die zeitgenössische Literatur übertragen haben, dass auch ein Gattungsbegriff wie der kürzlich vorgeschlagene ›Reifungsroman‹ durchaus plausibel erscheint. Das Alter wird hier »narrativ als Bildungsprozess konstruiert« (S. 240). Die daran beteiligte Literatur mache insofern deutlich, dass die traditionellen Alterstopoi weiterhin relevant seien, dabei aber in neue Strukturen (des Reifungsromans) integriert würden, was Haller als »ironische Resignifikation« traditioneller Alterstopoi beschreibt (S. 241).

Allerdings finden sich auch in diesem Sammelband Beiträge, deren Bezug zur vorgelegten theoretischen Konzeption eher assoziativ denn wesentlich zu nennen ist. So geht Thomas Küppers Beitrag »… die alten Möbeln ihrer Kammer«. Alterstopoi in Storms Marthe und ihre Uhr und in Immensee von Alterstopoi im buchstäblichen Sinn aus, d. h. von Alterstopoi als »Orten des Alters« (S. 221). Dass der dabei entwickelten Räumlichkeit, einem »Dispositiv der Rückschau« (S. 227), fundamentale Bedeutung für die Konzeption des Alters in der Moderne zukommt, steht außer Frage. Interessant erscheint auch, wie die ›anderen Orte‹ des Alters zum Schauplatz von Literatur werden, die die Erfahrungen der Moderne kritisch zu reflektieren sucht. Fraglich bleibt aber, inwiefern die damit vorgelegten Lektüren in das Forschungsprogramm der Herausgeber einzupassen sind. Und auch Florian Stegers Beitrag Altern im Leben. Alterstopoi in der antiken Medizin verspricht mit seinem Titel einen Bezug zum Sammelband, der dann als solcher durchgestrichen wird, da »in der antiken Medizintheorie keine Topoi im engeren Sinn zu erkennen« sind (S. 112). Für Stegers negativen Befund ausschlaggebend ist dabei vor allem die fehlende Potentialität des Alters, da er in den Figurationen der Lebensalter »kein Spiel« erkennen kann (S. 112). Wenn aber der Erkenntniswert derartiger Beiträge nicht in Frage gestellt werden soll, so wäre zu diskutieren, ob die Virulenz von Topoi nicht einer historischen Differenzierung bedarf – in dem Maße, wie es die Herausgeber in ihrer theoretischen Eingangsdiskussion auch tun.

Trotz dieser Schwierigkeiten belegen die Beiträge des Bandes zweifellos die These der Herausgeber, wonach die Untersuchung von Altersopoi »durchaus etwas über das Alter als soziales Konzept einer bestimmten Zeit« verrät (S. 3). Dieses ›etwas‹ bleibt letztlich aber unterbestimmt: Wie die Korrespondenz zwischen Alter und Altersbildern bzw. -topoi historisch zu denken ist, wird insofern nicht expliziert. Wenn Topoi zuallerst konstante Ausdrucksmuster (und deren wechselnden Gebrauch) bezeichnen, wie sollen mit ihnen wesentliche historische Zäsuren erkennbar werden? Mit anderen Worten: Wenn der erkenntnistheoretische Ausgangspunkt ein ›Wandlungskontinuum‹ ist, dann sind wesentliche Brüche nicht denkbar.

Die erwähnte Kritik von Peter Rusterholz wäre in diesem Sinn womöglich eine gute Ausgangsposition für eine theoretische Diskussion, die ›das Alter‹ weder von seinen ›biologischen Tatsachen‹ noch von seinen erfolgreichsten ›Bildern‹ oder Topoi her zu denken versucht – ohne diese Diskurse dabei ausblenden zu müssen. Entscheidend für eine zukünftige kulturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Alter wird weniger die Vielfältigkeit von Disziplinen und Methoden sein, sondern die Erarbeitung eines stringenten epistemologischen Fundaments

Alexander Schwieren, Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin (ZfL), Schützenstr. 18, D-10117 Berlin; E-Mail: schwieren@zfl-berlin.org


Anmerkungen

(1) Christoph Conrad/Hans-Joachim von Kondratowitz (Hg.), Zur Kulturgeschichte des Alterns. Toward a Cultural History of Aging. Berlin 1993. [zurück]

(2) Vgl. auch den einschlägigen und inzwischen aus dem Englischen ins Deutsche übersetzten Band: Pat Thane (Hg.), Das Alter. Eine Kulturgeschichte. Darmstadt 2005. [zurück]

(3) Vgl. Gerd Göckenjan, Das Alter würdigen. Altersbilder und Bedeutungswandel des Alters. Frankfurt/M. 2000; Hans-Georg Pott, Eigensinn des Alters. Literarische Erkundungen. Mu?nchen 2008. [zurück]