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In: KulturPoetik 2010, Heft 2

Autor

Benjamin Specht

Titel

Was weiß Literatur? Vier neue Antworten auf eine alte Frage
(1) Tilmann Köppe, Literatur und Erkenntnis. Studien zur kognitiven Signifikanz fiktionaler literarischer Werke . Paderborn: mentis 2008. 291 S.
(2) Andreas Dittrich, Glauben, Wissen und Sagen. Studien zu Wissen und Wissenskritik im ›Zauberberg‹, in den ›Schlafwandlern‹ und im ›Mann ohne Eigenschaften‹. Tübingen: Niemeyer 2009. 365 S.
(3) Ralf Klausnitzer, Literatur und Wissen. Zugänge – Modelle – Analysen. Berlin, New York: de Gruyter 2008. 446 S.
(4) Caroline Welsh/Stefan Willer (Hg.), »Interesse für bedingtes Wissen«. Wechselbeziehungen zwischen den Wissenskulturen. München: Wilhelm Fink 2008. 429 S.

Kategorie

Rezension

Abstract



Volltext

Die diversen Wortkombinationen von ›Literatur‹ und ›Wissen‹, jeweils durch wechselnde Präpositionen (›in‹, ›und‹, ›als‹) oder Genitiv-Konstruktionen (subiectivus, possessivus, auctoris, etc.) gebildet, sind in jüngster Zeit zu beliebten und umkämpften Formeln der Literaturwissenschaft avanciert.(1) Diese enorme Konjunktur zu erklären, wird einst ein aufschlussreiches Unterfangen kommender Wissenschaftshistoriker sein: Unter anderem wäre dabei zu erörtern, warum sich unter den Philologien ausgerechnet die Germanistik mit Abstand am empfänglichsten für diese Debatte erweist. Hier müsste wohl eine Reihe fachinterner Faktoren Berücksichtigung finden, etwa der besonders ausdauernd ausgetragene Methodenstreit und die traditionell große Nähe zur Philosophie als der Wissenschaft, die sich dem Problem des Wissens systematisch verschrieben hat. Gründe wird man aber wohl auch auf fachexternem Terrain suchen müssen. Schließlich birgt die Rede vom ›Wissen der Literatur‹ in der aktuellen Bildungs- und Forschungslandschaft, in der die geisteswissenschaftlichen Disziplinen unter Rechtfertigungsdruck stehen und stete Verteilungskämpfe auszufechten haben, das Potenzial, eine besondere Problemlösungskompetenz in der ›modernen Wissensgesellschaft‹ und damit die transakademische Relevanz der eigenen Forschungsergebnisse für die Germanistik zu reklamieren.

Das mutmaßlich große Gewicht fachübergreifender Motive wird dabei wohl auch dadurch manifest, dass es bisher nicht gelungen ist, einen auch nur tentativen Konsens bei der Bestimmung des Zentralbegriffs ›Wissen‹ zu erzielen: Oft wird er mehr stimmungsmalerisch als begrifflich eingesetzt und steht dann gar nicht im Mittelpunkt des wissenschaftlichen Erkenntnisanliegens vieler Arbeiten, sondern erfüllt vornehmlich sekundäre Zwecke, etwa den, die besondere Aktualität, Avanciertheit und Anschlussfähigkeit der eigenen Überlegungen herauszustreichen. Nicht einmal der Alltagsbegriff – d. h. Wissen als die als wahr erkannte, überprüfte bzw. überprüfbare Überzeugung – bildet bisher einen gemeinsamen Ansatzpunkt, und die seit etwa einem knappen Jahrzehnt geführte Debatte wird somit mehr durch eine an sich traditionsreiche, nun aber neu und nachdrücklicher gestellte Frage zusammengehalten denn durch gemeinsame Lösungsvorschläge: Was weiß die Literatur bzw. wie wird die bloße Information zu ›Wissen‹ und (wie) kann die Literatur bei dieser Semiose einen originären Beitrag leisten?

Die Heterogenität des Forschungsfeldes ist dabei nicht zuletzt auch durch die je stark differenten Ahnengalerien bedingt, auf die sich die einzelnen Debattenbeiträger berufen, und die wahlweise sprachanalytische Philosophie, historische Epistemologie, Diskursanalyse, Zwei-Kulturen-Diskussion, literature & science-Forschung, systemtheoretische Wissenssoziologie, Ideengeschichte oder traditionelle Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie einschließen. Entsprechend bunt und vielfältig sind die Nachkommen, die aus den wechselnden Ehen und Affären dieser Vorfahren hervorgehen: kognitionswissenschaftliche, evolutionäre und analytische Literaturwissenschaft, Wissensgeschichte, Poetologie des Wissens, ›kulturelles Wissen‹ und Neuer Experimentalismus, etc. Dabei historisiert vor allem die jüngst sehr erfolgreiche, poststrukturalistisch inspirierte ›Wissenspoetik‹ nicht mehr nur die Inhalte und Begründungsfiguren von Wissen, sondern möchte zugleich auch den systematischen Geltungsanspruch der Wahrheit überhaupt suspendieren zugunsten eines bloßen ›Für-wahr-Haltens‹. Dem steht am anderen Ende des Diskursspektrums der historisch desinteressierte Wissensbegriff der analytischen Literaturwissenschaft gegenüber, der auf der propositionalen Struktur und personalen Zuschreibbarkeit von Wissen beharrt und dabei einen starken, transzendentalpragmatischen Wahrheitsbegriff zugrunde legt.

Zwischen diesen beiden Polen spannen sich nun die unterschiedlichen Modelle zum Verhältnis von ›Literatur und Wissen‹ auf, wobei sie zumeist dadurch variieren, wie sie die Fragen nach der Rolle und (historischen, kulturellen, medialen) Bedingtheit des Wahrheitskriteriums, nach der (Un-)Systematik des Wissens, nach den verschiedenen Wissenstypen (deklarativ, prozedural, hypothetisch, emotional) und nach dem Träger des Wissens beantworten (der Einzelne oder ein Kollektiv, ein personales Bewusstsein oder ein apersonales Medium). Die im Folgenden zu besprechenden Publikationen beschreiben in ihrer Abfolge eine Art Antiklimax – vom systematisch starken Wissensbegriff bei Tilmann Köppe über die moderaten Historisierungsversuche bei Andreas Dittrich und Ralf Klausnitzer bis hin zum schwächsten und flexibelsten Konzept im Umkreis der Wissenspoetik, hier pars pro toto in Gestalt eines Herausgeberbands von Caroline Welsh und Stefan Willer.


Tilmann Köppe, Literatur und Erkenntnis. Studien zur kognitiven Signifikanz fiktionaler literarischer Werke. Paderborn: mentis 2008. 291 S.

Köppe lehnt sich methodisch bei seinem Vorschlag, inwiefern fiktionale literarische Werke eine Quelle von Wissen sein können, dezidiert an die analytische Philosophie an. Er rezipiert dabei, wie das opulente Literaturverzeichnis deutlich macht, breit die angelsächsischen Versuche, diesen methodischen Ansatz für die Literaturwissenschaft fruchtbar zu machen.(2) Schon der Titel, der – obwohl die Rede vom ›Wissen‹ im Band selbst deutlich dominiert – Literatur und Erkenntnis lautet, mag ein Votum für einen philosophisch gehaltvollen Wissensbegriff und die Distanzierung vom wissenspoetologischen Strang der Debatte enthalten: Der Erkenntnis-Begriff weist gegenüber dem des ›Wissens‹ die höhere philosophische Dignität auf und ist in der aktuellen literaturwissenschaftlichen Debatte noch weniger besetzt. Am Untertitel Studien zur kognitiven Signifikanz fiktionaler literarischer Werke, der alle Schlüsselbegriffe der Arbeit zusammenbringt, überrascht vor allem der Plural, denn besonders verdienstvoll an Köppes Arbeit ist es gerade, dass es sich um eine Studie handelt, die ein einziges, langes und hochkomplexes Argument entfaltet, und dies mit imponierender Stringenz.

In zwei einführenden Kapiteln diskutiert Köppe zunächst eingehend, was er unter ›Wissen‹, ›Fiktionalität‹ und – dies kursorischer – unter ›Literatur‹ und ›Werk‹ verstehen will. Besonders folgenreich für den Fortgang der Argumentation ist zum einen, dass Köppe seinen Wissensbegriff normativ an die Bedingungen der Wahrheit, Überzeugung und Begründung bindet (S. 46), sowie zum anderen die Diagnose, dass fiktionale Texte den Vollzug bestimmter Sprechakte nur simulieren, ohne aber alle ihre Voraussetzungen zu garantieren. So legen sich fiktionale literarische Werke nicht fest auf die Einlösbarkeit der Wahrheits-, Überzeugungs- und Rechtfertigungsbedingung. Und weil der Wissens- und der Fiktionalitätsbegriff so einander zunächst entgegen zu stehen scheinen, wird die Frage, ob Literatur trotz ihrer Fiktionalität dennoch Wissen in einem strengen Sinne generieren kann, für Köppe überhaupt zum Problem.

Folgenreich ist weiterhin Köppes Unterscheidung von theoretischem und praktischem Wissen, wobei es ihm in dem weitaus ausführlichsten Teil der Arbeit um das erstere zu tun ist, nämlich um Wissen darüber, dass etwas der Fall ist, im Gegensatz zu der praktischen Frage, ob es gut, ratsam und richtig ist, etwas zu tun. Theoretisches Wissen in Bezug auf Literatur kann dabei entweder Wissen über Literatur sein, aber auch Wissen, das man anhand von Literatur erwirbt. Köppe widmet sich zunächst der ersten und einfacheren Frage. Der kardinalere Aspekt ist jedoch für ihn der zweite, also die Frage, ob wir neben Wissen über Literatur auch Wissen über die Welt anhand fiktionaler Texte erwerben können. Literatur ist – so kann man Köppes differenzierten Gedankengang knapp resümieren – zwar nicht als Behälter von Wissen geeignet, weil selbst scheinbar faktuale Sätze im fiktionalen Kontext ihre Wahrheitsfähigkeit verlieren und keine erfahrungsweltlichen Tatsachen indizieren. Man kann allerdings anhand literarischer Texte dennoch Wissen erwerben, das sich dann durch textexterne Faktoren – von Köppe als »Recht­fertigungsressourcen« bezeichnet (gemeint sind Erinnerungen, kognitive Verknüpfungen, die Plausibilität der Darstellung, etc.) – ex post absichern und bestätigen lässt.

Praktisches Wissen, wie Köppe es im anschließenden Großkapitel näher untersucht, richtet sich dagegen nicht auf Überzeugungen, sondern auf Einstellungen. Es hängt folglich nicht am Wahrheitskriterium, sondern bemisst sich am Maßstab der Richtigkeit (S. 168). Literarische Werke können unsere wertenden Einstellungen auf vielfache Weise beeinflussen, etwa indem sie uns mit neuen Bewertungen erster und zweiter Stufe (d. h. gegenüber den Dingen wie gegenüber unseren eigenen Überzeugungen und dauerhaften Einstellungen) konfrontieren, diverse Handlungsoptionen und -motive aufzeigen sowie unsere situations- und selbstbezogene Wahrnehmung schulen. Zu ›Wissen‹ werden solche Erfahrungen am Text für Köppe jedoch erst dann, wenn wir nicht nur ein wertendes Gefühl haben, sondern es auch thematisieren und evaluieren. Dass und wie solche gefühlsbasierten praktischen Lernprozesse näher zu konturieren sind, diskutiert Köppe am Ende des Kapitels.

Im dritten und letzten Hauptteil seiner Arbeit setzt sich Köppe mit einigen im weitesten Sinne autonomieästhetischen Positionen auseinander und diskutiert die Stichhaltigkeit der Auffassung, dass, wer Literatur als Wissensquelle behandelt, sie immer schon verfehle. Ist der Erwerb von Wissen anhand von Literatur unverträglich mit einer ästhetischen Einstellung ihr gegenüber, oder ist ihr Erkenntnispotenzial zumindest nicht als Maßstab zur Beurteilung ihrer Qualität geeignet? Köppe setzt diesen Bedenken entgegen, dass Literatur auch der Erkenntnisgewinnung dienen kann, ohne die anderen Leistungen negativ zu beeinträchtigen.

Allerdings, so lässt sich hier einwenden, hat er sich mit seinem ›autonomistischen Kritiker‹ als Gegner doch einen eher leichtgewichtigen Pappkameraden zusammengezimmert. Dieser vertritt eine Version der Autonomieästhetik, wie man sie realiter nur selten vorfindet. Schon deren Begründer wie Karl Philipp Moritz schließen nicht aus, dass autonome Kunst ›Weisheiten‹ enthalten kann, nur ordnet sich eben ›die Lehre dem Schönen unter‹. Zumeist wird der Sympathisant daher auch argumentieren, dass man literarische Texte nur eben nicht exklusiv oder vornehmlich als Instrumente des Wissenserwerbs und damit als bloße Dokumente und Behälter von Wissen betrachten solle. Die ästhetische Differenz, die durch die spezifischen formalen und sinnlichen Eigenschaften literarischer Texte entsteht, sowie ihre nicht erkenntnismäßigen Potenziale und Effekte würden so nicht ausreichend berücksichtigt – eine Meinung, der im Übrigen auch Köppe durchaus zuzusprechen scheint (S. 225).

Am Ende seines Gedankengangs hat Köppe in der Tat genau das detailliert aufgezeigt, was er sich eingangs vorgenommen hat: dass es möglich ist, Wissen anhand von Literatur zu erwerben. Damit ist nicht wenig erreicht. Für die Literaturwissenschaft vielleicht entscheidendere Fragen als die nach der prinzipiellen Eignung von Literatur als Wissensquelle bleiben bei ihm allerdings ausgeblendet: Inwiefern könnte eine literarische Darbietungsweise den Erwerb von Wissen nicht nur nicht ausschließen, sondern sogar begünstigen? Könnte Literatur zur Bildung bestimmter Wissenstypen besonders geeignet, gar unverzichtbar sein? Ja, darf man jenseits eines engeren Wissensbegriffs vielleicht sogar eine Form von Erkenntnis bzw. epistemischer Qualifikation annehmen, die nur der Literatur zukäme bzw. nur durch sie zu erwerben wäre?

Hinzu kommt ein Defizit von Köppes Arbeit, das freilich mehr einen Ergänzungsbedarf anzeigt als eine Kritik in der Sache bedeutet: Köppe verfolgt ein dezidiert systematisches, nicht anti-, aber doch entschieden a-historisches Erkenntnisinteresse. Ihm ist es um die Überprüfung diverser Aussagen zur Erkenntnisfunktion von Literatur zu tun, und dies in Hinblick auf die vernünftige Vertretbarkeit im Hier und Jetzt und in der ersten Person Singular. Damit blendet er den historischen Wandel sowie kollektive und mediale Bedingungen von Wissen aus. So legitim diese Beschränkung ist, so ist sie doch auch bedauerlich, denn damit wird Köppes Beitrag mit seiner hohen analytischen Energie primär für literaturtheoretische Debatten anschließbar, unterstützt den Literarhistoriker bei seiner Arbeit jedoch kaum. Da Literaturgeschichtsschreibung aber wohl noch immer ein Hauptgeschäft des Literaturwissenschaftlers ist, wäre es ein vielversprechendes Unterfangen, den analytischen Ansatz Köppes auch für eine solche diachrone Dimension zu öffnen.


Andreas Dittrich, Glauben, Wissen und Sagen. Studien zu Wissen und Wissenskritik im ›Zauberberg‹, in den ›Schlafwandlern‹ und im ›Mann ohne Eigenschaften‹. Tübingen: Niemeyer 2009. 365 S.

Entgegen Köppes rein systematischem Ansatz bekennt sich Andreas Dittrich in seiner Arbeit Glauben, Wissen und Sagen zu einer »sprachanalytisch orientierten Form der intellectual history« (S. V). Er interessiert sich speziell für erkenntnistheoretisch relevante Strukturen in den drei im Untertitel genannten ›Metaromanen‹ der klassischen Moderne. Dabei betont er wiederholt, dass diese Texte keine eigene Erkenntnistheorie enthalten, sehr wohl aber einige implizite ›Text-êpistemê‹, d. h. ein gleichermaßen auf der Ebene des discours wie der histoire reflektiertes, mitunter diskursiv ausgesprochenes, mitunter nur narrativ entfaltetes, stets jedoch latent systematisches Strukturmuster, mit dem die Romane auf erkenntnistheoretische Impulse und Probleme ihrer Zeit reagieren. Diese »Netze erkenntnisphilosophisch relevanter Darstellungsmomente und Textaussagen« (S. 336) möchte Dittrich mit dem Begriffsinventar der sprachanalytischen Philosophie rekapitulieren, orientiert sich hierbei jedoch (stärker als Köppe) an der deutschen Tradition der Erkenntnistheorie und -logik. Dittrich zielt auf eine via media, bei der die Inhalte und Formen des Wissensbegriffs historisch flexibel gehalten werden, andererseits aber Wissen und Für-wahr-Halten dennoch nicht identifiziert werden (S. 24).

Mehr als bei Köppe ist bei Dittrichs Untersuchung der Plural ›Studien‹ angebracht, denn seine klar strukturierte Arbeit besteht aus drei verschiedenen Anläufen, bei denen jeweils unterschiedliche Ebenen der Text-êpistemê der drei Romane untersucht werden: erst zur Gewinnung der genauen Analysetopik, dann als detailliertere Lektüre der Texte je für sich und schließlich in Form von drei Vergleichsstudien, bei denen Mann und Haeckels Welträtsel, Broch und Cohens Logik der reinen Erkenntniss sowie Musil und Wittgensteins Tractatus zusammengeführt werden. Dabei interessiert Dittrich erstens die spezifische Semantik der epistemischen Prädikate ›glauben‹, ›wissen‹ und ›sagen‹ in den Romanen, zweitens der Zusammenhang der unterschiedlichen Modi von Wissen, Für-Wahr-Halten und Wahrheit, drittens das Problem der Rechtfertigung und schließlich das Verhältnis von Wissen, Bewusstsein und Selbstwissen.

Der Zauberberg favorisiert aus Dittrichs Sicht einen kontextualistischen Wissensbegriff und zeigt etwa am Disput zwischen Settembrini und Naphta, dass Wissen immer von einem je spezifischen Überzeugungssystem abhängig ist. Damit befragt Mann nicht nur die Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis, sondern auch von Erkenntnistheorie. Dies gilt auch für Die Schlafwandler, in denen Broch vor allem nach Möglichkeiten einer Fundierung des Wissens sucht, wobei er mit dem in die Romanhandlung einmontierten ›erkenntnistheoretischen Exkurs‹ jedoch weniger als Mann auf eine Aufhebung der Erkenntnistheorie in einem ethischen Sollenssatz (artikuliert im Schneetraum) zielt, sondern auf die Etablierung einer neuen, integrativeren erkenntnislogischen Struktur der Wissensgeschichte, die auch die intuitiven Fundamente und materialen Inhalte der Erkenntnis mit einbeziehen soll. Der Mann ohne Eigenschaften schließlich reagiert, wie Dittrich zeigt, in zahlreichen Anläufen (die diversen ›Utopien‹ und das ›Prinzip vom unzureichenden Grunde‹) auf das identische Problem, allerdings nicht durch latent transzendentale Postulate wie bei Mann und Broch, sondern stattdessen durch die Suche nach methodologischen Standards, mit denen die drohende Beliebigkeit wenn auch nicht zu beheben, so doch einzudämmen wäre, mit denen also statt auf Erkenntnis und Wahrheit im strengen Sinne eher auf ein kontrolliertes Für-Wahr-Halten gesetzt werden könnte (vgl. etwa S. 73, 90).

Die drei Vergleichsstudien, die erwartungsgemäß den weitaus größten Teil des Bandes füllen, rekapitulieren die Befunde der vorangegangenen Kapitel und setzen die Romane mit jeweils einer prominenten erkenntnistheoretischen Position der Epoche in Beziehung. Allusionen auf Haeckel gibt es im Zauberberg an mehreren Stellen und auf mehrere Figuren verteilt, so dass die monistische Philosophie sich im Roman auch nicht einheitlich präsentiert, sondern in verschiedene Facetten entfaltet wird. Dabei nimmt der Roman vor allem skeptisch zu Haeckels ›naivem‹ Erkenntniskonzept Stellung, indem er immer wieder dessen blinde Flecken aufdeckt und ausspielt. So wie Mann den Haeckel’schen Monismus so greift Broch Cohens Erkenntnis- und Werttheorie sehr direkt und gut erkennbar auf, erweitert und öffnet sie aber auch erheblich, etwa für die ›Stilbedingtheit‹ der Erkenntnis, d. h. ihre denkgeschichtlichen und intuitiven Grundstrukturen. Die vielleicht gelungenste Analyse ist die letzte, nämlich der Vergleich des frühen Wittgenstein mit Musil. Wo der Philosoph eigenmentale Aspekte zugunsten einer reinen Logik der Sachverhalte tilgt, befragt Musil in seinem Roman gerade eine solche Reduktion (S. 270). Und auch was den Beitrag der Sprache für die Erkenntnis betrifft, geht Musil über den frühen Wittgenstein hinaus und postuliert neben der logischen Idealsprache auch vagere Bild- und Sprachstrukturen wie Gleichnis und Analogie, mittels derer nicht nur eine Welt als Gesamtheit der bestehenden Sachverhalte angenommen werden kann, sondern eine Fülle von möglichen Welten (S. 293).

In den stärksten Passagen seiner ambitionierten Arbeit führt Dittrich am historischen Fall und anhand eines besonders interessanten Textkorpus immer wieder erfolgreich vor, wie die Literatur in ihrem spezifischen Darbietungsmodus zu hochgradig reflektierten und elaborierten Wissensbeständen eine Meta-Perspektive einnehmen kann, dass und wie sie in der Frühen Moderne in der Lage ist, erkenntnistheoretische Philosopheme auf höchsten Niveau zu verhandeln und sogar eigene Positionen dazu zu artikulieren. Dies gelingt Dittrich oft gerade wegen seines ›zweiäugigen‹ Ansatzes, der systematische Positionen und historische literarische Texte miteinander konfrontiert. Allerdings stellt diese doppelte Perspektive auch das größte Problem der Arbeit dar, denn Dittrich kann die Zusammenführung von Sprachanalyse, Ideengeschichte und Literaturwissenschaft nicht durchgängig produktiv machen. So leitet er aufgrund seiner philosophischen Ambition in den ersten beiden Interpretationsdurchgängen seinen Befund zu wenig aus einer gründlichen erzählanalytischen Arbeit an den Texten her, sondern präsentiert vor allem die fertigen Ergebnisse. Damit schöpft Dittrich mehr die gedankliche als die formale Komplexität der Romane aus und schreitet an den literarischen Strukturen zu oft vorbei und direkt auf den Aussagegehalt zu.

Dass Dittrich die Balance von systematischen und historischen Ansätzen nicht immer glückt, wird verstärkt noch an den Vergleichsstudien deutlich. Obwohl er sich im kurzen Vorwort ja neben der Sprachanalyse auch zur intellectual history bekennt, leistet er die Zusammenführung von Wissenstheorie und Literatur hier meist weniger im Zeichen einer Einbettung beider im identischen ideengeschichtlichen Kontext, sondern umgekehrt, indem er die Text-êpistemê der Romane enthistorisiert und auf ihren überzeitlich gültigen Gehalt, ihren »positiven philosophischen Ertrag« hin befragt (S. 336). Dies wird etwa in der Strukturierung der Einzelkapitel symptomatisch, die fast alle mit erkenntnistheoretischen Passagen beginnen und schließen, so dass die literarischen und ideengeschichtlichen Analysen innerhalb dieses Rahmens eher illustrative Funktion übernehmen. Aufgrund dieses systematischen Primats wird auch verständlich, warum Dittrich den werkbiographischen Kontext der drei Romane ausblendet und die Spezialforschung zu Mann, Broch und Musil in Sammelfußnoten abhandelt, nicht aber substanziell in seinen Gedankengang einbaut. Umgekehrt wird das systematische Anliegen immer wieder durch Dittrichs Absicht behindert, anhand der drei Romane und ihrer philosophischen Bezugstexte eben auch den konkreten Stand des Wissenssystems in der klassischen Moderne zu konturieren.


Ralf Klausnitzer, Literatur und Wissen. Zugänge – Modelle – Analysen. Berlin, New York: de Gruyter 2008. 446 S.

Auch Ralf Klausnitzer kombiniert in seinem ›Studienbuch‹ Literatur und Wissen ein systematisches mit einem historischen Erkenntnisinteresse, wobei er aber eine literaturwissenschaftliche Perspektive wahrt und daher auch nicht wie Dittrich zwischen die philologische und die philosophische Wissensdebatte gerät. Dabei interessiert ihn Literatur nicht nur als Quelle oder Medium von Wissen, sondern er will den Gesamtkomplex der Relationen von außerliterarischen Wissensbeständen und literarischen Texten in all ihren diversen Parametern (Autor, Text, Leser) und spezifischen Konditionen (etwa ihrer besonderen Sprachlichkeit, ihrer Fiktionalität, Textsorten- und Kontextgebundenheit) aufarbeiten. So beschränkt er sich nicht auf die Suche nach dem Wissen in und über Literatur, sondern fragt darüber hinaus nach weiteren Dimensionen, in denen Wissen für Literatur und umgekehrt in Anschlag kommt. Neben der Literatur als Medium, Produkt und Produzent von Wissen geht es ihm daher etwa um das wissenschaftliche wie das alltagspraktische Know-How im Umgang mit Literatur, um die Relevanz bestimmten theoretischen und praktischen Vorwissens bei der Produktion wie Rezeption von literarischen Texten oder auch in umgekehrter Richtung um eine Tropologie und Narratologie des Wissens im außerliterarischen Zusammenhang. Klausnitzer versucht damit »eine umfassende Dokumentation dieses Problemkomplexes und eine systematische Zusammenfassung der bisher gewonnenen Einsichten« (S. V), und man darf feststellen, dass er zumindest dem ersten Anliegen sehr nahe kommt, selbst wenn er im zweiten Fall keine systematische Zusammenschau leisten kann, wo de facto in der Debatte kein Konsens besteht.

Klausnitzer wendet sich in seinen vier Großkapiteln zunächst den begrifflichen und konzeptionellen ›Grundlagen‹ zu, untersucht dann in historischer Folge verschiedene ›Zugänge‹ zum Phänomenkomplex, um anschließend anhand einschlägiger Beispieltexte systematische ›Modelle‹ zu diskutieren, die in ›exemplarischen Analysen‹ abschließend am Beispiel erprobt werden. Die Argumentation schreitet dabei nicht schlicht voran, sondern es werden immer wieder dieselben Aspekte aufgegriffen und weiter vertieft bzw. neu perspektiviert. Eine ausgewogene Auswahlbibliographie, geordnet in einzelne Themenkomplexe, schließt den Band ab, zusammen mit einem zuweilen etwas knappen und mutigen Lexikon literaturwissenschaftlicher Termini. Ein echtes Glossar mit Sachbegriffen, Personen und entsprechenden Seitenverweisen wäre angesichts der verarbeiteten Materialfülle vielleicht nützlicher gewesen. Hervorzuheben ist, dass Klausnitzer eine wahre Fülle von anschaulichem Bildmaterial eingearbeitet und viele klare Schaubilder entworfen hat.

Klausnitzer eröffnet sein ›Grundlagen‹-Kapitel mit einer pragmatischen Einführung seiner beiden Zentralbegriffe, wobei er einen weiten und historisch flexiblen Wissensbegriff favorisiert, der aber trotz aller Integrativität die systematische Grenze zwischen Wissen und ›Für-wahr-Halten‹ noch immer nicht überschreitet (S. 12 f.). Wissen ist für ihn dabei zwingend an Zeichensysteme gebunden, latent systematisch geordnet, dem historischen Wandel unterworfen und vom Meinen und Glauben durch das Moment der Gewissheit unterschieden (28 f.).(3) Angesichts der besonderen Betonung der Sprach- und Textgebundenheit von Wissen ist es nur konsequent, dass Klausnitzer den Gedankengang mit semiotischen Überlegungen zu einfachen und komplexen Zeichen eröffnet. Daraus zieht er die Konsequenz, immer wieder auf der Relevanz von Textsorten und rhetorisch-poetischen Formen als ›Wissensformaten‹ zu insistieren und hier die disziplinären Kompetenzen des Literaturwissenschaftlers in der interdisziplinären Wissensdebatte stark zu machen.

Das Kapitel ›Zugänge‹ bietet ein Kompendium der Geschichte der Literaturforschung in ihren wesentlichen Etappen seit der Antike, sowohl die klassischen Reflexionsformen (Poetik, Rhetorik, Hermeneutik, Bibel-Exegese, Copia-Lehre), besonders aber die Ansätze der Literaturforschung im 20. Jahrhundert (Geistes-, Ideen- und Problemgeschichte, Formalismus, Strukturalismus, Poststrukturalismus und sprachanalytische Ansätze). So nützlich und instruktiv eine solche Überblicksdarstellung gerade in einem Studienbuch ist, so darf man Klausnitzer dennoch fragen, ob eine derart breite Anlage für das Anliegen des Bandes und die Erschließung des Themas ›Literatur und Wissen‹ wirklich nötig und förderlich ist. Zwar gelingen ihm konzise Zusammenfassungen und umsichtige Evaluationen all der diversen Paradigmen, doch scheint gerade das (wissenschaftliche) Wissen über Literatur wohl der am wenigsten zur Debatte stehende Aspekt des Forschungsfelds zu sein. Wer würde ernsthaft bezweifeln, dass man disziplinäres Wissen über Literatur erwerben kann?

Das Kapitel ›Modelle‹ bildet das Herzstück des Bandes. Hier prüft Klausnitzer an jeweils geschickt gewählten literarhistorischen Beispielen (Werther, Buddenbrooks, dem ›programmatischen Realismus‹ und Haeckels populärer Weltanschauungsliteratur) differenziert und systematisch die diversen Instanzen und Facetten des Verhältnisses von Literatur und Wissen. Immer wieder präjudiziert dabei die bereits im Einleitungskapitel gewonnene Unterscheidung von vier zentralen Aspekten des Verhältnisses von Wissen und Literatur den Gang der Argumente. Erstens können literarische Texte selbst auf allen Ebenen des Kommunikationsmodells auf Wissenskulturen referieren (Autor, Botschaft, Code, Leser). Zweitens kann Literatur als eine spezifische Erkenntnisformation betrachtet werden (vor allem aufgrund ihrer Fähigkeit, in unterschiedlich starker Mittelbarkeit auf Welt zu referieren). Es können drittens genuin literarische Funktionselemente von Wissen im außerliterarischen Zusammenhang untersucht werden (Rhetorik, Tropologie und Narrativität des Wissens) und viertens schließlich literarische Formen zur Diskussion stehen, die aus gegebenen Wissensordnungen resultieren (Sachbuch, Geschichtsschreibung, etc.). Die vier ›exemplarischen Analysen‹ – zur disziplinübergreifenden Metapher der invisible hand, zu Schillers Geisterseher, Tiecks Wundersüchtigem und Marx’ Rhetorik – greifen einige dieser Begriffe und Überlegungen auf und lesen sich themenspezifisch sehr anregend und instruktiv. Untereinander verknüpft sind sie durch das gemeinsame Interesse an Formen des Arkan-Wissens, so dass sie alle sich entlang der binären Opposition von Unsicherheit und Gewissheit bewegen.

So erhellend, materialreich, folgerichtig und belesen sich Klausnitzers Arbeit in ihren einzelnen Baueinheiten präsentiert, so stellt sie dennoch eine gewisse Hybridbildung dar. Klausnitzer wendet sich in den einzelnen Kapiteln an sehr diverse Adressatenkreise: Manche Teile, besonders zu Beginn, sind an Studienanfänger gerichtet, die meisten Partien wohl an Studierende auf Master-Niveau, manche aber an die Fachkollegen, ja gegen Ende des Bandes gar an regelrechte peer groups der Spezialforschung. Aufgrund dieser Bandbreite wird wohl jede angesprochene Gruppe sich in dem einen oder anderen Teil über- bzw. unterfordert fühlen. Besonders wird sie diejenigen Studierenden irritieren, die ein Studienbuch erwarten und aufgrund mangelnder Erfahrung noch nicht einschätzen können, wann Klausnitzer in den Spezialdiskurs wechselt.

Neben diesem didaktischen Problem ist der Wissensbegriff, den Klausnitzer zugrunde legt, sehr umfassend. Ist wirklich alles Wissen, was er in seinem enzyklopädischen Interesse thematisiert, auch Wissen der Literatur? So schreibt Klausnitzer der Literatur zum einen viele Kompetenzen zu, die vielleicht besser mit dem Begriff des ›Potenzials‹ als des ›Wissens‹ beschrieben wären, zum Beispiel die Verfeinerung der Wahrnehmung, die Aufmerksamkeit für selbstbezügliche Sprachgestaltung, die Einübung in bestimmte Einstellungs- und Deutungsmuster oder auch die emotionale Ansprache. Zum anderen muss man sich wohl fragen, ob alle Wissensbestände, die irgendwie bei der Auseinandersetzung mit Literatur in Anschlag kommen, wirklich als Wissen der Literatur bezeichnet werden sollten, etwa das allgemeine Weltwissen, das freilich immer nötig ist, um literarische Kommunikation zu erzeugen und zu verstehen, aber eben nicht spezifisch nur literarische. Und auch der für Klausnitzer immer wieder wichtigste Erkenntnisbeitrag der Literatur – ihre Fähigkeit, hypothetisch-modellhafte Welten zu erzeugen und darin bestimmte Handlungsoptionen zu simulieren – generiert für sich ja noch kein ›Wissen‹ im strengen Sinne. Hypothetisches bzw. ›unsicheres‹ Wissen, von dem Klausnitzer wiederholt spricht, ist im eigentlichen Sinne eben kein Wissen, weil die von ihm selbst promovierte Gewissheitsbedingung (noch) nicht erfüllt ist. Dennoch hat Klausnitzer – neben der manifesten Systematik, Informativität und Materialfülle seines Bandes – damit auf anregende Weise Aspekte thematisiert, die wohl auch unter einem anderen attraktiven Begriffspaar der gegenwärtigen Literaturwissenschaft, nämlich ›Literatur und Kognition‹, weiterführend zu diskutieren wären.


Caroline Welsh/Stefan Willer (Hg.), »Interesse für bedingtes Wissen«. Wechselbeziehungen zwischen den Wissenskulturen. München: Wilhelm Fink 2008. 429 S.

Nicht nur hinsichtlich des Genres, sondern auch der Substanz des Wissensbegriffs bildet der von Caroline Welsh und Stefan Willer herausgegebene Sammelband(4) »Interesse für bedingtes Wissen«. Wechselwirkungen zwischen den Wissenskulturen einen Kontrast zu den Beiträgen von Köppe, Dittrich und Klausnitzer. Dem sorgfältig redigierten Buch liegt, vermutlich aufgrund der Textsorte, kein einheitlicher und expliziter Wissensbegriff zugrunde, und die Herausgeber bezeichnen implizit im weitesten Sinne die medial und historisch bedingte ›Information‹, wenn sie vom Wissen sprechen. Ähnlich vertrauen die Autoren bei der Bestimmung des Wissensbegriffs häufig auf Evidenzeffekte ihrer praktischen Analyse- und Interpretationsarbeit und verzichten auf eine Definition. Dennoch lässt sich eine deutliche thematische Fokussierung erkennen: Der Band versammelt fast ausschließlich Studien, die sich im Grenzbereich der Naturwissenschaften und der Künste bewegen, so dass vor allem (natur-)wissenschaftlich induzierte Gedankenbestände die erste Stelle im Begriffspaar ›Wissen und Literatur‹ besetzen. An zweiter Position steht statt der Literatur im Band auch immer wieder die bildende Kunst.

Die Konsistenz der Publikation wird vor allem über ein gemeinsames Anliegen hergestellt: die Wissenschaft in ihrer historischen Variabilität seit dem 18. Jahrhundert und in ihrer Wechselbeziehung zu anderen Kulturtechniken und Wissensformen zu betrachten (S. 10). Als quasi ›formale‹ Einlösung dieses inhaltlichen Interesses finden sich thematisch ebenso wie stilistisch im Band alle Schattierungen zwischen wissenschaftlichem und künstlerischem Modus, von einer kognitions- und neurobiologischen Abhandlung von André Blum und David Poeppel zur Frage der Intuition bis hin zu den dezidiert literarischen Aphorismen von Aris Fioretos Die Liebe des Uhrmachers zur Fledermaus. Im Obertitel des Bandes wird Friedrich Schlegel zitiert, und es ist sicher kein Zufall, dass damit ein Vertreter einer Epoche als Zeuge aufgerufen wird, in der der Synthesewille zwischen den Wissensbereichen besonders stark entwickelt war.(5)

In der Einleitung gehen die Herausgeber über das Anliegen des Untertitels, ›Wechselbeziehungen zwischen den Wissenskulturen‹ zu untersuchen, noch einen Schritt hinaus: Es geht ihnen hier nicht allein darum, in kritischem Echo auf Snows Zwei-Kulturen-These die wechselseitige historische Verflochtenheit der Kulturtechniken zu beleuchten und Argumente gegen eine zu einseitige Modellierung der modernen Wissensgeschichte als eines Prozesses der Spezialisierung, Ausdifferenzierung und disziplinären Verortung zu sammeln, sondern dezidiert um einen ›Gegenentwurf zur Trennungsgeschichte‹. Das ›Narrativ‹ der Ausdifferenzierung von Wissenschaft und Kunst beruhe (auch) auf einer interessengeleiteten Inszenierung der Unterschiede, so dass es nun im Gegenzug darauf ankomme, »die entstandenen Oppositionspaare, wie Messen und Deuten, Kalkül und Intuition, figuratives und faktisches Erzählen, zusammen mit ihren Zuordnungen zu den Bereichen der Natur- und der Kulturwissenschaften aufzulösen« (S. 11).

Vor allem das Verb ›auflösen‹ scheint hier nicht sonderlich günstig gewählt, impliziert es doch, es gehe darum, die genannten Oppositionspaare (sofern es sich dabei wirklich durchgehend um solche handelt) zu negieren und wieder hinter die entstandenen Differenzen zu regredieren, statt ihr Zustandekommen und ihre Durchlässigkeiten zu analysieren, wie dies (glücklicherweise) in den allermeisten der Einzelstudien des Bandes praktiziert wird. Auch das ›Trennungsnarrativ‹ ist bei all seinen diversen Vertretern – Luhmann, Lepenies, Stichweh, etc. – als ein prozessuales zu verstehen und behauptet keine kategorische Trennlinie, sondern eine historische Differenzierung. Es lässt sehr wohl also die Untersuchung von Wechselbeziehungen prinzipiell zu, die nur eben im Fortgang der Geschichte den Grenzgängern immer mehr intellektuelle Anstrengung abfordern. Zum anderen hat das ›Trennungsnarrativ‹ nun einmal unser Denken und unsere Institutionen geprägt und damit Fakten geschaffen, die der Kulturhistoriker respektieren muss. Schließlich bleibt auch ein Einspruch zur Trennungsgeschichte ja immer auf diese bezogen, wenngleich ex negativo, denn die »Dekonstruktion von strukturellen Dichotomien der Trennungsgeschichte« (S. 11) setzt diese ja noch immer voraus, obwohl sie sie relativieren und überwinden möchte.

Der Band gliedert sich in fünf Binnensektionen, wobei die erste sich unter dem Titel ›Messen, Lesen, Deuten‹ Kunst und Wissenschaft gemeinsamen Darstellungsverfahren widmet. Mit einem nachgedruckten Aufsatz von 2007 (Die Vermessung der Engel) eröffnet Sigrid Weigel den Band und unternimmt einen komplexen Parcours durch die Kulturgeschichte der Engelsdarstellung von Augustinus bis Aby Warburg. Weigel zeigt zunächst für Carus und Fechner, wie beide empirische Verfahren auf Transempirisches ausweiten, wobei dies zugleich eine Säkularisierung der Engel wie eine Sakralisierung der naturwissenschaftlichen Methodik impliziere. Aus diesem Befund zieht Weigel zahlreiche inspirierte medien- und bildwissenschaftliche Schlüsse, deren breitere Repräsentativität aber im Einzelnen noch stärker abzusichern wäre: Nachdem die Engelbilder der vormodernen Malerei durch die Wissenschaft hindurchgegangen sind, kommen sie, vermittelt durch den Physiologen Sigmund Exner, bei Aby Warburg wieder zu ihrem Recht, auch eine Selbstreflexion des Bildbegriffs zu leisten (S. 51). Auch Cornelius Borck behandelt in seinem mehr erzählenden als argumentierenden Beitrag Schreiben Lesen Rechnen Rückkoppelungen von Darstellung und Theorie, genauer die Messung der Hirnströme durch Edgar Douglas Adrian. Stefan Rieger schließlich stellt in seinem Aufsatz Formen des Lebens einige Versuche in der Wissenschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts vor (Naive Physik, Gestaltkreistheorie, Soziologie der ›Bipersonalität‹), die wissenschaftliche Technik des Messens weniger reduktiv anzuwenden, indem sie nicht nur auf Individuen und Quantitäten zielt, sondern sich für lebensweltliche Erfahrungen und die Vernetzung verschiedener – biologischer, sozialer, mentaler – Dimensionen öffnet.

Unter der Rubrik ›Figuren des Wissens‹ sind es im folgenden Block nicht gemeinsame Verfahren, sondern Gedankenfiguren, die Wissenschaft und Kunst zusammenführen. Janina Wellmann untersucht die Organismus-Ästhetik des späten 18. Jahrhunderts (besonders Karl Philipp Moritz und A.W. Schlegel) unter der Optik, wie die Figur des ›Rhythmus‹ – verstanden als ›lebendige Ordnung der Zeit‹ (im Gegensatz zum ›toten‹ Takt) – in der Biologie wie in der Kunst zu einem Schlüsselkonzept avanciert. Britta Herrmann analysiert die ›Produktionsmythologeme‹ Prometheus und Pygmalion zwischen Kunst und Wissenschaft, wobei – so die zuweilen etwas forcierte Lektüre – die Allianz vor allem an einigen ›kallipädischen‹ Konzepten deutlich wird, d. h. an Modellen, die auf einen Umbau und eine ›biopolitische‹ Verbesserung des Menschen zielen »durch ein ästhetisch gesteuertes eugenisches body-building« (S. 113). Caroline A. Jones’ assoziativer Essay nimmt sich die Figur des Blinden als ›epistemologische Trope‹ (S. 154) in der europäischen Kulturgeschichte vor, mit Zwischenstopps in Platons Höhle, Diderots Schreibstube, der Londoner Weltausstellung von 1862 und schließlich der ›biennalen Kultur‹ der Gegenwart. Der instruktivste Aufsatz dieser Sektion ist aber wohl der von Mai Wegener Zur Figur des ›Psychophysischen Parallelismus‹ im ausgehenden 19. Jahrhundert, wobei sie mit großem Überblick und genauer Epochenkenntnis für verschiedene Versionen des titelgebenden Theorems zeigen kann (Fechner, Taine, Hering, Wundt, Freud), welche konzeptionellen und disziplinären Probleme damit überdeckt werden sollten und wie sich die Figur in die Vorgeschichte der Psychoanalyse einreiht.

Im Themenblock ›Übertragungen zwischen Kunst und Wissenschaft‹ stehen nun keine beiden Kulturtechniken originäre Gedankenfiguren, sondern dezidierte Übertragungsphänomene im Mittelpunkt. Werner Busch legt in Newtons Schatten auf Wright of Derbys ›Tischplanetarium‹ eine beeindruckend material- und kenntnisreiche, munter-positivistische Deutung des im Titel genannten Gemäldes vor und analysiert es in all seinen wissenschaftlichen, weltanschaulichen, politischen und personellen Bezügen. Erwartungsgemäß wird unter dieser Rubrik auch mehrfach Zolas experimentelle Romanpoetik zum Thema, etwa in Ulrike Vedders Interpretation von L’Argent und Le Docteur Pascal, wobei sie in beiden Fällen einen immanenten Widerspruch von Zolas literarischem Experimentalprogramm und der dichterischen Praxis herausarbeitet – zwischen der Funktion des Autors bzw. Wissenschaftlers als bloßem Protokollanten und als Arrangeur des literarischen bzw. naturwissenschaftlichen Versuchs. Genau diese Spannung spielen nun die Romane aus, indem der Erzähler einerseits eine souveräne Auktorialität behauptet, andererseits den Fortgang der Erzählung aber auch durch eine Eigendynamik der dargestellten Wirkzusammenhänge – den Geldkreislauf bzw. die Vererbungslehre – bestimmen lässt. Anja Zimmermann zeigt neben Zola weitere Positionen zum Verhältnis von Kunst und Medizin im späten 19. Jahrhundert auf und demonstriert, wie für beide Bereiche trotz der nicht selten erhobenen Forderung nach einer strikten Trennung doch die jeweils andere Seite immer ein wichtiger Bezugspunkt bleibt. Sabine Flach untersucht Wassily Kandinskys künstlerische Analysen der menschlichen Wahrnehmung, die gegenüber der Wahrnehmungsphysiologie seiner Zeit eben auch die subjektiven Dimensionen der menschlichen Perzeption erschließen sollen.

Im Abschnitt ›Blinde Flecken der Epistemologie‹ geht es um Annahmen und Operationen, von denen man gerade kein Wissen haben kann, die aber dennoch bei seiner Gewinnung wirksam werden. Mit einer Fülle von quer aus der Ideengeschichte erborgten Ein- und Zweiwort-Formeln (die oft geistreich, aber nicht immer sinnbewahrend zitiert werden), widmet sich Uwe Wirth dem Phänomen der Konjektur, das bei ihm auch das konkrete editorische Verfahren bezeichnet, darüber hinaus jedoch eine allgemeine hermeneutische und kreative Denkweise. Dieser nähert er sich mit Peirces Konzept der Abduktion, bei dem Konjekturen eben nichts Voraussetzungsloses sind, sondern immer ein gewisses Vorwissen supponieren. Dieter Kilche zeichnet in seinem Aufsatz Lichtenbergs Zusätze zu Erxlebens Anfangsgründen der Naturlehre die komplexe Textgeschichte dieses zentralen naturwissenschaftlichen Lehrbuchs des 18. Jahrhunderts nach und löst damit ein wichtiges Desiderat der Forschung ein, denn dieses hybride Werk wurde bisher noch nicht seiner kulturhistorischen Bedeutung gemäß in Einzeluntersuchungen gewürdigt. Roland Borgards analysiert in Narration und Narkose Erzählminiaturen, die sich nach Erfindung der Äthernarkose Mitte des 19. Jahrhunderts in den Fallsammlungen und Krankenakten der durchführenden Ärzte finden. Dabei will er vornehmlich aufzeigen, dass die spezifische Erzählstruktur dieser Texte aufs Engste korreliert ist mit der experimentellen Form des Wissens über die Narkose, bei der nach Borgards ein substanzielles Nicht-Wissen in Bezug auf die Ursachen mit einem breiten und empirisch abgesicherten Wissen über die Wirkungen kollidiert. Diese Engführung von Wissensbeständen und Erzählformen ist reizvoll, in der Umsetzung dann allerdings stellenweise etwas technisch geraten, und es bleibt die Frage, ob Borgards die Texte mit seiner lectio difficilior nicht überanstrengt.

In der abschließenden Sektion zu ›Intuition und Kalkül‹ kommen – neben dem Aufsatz von Christine Blättler zu Charles Fouriers Gesellschaftsutopie als einer kuriosen Hybridkonstruktion von Bevölkerungsarithmetik, Triebpsychologie und Modernekritik – noch einmal gewichtige systematische Stimmen zu Wort. Hans-Jörg Rheinberger untersucht anhand von Claude Bernards stoffwechselchemischen Studien – unter erstaunlicher Zurückhaltung, was seine eigene, sonst im Band häufig aufgegriffene Terminologie (epistemische und technische Dinge, Experimentalsysteme, etc.) angeht –, dass der tastende und mäandernde Prozess wissenschaftlicher Entdeckung erst im Nachhinein, und dann vor allem bedingt durch wissenschaftstheoretische Begriffsbestimmungen, den Anschein erweckt, als würde er systematisch stringent von der Hypothese über das Experiment bis zum wissenschaftlichen Resultat verlaufen. Auch wenn man daraus mit Rheinberger wohl nicht zwingend schließen muss, dass man auch die systematische Unterscheidung zwischen discovery und justification zu suspendieren habe, so zeigt er doch, dass ›experimentelle Virtuosität‹ weniger im Talent zur Demonstration fertiger Hypothesen besteht, als im Sensorium, sich unter Bedingungen der Unklarheit zurechtzufinden und Hypothesen überhaupt erst zu bilden. Rheinberger nennt dies mit Ludwik Fleck ›Kolumbuseffekte‹: Man sucht nach Indien und findet am Ende Amerika.

Ein weiterer, methodisch und sachlich höchst ergiebiger Beitrag ist der von Ohad Parnes mit dem etwas barocken Titel Von den Schwierigkeiten der Wissenschaftsgeschichte, mit der Intuition umzugehen, und vom Versuch, diese Schwierigkeiten zu überwinden. Nach einer Rekapitulation der Probleme, die die Wissenschaftsgeschichtsschreibung mit der Bearbeitung der zahlreichen und sich durch alle Epochen ziehenden Berichte von Wissenschaftlern über plötzliche Heureka-Erlebnisse hat, will Parnes die ›plötzliche Intuition‹ seinem Fach wieder erschließen, freilich nicht mehr über ein irrationalistisches Genie-Konzept, sondern über den Begriff der ›Figur‹: Intuitionen sind für ihn zwar kein Bestandteil expliziten Wissens, aber deshalb nicht voraussetzungslos, sondern basieren auf rekonstruierbaren Prozessen, die sich als Verbindung einer aktuellen Forschungsfrage, einer bereits vorhandenen Denkfigur und einer neuen Information, die die Verbindung zwischen beidem herstellt, gedanklich modellieren lässt. Dies demonstriert er anschließend für Theodor Schwanns Entdeckung der Zellen bei Tier und Mensch.

Die hier diskutierten Studien zum Themenfeld ›Literatur und Wissen‹ arbeiten – dies dürfte ein wenig überraschendes Resümee sein – an sehr unterschiedlichen Aspekten des Begriffspaares, da sie jeweils sehr disparate Erkenntnisinteressen mit verschiedenen Instrumenten einzulösen suchen: Mal erscheint Wissen als wahre Überzeugung, die sich in einem System rechtfertigen lässt, mal als Effekt einer unsystematischen diskursiven Konstellation. Mal werden nur die Inhalte und Begründungsformen des Wissens historisiert, mal der Wahrheitsanspruch als solcher suspendiert. Mal stehen Propositionen im Mittelpunkt, mal auch Formen des know how, mal die Akteure, mal die Diskurse. Diese Vielstimmigkeit ist aber vielleicht gerade kein Malus, sondern könnte die Basis bilden, in kommenden Untersuchungen verstärkt nach der Vermittlung von systematischen Modellen und den historisch und medial bedingten Phänomenen zu fahnden. Wenn dies gelingt, dann könnte der eingangs imaginierte Wissenschaftsforscher der Zukunft vielleicht schließen, dass die Rede von ›Literatur und Wissen‹ keine flüchtige begriffliche Mode war, sondern ein substanzieller Beitrag, die Funktion der Literatur im Ensemble der Kulturtechniken, ihre Rolle bei der Welterschließung und Handlungsorientierung differenzierter zu bestimmen als in den methodischen Monokulturen zuvor.

Jun.-Prof. Dr. Benjamin Specht, Universität Stuttgart, Institut für Literaturwissenschaft, Postfach 10 60 37, D-70049 Stuttgart; E-Mail: benjamin.specht@ilw.uni-stuttgart.de


Anmerkungen

(1) Siehe etwa die vielbeachteten Diskussionen von Tilmann Köppe, Andreas Dittrich, Roland Borgards und Fotis Jannidis in den beiden Jahrgängen der Zeitschrift für Germanistik N. F. XVII (2007) und XVIII (2008) sowie von Gideon Stiening und Joseph Vogl in KulturPoetik 7 (2007) 2. [zurück]

(2) Für Außenstehende produziert dieser Theorietransfer zwar mitunter gewisse Manierismen, etwa die (nicht immer unverzichtbare) Formalisierung und die große Grundsätzlichkeit mancher Argumente. Freilich ist ein solches stilistisches Befremden jedoch unvermeidlich bei Innovationen auf methodischem Terrain, und es sollte damit der Arbeit auch nicht zum Vorwurf werden. [zurück]

(3) Im Gegensatz zu Köppe und Dittrich führt Klausnitzer allerdings nicht die philosophische Diskussion, ob und wie diese von ihm nebeneinander gestellten Kriterien – etwa Historizität und Gewissheit – sich vielleicht auch untereinander reiben bzw. wie sie zu vermitteln wären. [zurück]

(4) Es handelt sich um einen Tagungsband, der auf die Jahrestagung des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung 2005 mit dem Titel Intuition und Kalkül – Der Beitrag von Philologie und Kulturwissenschaft zur Wissensgeschichte zurückgeht. [zurück]

(5) Dennoch ist das Zitat literarhistorisch nicht völlig glücklich gewählt, denn wie aus Hardenbergs Blütenstaub-Fragment Nr. 1 bekannt ist, setzt das ›Bedingte‹ der Frühromantik immer ein absolut ›Unbedingtes‹ voraus, während ein solches von den Herausgebern und Autoren des Bandes dezidiert nicht mehr veranschlagt wird (S. 9). [zurück]