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In: KulturPoetik 2010, Heft 1

Autor

Alexander Schmitz

Titel

Richard Wagners ›Neue Mythologie‹
Manfred Frank, Mythendämmerung. Richard Wagner im frühromantischen Kontext. München: Wilhelm Fink 2008. 173 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Seit seinen frühen literarischen Entwürfen (Die Wibelungen. Weltgeschichte aus der Sage, Jesus von Nazareth etc.) wird Richard Wagners Werk von der Frage umgetrieben, inwieweit der Mythos auch unter modernen Bedingungen Gesellschaften zu integrieren vermag. Es arbeitet sich damit an einem Problem ab, das die Romantik der Moderne hinterlassen hat: Denn obgleich sich um 1800 die Erkenntnis durchzusetzen beginnt, dass gesellschaftliche Evolution an Prozesse der Ausdifferenzierung geknüpft ist, bauen die wirkmächtigen sozialutopischen Entwürfe des 19. Jahrhunderts weiterhin auf gesellschaftliche Homogenität.(1) Die romantischen Gesellschaftsentwürfe visibilisieren in ihren ästhetischen Formen und Verfahren (Fragment, Ironie) und in ihrem spielerischen Synkretismus genau jene Kontingenz, der sie im Insistieren auf Ganzheit und Einheit entgegentreten. In diesem Spannungsfeld stellt die Romantik gegen den Absolutismus der aufklärerischen und damit mythenfeindlichen Vernunft auf die Notwendigkeit quasi-transzendenter Legitimationsinstanzen ab.

Manfred Frank hat in zahlreichen Publikationen das so skizzierte Forschungsfeld kartiert,(2) zu dem der nun vorliegende Band bislang verstreut und teilweise abgelegen publizierte Aufsätze zu Richard Wagner versammelt. In den einleitenden Überlegungen fasst Frank seine einschlägigen Positionen zusammen, indem er die ›Neue Mythologie‹ der Romantiker in einer »ausgenüchterten Sprache« und mit Habermas als Begehren nach einer »vernünftigen Identität« (S. 15) herauspräpariert, als Versuch also, auch unter posttraditionalen Bedingungen einen normativen Konsens zu etablieren. Wagners Werk wird als »eminenter Prüfstein« dieser romantischen Initiative vorgeführt, ja Frank konstatiert: »Kein Werk hat wie das seine die frühromantische Idee einer ›Neuen Mythologie‹ aufgenommen und – was den Frühromantikern doch eigentlich zur Gänze misslang – künstlerisch umgesetzt« (S. 16). In Wagners Musikdrama werde die ›Neue Mythologie‹ schließlich aber auch in ihrem Scheitern vorgeführt und als »Selbstvernichtungswerk« (S. 17) entlarvt.

Insbesondere die ersten beiden der hier nun wieder aufgelegten Texte verfolgen Spuren der frühromantischen Philosophie in Der Ring des Nibelungen, aber auch über Wagners Werk hinaus in die Entwicklungslinien vom »Bühnenweihfestspiel« zum »Thingspiel« hinein. Der erste Text zur Wirkungsgeschichte der ›Neuen Mythologie‹ bei Nietzsche, Wagner und Johst weist nach, wie sich der durch Nietzsche und Wagner inaugurierte Tragödienkult, der die Kunst in jene Stellung einrücken ließ, die Religion und Moral zuvor geräumt hatten, in den kulturpolitischen Debatten bis zum Nationalsozialismus niederschlug. Die Kritik an den zerstörerischen Kräften des Liberalismus und Kapitalismus und die Betonung der Notwendigkeit eines neuen Kultes deformierten hier das frühromantische Erbe, wie Frank es versteht. So kann er etwa an kulturpolitischen Einlassungen aus den 1920er Jahren, die der spätere (1935-1945) Präsident der Reichsschrifttumkammer Hanns Johst in den 1920er Jahren verfasste, zeigen, wie die Kunst aufhörte »Abbild menschlicher Integrität« (S. 41) zu sein und statt dessen eine Ideologie befördern sollte, die »›Gemeinschaft‹ und ›Nation‹ nicht anders artikulieren kann denn als reaktionären Widerspruch gegen die Demokratie« (S. 47). Frank macht deutlich, wie so das universalistisch angelegte romantische Projekt »verraten« (ebd.) und in ein partikularistisches und rassistisches transformiert wird.

Der zweite Aufsatz spürt dann Wagners eigenem »Widerruf der ›Neuen Mythologie‹« nach. Wer nun allerdings vermutet, der Wagner unschwer nachweisbare (wenn auch in seinen ästhetischen und politischen Konsequenzen umstrittene) Antisemitismus, Rassismus und Antiuniversalismus würde ihm von Frank gleichfalls als Verrat am romantischen Projekt ausgelegt, sieht sich auf ein ganz anderes Feld verwiesen. Frank enthält sich hier einer Antwort auf die Frage, inwiefern Wagner (oder schon die Romantik) durch eine solche Wirkungsgeschichte ebenfalls kompromittiert sein oder in ihren Entwürfen gar einer solchen Wirkungsgeschichte vorgearbeitet haben könnte(n).

Stattdessen nimmt dieser Text von der kommunikativen Funktion des Mythos als »Unternehmen im Dienste der Rechtfertigung von Lebensformen einer Gesellschaft aus einem letztverbindlichen Wert« (S. 56) seinen Ausgang und analysiert die Probleme einer solchen Legitimationsinstanz unter modernen Bedingungen. Wagners, vor allem in den Zürcher Kunstschriften entwickelte, Geschichtstheorie folgt einem konventionellen Drei-Schritt-Schema, nach dem ein als rein vorgestellter Quellpunkt ästhetisch-politischer Integration (verwirklicht bei den Griechen) sich in einen breiter werdenden Verfallsstrom ergießt. Die Heuchelei des Christentums und seine Verklärung der Sklavenmoral verkörpern den Tiefpunkt des Verfalls, während es dem Kunstwerk der Zukunft vorbehalten bleibt, den Umschlagpunkt der Geschichte herbeizuführen. Aber wie kann dieses neue Modell der Integration unter Vorzeichen einer verfallenen Öffentlichkeit verwirklicht werden? Frank beschreibt den Zirkelschluss, der aus diesen Vorgaben folgt. Kunst soll »eine an alle gerichtete und alle verbindende Universalsprache« (S. 59) entwickeln, ist aber auf genau jene homogene Gemeinschaft angewiesen, die sie allererst herstellen soll.

Vor dem Hintergrund dieses schon bei Schelling nachgewiesenen Zirkels zeichnet Frank nach, warum die Ring-Tetralogie nicht auf eine Wiederverzauberung der Welt abzielt, sondern die Unmöglichkeit ihrer Remythisierung vorführt. Die Handlungen Wotans und seiner Mitgötter werden von einem Schicksal bestimmt, dessen Vorgaben sie nicht überschreiten können. Frank verweist im Rückgriff auf Schellings Vorlesungen über die Philosophie der Mythologie auf die Zwänge einer Ur-Schuld, die sich auch generell aus den mythologischen Traditionen hätten herleiten lassen. Die schuldhafte Verstrickung, von der das gesamte Personal der Ring-Handlung erfasst wird, wirkt schon lange vor dem Zeitraum des Bühnengeschehens und kann innerhalb des Dramas nicht transzendiert werden. Wagner gelange deswegen zu einer für die ›Neue Mythologie‹ grundstürzenden Konsequenz, nach der im Mythos die Naturkräfte eines »Schuld- und Verblendungszusammenhangs« derart walten, dass Natur nicht mehr als Instanz dienen kann, um »Lebens- und Sozialverhältnisse« (S. 88) zu rechtfertigen. Dass Wagner die Natur jedoch zugleich in Anschlag gebracht hat, um außerordentlich fragwürdige Vorstellungen von Sozietät zu begründen, spielt bei Frank keine Rolle.

Die drei folgenden Aufsätze erweitern noch einmal den romantischen Referenzrahmen, in dessen Horizont Wagners Werk von Frank interpretiert wird. So erweisen sich die Abhandlungen zum »Motiv-Kontext der endlosen Fahrt« in Wagners fliegendem Holländer und zur Interdependenz von romantischer Ironie und musikalischem Verfahren als Fundgrube unerkannter Rezeptionslagen, Traditionen und Verweissysteme, für die Frank aus seinen einschlägigen Arbeiten schöpfen kann.(3) Zunächst wird Der fliegende Holländer als Variation des Ahasver-Motivs interpretiert, und etwa vor dem Hintergrund der Odyssee, von Dantes Divina Commedia und von Kafkas Erzählung Der Jäger Gracchus wird das Motiv der Unbehausheit des modernen Menschen verfolgt. Während Frank seine Überlegungen im ersten Satz der Einleitung als »Aufzeichnungen eines musikalischen Dilettanten« (S. 7) apostrophiert hatte, geht der Aufsatz über Wagners musikalische Verfahren dann einem der interessantesten Aspekte seines Musikdramas nach. Dass die romantische Ironie Kommunikation erschwert oder gar verunmöglicht, ist ihr vielfach vorgeworfen worden. Die Auflösung klassischer Formen zugunsten der Verschmelzung unterschiedlicher Kunstformen führe dann, so Frank, bei Wagner zu dem Versuch, der menschlichen ›Sehnsucht nach dem Unendlichen‹ in der Musik Ausdruck zu verleihen. Wagners Musik kennzeichnet Frank damit »als Darstellung der romantischen Ironie« (S. 140).(4)

Mit den abschließenden Reflexionen über Wagners Jesus von Nazareth kommt Frank noch einmal auf die sozialrevolutionären Wurzeln des Musikdramatikers und seine Vorliebe fürs Radikale zurück. Bei der Suche nach mythischen Figuren, in denen die Idee einer anarchistischen oder kommunistischen Ablösung der verkommenen kapitalistischen Gesetzmäßigkeiten Gestalt annimmt, erweist sich die Jesus-Figur als prominenter Bezugspunkt für Wagners sozialrevolutionäre Anfänge. Hier, wie auch schon im ersten Text dieser Sammlung, verweist Frank auf den »romantischen Sozialismus im Frankreich der 30er und 40er Jahre des 19. Jahrhunderts« (S. 31 f.) als Quelle für Wagners Konzeptionen.(5)

Eine abschließende Bewertung der hier versammelten Texte ist nicht einfach, gehen sie doch auf ganz unterschiedliche und weit auseinanderliegende Anlässe zurück. Einerseits enthalten solche Sammlungen unvermeidlich Redundanzen, andererseits hat Frank seine grundlegenden Beobachtungen zur ›Neuen Mythologie‹ bereits umfassender dargelegt. Es freut den Leser, dass diese teils bestechenden Analysen eines der besten Kenner der romantischen Philosophie und Literatur auch in Bezug auf Wagner nun gesammelt vorliegen. Noch lieber hielte man freilich ein durchgeschriebenes Buch zu den frühromantischen Kontexten von Wagners Werk in Händen.

Die meisten Fragen hinterlässt die Sammlung vielleicht dort, wo sie Franks spezifische Auslegung der ›Neuen Mythologie‹ auf Richard Wagner projiziert. Es ist klar, dass die Romantik und mit ihr wohl auch Wagner aus reaktionären Fahrwassern herausmanövriert werden sollen. Aber trifft es tatsächlich den Kern der romantischen Mythologie, wenn sie durch das Habermassche Kommunikations- und inzwischen ja auch Religionsmodell geläutert wird? Geht es ihr allein um die Suche nach normativen Stützen oder entdeckt die Romantik nicht im gleichen Zuge auch eine Politik der Affekte und der Selbstermächtigung sowie die Gewalt als notwendiges Substrat politischer Ordnung (gerade die Texte des von Frank so geschätzten Ludwig Tieck gehen solchen Momenten analytisch nach)? Gibt es bei Wagner nicht ein Begehren nach Totalität und Ganzheit, das ihn in ganz anderer Weise an die Romantik verweist? Um diesen Zweig des Wagnerschen Werks zu erschließen, hätte Frank die von ihm nur mäßig geschätzte französische Philosophie hinzuziehen können. Mit Lacoue-Labarthe etwa wäre hier die ›Vollendung‹ einer romantischen Konstellation zu konstatieren, in der »die Kunst nicht ein, sondern der politische Einsatz schlechthin ist«, und es ließe sich dann, ganz im Sinne Wagners, von der »Auferstehung des Politischen als Kunstwerk sprechen«.(6)

Alexander Schmitz, Universität Konstanz, Wissenschaftslektorat, Konstanz University Press, Fach 213, D-78457 Konstanz; E-Mail: alexander.schmitz@uni-konstanz.de


Anmerkungen

(1) Vgl. Manfred Schneider, Was ist ein Volk? In: Merkur 44 (1990) 4, S. 320-326. [zurück]

(2) Vgl. etwa Manfred Frank, Der kommende Gott. Frankfurt/M. 1982, sowie Ders., Gott im Exil. Frankfurt/M. 1988. [zurück]

(3) Vgl. nur Manfred Frank, Das Problem »Zeit« in der deutschen Romantik. Zeitbewußtsein und das Bewußtsein von Zeitlichkeit in der frühromantischen Philosophie und in Tiecks Dichtung. Neudruck mit Nachwort. Paderborn 1990; sowie Ders., Kaltes Herz, Unendliche Fahrt, Neue Mythologie. Motiv-Untersuchungen zur Pathogenese der Moderne. Frankfurt/M. 2. Aufl. 1999 [zuerst 1989]. [zurück]

(4) Gerade dies ist der Vorwurf, mit dem zahllose Gegner Wagners die Prätentionen des Musikdramas verteufelten. Vgl. hierzu nur die Einlassungen von Karl Wolfskehl, Über den Geist der Musik. In: Jahrbuch für die geistige Bewegung 3 (1912), S. 20-32, darin u.a. S. 31: »Alle lebensströme, aus denen nach dem untergang der Antike das christliche Europa sich nährte und formte, vereinigen sich von fremdesten süss zum enden lockenden schauern durchzittert im Wagnerischen werk, und dies dufterfüllte aufschäumen alles gewesenen, dies meerleuchten, dies heraufglänzen versunkener horte bewirken die unentrinnbar laute, bis zur letzten hingabe, zur selbstverschleuderung reissende zauberkraft seines werkes«. [zurück]

(5) Hierzu finden sich ausführliche Darlegungen in Der kommende Gott. [zurück]

(6) Philipe Lacoue-Labarthe, musica ficta (Figuren Wagners). Stuttgart 1997, S. 53. [zurück]