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In: KulturPoetik 2010, Heft 1

Autor

Sebastian Böhmer

Titel

Dichtung und Musik – Wie schreibt man über Musik?
Thorsten Valk, Literarische Musikästhetik. Eine Diskursgeschichte von 1800-1950. Frankfurt/M.: Vittorio Klostermann 2008. 469 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Um 1800 findet in Deutschland eine Neubewertung der Musik als höchste Kunstgattung statt. Doch wird diese zunächst nicht in der musikalischen Praxis selbst realisiert, z.B. als Neuerung kompositorischer Prinzipien, sondern in der sich gerade entwickelnden frühromantischen Literatur theoretisch entwickelt. Mit dieser Beobachtung beginnt Thorsten Valks Studie zur literarischen Musikästhetik in der deutschen Literatur von 1800 bis 1950. Musik wird nun nicht mehr als mimetische, sondern als autonome Kunst verstanden. Sie bildet nichts ab, weder die Natur und ihre ewigen ›Gesetze‹ noch den Menschen, so dass sie den romantischen Bedürfnissen nach Freiheit und Bewegung idealiter entspricht. Wenn nun, wie die Romantiker dies denken, die Realität und die Kunst nicht mehr in einem Abbildungsverhältnis zueinander stehen, dann sind sie in zwei wesentlich getrennte Seins-Bereiche zu unterscheiden: die als profan und banal abgewertete irdische Wirklichkeit und die schönere-höhere poetische Kunstwelt.

Auf dieser bekannten, von Valk ausführlich referierten Konstruktion basiert die romantische Neubewertung der Musik, die vielfältige Wirkungen bis weit ins 20. Jahrhundert entfalten wird. Valk nennt sie das Zwei-Welten-Modell und es ist, so die wichtige These seines Buches, nach 1800 eigentlich nicht mehr möglich, im deutschen Sprachraum noch anders als innerhalb dieser Konzeption über Musik zu denken und zu schreiben. Das Zwei-Welten-Modell bleibt sogar bei den Künstlern, die sich kritisch oder ablehnend zur romantischen Musik stellen, das konkurrenzlose Darstellungsschema.

Zur Überprüfung dieser These hat Thorsten Valk seine Habilitationsschrift in sechs Kapitel geteilt. Auf eine allgemeine Einleitung folgen zwei Abschnitte zur Romantik, einer über Wackenroder/Tiecks Berglinger-Figur und einer über Hoffmanns Ritter Gluck (1809/14). Diese drei Kapitel bilden jedoch als Einheit die eigentliche Einleitung, denn in ihnen legt Valk das Fundament aller folgenden Untersuchungen. Von ihnen geht er in den stets umfangreicher werdenden letzten drei Kapiteln über Mörikes Mozart auf der Reise nach Prag-Novelle (1856), Werfels Verdi-Roman (1924/30) und Thomas Manns Doktor Faustus (1947) aus. Es ist leicht, diese Wahl als willkürlich zu kritisieren und an ihr zu beckmessern, doch Valk hat sie als gleichsam ›neuralgische Punkte‹ in dem abgesteckten diskursgeschichtlichen Bogen nicht zufällig gewählt. Natürlich hätte der Autor auch andere prominente Texte wie Grillparzers Armen Spielmann (1848) heranziehen oder die Fortschreibung des Zwei-Welten-Modells in der Moderne, so z.B. bei Robert Schneiders Schlafes Bruder (1992) untersuchen können – es gehört ja zum Wesen eines Diskurses, dass er, obgleich in sich begrenzt, nicht zu erschöpfen ist. Den von ihm befragten Werken gewinnt er jedenfalls signifikant verschiedene Variationen seiner Ausgangsbeobachtung ab, so dass die Auswahl durch die Ergebnisse zu überzeugen vermag. Kleine, meist mit der Hinzuziehung von Carl Dalhaus’ Arbeiten gründlich recherchierte und erfreulich zugängliche musikhistorische Abschnitte leiten die Kapitel ein und führen in die Geschichte der jeweiligen Thematik und Probleme. Methodisch ist Valk traditioneller Hermeneutiker. Er bleibt eng an den Texten und entwickelt ihr Potential aus ihnen selbst.

Alles beginnt – auch bei Valk – mit der Figur des Joseph Berglinger. Wackenroder und Tieck erfinden diesen hypersensiblen Jüngling in den letzten Jahren des 18. Jahrhunderts und installieren mit seiner Hilfe eine beispiellose Überhöhung der bis dato eher als höfisch-adlige Gebrauchskunst definierten Musik. Musik ist dem an der profanen Alltagswelt leidenden Anti-Helden in schlichter Umwertung einfach alles, dementsprechend übersteigert und kitschaffin wirkt das von Wackenroder/Tieck entwickelte musikästhetische Modell. Diese »Sakralisierung der Tonkunst« (S. 16) hat nun interessanterweise nicht so sehr ein Rechtfertigungs- denn ein Darstellungsproblem. Musik ist den Romantikern ein eigengesetzliches außer-, d.i. übersprachliches Zeichensystem und vermag als Totalitätserfahrung jede rationale Wirklichkeitsdimension hinter sich zu lassen. Schreiben über Musik führt somit immer in das Paradoxon der Unsagbarkeit: »Wie kann die Sprache, auf welche die Musikästhetik als literarisches Phänomen immer angewiesen bleibt, gerade das in Worte fassen, was sich ihr per definitionem entzieht?« (S. 17) Aber im Spannungsfeld von Sprachskepsis und literarischem Ausdruckstrieb verhilft gerade das Unsagbare in seiner kalkulierten Leerstelle dem Absoluten zumindest kurzzeitig zur Erscheinung. Neben dem Unsagbaren unterscheidet Valk noch zwei weitere musikästhetische Transformationsmodi: Erstens das ›Übersetzen‹ der Töne und Klangfiguren in sprachliche Bilder und zweitens das Beschreiben des Erlebens von Musik. Beide Transformationsmodi sind der romantischen ›als ob‹-Sprache verpflichtet. Sie konstituiert die zwei Welten, indem sie den poetischen Seinsbereich immer als unaussprechlich erscheinen lässt und ihn in einen sprachlich realisierbaren anderen, irdisch-sinnlichen ›als ob‹-Zustand überträgt. An einen Ausgleich ist bei ihnen nicht gedacht.

Dieser bleibt E.T.A. Hoffmann vorbehalten. Im Mittelpunkt des Hoffmann-Kapitels steht nun aber überraschenderweise nicht die Figur des Johannes Kreisler, sondern die kurze, frühe Erzählung vom Ritter Gluck. Als dieser dem Erzähler auf dem Klavier vorspielt, sagt er: »Alles dieses, mein Herr, habe ich geschrieben, als ich aus dem Reich der Träume kam« (S. 119). So spricht der Sonderling im Namen Hoffmanns aus, wie der gelungene Transfer vom Reich der Poesie hin zur Wirklichkeit in der Form des Werks stattfindet. Das poetische Erlebnis in der anderen Welt, im »Reich der Träume«, wird gestaltet und verfestigt in der diesseitigen Welt. Bei Wackenroder/Tieck verlässt der Adept die sinnlich-plumpe Realität und steigt in ein transzendentes Reich der Poesie ohne Bezug zur anderen Wirklichkeit auf. Bei Hoffmann herrscht jedoch keine Metaphysik mehr, sondern es gibt nur verschiedene Interpretationen einer Welt, die immer zugleich wahr sind. Dennoch bestätigt diese Hoffmannsche Modifikation des Zwei-Welten-Modells Valks These vom musikästhetischen Diskurs. Denn wenn Hoffmann dieses Modell implizit angreift und mittels seiner Figuren als Gefährdung ausgibt, jedoch keinen Ersatz anzubieten vermag, dann ordnet er sich, wenn auch kritisch, in den Diskurs ein und schreibt diesen – ungleich wirkungsmächtiger noch als die beiden Frühromantiker – fort.

Dieser umfangreichen Grundlagenarbeit zur Romantik und ihrer Erfindung des Zwei-Welten-Modells in den Kapiteln eins bis drei folgt im vierten Kapitel das Juwel dieser Studie, eine kurze und präzise Analyse der gleichermaßen berühmten wie falsch, nämlich biedermeierlich verlesenen, Mörike-Novelle Mozart auf der Reise nach Prag, die bereits Gegenstand eines Aufsatzes des Autors im Jahr 2006 war.(1)  Dem gemütlich-wolkenlosen Mozart-Bild der Jahrhundertmitte stellt der jahrzehntelang als harmloser Pfarrer-Dichter missdeutete Mörike den psychologischen Abgrund einer Künstler-Seele in Form einer memorierten Kompositionsszene entgegen, die dann von der gräflichen Gesellschaft durch die aufgeführte Musik – es ist die Höllenfahrt des Don Giovanni – auch als Daseins-Abgrund wahrgenommen wird. Die zwei Welten geraten dabei zunächst durch die heitere Landadeligen-Gesellschaft und Mozarts unbekümmertes Verschwenden und Ausgeben von Musik (und sich selbst) in Vergessenheit, so, als wäre der Künstler als ›weltlich‹ intakter Mensch denkbar und beide Daseinsebenen harmonisch vereint. Doch zum Ende der Novelle hin ist es dann doch wieder die exklusive Teilnahme an der anderen, poetisch-dämonischen Seite, ist es dem nächtigen und das Subjekt isolierenden Reich der Phantasie geschuldet, wenn Kunst geschaffen wird. Mörikes Mozart-Novelle unterläuft auf zarteste Weise die Imagination vom bürgerlichen Künstler und bedient sich dabei bestätigend der romantischen zwei Welten, von denen letztlich eben doch die poetische Gegenwelt den entscheidenden Faktor ausmacht.

Der Künstler als ›weltlich‹ intakter Mensch – damit operiert Franz Werfel in seinem Verdi-Roman ganz ausgesprochen. So nimmt Valk mit seinem Werfel-Kapitel eine neue Spielart der Zwei-Welten-Dichotomie in den Blick: die Frage nach der Autonomie der Kunst oder ihrer Anbindung an die (durchaus gesellschaftlich) aufgefasste Realität. Dabei kann er dem zu Recht, wenig beachteten Verdi-Roman eine Systematik ablesen, die in ihrer konzisen Zusammenführung und Deutung wissenschaftlich überzeugt. Problematisch ist jedoch, dass Werfel kein Dichter ersten Ranges ist. Das sollte berücksichtigt werden, da sich Werfels kitschnahes und tendenziös-vereinfachendes Schreiben auch auf die wissenschaftlichen Analysen auswirkt.

Werfel will ja gar nicht über Musik schreiben, sondern mit der Hilfe der Musik etwas über Dekadenz und die Möglichkeiten ihrer Überwindung sagen. Dazu beschwört er die schwelgerisch-überladene Luxuswelt des in Venedig weilenden Richard Wagner und kontrastiert sie mit der einfachen und weltweisen Volksnähe seines Protagonisten. So stellt Werfel in reichlich schlichter dialektischer Gedankenarbeit Melodie gegen Harmonie, Prunk gegen Bescheidenheit, Denken gegen Fühlen, Elite gegen Volk, Impotenz gegen Fruchtbarkeit. Dies alles wird von Valk einwandfrei systematisiert und einleuchtend vorgeführt. Seine These vom angewandten Zwei-Welten-Modell besteht auch hier die Prüfung, geht der Roman doch von der Trennung der Wirklichkeit zur Poesie als Dekadenzphänomen aus und sucht einen Ausgleich, den er zuletzt in Verdis spätem Musikschaffen zu finden glaubt.

Im Mann-Kapitel wird schließlich der von Wackenroder bis Werfel eng abgesteckte Fragerahmen angesichts der immensen Vielfalt des Doktor Faustus gesprengt und zu Gunsten einiger Darstellungen von Anspruch und Problematik der Zwölftonmusik erweitert. Auch Manns Schreiben über Musik arbeitet sich dabei noch wesentlich am Zwei-Welten-Modell ab, und auch er behandelt die Musik, ganz wie einst die im Roman kritisierte Romantik, als Sonderform der Künste. Der ›Sündenfall‹ der Isolation, das Sich-Versenken in die Sphäre der Musik und der Ausschluss der ›Welt‹ bei Leverkühn ist Thema des Romans. Mann, in gesteigerter Fortschreibung Hoffmanns, lässt keinen Zweifel: Das Genie geht den falschen Weg, wenn es eindimensional nur in der Innerlichkeit der Kunst lebt und wirkt. So kommt der von Valk eruierte Diskurs zwar auch hier nicht zu einem Abschluss, aber zu einem, wenngleich vertrackten, Ende, das in der Figur des Erzählers Serenus Zeitblom vielleicht einen bisher von der Forschung noch ganz ungesehenen Ausweg aus der romantischen Misere bereithält.

Valks diskursgeschichtliche Studie zur Literarischen Musikästhetik von 1800 bis 1950 ist eine literaturwissenschaftliche Arbeit im besten Sinne des Wortes. Der Autor stellt sich ganz hinter die sich selbst gegebene Aufgabe, verschwindet fast zu einer unpersönlichen Analyse-Instanz, immer ist ihm das Resultat, die Erkenntnis das Entscheidende. Hier waltet kein peinlich allgemeiner Welt- oder Kunsterklärungsanspruch, kein fachwortgewaltiges, aufgeblähtes Umherirren in den Labyrinthen der Literaturtheorie. Valk, traditioneller Hermeneutiker durch und durch, arbeitet am und mit dem Stoff, entfaltet dessen Potential und legt zugleich einen kulturhistorisch unbezweifelt wichtigen Diskurs mannigfaltig offen. Die Stärke dieser Arbeit besteht vor allem im fundierten Nachvollzug der These vom wirkungsmächtigen romantischen Zwei-Welten-Modell der Musikästhetik. Gründlich, gelehrt, wissenschaftlich-sachlich fast bis zur Teilnahmslosigkeit gegenüber den Qualitäten der besprochenen Texte – so manches Mal wünscht man sich geradezu einmal ein Urteil des doch kenntnisreichen Verfassers! – ist die Literarische Musikästhetik ein geglückter Versuch, das musikästhetische Diskurs-Ganze über dessen Teile zu verstehen und zu vermitteln.

Dr. Sebastian Böhmer, Technische Universität Berlin, Deutsche Philologie, Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Sekretariat H 60, Straße des 17. Juni 135, D-10623 Berlin; E-Mail: sebastianboehmer@gmx.de


Anmerkungen

(1) Thorsten Valk, Vom Hochzeitslied zum Höllenbrand. Mörikes Novelle »Mozart auf der Reise nach Prag« im Interferenzbereich zwischen biedermeierlicher Musikkultur und romantischer Musikästhetik. In: Zeitschrift für deutsche Philologie 125 (2006) 4, S. 536-560. [zurück]