Detailansicht

In: KulturPoetik 2010, Heft 1

Autor

Johannes Schlegel

Titel

Ins Fabelbuch geschrieben. Ein Sammelband über Absenz und Faszination des Bösen
Werner Faulstich (Hg.), Das Böse heute. Formen und Funktionen. München: Wilhelm Fink 2008. 330 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Die Rede über das Böse ist seit ein paar Jahren wieder en vogue. Anlass dazu scheinen etwa die von George W. Bush in seiner State of the Union Address vom 29. Januar 2002 identifizierte ›Achse des Bösen‹ oder, vielmehr noch, die Anschläge vom 11. September zu sein. Auf diese – freilich nicht ausschließlich – akademische Renaissance des Bösen reagiert vorliegender Sammelband, dessen Cover auch gleich eine leicht verfremdete Aufnahme der in sich zusammenstürzenden Twin-Towers ziert. Er geht zurück auf eine Tagung, die im Oktober 2007 von Werner Faulstich an der Leuphana Universität Lüneburg veranstaltet wurde. Erklärtes Ziel der Veranstaltung war nicht nur, den unzähligen Repräsentationen und Figurationen des Bösen in unterschiedlichen Feldern der Kultur und ihren Medien nachzuspüren. Vielmehr sollte zum einen nach der Aktualität und spezifischen Ausformungen, eben nach dem ›Bösen heute‹ gefragt, zum anderen sollten die Ergebnisse über die Grenzen einzelner Disziplinen hinweg und »unter dem Dach einer integrativen Kulturwissenschaft« (S. 10) zueinander in Beziehung gesetzt werden. Um es gleich vorweg zu nehmen: Der Band ist dort am stärksten, wo dieses Vorhaben gelingt und mithin deutlich wird, dass Medienkulturwissenschaft nicht vom Dilettieren in fremden Gefilden, sondern von der Dialogizität verschiedener Fächer lebt.

Dass ein so verstandener kulturwissenschaftlicher Ansatz geboten erscheint, macht der Herausgeber in seinen knappen einführenden Vorbemerkungen deutlich, die einen zwar eher groben Abriss über Forschungspositionen bezüglich des Bösen bieten, dennoch aber »Defizite und Desiderate« benennen können:

Erstens sind viele Arbeiten älteren Datums und bedürfen im 3. Jahrtausend dringend einer kritischen Reflexion. […] Zweitens muss die Bandbreite der Stellungnahmen mit Blick auf ganz neue Phänomene ergänzt werden. […] Drittens geht es darum, die Disziplinen stärker als bisher auch ins Gespräch miteinander zu bringen (S. 16 f.).

Diese Vorgaben werden von den meisten Beiträgern konsequent und einleuchtend umgesetzt. Sie spiegeln sich bereits in jenen vier Gruppen wieder, zu denen die insgesamt dreiundzwanzig einzelnen Beiträge zusammengefasst werden und die mitunter so disparat erscheinende Fächer wie beispielsweise Rechtswissenschaft/Kriminologie, Geschichtswissenschaft, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Kulturgeographie/Tourismuswissenschaft und schließlich Sozialpädagogik zu einer einzigen Sektion (S. 171-224) vereinigen. Die übrigen Abschnitte gruppieren Theologie, Religionswissenschaft und Philosophie/Ethik zusammen (S. 23-98), Literaturwissenschaft, Musikwissenschaft und Kunstwissenschaft (S. 99-170) sowie Medienwissenschaft, Kulturwissenschaft und Cultural Studies (S. 225-321).

Gerade aus dieser Streuung bezieht der Sammelband als Ganzes eine gewisse Spannung, aber auch seinen Reiz: Einerseits etwa sind sich nahezu alle Autorinnen und Autoren darin einig, dass dem Bösen kein ontologischer Status zukommt: »Das Böse gibt es nicht wirklich. Wir haben es erfunden. Das Böse ist eine Chiffre, ein Konstrukt«, stellt Werner Faulstich in seiner »Nachlese« zusammenfassend und durchaus stellvertretend fest (S. 319). Andererseits beobachtet der Band eine erstaunliche Vielzahl unterschiedlicher Phänomene des Bösen und ihre entsprechenden Medien.

Ich beschränke mich im Folgenden auf Beiträge, die derartige Spannungen produktiv reflektieren: Emer O’Sullivan beispielsweise untersucht die Verortung des Bösen in der Kinder- und Jugendliteratur und zeigt, wie gerade in jüngeren Texten – etwa den Harry Potter Romanen – eine Neuperspektivierung vorgenommen wird. Zwar sei die Repräsentation des Bösen mitunter immer noch didaktisches Mittel zum Zweck, dennoch sei J. K. Rowlings Titelheld, obwohl Kind, nicht automatisch gut. Vielmehr habe er die Wahl zwischen Gut und Böse – und darin zeige sich ein Aspekt der conditio humana, der steuerbar ist. Dieser Aspekt wird auch in dem Aufsatz des Moraltheologen Klaus Arntz über die Entdramatisierung des Bösen aus moraltheologischer Sicht herausgestellt und aus ethischer Perspektive reformuliert.

Carola Meier-Seethaler bietet mit Überlegungen über Das Böse als Produkt gescheiterter menschlicher Sinnsuche zwar einen mitunter etwas unterkomplex wirkenden, weil zuweilen etwas undifferenzierten patriachats- und vor allem medienkritischen Ansatz, eröffnet aber zugleich eine Reihe mehrerer, ähnliche Überlegungen vertiefend ausführender Aufsätze: So beleuchtet Johanna Christine Janowski Das Böse in der Perspektive der Geschlechterdifferenz und zeigt die Genese einer westlich-christlichen, phallozentrischen Kultur auf Kosten einer Inferiorisierung der Frau bis hin zu deren konstitutiver Stigmatisierung als ›böse‹. Udo Göttlichs medientheoretischer Aufsatz Das Böse im Antlitz der Medien der Gesellschaft beschreibt – unter Bezugnahme auf die Kritische Theorie und Zygmunt Baumann einerseits wie auf Jean Baudrillard und Roger Silverstone andererseits – das Böse als ein »Medienspiel«, dessen Konstruktion immer auch theorie- und weltbildabhängig ist.

Grundsätzlich lassen sich viele der Beiträge so lesen, dass sie die Frage nach einer spezifischen Medialität des Bösen überhaupt stellen. Grundlage dafür ist, wie Knut Hickethier (Sinn und Funktion medialer Konstruktionen des Bösen) überzeugend argumentiert, gerade die Annahme, dass das Böse nur als narratives Konstrukt, also nicht als seiner Darstellung vorgängig, existiert. Wie dieses Böse nun zu gestalten und somit auch beherrschbar zu machen ist, so Hickethier weiter, ist letztlich abhängig vom jeweiligen Medium der Erzählung. Dementsprechend böten beispielsweise Literatur, Malerei und der Film jeweils spezifische Modi der letztlich performativen Hervorbringung des Bösen.

Gerade diese Modi stehen auch im Fokus weiterer Beiträge. Birgit Richard und Jan Grünwald stellen etwa in Charles Manson tanzt auf den Achsen des Bösen im Web 2.0! Zur Re-Dramatisierung des Bösen in der digitalen medialen Alltagskultur fest, dass dem »Trend zur allgemeinen sozialen Entdramatisierung des Bösen dessen mediale Aufwertung gegenüber« steht (S. 167). Webportale wie YouTube ermöglichten nicht nur neue Formen theatraler Inszenierungspraktiken, sondern auch die Erfahrung und Verhandlung von »Polysemie und Polyvalenz eines Phänomens« (S. 166). Das bedeutet nicht zuletzt auch eine Aneignung im Sinne Fiskes (detaillierter hierzu auch der Beitrag von Hans-Otto Hügel: Spielformen des Bösen in der populären Kultur).

Heinz Gramann (Von der Faszination des Schreckens zur Sehnsucht nach Transformation: Reflexionen und Assoziationen zu Tendenzen der Musik im 20. Jahrhundert) beschreibt mediale Strategien zeitgenössischer E-Musik, das Undarstellbare darzustellen (u.a. bei Luigi Nono, Olivier Messiaen und Arvo Pärt). Welche Möglichkeiten zur Darstellung unterschiedliche Medien besitzen, wird auch in Marcus Stigleggers Aufsatz Der dunkle Souverän: Die Faszination des allmächtigen Gewalttäters im zeitgenössischen Thriller und Horrorfilm deutlich. Anders als der Titel vermuten lässt, konzentriert sich die Analyse, nach einleitenden Bemerkungen zu Zodiac, The Silence of the Lambs und Mr. Brooks, auf Francis Ford Coppolas Apocalypse Now und zeigt, wie gerade der Film über die literarische Vorlage Joseph Conrads hinausweist.

Stephan Günzels Böse Bilder? Sehenhandeln im Computerspiel schließlich wendet sich Videospielen zu. Mit vorbildlicher Klarheit argumentiert er, Computerspiele als ein eigenständiges Medium zu betrachten, deren Besonderheit er im titelgebenden Sehenhandeln sieht. Dieser bildtheoretische Ansatz, der die Interaktion mit dem Bildobjekt beschreibt, setzt sich bewusst von narratologischen (›Spiele sind eine Art avancierter, interaktiver Hypertexte‹) und ludologischen (›Spielen als die Umsetzung von Regelhaftigkeit und Regelbefolgung‹) Beschreibungsmustern ab und führt dazu, dass das Böse als Kategorie zur Analyse von Computerspielen nicht mehr verfügbar ist. Günzel führt diese medientheoretischen Überlegungen anhand berühmt-berüchtigter Egoshooter wie Counterstrike aus: Nach dem Bösen zu fragen hieße hier, es entweder auf der Ebene der Erzählung als ein Teil der Geschichte zu verorten, oder aber in Form einer Regel oder Handlungsanweisung. Beide Betrachtungsweisen würden aber der Medialität des Computerspiels nicht gerecht: »Dass es in der Forschungsliteratur zu Computerspielen bislang keine Studie über das Böse gibt, ist daher kein Mangel, sondern nur konsequent« (S. 296). Mehr von dieser Nüchternheit und Reflexionsfähigkeit wäre für so manche Killerspieldebatte wünschenswert.

Doch auch in diesem bedenkenswerten Buch steckt der Teufel mitunter im Detail: Eine gründlichere Schlussredaktion wäre vorteilhaft gewesen. Redundante Einträge in der Bibliographie hätten so vermieden werden können, ebenso wie einige falsch geschriebene Namen, was gerade bei den Namen der Beiträger ärgerlich auffällt. Durchaus unklar bleibt zudem, wie sich der Aufsatz von Ernest W. B. Hess-Lüttich Zur Rhetorik der diskreten Indiskretion in Fontanes L’Adultera in die Gesamtkonzeption des Bandes einfügt.

Eine Qualität des Bandes besteht indes darin, vielfältige Überlegungen zu weiterführenden  Forschungsprojekten anzuregen: Insbesondere scheinen noch grundsätzlichere Untersuchungen zum Zusammenhang von Medien und dem Bösen geboten: Vielversprechend wäre etwa die Verwendung eines Medienbegriffs, der nicht so stark auf seine ausschließlich technische Verwendung eingeschränkt ist. Des Weiteren wäre der in einigen Beiträgen des Bandes formulierten Beobachtung, dass in zunehmendem Maße der Mensch im Mittelpunkt des Bösen steht, nachzugehen, dass Narrationen des Bösen also auch immer ihre eigene Anthropologie entwerfen. Besonders vielversprechend scheint schließlich, ethische Fragen stärker zu berücksichtigen, als dies im vorliegenden Band geschehen ist: Diese stellen sich ja gerade angesichts der vielfach beschriebenen Faszination des Bösen. Natürlich ist es nicht nötig, jede gerade modische ›Wende‹ auch selbst zu vollziehen – der ethical turn indes wirkt, vom Beitrag Klaus Arntz’ einmal abgesehen, eigentümlich absent. Somit stellt auch ›das Böse heute‹ nach wie vor eine aussichtsreiche Herausforderung an die Kulturwissenschaften dar: Den Bösen sind sie los, die Bösen sind geblieben.

Johannes Schlegel, Georg-August-Universität Göttingen, Seminar für Englische Philologie, Käte-Hamburger-Weg 3, 37073 Göttingen; E-Mail: johannes.schlegel@phil.uni-goettingen.de