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In: KulturPoetik 2010, Heft 1

Autor

Björn Bühner

Titel

Kulturkritik und Moderne. Die Kunst, die Gegenwart zu verachten?
Ralf Konersmann, Kulturkritik. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2008. 136 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Die Kulturkritik ist ein ebenso kunterbunter wie gern geprügelter Hund, der schwer zu fangen ist. Ralf Konersmann bemüht sich dennoch seit einiger Zeit darum.(1) Hat die bisherige Forschung vor allem versucht, die antidemokratischen Konsequenzen kulturkritischer Intervention offenzulegen,(2) verfolgt er ein differenzierteres Projekt: Er möchte zeigen, dass Kulturkritik zwingender Bestandteil der Moderne ist, ja, dass es die Moderne ohne diese Kritik eigentlich gar nicht gäbe. Dieser Gedankengang ist ein wichtiger Schritt in der Erforschung der Kulturkritik, der zu mehr Gelassenheit im Umgang mit ihr einlädt.(3) Konersmanns Bemühungen ergänzen allerdings sein bisher schon vielfältiges Engagement in der Kulturphilosophie. Sie sind deshalb nicht so ergebnisoffen, wie sie zunächst erscheinen. Viel spricht dafür, dass Konersmann seiner eigenen Disziplin – der Kulturphilosophie – mit Kulturkritik ein Programm zu schreiben versucht.(4)

Dieses Programm hat zwei Einschränkungen zur Voraussetzung: Erstens sei die hier gemeinte Kulturkritik ein Kind der Moderne und deswegen zweitens eine spezifisch ›westliche‹ Form der Selbstreflexion moderner Gesellschaft. In den beiden ersten von insgesamt neun Kapiteln skizziert Konersmann so knapp wie treffend die Konstituenten der Moderne, unter denen Kulturkritik heute zu arbeiten hat: Kontingenz, Pluralisierung, metaphysische Obdachlosigkeit und anderes mehr. Er übernimmt dabei Lévi-Strauss’ Unterscheidung zwischen ›kalten‹ und ›heißen‹ (und d.h. vormodernen und modernen) Kulturen und unterscheidet gleichzeitig eine »restitutive« und eine »postrestitutive Phase« der Kulturkritik (S. 26). Restitutive Kritik sei vormodern insofern, als sie sich auf eine höhere Wahrheit verlassen könne. So verfolge sie ihr eigentliches Ziel: die Verfestigung oder Wiederherstellung eines (scheinbar) gefährdeten gesellschaftlichen Zustands. Postrestitutive Kritik hingegen könne sich als Kind der Moderne unter ein solches Obdach nicht mehr stellen. Es gehe ihr auch nicht um die Zementierung bestimmter gesellschaftlicher Zustände. Vielmehr treibe sie die Ausdifferenzierung der Moderne voran. Sie sei ein regelrechter Kontingenzmotor. Denn indem sie alles, was ist, sogleich infrage stelle – also historisiere –, schaffe sie nicht nur ein Bewusstsein der historischen Bedingtheit der eigenen Existenz. Sie mehre so auch das Wissen darum, dass es anders sein kann, als man denkt.

Die Methode, mit der Konersmann sein Programm schreibt, ist die Genealogie, und er erzählt in den folgenden Kapiteln eine Geschichte der Aufklärung – jener Zeit, in der postrestitutive Kulturkritik entstand. Rousseau ist ihm dabei der Urvater dieser Kritik. Dessen Ästhetik steht folgerichtig im Mittelpunkt der Geschichte Konersmanns:(5) Rousseaus Kritik sei im Wesentlichen eine »Kritik ohne Subjekt« (S. 49), weil sie einer metaphysischen Rechtfertigung nicht bedürfe. Ihr fehle außerdem jener »triumphale Gestus, jene spezifische Arroganz und jenes Sendungsbewußtsein, das [etwa] die Enzyklopädisten beflügelt hatte« (S. 50 f.). Den »Standpunkt der Unbelangbarkeit« (S. 73), der realiter nicht mehr zu haben sei, konstruiere Rousseau fiktiv. Er entwerfe mittels der »Hybridform des literarischen Fremdblicks« ein »fiktives Außen, einen künstlichen Beobachterstandpunkt« (S. 68). Dieser fiktionale »Nicht-Ort« legitimiere so die Kritik (S. 68). Er ermögliche Anteilnahme und schaffe gleichzeitig Distanz. Außerdem nehme Rousseau Schlegels Ironiekonzept vorweg und erreiche damit eine »Streuung der Autorschaft« (S. 86), die sich dann als »Desubjektivierung« niederschlage (S. 95). Da die Kritik somit unabhängig vom Subjekt existiere, sei sie prädestiniert, sich in das diskursive Parlando einzureihen, das die Moderne als kritisches Gemurmel begleite.

Konersmann gesteht allerdings, dass Rousseau das »wahre Wissen« nur einer »kleinen Schar von Auserwählten« vorbehält (S. 83); ja, die legitime Wirkungsstätte des Kritikers sei sogar die »bis zur Fremdheit und Unzeitgemäßheit hochgetriebene solitäre Existenz« (S. 84). Dieser elitäre Gestus verträgt sich allerdings schlecht mit der angesprochenen Ironie, und mir scheint, als fände der fiktionale ›Nicht-Ort‹ hier sein soziales Äquivalent – und das solitäre Ich in sich selbst seine Wahrheit. Kann es sein, dass Rousseau das fiktive Außen bloß konstruiert, um die eigene Wahrheit unangreifbar zu machen? Immerhin beruft sich Konersmann, wenn er Rousseau als Ironiker zu verstehen sucht, auf Rousseaus zweiten Brief an Malesherbes, in dem Rousseau im Nachhinein den Ersten Diskurs als »Zeugnis einer Eingebung« beschreibt und sich selbst in »Beziehung zu einer höheren Instanz« stellt (S. 87). Metaphysik und Ironie gehen schlecht zusammen. Es spricht daher viel dafür, dass es hier nicht – wie Konersmann darlegt – um die ›Streuung der Autorschaft‹, sondern um die Legitimierung der eigenen Überlegenheit und Urteilskraft geht. Außerdem täuscht die Rede vom ›Nicht-Ort‹ der Kulturkritik allzu leichtfertig darüber hinweg, dass mit der Kulturkritik ja gesellschaftliche Normen formuliert werden. Und »jede gesellschaftliche Norm – claro! – hat einen sozialen Ort, der sich bestimmen läßt«.(6) Dieser Ort ist mittlerweile gut bekannt, denn die Kulturkritik versteckt sich nicht. Sie braucht die ›Öffentlichkeit‹.(7) Es könnte nicht schaden, diese in das Nachdenken über Kulturkritik stärker einzubeziehen und so die Arbeit an der historischen Semantik sozialgeschichtlich zu erden.

Konersmanns gutmütige Rousseau-Lektüre verdankt sich einem Distanzverlust. Rousseau birgt Identifikationspotential. Damit ist ein weiteres methodisches Problem eng verknüpft. Konersmann verbannt in Kapitel 8 all jene, die sein Programm verunstalten könnten – Konservative Revolution, Kritische Theorie –, in die Kategorie des ›Ressentiments‹: »Das Ressentiment ist der mentale Nährboden einer ›schwarzen‹, einer in Phrasen, in fremdenfeindlicher Hetze und schrecklichen Vereinfachungen sich ergehenden Kulturkritik« (S. 112). Der Unwille, sich damit zu identifizieren, ist verständlich. Diese Unterteilung verhindert aber Erkenntnisgewinn. Denn immerhin nutzen beide Formen der Kulturkritik eine ähnliche Semantik, und beide beziehen sich auf ähnliche sozio-kulturelle Probleme und Fragestellungen.(8)

Das Ergebnis dieser identifikatorischen Lektüre schlägt sich sogar auf semantischer Ebene nieder. Kulturkritik sei, so Konersmanns Mantra, »Kritik der Kultur im Namen der Kultur« (S. 103). Das klingt gut, fußt aber auf einem Durcheinander unterschiedlicher Kulturbegriffe. Konersmann überträgt hier seinen eigenen ›weiten‹ Kulturbegriff auf die Argumentationsmuster der interpretierten Autoren. In deren Augen dürfte Kulturkritik aber eher ›Kritik der Zivilisation im Namen der Kultur‹ gewesen sein. Und zwar allein schon deshalb, weil sie eine haargenaue Vorstellung davon hatten, was Kultur sei. So ziert sich Max Horkheimer – mit dem Konersmann sich zwar nicht identifizieren möchte, der aber sehr wohl Kulturkritiker ist – nicht, Adolf Hitler und Donald Duck in einem Atemzug zu nennen:

Zur Welt, die Hitler groß werden ließ, gehört als ihre Freude Disneys Farbenfilm. Die menschenfeindliche, hämische Natur, die insgeheim als solche sich kennt, hört sich am liebsten als die reine Kinderseele angeredet, die nur harmlos Beifall klatscht, wenn es für Donald Prügel setzt.(9)

Solche Denkfiguren zu vernachlässigen, die sich auch nach 1945 zuhauf finden lassen, ist fahrlässig.

Kulturkritik ist dennoch ein erhellendes, lesenswertes und prägnant formuliertes Buch. Dass man sich überhaupt so an ihm reiben kann, spricht eher für als gegen es, denn die althergebrachte Kritik der Kulturkritik eröffnet diese Möglichkeiten meist nicht. Konersmanns eigentliche Leistung ist, dass er Kulturkritik systematisch zu greifen und ihre Funktion im Prozess gesellschaftlicher Modernisierung zu verstehen sucht. Dass man dabei erst einmal nicht zimperlich sein darf, versteht sich von selbst.

Allerdings hebt auch Konersmann die »Reflexionsschranken der Aufklärung« nicht.(10) Denn selbst bei einer positiven Kritik der Kulturkritik geht es letztlich doch um die Bestätigung der Normativität des Interpreten. Das Selbstbild, das Konersmann im letzten Kapitel seines Buches skizziert, legt davon beredtes Zeugnis ab: Kulturkritik heute sei – in Anlehnung an Baudelaire –eine Form bejahter Zeitgenossenschaft, bei der man die Gegenwart zwar nicht verachten dürfe, aber heroisch auszuhalten habe. Diese heroische Pose sei schlechterdings »poetisch« (S. 132). Dass die Kulturkritik »Ausdruck und Agentin der Moderne« (S. 133) sein kann, setzt somit voraus, dass der Kulturkritiker die Moderne stoisch erträgt. Wenngleich Konersmann Pluralisierung, Kontingenz und »Nicht-Arroganz« (S. 132) glaubhaft das Wort redet, trifft er sich hier doch ein letztes Mal mit seinem Gegenstand: Die Moderne erscheint zuvorderst als immerwährende Zumutung.

Björn Bühner M.A., Universität des Saarlandes, FR 4.1 – Germanistik, Postfach 15 11 50, D-66041 Saarbrücken; E-Mail: b.buehner@mx.uni-saarland.de


Anmerkungen

(1) Vgl. Ralf Konersmann (Hg.), Kulturkritik. Reflexionen in der veränderten Welt. Leipzig 2001; Ders. (Hg.), Kulturphilosophie. Leipzig 1996; vgl. auch die von Ralf Konersmann gemeinsam mit John Michael Krois und Dirk Westerkamp herausgegebene Zeitschrift für Kulturphilosophie, besonders Heft 2 (2007) mit dem Schwerpunkt Kulturkritik. [zurück]

(2) Prominente Beispiele sind: Fritz Richard Stern, Kulturpessimismus als politische Gefahr. Eine Analyse nationaler Ideologie in Deutschland. Übers. aus dem Amerikanischen v. Alfred P. Zeller. Bern u.a. 1963; Fritz K. Ringer, Die Gelehrten. Der Niedergang der deutschen Mandarine 1890-1933. Stuttgart 1983. [zurück]

(3) Vgl. dazu auch Georg Bollenbeck, Eine Geschichte der Kulturkritik. Von Rousseau bis Günther Anders. München 2007. [zurück]

(4) Vgl. Herbert Schnädelbach, Plädoyer für eine kritische Kulturphilosophie. In: Ralf Konersmann (Hg.), Kulturphilosophie. Leipzig 1996, S. 307-326. [zurück]

(5) Diese Geschichte gewinnt dadurch Konturen, dass Konersmann ihr in Kapitel 5 zuerst ihren Widerpart, die ›restitutive Kulturkritik‹, gegenüberstellt. Die vormoderne Form der Kritik differenziert er dort nach dem, was wiederhergestellt werden soll: Vernunft, Wahrheit, das Vollendete oder das Angemessene (vgl. S. 65).  [zurück]

(6) Hans Magnus Enzensberger, Zur Verteidigung der Normalität. In: Ders., Politische Brosamen. Frankfurt/M. 1985, S. 207-224; hier S. 218. [zurück]

(7) Vgl. beispielsweise Bollenbeck (Anm. 3), S. 11: »Und es sind Phänomene der Aufklärung, ein neuer Typus von Intellektuellen und das politisch-philosophische Konzept von Öffentlichkeit, die der Kulturkritik erst den nötigen Resonanzraum verschaffen«; oder sogar Konersmann selbst: Ralf Konersmann, Das kulturkritische Paradox. In: Ders., Kulturkritik. Reflexionen in der veränderten Welt. Leipzig 2001, S. 9-37; hier S. 19. [zurück]

(8) Konersmann unterteilt Kulturkritik in ›weiße‹ und ›schwarze‹, gute und böse Kritik. Abgesehen von der unmöglichen Metapher unterschätzt er so die Komplexität seines Gegenstands. Vgl. auch Ralf Konersmann, Das kulturkritische Paradox (Anm. 7), S. 36 f. [zurück]

(9) Max Horkheimer, Neue Kunst und Massenkultur. In: Die Umschau 3 (1948) 4, S. 455-468; hier S. 461. [zurück]

(10) Niklas Luhmann, Gesellschaftsstruktur und Semantik. Studien zur Wissenssoziologie der modernen Gesellschaft. Frankfurt/M. 1993; hier Bd. 1, S. 11. [zurück]