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In: KulturPoetik 2010, Heft 1

Autor

Bernd Auerochs

Titel

Tales of Yankee Power
Walter Erhart (Hg.), Grenzen der Germanistik. Rephilologisierung oder Erweiterung? Stuttgart, Weimar: Metzler 2004. XLI, 620 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Wie der Herausgeber Walter Erhart gleich zu Beginn zutreffend bemerkt, hat die Reihe der germanistischen Symposien der Deutschen Forschungsgemeinschaft, aus der auch der besprochene Band hervorgeht, »eine Art Grundlagenreflexion der germanistischen Forschung« (S. IX) initiiert. Selbstreflexion des Faches lief dabei immer mit, auch wenn man über »Rom – Paris – London« oder über »Autorschaft« verhandelte. Wie erst bei einer Fragestellung, die den Blick auf die eigene Fachkultur explizit in den Mittelpunkt rückt. Der Titel, den der Band trägt, scheint mit Bedacht gewählt. Er schließt eine zugleich ernste und ironische Geste der Selbstbescheidung – etwa wie in Goethes Grenzen der Menschheit – nicht aus; und er macht zugleich, völlig unironisch, darauf aufmerksam, dass auch ein Fach, das sich nie durch besonders klare Konturen auszeichnete, ein Interesse an einem Wissen um seine Grenzen haben sollte, d.h. um die Unterscheidung zwischen dem, was es leisten, und dem, was es nicht leisten kann. Nimmt man dieses Interesse an Grenzbestimmung ernst, so präsentiert der Untertitel eine klare Alternative: den (resignativen?) Rückzug auf die so genannten Kernkompetenzen des Faches, worin immer auch diese bestehen mögen – und die (dynamische?) Eroberung neuen Terrains. Es ist ein auffälliger Zug des vorliegenden Bandes, dass sich kaum einer der Beiträger an diese Vorgabe einer zur Entscheidung anstehenden Alternative gehalten hat.(1) Jene, die sich in der Vergangenheit klar und entschieden, aus Furcht, den Gegenstand der Literaturwissenschaft zu verlieren, für »Rephilologisierung« stark gemacht haben, haben am Symposion nicht teilgenommen.(2) Umgekehrt haben die Vertreter der kulturwissenschaftlichen Erweiterungsoption ihre Position zwar gelegentlich mit antihermeneutischen Affekten, aber eben nicht mit einem grundsätzlichen Bruch mit der Philologie verbunden. Der Titel, den Steffen Martus für seinen Beitrag gewählt und mit einem Ausrufezeichen versehen hat – Rephilologisierung ist Kulturwissenschaft! – ist insofern alles andere als eine pointierte Ausnahme; eher signalisiert er so etwas wie einen vagen Grundkonsens, dass man doch das eine tun könne und das andere nicht lassen müsse. In den Worten von Nicolas Pethes:

Weder Erweiterung noch Rephilologisierung stehen meines Erachtens in dieser Zuspitzung auf der Tagesordnung. Die Literaturwissenschaft müsste nur dann erweitert werden, wenn sie bereits rephilologisiert wäre, und sie müsste nur dann rephilologisiert werden, wenn ihre Erweiterung mit einer Entphilologisierung einhergegangen wäre (S. 60).

Diese Gegenwartsdiagnose mag etwas selbstzufrieden klingen, weil sie sich weigert, auch nur irgendeine Art von Verlustrechnung aufzumachen. Attraktiv mag sie trotzdem sein, weil sie die Debatte um das Selbstverständnis des Fachs angesichts der herrschenden Synthese von Philologie und Kulturwissenschaft leichthin für irrelevant erklärt und diejenigen, die bereit sind, dieser Diagnose zu folgen, geradezu zwingt, den Blick auf die konkrete Ausgestaltung der Synthese zu richten.

Das Symposion, das vom 22. bis zum 25. September 2003 in Kloster Irsee stattfand, war in vier Sektionen gegliedert, die im Tagungsband in leichter Umgruppierung und unter veränderten Titeln vorliegen: Wissenschaftsgeschichte, Kultur und Wissen, Medien sowie Institution – Vermittlung – Transfer. In diesen vier Sektionen gibt es eine ganze Reihe von Beiträgen, die sich ganz im Sinne von Pethes nach konkreten Möglichkeiten der Erweiterung der Germanistik umsehen und dabei auch fündig werden. So avisiert Silvia Serena Tschopp eine Zusammenarbeit mit der Mentalitätsgeschichte im Bereich der historischen Leseforschung und hebt dabei zu Recht die wechselseitige interdisziplinäre Befruchtung der beiden Disziplinen hervor. Martin Huber weiß, dass die Emotion (sowohl die literarisch gestaltete wie auch die im menschlichen Umgang mit Literatur auftretende) in den letzten Jahrzehnten von der literaturwissenschaftlichen Forschung vernachlässigt wurde, und erhofft sich Besserung dieser Situation durch ein Forschungsprogramm, das mit Neuropsychologie und Hirnforschung in Kontakt tritt. Und Frank Degler stellt Computerspiele als ein neues Forschungsfeld vor, in dem auch die Kompetenzen des Literaturwissenschaftlers (speziell des Narratologen) gefragt sind.(3) An Einfällen, sich auszudehnen, mangelt es der Germanistik demnach nicht. Trotzdem dokumentiert der Band keinen Konsens darüber, dass es nur noch um die Frage gehen könne, was alles man der Germanistik als Forschungsgebiet hinzugewinnen solle. Die Diskussion um das Selbstverständnis der Disziplin wird durchaus geführt – in der Sektion Wissenschaftsgeschichte und vor allem in der umfänglichsten der vier Sektionen, der Sektion Kultur und Wissen.

Unter dem Titel Die Einheit der Philologie (S. 22-44) findet sich in der Sektion Wissenschaftsgeschichte ein nachdenklicher und historisch gut informierter Beitrag von Tom Kindt und Hans-Harald Müller, in dem vorgeschlagen wird, die Einheit der Philologie weniger in einem Programm, in einem Paradigma oder in Verfahrensweisen aufzusuchen als vielmehr in der Aufgabe, die der Philologie gestellt ist: »an der Überlieferung der kulturellen Traditionen mitzuwirken«. Das aber bedeutet zweierlei: Textpflege und Sinnpflege oder »Pflege und Kodifizierung« und »adaptive Vermittlung der Tradition«, also in concreto: »Textkritik und -kommentierung als Bereiche der Traditionsfixierung und -pflege sowie Textauslegung und Literaturgeschichtsschreibung als Felder der Traditionsvermittlung« (S. 42). Allen Versuchen, darüber hinauszugehen und die »Philologie in einer ›Superdisziplin‹ aufgehen zu lassen«, stellen Kindt und Müller eine klare Diagnose: Es war ihnen »Misserfolg« beschieden. Die Reaktion auf die Vernachlässigung der philologischen Kernaufgaben »bestand in der Vergangenheit noch immer in einem Geltungsverlust der Großdisziplin, in der die Philologie aufgehen sollte, und in einer Rück- oder Neu-Besinnung auf philologische Zielvorstellungen« (S. 42 f.).

Kindt und Müller mahnen nicht nur zur Skepsis gegenüber einer Superdisziplin »Kulturwissenschaft«, die alles und jedes als ihren Gegenstand verhandeln kann, ihr Beitrag wirft auch erneut die heikle und alte Frage auf, ob sich die Philologie als ihrem Gegenstand unter- oder überlegen verstehen solle. Als eine Disziplin, die Wissen über Dichtung hervorbringt, nimmt sie wie von selbst eine überlegene Stellung ihr gegenüber ein. Und doch gebietet ihr die Aufgabe der Traditionsvermittlung, das, was ihr Gegenstand zu sagen hat, gebührend ans Licht zu stellen – und sich ihm damit unterzuordnen, auch wenn das »Wissen«, das er enthält, unter modernen Bedingungen sich gar nicht mehr als Wissen qualifizieren kann.(4)  Diesem neuralgischen Verhältnis von Literatur und Wissen widmen sich die ersten drei Beiträge der Sektion Kultur und Wissen (von Koschorke, Alt und Borgards/Neumeyer)(5) – in sehr unterschiedlicher Perspektive. Albrecht Koschorke entwirft ein Szenario moderner Gesellschaften, in dem es zusätzlich zum bekannten Inventar der Systemtheorie auch noch einen »Bereich zwischen den Systemen« gibt, einen »chaotischen, in seinen Koordinaten stets veränderlichen Raum des Dazwischen oder Davor, in dem sich die verschiedenen Rationalitätstypen berühren, kreuzen, mischen, verstärken und widerstreiten« (S. 178 f.). Überraschenderweise – und offenbar gegen gängige universalisierende Kulturkonzepte gerichtet – schlägt er vor, gerade diesen diffusen Bereich »mit dem Begriff der Kultur zu belegen« (S. 179). Über die Beschäftigung mit kulturellen Anfangserzählungen, etwa dem neuzeitlichen Mythos vom Gesellschaftsvertrag, könne die Literaturwissenschaft das Feld der elementaren Zeichen- und Bedeutungsproduktion einer Gesellschaft, der »sozialen Semiosis« in den Blick bekommen. Die Frage, worin die spezielle Kompetenz der Literaturwissenschaft für »soziale Semiosis« bestehen könne, beantwortet Koschorke mit der Auskunft: »weil sie Texte als Schauplatz entstehender oder konfligierender kultureller Codierungen zu betrachten vermag« (S. 183). Indes gibt es seit geraumer Zeit sozial- und kulturgeschichtlich versierte Historiker der politischen Ideen, die die Textualität ihrer Quellen nicht unterschätzen und auch zu lesen verstehen. Man wird abwarten müssen, ob aus der Tastatur eines Literaturwissenschaftlers ein Buch über »den neuzeitlichen Mythos vom Gesellschaftsvertrag« hervorgeht, das uns so nachhaltig über die Grundlagen der sozialen Welt, in der wir leben, zu denken gibt, wie (zum Beispiel) das Werk von John Pocock oder von Quentin Skinner.(6)

Peter-André Alts Entwurf einer Literaturgeschichte als Funktionsgeschichte kulturellen Wissens fasst Literatur als Fiktionalisierung von Wissen. Der Dichter ist der Beobachter zweiter Ordnung, der sich auf Wissensbestände erster Ordnung bezieht, ihr (immer prekäres) Paradoxiemanagement wieder zur Erzeugung von Paradoxien verwendet, vermeintliche Sicherheiten durch »toxische« Beobachtung (Luhmann) unterläuft. Eine Kurve klüger findet sich der Literaturwissenschaftler in der Position des Beobachters dritter Ordnung, der mit der von der Literatur praktizierten »toxischen« Beobachtung zurechtzukommen und einen Standpunkt zu gewinnen versucht, der es ihm erlaubt, »das Feld der Wissensfiktionen vom Rand zu beobachten, gleichzeitig aber in ausgedehnten Wanderungen zu durchqueren« (S. 209). Alts Beitrag enthält eine Polemik gegen Heinz Schlaffer, der – in einer merkwürdigen Verkürzung des Anliegens von Schlaffers Buch Poesie und Wissen – als eine Art zweiter Odo Marquard, als Theoretiker der Kompensation der Schäden der Moderne durch Poesie und Philologie kritisiert wird (S. 189-193).(7) Aber Schlaffer handelte nicht zuletzt vom Gegensatz von Poesie und Wissen und dessen Genese. Es mag unbestritten sein, dass, wie etwa ein Blick ins Werk von Flaubert oder Borges lehren kann, die Literatur in der Lage ist, mit dem Wissen grandiose Spiele zu spielen. Aber berechtigt das allein schon zur generalisierenden Rede von »literarischem« oder »poetischem Wissen«? Und zur generalisierenden Beschreibung von Literatur als (fiktionalisierender) Transformation von Wissen? (8) Erinnert nicht die Literatur vielmehr an das, wovon das Wissen Wissen zu sein beansprucht? Und besteht die eigentliche Paradoxie der Literatur nicht vielleicht darin, dass sie kognitiven Gehalt und kognitive Relevanz hat, obwohl sie kein Wissen ist?

Alts Annäherung der Literatur- an die Wissensgeschichte bewahrt eine gewisse zögerliche Zweideutigkeit, gerade weil sein genuines Interesse an der Eigentümlichkeit der Literatur unverkennbar ist. Roland Borgards und Harald Neumeyer haben mit ihrem Plädoyer für eine entgrenzte Philologie da weniger Skrupel. Sie sprechen es offen aus, dass ihrer Ansicht nach die Literatur nur vom Wissen weiß und sich aus seinen reichhaltigen Quellen und sonst aus keiner Wirklichkeit speist:

Gerade darin, dass die Literatur sowohl in Produktion als auch Reproduktion von Wissensfiguren sich an eine kulturelle Wissensordnung anschließt, ist sie eine referentielle Disziplin. – Literatur und Wissenschaft sind also gleichermaßen an der Herstellung von kulturellem Wissen beteiligt. [...] Ein spezifisches Wissen existiert nur als konträr, heterogen und an unterschiedlichen kulturellen Orten Besprochenes; es existiert nur in einem Wissenschaft und Literatur umfassenden Wissensraum. In diesem Raum verbindet jegliche Aussage – sei sie wissenschaftlich oder literarisch – zwei Funktionen: Sie reproduziert und produziert Wissen; sie ist eine Repräsentationsweise und im gleichen Zuge ein Konstruktionsmodus von Wissen« (S. 212).

Man wird sich fragen dürfen, ob der ungeheure Wissensraum, von dem hier die Rede ist, sich nicht in eine sehr aufblasbare Puppe verwandelt hat. »Wissen« scheint hier nach und mit Foucault alles zu meinen, was unter den Voraussetzungen einer Episteme überhaupt gesagt werden kann oder gesagt wird. Und die Literatur ist eine Disziplin. Man glaubt es den beiden Autoren nach diesen Ausführungen sofort, dass sie mit dem Projekt einer »entgrenzten Philologie« keine Literaturgeschichte im Sinn haben, »die Wissenschaft auf eine Quelle für ihre literarischen Analysen reduziert« (S. 212). Hingegen wird man ihre Abgrenzung gegen die »kulturwissenschaftliche Reduktion« der Literatur »zum bloßen Anschauungsmaterial« (S. 221) für ein Lippenbekenntnis halten müssen. Das Fallbeispiel, das Borgards und Neumeyer ihrem Beitrag beigegeben haben – ein rascher Durchgang durch E.T.A. Hoffmanns Erzählung Ignaz Denner vor dem Hintergrund des historischen Wandels der Strafprozessordnung im 18. Jahrhundert, speziell im Hinblick auf Folter und Verhör – ist genau dies: die Inanspruchnahme eines literarischen Textes als Anschauungsmaterial für einen historischen Umbruch im Bereich des Rechts.

So unterschiedlich – und unterschiedlich konsequent – die eben referierten Annäherungen der Literatur- an die Wissensgeschichte auch ausgefallen sein mögen, sie registrieren jedenfalls einen Trend weg von jenem Erkenntnisinteresse, das sich auf das Individuelle richtet. Norbert Christian Wolf hat diesen Trend in seinem Beitrag(9) prägnant so zusammengefasst:

Im kulturwissenschaftlichen Rahmen finden nicht nur mangels einer philologischen Kompetenz, sondern eben auch mangels eines fachspezifischen Interesses genaue Interpretationen von einzelnen Texten kaum mehr statt, und wenn dies – selten genug – doch der Fall ist, dann folgt die Analyse in ihrer Logik häufig einer allgemeinen Fragestellung, die dem analysierten Gegenstand vorgängig und äußerlich bleibt (S. 281).

Zwar mag es Ausnahmen geben. So hebt etwa Claudia Stockinger zu Recht am New Historicism gerade dessen Respekt vor dem Individuellen hervor, der sich an der konstellativen, häufig mit anekdotischem Material operierenden Arbeitsweise seiner Vertreter zeige und die (ja gerade aus dem New Historicism hervorgegangene) Rede von der »Deprivilegierung« der Texte revisionsbedürftig mache.(10) Eher als auf eine Deprivilegierung der Texte komme es auf eine »intensified willingness to read all of the textual traces of the past with the attention traditionally conferred only on literary texts« an.(11) Und Rüdiger Zymner legt der Literaturwissenschaft in seinem Programm einer »Allgemeinen und Vergleichenden Deutschen Philologie«(12) ein Selbstbild als »Verständigungswissenschaft« nahe, die in der Selbstreflexion der Einzelnen und der Gesellschaft, die sie zusammen ausmachen, eine Rolle spielen könne. Da diese Rolle der Literaturwissenschaft schlecht anders gedacht werden kann, als dass sie einer an der literarischen Überlieferung interessierten Öffentlichkeit hilft, literarische Texte zu verstehen, mahnt Zymner ihre »Verständlichkeit für Nichtfachleute« an und fordert die Literaturwissenschaft auf, ihre »im besten Sinne des Wortes populärwissenschaftlichen Seiten« zu kultivieren.(13) Insgesamt jedoch wird der Leser dieses Bandes überrascht durch die weite Verbreitung einer gewissen Erleichterung, dank des Gangs der wissenschaftlichen Entwicklung der schweren Bürde, individuelle Texte verstehen zu müssen, entledigt zu sein. Man hat, so scheint es, die Marginalisierung der Literatur, ihren Verlust an gesellschaftlicher Bedeutsamkeit, akzeptiert und ist bereit, daraus Konsequenzen für die wissenschaftliche Praxis zu ziehen. Eine der ersten dieser Konsequenzen könnte sein, dass die Literaturwissenschaft, die niemals nur eine historische Disziplin war, nun ganz in der Historie aufgeht.

Solche (resignative?) Akzeptanz(14)  mag vielleicht nicht mehr als eine Momentaufnahme der germanistischen Intelligenz aus dem Jahre 2003 sein. Das Tor zur Zukunft steht schließlich offen wie immer, und die Germanisten werden hindurchgehen. Das emphatische Moment an literarischen Texten wird nicht dadurch verschwinden, dass ein Teil der Literaturwissenschaftler aufhört, es ihnen zuzuschreiben. Und auch um die Vielfalt der Forschung, der Ansätze und Ideen muss einem, angesichts der Waggonladungen von Germanisten, die es gibt, vielleicht nicht bange sein. Letztlich ist womöglich sogar die Sorge um das Fach unbegründet. Armageddon ist weit. Die alte Dame Germanistik steht im Hier und Jetzt am Straßenrand. Zurzeit hofft sie, dass ihr ihre Sorge, wie sie die verkehrsreiche Landstraße unbeschadet überqueren kann, von den hilfreichen Gentlemen aus der Wissensgeschichte und der Kulturwissenschaft abgenommen wird. Unbeachtet von ihr sitzt seitlich ein hagerer barfüßiger Mann mit verwittertem Gesicht im Rinnstein, dem man verblüffende Ähnlichkeit mit der Allegorie der Literatur kaum absprechen kann. Er trägt ein dünnes Lippenbärtchen, zerschlissene Hosen und einen merkwürdig mexikanisch aussehenden Hut. Mit seinen poetischen Fingern pickt er an seiner Gitarre und seine brüchige Stimme intoniert ein Volkslied aus unvordenklichen Zeiten, mit einem eintönigen Refrain: »I wish I was there to help her / But I’m not there, I’m gone«.

PD Dr. Bernd Auerochs, Universität Jena, Institut für Germanistische Literaturwissenschaft, Fürstengraben 14-18, D-07740 Jena; E-Mail: b.auerochs@uni-jena.de


Anmerkungen

(1) »Keiner der auf die gegenwärtige Debatte bezogenen Beiträge«, schreibt Walter Erhart, »versäumte es darauf hinzuweisen, dass es sich bei dem Untertitel des Tagungsthemas ›Rephilologisierung oder Erweiterung?‹ um eine im Kern rhetorische Frage handelt, und fast jeder Beitrag versucht die falsche Alternative dieser Frage zu entlarven« (S. XVI). [zurück]

(2) Vgl. z.B. Bernd Witte, »[...] daß gepfleget werde / Der feste Buchstab, und Bestehendes gut / Gedeutet«. Über die Aufgaben der Literaturwissenschaft. In: Ludwig Jäger/Bernd Switalla (Hg.), Germanistik in der Mediengesellschaft. München 1994, S. 111-131; Walter Haug, Literaturwissenschaft als Kulturwissenschaft? In: DVjs 73 (1999), S. 69-93. [zurück]

(3) Silvia Serena Tschopp, Philologie und Geschichte im Dialog. Historische Leseforschung im Spannungsfeld von disziplinärer Kompetenz und interdisziplinärem Erkenntnisinteresse, S. 223-235; Martin Huber, »Noch einmal mit Gefühl«. Literaturwissenschaft und Emotion, S. 343-357; Frank Degler, Vom Minotaurus zum Dungeon Keeper. Narrateme im Computerspiel, S. 431-453. [zurück]

(4) Zum hier thematisierten Gegensatz von »Wissen aus der Dichtung« und »Wissen über Dichtung« vgl. Heinz Schlaffer, Poesie und Wissen. Die Entstehung des ästhetischen Bewußtseins und der philologischen Erkenntnis. Erweiterte Ausgabe. Frankfurt/M. 2005, S. 13 u.ö. [zurück]

(5) Albrecht Koschorke, Codes und Narrative. Überlegungen zur Poetik der funktionalen Differenzierung, S. 174-185; Peter-Andrè Alt, Beobachtungen dritter Ordnung. Literaturgeschichte als Funktionsgeschichte kulturellen Wissens, S. 186-209; Roland Borgards/Harald Neumeyer, Der Ort der Literatur in einer Geschichte des Wissens. Plädoyer für eine entgrenzte Philologie, S. 210-222. [zurück]

(6) Man vgl. einstweilen Koschorke, Albrecht u.a. (Hg.), Der fiktive Staat. Konstruktionen des politischen Körpers in der Geschichte Europas, Frankfurt/M. 2007; John G.A. Pocock, The Machiavellian Moment. Florentine Political Thought and the Atlantic Republican Tradition, Princeton 1975; Quentin Skinner, The Foundations of Modern Political Thought. 2 Bde. Cambridge 1978. [zurück]

(7) Vgl. auch Schlaffers Argument gegen Marquards Thesen. Schlaffer (wie Anm. 4), S. 135 f. [zurück]

(8) Ganz abgesehen davon, dass auch Fiktion und Literatur nicht koextensiv sind. Klassisch dazu immer noch: Gérard Genette, Fiktion und Diktion. In: Ders., Fiktion und Diktion. München 1992, S. 11-40. [zurück]

(9) Norbert Christian Wolf, Hoffnungslos veraltet? Zur Funktion der philologischen Kompetenz in einer sich verändernden Wissenschaftslandschaft, S. 270-286. [zurück]

(10) Claudia Stockinger, New Historicism und Rephilologisierung. Die Herausforderungen kulturwissenschaftlicher Textanalyse, S. 236-251. [zurück]

(11) Stephen Greenblatt, Introduction. In: Ders., Learning to Curse. Essays in Early Modern Culture. New York 1990, S. 14 (Zitiert von Stockinger auf S. 245). In dieser Perspektive ist Walter Benjamin der Großvater des New Historicism. Hier, in seinem »diffusen Pointillismus«, liegt auch einer der Gründe für die Ablehnung, die dem New Historicism von Seiten der traditionellen Sozialgeschichte zuteil wurde. Vgl. etwa Hans-Ulrich Wehler, Historisches Denken am Ende des 20. Jahrhunderts. 1945-2000. Göttingen 2001, bes. S. 63-86; S. 97-104 (Zitat S. 102).[zurück]

(12) Rüdiger Zymner, Selbstverständigung und Identität. Das Erkenntnisinteresse der »Allgemeinen und Vergleichenden Deutschen Philologie«, S. 325-342. [zurück]

(13) Laut Diskussionsbericht hat Albrecht Koschorke Zymner in der Diskussion bescheinigt, eine »Legitimationsschrift für die Germanistik« und eine »Verteidigung des status quo« abgeliefert zu haben (S. 368). Aber ist es denn auch nur eine Beschreibung des status quo, dass die Germanistik eine Rolle für die Selbstverständigung der Gesellschaft spielt? Zymner ruft auch Heinrich Deterings Mahnung zu »analytischer Präzision, Liebe zur Literatur und stilistischer Eleganz« im literaturwissenschaftlichen Schrifttum in Erinnerung. (Heinrich Detering, Schlußverkauf der Klischees. Germanistik und Kritik. In: FAZ, 4. März 2003, S. 33) Indes wird nicht jeder Germanist diese einfachen, aber harten Anforderungen erfüllen wollen oder können. Und an die Sprache der Systemtheorie hat man sich doch inzwischen so gut gewöhnt. [zurück]

(14) Die sich gelegentlich in behutsam angesprochenen Visionen vom Ende der Germanistik artikuliert. Holger Dainat: »Man benötigt neue Vermittlungsstrukturen. Ob es noch Disziplinen im herkömmlichen Sinn sein werden, ist freilich offen. Ob es noch eine Germanistik oder eine Literaturwissenschaft geben wird, noch fraglicher. Sie könnten auch einfach aufhören zu existieren« (S. 21). Rüdiger Zymner: »So könnte es nach Meinung mancher nun ernsthaft um die Existenz der Germanistik gehen« (S. 325). [zurück]