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In: KulturPoetik 2010, Heft 1

Autor

Christian Kirchmeier

Titel

Die Metapher der Kulturwissenschaften
(1) Katrin Kohl, Metapher. Stuttgart, Weimar: Metzler 2007. 186 S.
(2) Eckard Rolf, Metaphertheorien. Typologie, Darstellung, Bibliographie. Berlin, New York: de Gruyter 2005. 305 S.
(3) Anselm Haverkamp, Metapher. Die Ästhetik in der Rhetorik. Bilanz eines exemplarischen Begriffs. München: Fink 2007. 181 S.

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Rezension

Volltext

Die Metapher hat in den letzten Jahrzehnten eine beachtliche Karriere gemacht. Die Weichen dafür wurden um die Mitte des 20. Jahrhunderts von Theoretikern der Metapher wie Ivor Armstrong Richards, Max Black oder Hans Blumenberg gestellt. Sie hatten sich dagegen ausgesprochen, die Metapher alleine auf ihre Eigenschaft als Ornament der Sprache zu beschränken. Einen Höhepunkt dieser Entwicklung markiert George Lakoffs und Mark Johnsons populäres Buch Metaphors We Live By, das vor 30 Jahren erschienen ist und weit über die Fachgrenzen der Linguistik hinaus rezipiert wurde. Es hatte maßgeblich Anteil an der Verbreitung der Auffassung, dass Metaphern die grundlegende Funktion erfüllen, das Denken selbst zu organisieren. Die Analyse von Metaphern ist durch diese Erweiterung zu einem methodischen Instrument geworden, das sich auf vielfältigste kulturelle Praktiken anwenden lässt. Ihr kommt so eine Bedeutung zu, die sie zu einem zentralen Bestandteil kulturwissenschaftlicher Forschung macht.

Metaphern sind dabei für die Kulturwissenschaften insbesondere deswegen interessant, weil sie Plausibilitäten erzeugen, weil an ihnen Handlungsmuster ausgerichtet werden und weil sie ganze wissenschaftliche Disziplinen formieren können, indem sie deren Gegenstand erst fassbar machen. In den letzten Jahren wurde unter kulturwissenschaftlicher Perspektive beispielsweise erforscht, welche Bedeutung Metaphern für das Selbstverständnis von Gesellschaften und die Entstehung der Soziologie als akademisches Fach haben.(1) Gerade der schwer fassbare Gegenstand ›Gesellschaft‹ hat sich historisch als besonders affin für metaphorische Beschreibungen erwiesen. Die metaphorologische Forschung konnte zeigen, dass diese Metaphern der Gesellschaft nicht nur schmückendes Beiwerk von Gesellschaftstheorien sind: Ob ›Gesellschaft‹ mit der Metapher des Vertrags, des Organismus’ oder des Netzwerks beschrieben wird, bestimmt vielmehr entscheidend mit, welches Wissen über die Gesellschaft überhaupt formuliert werden kann.

Im Folgenden werden drei Bände besprochen, die keine konkreten kulturwissenschaftlichen Anwendungen einer von Metaphern ausgehenden Forschung sind, sondern die Metapher selbst und vor allem die Metaphertheorie zum Gegenstand ihrer Darstellung machen. Gemeinsam stecken die drei Bände ein weites Forschungsfeld ab, das allgemeine Fragen zur Metapher behandelt. Dabei ist zu prüfen, inwiefern diese Publikationen einen Beitrag für eine an Metaphern orientierte Kulturwissenschaft bieten.

 
Katrin Kohl, Metapher. Stuttgart, Weimar: Metzler 2007. 186 S.

Als literaturwissenschaftliche Einführungen und Nachschlagewerke sind die Bände der Sammlung Metzler seit langem etabliert. In den letzten Jahren wurde die Reihe zudem durch Einführungen in kulturwissenschaftliche Forschungsbereiche ergänzt.(2) Vor dem Hintergrund der langen Geschichte dieser Reihe ist es überraschend, dass es bis zu Band 352 gedauert hat, um ein eigenes Buch zur Metapher in die Reihe aufzunehmen. Katrin Kohl, Literaturwissenschaftlerin aus Oxford und Autorin dieses lange erwarteten Bandes, hat zuletzt eine Monographie über ›poetologische Metaphern‹ vorgelegt, in der sie Metaphern untersucht, die Vorstellungen über Dichtung organisieren (wie beispielsweise Dichtung als ›Spiegel‹ der Wirklichkeit).(3) Im Gegensatz zu dieser ausführlichen Studie zu einem Detailaspekt der Metapher stellt sich für eine Einführung in das Themengebiet das Problem, möglichst viele Interessensfelder wie Literatur-, Sprach- und Kulturwissenschaft, Rhetorik oder Philosophie zu berücksichtigen.

Kohl begegnet der Gefahr einer disziplinären Einengung, indem sie gleichermaßen die kognitive und die sprachliche Funktion der Metapher in den Vordergrund stellt: »Ziel des Buches ist es, die grundlegende Bedeutung der Metapher für unser normales Denken und unsere alltägliche Sprache zu verdeutlichen und zugleich die abenteuerlichen Möglichkeiten der Kreativität aufzuzeigen, die sie uns eröffnet« (S. VII). Historiographische Ausführungen über die Metapher in Bezug auf die rhetorische Tradition bleiben hingegen eher kursorisch: Zwar werden die antiken Metaphertheorien in einem systematischen Teil abgehandelt, eine begriffshistorische Darstellung der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Rhetorik fehlt jedoch. Auch das Kapitel über die Abgrenzung der Metapher von verwandten Begriffen wie Vergleich, Metonymie und Gleichnis stellt die systematische Unterscheidbarkeit in den Vordergrund (S. 73-105). Die Zielvorgabe lässt bereits erkennen, dass Kohl die Einführung darauf ausrichtet, eine praktische Kompetenz in der Analyse von Metaphern zu vermitteln. Dem Charakter eines Propädeutikums für das Studium entspricht auch die didaktisch reflektierte Darstellung durch zahlreiche Zusammenfassungen, Tabellen und Beispiele.

Inhaltlicher Schwerpunkt des Buches ist das dritte und umfangreichste Kapitel (S. 19-72), das einfach mit »Metapher« überschrieben ist. In diesem Kapitel stellt Kohl verschiedene Bausteine zu einer Theorie der Metapher vor, ohne jedoch eine geschlossene, kohärente Theorie zu entwickeln. Kohl erläutert zentrale Ideen aus unterschiedlichen theoretischen Ansätzen und verdeutlicht diese durch eine Vielzahl von Beispielen. Sie stellt verschiedene Theoreme nebeneinander und präsentiert dem Leser die Stärken der verschiedenen Ansätze. So sinnvoll diese Vorgehensweise gerade für den Zweck einer Einführung ist, bringt sie dennoch den Nachteil mit sich, dass der Band nur bedingt dazu geeignet ist, einzelne theoretische Positionen zu rekonstruieren. Diesen Nachteil kann das fünfte Kapitel (S. 106-128), in dem die theoretischen Ansätze in ihrer historischen Abfolge vorgestellt werden, nur bedingt kompensieren, da es sehr kurz gehalten ist (es gibt beispielsweise einen nur fünfseitigen Abschnitt über »[d]as weite Feld nachantiker Metapherntheorie«, S. 114-119) und eine Lektüre mit Rückblick auf die Zitate der vorherigen Kapitel notwendig macht. Erst auf den letzten sieben Seiten des theoretischen Abrisses wird angedeutet, welche Position in der Metaphertheorie Katrin Kohl selbst vertritt: Kohl spricht von ihrem eigenen Standpunkt als einem »ganzheitlichen Ansatz« (S. 122) und skizziert ihn als Verbindung der kognitiven und sprachlichen Funktionen der Metapher. Er soll verschiedene Theoreme (etwa der kognitiven Linguistik, der Rhetorik und der Neurowissenschaften) miteinander in Bezug setzen.(4) Der Entwurf ist zu thesenartig entfaltet, um seinen heuristischen Wert abschätzen zu können. Es ist aber erkennbar, dass Kohl auch in diesem Ansatz mehr Wert auf eine Synthese zwischen verschiedenen Theorien als auf die Schärfung der Unterschiede legt.

Didaktisch sind vor allem die zahlreichen Beispielanalysen nützlich, die den Erkenntniswert einer Metapheranalyse demonstrieren. Kohl beschränkt sich nicht auf literarische Beispiele, sondern berücksichtigt auch Zeitungstexte, Werbeplakate oder wissenschaftliche und politische Schriften. Vor allem im sechsten Kapitel (S. 129-156), das eigens der Bedeutung der Metapher für eine interdisziplinäre Forschung gewidmet ist, wird deutlich, wie viele Forschungsanschlüsse sich anbieten, wenn die Metapher in ihrer Funktion als »zentrale[s] Medium der Kulturstiftung« (S. 64) verstanden wird. Das Spektrum der Anwendungsgebiete reicht in Kohls Darstellung von Philosophie und Soziologie über Mathematik, Naturwissenschaften und Wirtschaft bis zu Metaphern in Malerei und Musik. Die Analysen sind illustrativ genug, um einen ersten Eindruck von einer kulturwissenschaftlich orientierten Metapherforschung zu vermitteln. Zudem ermöglichen weiterführende Literaturangaben eine Vertiefung dieses Forschungsbereiches.

Kohl gelingt es in ihrer Einführung, ein doppeltes Ziel zu erreichen. Einerseits zeigt sie, welche Anwendungsbereiche sich einer an Metaphern orientierten Kulturwissenschaft öffnen. Andererseits stellt sie die wichtigsten Elemente einer Metaphertheorie vor und ermöglicht so einen praktikablen Zugang zur Metapheranalyse. Diese didaktisch orientierte Vorgehensweise hat jedoch den Nachteil, dass sie als historische Einführung in das Themengebiet oder als Darstellung der Unterschiede zwischen den verschiedenen Metaphertheorien nur bedingt geeignet ist. Die historiographische Dimension der Metapher böte zugleich genug Material für einen eigenen Band. Trotz dieser kleinen Einschränkung wird Kohls Metaphern-Band den Anforderungen an eine aktuelle Einführung in das Thema vollauf gerecht.

 
Eckard Rolf, Metaphertheorien. Typologie, Darstellung, Bibliographie. Berlin, New York: de Gruyter 2005. 305 S.

Das komplementäre Projekt zu Katrin Kohls Einführung ist Eckard Rolfs Lexikon der Metaphertheorien. Die beiden Bände ergänzen sich nicht nur hinsichtlich ihrer Textgattung (Einführung/Lexikon), sondern vor allem in ihrem Gegenstandsbezug. Während bei Kohl ein systematischer Metapherbegriff im Hintergrund der Ausführungen erkennbar bleibt, zielt Rolf auf eine Darstellung der Differenzen unterschiedlicher Konzeptionen der Metapher ab. Weil Rolf einen Ausgangspunkt wählt, von dem aus er seinen Gegenstand problematisiert, geht es ihm nicht primär um die Metapher selbst,(5) sondern um Metaphertheorien – betontermaßen im Plural (S. 2).

Rolf, der als Sprachwissenschaftler in Münster tätig ist, verfolgt mit dem Lexikon ein Vorhaben, dessen Schwierigkeit sich aus dem heterogenen Feld der Disziplinen ergibt, die zur Theorieentwicklung der Metapher beigetragen haben. Aristoteles und Cicero zählen ebenso dazu wie Max Black, John R. Searle und Karl Bühler oder Paul Ricœur, Hans Blumenberg, Jacques Derrida und Jacques Lacan. Rolf typologisiert aus diesem Theorieangebot 25 Ansätze, die die 25 Lemmata des Lexikons bilden. Die Konzeption des Bandes geht dabei in zweierlei Hinsicht über das Strukturprinzip eines Lexikons hinaus: Erstens kann das Buch nicht nur als Nachschlagewerk benutzt werden, sondern es ist auch auf eine lineare Lektüre ausgerichtet. Rolf will in der Monographie »eine neue Geschichte […] erzählen« (S. 4), die »auf bestimmte Pointen nicht verzichten« (S. 8) will. Das Lexikon kann deswegen als Abhandlung gelesen werden, die einen Überblick über das Feld der Metaphertheorien anbietet und so nicht zuletzt die Funktion erfüllt, mit weniger bekannten theoretischen Ansätzen vertraut zu machen. Umgekehrt ließe sich fragen, wer Begriffe wie »Anaphertheorie«, »Sinnauflockerungstheorie« oder »Rationalitätstheorie« der Metapher nachschlagen wollte und nicht schon mit diesen Theorien vertraut wäre, zumal viele Bezeichnungen für die Theorien von Rolf selbst stammen und durchaus Raum für Diskussionen lassen – beispielsweise wenn er im Gegensatz zur konventionellen Bezeichnung Lakoff und Johnson einer »Konzeptualisierungstheorie« und nicht einer »kognitiven« Metaphertheorie zuordnet. Als Nachschlagewerk ist das Lexikon daher weniger über die Lemmata als vielmehr über das Namenregister zu erschließen.

An der Struktur des Lexikons fällt zweitens die Anordnung der 25 Theorien auf. Sie sind weder alphabetisch noch chronologisch geordnet, sondern in vier Kategorien unterteilt: Einerseits als Ansätze, die die Metapher (1) als Phänomen der Pragmatik oder (2) als Phänomen der Semantik auffassen; andererseits als Ansätze, die (3) die Struktur oder (4) die Funktion der Metapher thematisieren. Da diese Klassifikation ein Ordnungsschema etabliert, ist sie selbst (meta?)theoretischer Natur, und insofern zeichnet sich in diesen Kategorien Rolfs eigene Position zu den Metaphertheorien ab.(6) Er bezieht bereits durch die Begriffswahl eine Beobachterperspektive, die sich relativ eng an der Linguistik bzw. der Semiotik (im Sinne der akademischen Disziplin) orientiert. Zwölf Theorien schlägt er der Semantik bzw. der Pragmatik zu und weitere acht Theorien subsummiert er unter Ansätze, in denen die Struktur der Metapher als »Element des Zeichenprozesses« (S. 19) untersucht wird. Die verbleibenden fünf funktionalen Ansätze, unter denen sich die für die Kulturwissenschaften aufschlussreichsten Metaphertheoretiker wie Lakoff/Johnson oder Blumenberg finden, nehmen einen vergleichsweise kleinen Raum ein. Historisch entstammen die vorgestellten Theorien fast ausnahmslos der Antike und dem 20. Jahrhundert.

Allein durch die oft von etablierten Bezeichnungen abweichende Benennung der Theorien gelingt es Rolf, neue Perspektiven auf die von ihm abgehandelten theoretischen Ansätze zu gewinnen. Besonders hervorzuheben, wenn auch nicht wissenschaftlicher Konsens,(7) ist Rolfs Vorschlag, Jacques Lacan der Substitutionstheorie der Metapher zuzuordnen. Den Begriff der Substitutionstheorie hatte Max Black in die Diskussion als Gegenbegriff eingeführt,(8) um die von ihm favorisierte Interaktionstheorie zu konturieren: Während die Substitutionstheorie die Metapher auf ihre rhetorisch-dekorative Funktion reduziere, könne die Interaktionstheorie erklären, dass es Bedeutungen gibt, die erst durch die Verwendung von Metaphern erzeugt werden. Indem Rolf darlegt, wie Lacan (gemeinsam mit Quintilian, Roman Jakobson und der Gruppe μ) als Vertreter der Substitutionstheorie aufgefasst werden kann, demonstriert er, dass dieser Ansatz – anders, als es von Black nahegelegt wird – auch mit avancierten Theorieentwürfen vereinbar ist.

Aus kulturwissenschaftlicher Perspektive bedenkenswert ist der Vorschlag, Blumenbergs Metaphorologie als »Epistemologietheorie der Metapher« (S. 243) zu bezeichnen, weil so schon im Namen die epistemologische Dimension der Metapher betont wird. Auch die Bezeichnung der »Konzeptualisierungstheorie der Metapher« (S. 235) für Lakoff/Johnson betont den für die Kulturwissenschaften zentralen Aspekt. Wenn beispielsweise die Verwendung der Metaphern für ›Argumentieren‹ aus dem Bereich des Krieges stammen (»›Wenn du nach dieser Strategie vorgehst, wird er dich vernichten‹«, S. 236), dann lässt sich aus der Untersuchung von Metaphern schlussfolgern, welche Konzepte (in diesem Fall die konzeptuelle Metapher ›Argumentieren ist Krieg‹) in einer bestimmten Kultur wirksam sind. Von den in den Kulturwissenschaften wenig rezipierten Metaphertheorien ist schließlich noch Rolfs Darstellung Earl R. Mac Cormacs hervorzuheben, der mithilfe von evolutionstheoretischen Überlegungen beschreibt, »daß Metaphern als Vermittler zwischen menschlichem Geist und Kultur fungieren« (S. 185).

Die einzelnen Einträge sind insgesamt verlässlich und stellen auch schwer zugängliche theoretische Entwürfe klar vor. Die Darstellung der Metaphertheorie Jacques Lacans etwa beginnt mit einem ausführlichen Referat von Freuds ›Traumarbeit‹ und deren Bezug zu der Rhetorik­theorie Quintilians (S. 94-100). In einem zweiten Schritt stellt Rolf die Metaphertheorie Roman Jakobsons vor (S. 101-106) und hat so die wichtigsten theoretischen Anknüpfungspunkte für Lacan geklärt. Lacan selbst lässt er durch ausführliche Zitate zu Wort kommen, die er sorgfältig kommentiert (S. 106-126). Dabei handelt er Lacans Bezug auf Victor Hugos Gedicht Booz endormi ebenso ab, wie die Metapher des Überschreitens der Barre, die Konzeption der Freudschen ›Verdichtung‹ als metaphorischer Prozess sowie Lacans Darstellung der Vatermetapher. Besonderen Wert legt Rolf auf die transparente Gliederung in der Binnenstruktur der Artikel, was die Darstellung stellenweise ein wenig additiv wirken lässt. Es gelingt ihm außerdem (mit Ausnahme von Paul de Man, dessen Thesen Rolf auffallend stark zurückweist, S. 246-249 und 268-270), die heterogenen Theorien mit gleichermaßen neutraler Distanz vorzustellen.

Ein abschließendes Urteil zu dem Lexikon aus Sicht der Kulturwissenschaften fällt zwiespältig aus. Einerseits dominieren Metaphertheorien aus den Sprachwissenschaften und der analytischen Philosophie, die für die kulturwissenschaftliche Praxis nur wenige Anschlussmöglichkeiten bieten. Dieser Umstand mag sich aus dem Anspruch erklären, Metaphertheorien »im vollen Umfang« (S. 1) zu thematisieren, er hat jedoch den Nachteil, dass einige fundamentale Probleme einer Theorie der Metapher durch die eingenommene Perspektive entschärft werden. Was bedeutet es etwa für die verschiedenen Metaphertheorien, wenn das Wissen über Metaphern selbst notwendigerweise metaphorisch ist? Sind nicht vor allem mit Rolfs Bezeichnungen für die Metaphertheorien selbst metaphorische Aussagen verbunden? Dieser Gedanke wird von Rolf in der Einleitung zwar genannt (S. 3), in der Darstellung der Theorien aber kaum noch aufgegriffen.

Auf der anderen Seite ist aus den Darstellungen der funktionalen Ansätze, die »aus ›dramaturgischen‹ Gründen« (S. 17) am Ende des Lexikons stehen, ersichtlich, dass Rolf gerade den kulturwissenschaftlich relevanten Theorien eine besondere Bedeutung zuweist. Insbesondere der Anhang des Buches lässt sich als kulturwissenschaftliche Pointe begreifen. Rolf skizziert hier, nach dem Ende des eigentlichen Lexikons, das Projekt einer »Metaphorologie der generativen Grammatik« (S. 297). In Anschluss an Blumenberg sucht der Autor nach einer »Erklärung für den hohen Grad an Metaphorizität, den die generative Grammatik aufweist« (S. 300). Während im Lexikon die Metaphertheorien das Untersuchungsobjekt aus Sicht der Sprachwissenschaft waren, kehrt sich die Beobachterperspektive nunmehr um: Die Sprachwissenschaft gerät selbst in den Fokus der Metaphorologie und wird damit zum Objekt für eine kulturwissenschaftliche Analyse.

 
Anselm Haverkamp, Metapher. Die Ästhetik in der Rhetorik. Bilanz eines exemplarischen Begriffs. München: Fink 2007. 181 S.

Zumindest in einem Punkt gleichen sich Rolfs Lexikon der Metaphertheorien und Anselm Haverkamps Monographie zur Metapher: Beide Autoren lesen Texte zur Theorie der Metapher. In der Ausführung besteht hingegen der größtmögliche Unterschied. Denn während Rolf versucht, seine theoretische Position der Darstellung unterzuordnen, entwickelt Haverkamp seine eigenen theoretischen Überlegungen zuallererst aus der Lektüre metaphertheoretischer Texte. Sein Vorgehen kennzeichnet Haverkamp als »[d]oppelte Buchführung« (S. 9). Er beginnt mit einer »Bestandsaufnahme« (ebd.) der Metapher und erstellt darauf aufbauend eine »Bilanz« (im Untertitel und passim), in der er zwei Seiten auseinanderhält: den Begriff und das Paläonym der Metapher (zum Gebrauch von ›Paläonym‹ bei Haverkamp s.u. mehr).

Auf der einen Seite der Bilanz resümiert Haverkamp die Begriffsgeschichte der Metapher unter historischen und systematischen Aspekten. Eines der aufschlussreichsten Themen, dem Haverkamp in diesem ersten Teil folgt, ist das Verhältnis von Rhetorik und Ästhetik. Die grobe historische Entwicklung, die sich vor allem über die Frühe Neuzeit erstreckt, lässt sich mit Genette als »tropologische Reduktion«(9) oder in Haverkamps Worten als »Schiffbruch« (S. 53) der Rhetorik bezeichnen. Haverkamp hebt die Bedeutung der Rhetorikreform des Petrus Ramus hervor, in der die Rhetorik ihre Autonomie an Logik und Dialektik verlor und ihr Zuständigkeitsbereich stark beschränkt wurde. Bis ins 18. Jahrhundert schwindet die Bedeutung der Rhetorik in Folge der disziplinären Ausdifferenzierung zusehends, nicht zuletzt zugunsten einer sich formierenden modernen Ästhetik. Vor allem mit Alexander Gottlieb Baumgartens Aesthetica verbindet Haverkamp einen Einschnitt, der schließlich dazu geführt habe, dass »sich Rhetorik in Ästhetik aufgehoben« (S. 74) habe. Dies sei allerdings nicht als Verschwinden der Rhetorik, sondern als rhetorische Fundierung der Ästhetik zu verstehen. Haverkamp macht deutlich, dass der Metapher in dieser Entwicklung eine entscheidende Funktion zukommt, und zwar nicht in dem Sinne, dass in der Ästhetik ein konkreter, expliziter Metapherbegriff verwendet würde, sondern weil

Ästhetik […] auf einer sehr bestimmten metaphorologischen Konstruktion ihres Gegenstandsbereichs [beruht]: einer ästhetischen Urszene der Wahrnehmung, die sie, wie Kant den Raum Newtons, transzendental versteht. In der Ausarbeitung dieser von Baumgarten als figura cryptica rhetorisch rekonfigurierten Sachlage bleibt die Ästhetik – und das rechtfertigt, von ihrer Vorgeschichte als einer ästhetischen zu reden – allegorisch. Die metaphorische Konstruktion der Allegorie Quintilians ist in der Ästhetik Baumgartens strukturell tiefer gelegt worden, zur metaphorologischen Grundlage von Ästhetik geworden. Als metaphorologische ist die Ästhetik philosophisch, in der allegorischen Ausführung rhetorisch. (S. 96)

Als Modell dieser Grundlage von Ästhetik diskutiert Haverkamp mit Bezug auf Rüdiger Campe(10) das aristotelische ›Vor-Augen-Stellen‹ (S. 99-102). Die moderne Ästhetik wäre dann in dem Sinne metaphorologisch fundiert, als ihr Gegenstandsbereich durch das ›Vor-Augen-Stellen‹ konstituiert wird. Da die Ästhetik in der Moderne zu einem zentralen Bezugspunkt wird, überträgt sich auch die metaphorologische Grundlage auf verschiedene Bereiche, etwa auf die Philosophie. Haverkamp nennt die »neue écriture« Nietzsches, die gerade in dem Maße ästhetisch sei, in dem sie auch metaphorisch sei (S. 95). Die begriffsgeschichtliche Darstellung der Metapher führt Haverkamp an einen Endpunkt, an dem der untersuchte Begriff eine fundamentale Struktur offenbart, die auch Haverkamps eigenem Schreiben und der Darstellung selbst zugrunde liegt, und dies bei gleichzeitiger historischer Veränderung des Begriffes, über den geschrieben wird. Dies kann schließlich als Grund dafür aufgefasst werden, die zweite Seite der Bilanz zu eröffnen und dabei von der Metapher als Begriff auf die Metapher als Paläonym umzustellen.

Die Wendung von Begriff auf Paläonym ist ein zentraler Gedanke in Haverkamps Monographie und daher an dieser Stelle näher zu erläutern. Haverkamp zufolge stellt der »Begriff [!] des Paläonyms einen Vorschlag für die Nullstufe in der Karriere jeder Terminologie dar« (S. 119, Fn. 3). Paläonymie bezeichnet den Umstand, dass alte Namen für neue Begriffe verwendet werden. Der Begriff des Paläonyms wurde vor allem von Jacques Derrida gebraucht,(11) der ihn aus seiner Hegel-Lektüre ableitet: Hegel formuliert in der Einleitung zu den Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie das Problem, den Gegenstand ›Philosophie‹ erst klären zu müssen, bevor dessen Geschichte geschrieben werden könne. Denn nur der Name ›Philosophie‹ sei geläufig, was damit benannt werde, sei aber völlig uneinheitlich. Wollte man nun den Begriff klären, müsse man jedoch bereits Philosophie betreiben.(12) Wie aber eine Geschichte der Philosophie bereits Philosophie voraussetzt, so wird auch eine Geschichte der Metapher von ihrem Gegenstand eingeholt. Derrida und Haverkamp geht es bei der Paläonymie nicht (nur) um einen hermeneutischen Zirkel, sondern sie stellen die Frage nach dem strategischen Wert des Paläonyms – warum also an alten Namen festgehalten wird, wenn neue Begriffe eingeführt werden. Was Haverkamp unter Bezug auf die Metapher daher als Paläonym untersucht, markiert die Unschärfen der Begriffsgeschichte der Metapher, »als Marken vor der Begrifflichkeit, Marken eines Im-Begriff-Seins oder Vor-jedem- oder Gegen-jeden-Begriffs-Seins« (S. 11). Die Metapher ist aber nicht nur irgendein Paläonym. Denn wenn Paläonymie bedeutet, dass alte Namen an die Stelle neuer Begriffe treten, dann ist Paläonymie selbst ein Prozess der Übertragung, also der Metapher. Die Metapher ist »das exemplarische Paläonym, das am eigenen Leibe, in der Selbstreflexion des eigenen Begriffs beweist, was sie paläonym überleben läßt« (S. 117 f.).

Aus diesen Überlegungen entwickelt Haverkamp schließlich eine grundsätzliche Kritik an der Begriffsgeschichte, gegen die er Blumenbergs Projekt einer Metaphorologie in Anschlag bringt. Denn die Metaphorologie könne jenseits einer »begriffsgeschichtlichen ›Verlegenheit‹« (S. 146) auch die Dimension der ›Unbegrifflichkeit‹ berücksichtigen. In der Metaphorologie sieht Haverkamp daher ein Großprojekt, das die Begriffsgeschichte ergänzen, wenn nicht sogar ersetzen könne. Dieser letzte Ausblick, die methodologische Skizze einer »Metaphorologie zweiten Grades« (S. 145), das sich von Philosophie, Philologie und Geschichtswissenschaft abgrenzt, ist von seiner Anlage her für die Kulturwissenschaften vielversprechend. Haverkamps Buch ist jedoch zu sehr Bilanz der Metapher, um dieses abschließend angedeutete Forschungsprogramm konkretisieren zu können. Es ist eher Prolegomenon für ein theoretisch-methodologisches Fundament, das einem groß angelegten (kulturwissenschaftlichen) Projekt zugrundeliegen müsste. Dadurch könnte auch der Reichtum an Zitaten, Verweisen und Andeutungen erklärt werden, die jeweils »nur die Spitze eines Eisbergs« (S. 16) darstellen. Um diesen Befund zu quantifizieren, könnte man beispielsweise auf das Namenregister hinweisen, das über 400 Personen verzeichnet, während der Haupttext weniger als 160 Seiten umfasst. Der Leser ist so praktisch permanent auf parallele Lektüren und auf den engen diskursiven Forschungszusammenhang des Textes verwiesen. Dennoch gelingt es Haverkamp anzudeuten, über welches Potential das Projekt der Metaphorologie verfügt und welcher Horizont sich diesem Forschungsvorhaben öffnet.

Christian Kirchmeier, LMU München, Institut für deutsche Philologie, Schellingstr. 3/RG R. 420, D-80799 München; E-Mail: christian.kirchmeier@germanistik.uni-muenchen.de


Anmerkungen

(1) Siehe hierzu etwa Susanne Lüdemann, Metaphern der Gesellschaft. München 2004; Al­brecht Koschorke/Susanne Lüdemann/Thomas Frank/Ethel Matala de Mazza, Der fiktive Staat. Konstruktionen des politischen Körpers in der Geschichte Europas. Frankfurt/M. 2007; Armin Nassehi, Der soziologische Diskurs der Moderne. Frankfurt/M. 2009, S. 299-314. [zurück]

(2) Siehe beispielsweise die letzte Neuerscheinung vor dem Band zur Metapher: Ansgar Nünning (Hg.), Grundbegriffe der Kulturtheorie und Kulturwissenschaften. Stuttgart, Weimar 2005. [zurück]

(3) Katrin Kohl, Poetologische Metaphern. Formen und Funktionen in der deutschen Literatur. Berlin, New York 2007. [zurück]

(4) Vgl. zu diesem Ansatz ebd., S. 170-189. [zurück]

(5) Darin unterscheidet sich das Lexikon beispielsweise von dem jüngst erschienenen und sehr lesenswerten Buch von Ralf Konersmann (Hg.), Wörterbuch der philosophischen Metaphern. Darmstadt 2007. [zurück]

(6) Daher muss Rolfs Selbstbeschreibung, seiner Untersuchung läge »keine ›eigene‹ Metaphertheorie« (S. 6) zugrunde, zumindest hinsichtlich einer eigenen metatheoretischen Ordnung relativiert werden. [zurück]

(7) Anselm Haverkamp bezeichnet Lacans Metaphertheorie etwa als »Version der Interaktionstheorie«; Anselm Haverkamp, Einleitung. Die paradoxe Metapher. In: Ders. (Hg.), Die paradoxe Metapher. Frankfurt/M. 1998, S. 24, Fn. 46; sowie ders., Metapher. Die Ästhetik in der Rhetorik. Bilanz eines exemplarischen Begriffs. München 2007, S. 106. [zurück]

(8) Black schreibt dazu: »Jede Auffassung, die davon ausgeht, daß ein metaphorischer Ausdruck anstelle eines äquivalenten wörtlichen Ausdrucks gebraucht wird, nenne ich im folgenden eine Substitutionstheorie der Metapher [a substitution view of metaphor]«; Max Black, Die Metapher. In: Anselm Haverkamp (Hg.), Theorie der Metapher. Darmstadt 1983, S. 55-79; hier S. 61. [zurück]

(9) Gérard Genette, Die restringierte Rhetorik. In: Anselm Haverkamp (Hg.), Theorie der Metapher. Darmstadt 1983, S. 229-252; hier S. 232, Kursivierung entfernt. Haverkamp weist allerdings darauf hin, dass diese historische Entwicklung komplizierter verlaufen sei, als sich mit »Genettes Verstümmelungsthese« beschreiben lasse (S. 50). [zurück]

(10) Rüdiger Campe, Vor Augen Stellen. Über den Rahmen rhetorischer Bildgebung. In: Ger­hard Neumann (Hg.), Poststrukturalismus. Herausforderung an die Literaturwissenschaft. Stuttgart, Weimar 1997, S. 208-225. [zurück]

(11) Siehe beispielsweise Jacques Derrida, Dissemination. Hg. v. Peter Engelmann. Wien 1995, S. 11 f. und S. 26, Anm. 13. [zurück]

(12) Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie. Bd. I. Frankfurt/M. 1986, S. 17 f. [zurück]