Detailansicht

In: KulturPoetik 2009, Heft 2

Autor

Gerhard Sauder

Titel

Epilepsie als Metapher?
Steffi Ehlebracht, Gelingendes Scheitern. Epilepsie als Metapher in der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts. Würzburg: Königshausen & Neumann 2008. 290 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

In den letzten Jahren hat die Thematik ›Literatur und Medizin‹ viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Das einschlägige Lexikon, das Bettina von Jagow und Florian Steger herausgaben,(1) hat einen ersten Überblick erlaubt. Walter Erhart und Florian Steger haben Forschungsberichte vorgelegt.(2) Ein Sammelband, den Nicolas Pethes und Sandra Richter (Pott) verantworten, gilt den medizinischen Schreibweisen zwischen 1600 und 1900.(3) Wenn Steffi Ehlebracht in ihrem »Einstieg« behauptet, mit ihrer literaturwissenschaftlichen Erforschung der Epilepsie, einer chronischen und nicht-infektiösen Krankheit auf dem Fundament einer klar definierten Symptomatik, betrete sie Neuland, so treibt sie ihr Eigenlob zu weit. Die Forschungsberichte kennt sie nicht – so kann man leicht für sich beanspruchen, »ein brachliegendes Feld« (S. 9) zu bearbeiten. Gerade die Epilepsie ist seit Jahren ­– nicht von Literaturwissenschaftlern in erster Linie, sondern von Epileptologen selbst – vielfach in literarischen Texten untersucht worden. Im Juni 1994 fand in Bielefeld das erste Colloquium »Epilepsie in der erzählenden Literatur« statt; alle Referenten waren Mediziner und Epileptologen. Weitere Colloquien – nun auch mit Literaturwissenschaftlern – folgten, mehrfach organisiert vom Epilepsiezentrum Kork (Dr. med. Hansjörg Schneble). Sie wurden in einer Zeitschrift dokumentiert, die der Verfasserin nicht bekannt ist.(4)

Ziel der Arbeit ist es, das »Verhältnis der Fiktionalität von Literatur zu ihrer Referentialität« (S. 10) zu untersuchen, »um den zweifellosen ästhetischen Mehrwert, den literarische Metaphorisierung erzielt, herausstreichen zu können« (ebd.). Anregen ließ sich die Verfasserin durch den berühmten Essay von Susan Sontag über die Metaphern in der Rede von Tuberkulose und Krebs und durch die einschlägige Studie von Thomas Anz Medizin, Moral und Ästhetik in der deutschen Gegenwartsliteratur.(5) Sonst herrsche in diesem Bereich »gähnende Forschungsleere« (ebd.).

Die Beschränkung auf das zwanzigste Jahrhundert ist sinnvoll. Zwei Leitfragen werden gestellt: Gibt es in der deutschsprachigen Literatur dieser Zeit eine »umfassende Darstellung und Metaphorisierung der Epilepsie«? Geht die Krankheit eine originäre Verbindung mit den Inhalten des Jahrhunderts als Metapher ein? (S. 11) Häufig genug sei die »alte Krankheit« in der Literatur des letzten Jahrhunderts zum Thema geworden. Erstaunlich klingt das methodologische Bekenntnis: »Die literarischen Funde wiesen den Weg zum literaturwissenschaftlichen Umgang, nicht umgekehrt« (ebd.). Daraus leitet sich ein Methodenpuralismus ab – für jeden Autor und jeden Zeitabschnitt ergibt sich so ein eigener methodologischer Ansatz. Daraus resultiert »ein thematischer statt methodologischer Schwerpunkt auf dem festen Boden einer hermeneutischen Grundhaltung« (ebd.). Dies ist scheinbar ein origineller Ansatz, der sich mit selbstbewusster Naivität aus der wissenschaftlichen Diskussion ausschließt. Mit »hermeneutischer Grundhaltung« hat dieses Programm des Reflexionsverzichts nichts zu tun. Es soll immerhin »befreiend gegenüber einer gewissen germanistischen Lagermentalität« wirken und »hoffentlich die Allgemeingültigkeit des Themas über den Fachdiskurs hinaus« (ebd.) demonstrieren. Man verzichte also auf die Auseinandersetzung mit den Regeln der Fachdisziplin, um für sein Thema zu werben! Promoviert wurde Steffi Ehlebracht mit dieser Arbeit von der Freien Universität Berlin, neuerdings als Heimstätte von Exzellenz geltend!

Zunächst sollen die Begriffe bestimmt werden. Epilepsie als Krankheit ist bis 1900 etwa als psychische Erkrankung verstanden worden, bis empirische Forschungen nachwiesen, dass es sich um ein neurologisches Geschehen im Gehirn handle. Die Diagnostik differenziert zwischen dem Ursprung des einzelnen Anfalls (fokal) und generalisierten, sich chronisch wiederholenden Anfällen. Deshalb wird von den Epilepsien gesprochen. Die Verfasserin war gut beraten, den renommierten Epileptologen und Gründer des Epilepsie-Museums in Kork, Dr. med. Hansjörg Schneble, für dieses Kapitel um kritische Durchsicht zu bitten. Von ihm und Prof. Dr. Peter Wolf (Bethel) stammt auch eine Auswahl literarischer Texte der Weltliteratur, die eine epileptische Symptomatik thematisieren (6) – sie ist die Basis der Untersuchung. Unverzeihlich ist es, wenn in einer philologischen Arbeit »Textkorpus« mit falschem Genus verwendet wird.(7)

Von den deutschsprachigen Texten der Liste aus dem zwanzigsten Jahrhundert wurden zunächst diejenigen für die Untersuchung ausgewählt, in welchen die dargestellte Symptomatik ausdrücklich mit »Epilepsie« oder ihren Ableitungen bezeichnet wird, u.a. Bernhard (Amras), Kubin (Die andere Seite), Roth (Hiob), Wolf (Medea), Kronauer (Das Taschentuch). In einem weiteren Schritt wurden diese Texte und andere, in welchen nicht ausdrücklich von Epilepsie die Rede ist, mit der Begriffsdefinition der Krankheit untersucht. Alle diese Texte würden Epilepsie metaphorisieren. In der Literatur des vergangenen Jahrhunderts findet sich am häufigsten der Grand mal-Anfall.

Die Bemühung um eine Klärung des Begriffes ›Metapher‹ für diese Arbeit erfolgt in einem existentiellen Verstehenshorizont: ›Fallsucht‹ bedeute in einem übertragenen Sinn das »Verfallensein des Menschen, als Metapher des Menschseins« (S. 33). Der medizinische und der übertragene Deutungsbereich ständen in einer Ähnlichkeitsrelation, seien aber nicht deckungsgleich. Epilepsie als Metapher sei »wie die Krankheit ›ungenau und zweideutig‹« (S. 34).

Unter den in den letzten Jahrzehnten diskutierten Metapherntheorien wird die strukturalistische als »wenig ertragreich« erwähnt. Sonst beruft sich die Arbeit auf Gerhard Kurz (8) und den philosophischen Metaphern-Begriff von Hans Blumenberg (›absolute Metapher‹).(9) Es ist nicht zu erkennen, warum sich die Verfasserin nicht mit der präzise explizierenden Darstellung der Metaphorik von Kurz begnügt hat – eine extensive Diskussion über die Metapher in kognitiver Perspektive, die gegenwärtig favorisiert wird,(10) darf man ihr allerdings angesichts der erkennbaren Theorieschwäche erlassen. Aber mit ihrem so naiv induktiven Metaphernbegriff ist ernsthaft nicht zu arbeiten: »Der in meiner Arbeit verwendete Metaphernbegriff ordnet sich dem in den untersuchten Texten Vorgefundenen unter. Die Darstellung des Phänomens obsiegt gegenüber vorgefaßten Begriffen« (S. 35). So wird der analytische Teil der Dissertation vorbereitet. Das »pragmasemantische Verständnis des Metaphorischen« fasst die Metapher auf als Äußerung, die sich »hermeneutisch in den Zusammenhang verschiedener Diskurse, die miteinander interagieren, bringen läßt« (ebd.). Wenn die literarische Epilepsie zur ›absoluten Metapher‹ erhoben wird, zeigt sie die »Mangelhaftigkeit und Hilflosigkeit menschlichen Lebens« (S. 38). Ist dies nicht generell eine Erkenntnismöglichkeit der Literatur? Bedarf es dafür – Sontags Kritik der Metapher ›Krebs‹ missverstehend – der Rede von Metaphorisierung?

Nach diesem eigentümlichen Versuch einer Begriffsklärung, die ja zugleich angesichts der Komplexität der Texte als überflüssig deklariert wird, werden die ausgewählten Werke mit einem System von fünf Kategorien analysiert, das der »Position« (II), dem »Selbst« (III), der »Stimme« (IV), »Haltung« (V) und »Zerstörung« (VI) jeweils drei weitere Kategorien mit jeweils drei Subkategorien zuordnet. Mit diesem Netz von Fragestellungen gelingen z. T. gute Einsichten in die Texte, so etwa mit »Bewegung«, »Sturz«, »Entgrenzung«, dem »Numinosen«, »Natur«, »Entfremdung«, »Kontrollverlust«, »Identitätsverlust«, »Rausch«, »Schwindel und Absencen«, »Wahnsinn«, »Verlangsamung«, »Schlaf«, »Überwältigung«, »Untergänge«. Da meist Beispiele aus der engeren Auswahl von Texten angeführt werden, ergibt sich aus der Synopse solcher Beobachtungen auf der Ebene der Inhaltsanalyse eine Interpretation der Krankheitsdarstellung, die überzeugt. Von Metaphorik hätte dabei selten gesprochen werden müssen. Wenn die Kategorien nicht weiter führen, zitiert die Verfasserin häufig Cioran, Bollnow und Guardini – so bekommt der Text gelegentlich einen existenzphilosophischen Zug, der antiquiert wirkt.

Im Schluss-Kapitel »Ausstieg« – im Inhaltsverzeichnis war ein »Ausblick« angekündigt – wiederholt die Verfasserin ihre These, die alte Krankheit Epilepsie werde im zwanzigsten Jahrhundert zur absoluten Metapher, die nach Blumenbergs Begriffsverständnis »Grundbestände der philosophischen Sprache«(11) bildet. Angestrebt war aber kein philosophischer Diskurs, sondern eine Untersuchung der Epilepsie in der deutschsprachigen Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts. Mit dieser Arbeit sei der Versuch unternommen worden, der Krankheit und ihrer Metaphorisierung »das wissenschaftliche Gehör zu verschaffen, das sie verdient« (S. 277). Wenn solche Analysen von anderen Krankheiten entstehen sollten, wäre das wünschenswert – aber besser nicht nach diesem Modell.

Prof. em. Dr. Gerhard Sauder, Universität des Saarlandes, FR 4.1 – Germanistik, Postfach 15 11 50, D-66041 Saarbrücken; E-Mail: g.sauder@germanistik.uni-saarland.de


Anmerkungen

(1) Bettina von Jagow/Florian Steger (Hg.), Literatur und Medizin. Ein Lexikon. Göttingen 2005. [zurück]

(2) Walter Erhart, Medizingeschichte und Literatur am Ende des 19. Jahrhunderts. Ein Forschungsbericht. In: Scientia Poetica 1 (1997), S. 224-267; Florian Steger, Literatur und Medizin. In: KulturPoetik 5 (2005), S. 111-118. [zurück]

(3) Nicolas Pethes/Sandra Richter (Hg.), Medizinische Schreibweisen. Ausdifferenzierung und Transfer zwischen Medizin und Literatur (1600-1900). Tübingen 2008. [zurück]

(4) Vgl. Peter Wolf, Literarische Werke mit Epilepsie-Motiven. In: Epilepsie-Blätter 9 (1996), Supplementum1: Epilepsie in der Literatur, Anhang II, S. 56-59; sowie [Ders.], Kurzschlüsse? – Epilepsie in Literatur, Kunst und Medizin. In: Epilepsie-Blätter 7 (1994), Supplementum 2, S. 43-47. [zurück]

(5) Susan Sontag, Krankheit als Metapher. Aus dem Amerikanischen von Karin Kersten und Caroline Neubaur. München, Wien 1978; Thomas Anz, Gesund oder krank? Medizin, Moral und Ästhetik in der deutschen Gegenwartsliteratur. Stuttgart 1989. [zurück]

(6) Dietrich v. Engelhardt/Hansjörg Schneble/Peter Wolf (Hg.), »Das ist eine alte Krankheit«. Epilepsie in der Literatur. Mit einer Zusammenstellung literarischer Quellen und einer Bibliographie der Forschungsbeiträge. Stuttgart, New York 2000, S. 291-298. [zurück]

(7) Vgl. etwa: »Ein solcher Textkorpus« (S. 27), oder »Der [...] Textkorpus« (S.28). [zurück]

(8) Gerhard Kurz, Metapher, Allegorie und Symbol. Göttingen 2004. [zurück]

(9) Hans Blumenberg, Paradigmen zu einer Metaphorologie. Bonn 1960. [zurück]

(10) Vgl. Katrin Kohl, Metapher. Stuttgart, Weimar 2007. [zurück]

(11) Blumenberg (Anm. 9), S. 9. [zurück]