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In: KulturPoetik 2009, Heft 2

Autor

Ralf Georg Bogner

Titel

Lehrbuch eines Zeitalters im Zeitalter des Lehrbuchs
Andreas Keller, Frühe Neuzeit. Das rhetorische Zeitalter. Berlin: Akademie 2008. 231 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Das Fach Germanistik hat in den letzten Jahren einen bedeutenden Teil seiner Energien und personellen Ressourcen für die Erstellung einer fast schon unüberschaubar werdenden Zahl an Lehrbüchern aufgewendet. In diversen Reihen sind vor allem zu den bei Abschlussprüfungen besonders beliebten Epochen und Gattungen oft mehrere konkurrierende Einführungen erschienen. Konzeption und Qualität divergieren erheblich. Statt der konzentrierten Synthese, die von einem guten Lehrbuch zu fordern ist, bieten manche neue Bände undifferenzierte Wiederholungen längst überholter Forschungspositionen, gerne entschuldigt durch den vorgeblich notwendigen Zuschnitt auf das mutmaßlich niedrige intellektuelle Niveau von BA-Studierenden. Solche Handreichungen bestehen dann im Extremfall zur Hälfte aus Stichpunkt-Tabellen, Abbildungen, bunten Kästchen und Übungsfragen, so dass für die Vermittlung des eigentlichen Stoffes nur noch dürftiger Raum bleibt.

Der vorliegende Band, der in die Epoche der Frühen Neuzeit einführt, bietet solche Service-Teile und Leistungen auch, allerdings in vertretbarem Umfang bzw. sehr geschickt eingesetzt und anspruchsvoll gestaltet. So findet sich am Schluss ein mit drei kleingedruckten Seiten kurzes, aber sehr informatives Glossar mit zentralen Begriffen der Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit (etwa Artes liberales, Inkunabel, Konfessionalisierung oder Topik). Ferner enthält die Einführung zu jedem der insgesamt 14 Kapitel jeweils einige wenige Fragen, mittels derer der dargebotene Stoff wiederholt werden kann. Jedem Kapitel ist schließlich eine Schwarz-Weiß-Abbildung vorangestellt, die den Inhalt des folgenden Textabschnitts sinnfällig auf den Punkt bringt. Es handelt sich hier nicht um eine mehr oder weniger kontingente Bebilderung, sondern um eine in allen Fällen klug ausgesuchte, exemplarische Illustration. So steht Albrecht Dürers berühmter Kupferstich, der den briefschreibenden Erasmus v. Rotterdam darstellt, am Anfang von Kapitel 6 prototypisch für die Ablösung von mittelalterlichen Autorschaftskonzepten durch frühneuzeitliche.

Eine besondere Stärke des Bandes besteht darin, dass er die behandelte Epoche nicht als ein wahlloses Konglomerat von Merkmalen, Strömungen, Autoren und Texten vorstellig macht, sondern – der Untertitel verweis bereits darauf – die Frühe Neuzeit anhand einer durchgehenden, einheitlichen These konturiert. Mittelalterliche wie moderne Literatur bedienen sich natürlich ebenfalls der Kunst der Beredsamkeit, aber als Spezifikum frühneuzeitlichen Schreibens kann durchaus überzeugend die rhetorische Dialogizität modelliert werden, d.h. der kommunikative Charakter eines jeden literarischen Textes der Epoche als Diskussionsbeitrag, für dessen Herstellung und publikumswirksame Gestaltung grundsätzlich auf ein bewährtes Instrumentarium zurückgegriffen wird. Dies unterscheidet, wie der Verfasser anschaulich nachvollziehbar macht, die Literatur der Frühen Neuzeit von der des Mittelalters und derjenigen der Moderne.

Der Beginn der Epoche ist damit klarerweise mit dem Ackermann aus Böhmen anzusetzen, ihr Ende mit der Aufklärung. Andreas Keller stellt sich hierdurch eindeutig gegen verbreitete Periodisierungskonventionen, greift – außerordentlich mutig im Rahmen eines Einführungsbandes – auf das von Hans-Gert Roloff schon vor ungefähr 30 Jahren entwickelte, von der Germanistik (vielleicht aus institutioneller Trägheit?) nicht wirklich angenommene Konzept einer Mittleren deutschen Literatur zurück und erweist immer wieder dessen vielfältige Attraktivität für die Epochengliederung der deutschen Literaturgeschichte. Er kann zugleich zeigen, warum, wie eingangs anregend erläutert, die literarischen Leistungen jener Jahrhunderte in späterer Zeit (bis hin zu Heinz Schlaffers harschen Verdikten) so wenig Aufmerksamkeit und Zustimmung gefunden haben: Die Literatur des 15. bis 17. Jahrhunderts ist in ihrer prinzipiell dialogischen Anlage und in ihrer Einbindung in die unterschiedlichsten kulturellen Entwicklungen und gesellschaftlichen Umbrüche, welche sie verarbeitet und reflektiert, nie ein weltfernes poetisches Artefakt, sondern historisch eingebundener Diskussionsbeitrag – und somit inkompatibel mit den heute in Lesepublikum und Wissenschaft gängigen ästhetischen Vorlieben.

Der Verfasser führt demgegenüber vor, wie spannend die Auseinandersetzung mit der Literatur der Frühen Neuzeit sein kann, wenn man sich erst einmal auf deren grundsätzlich andere Funktion einer rhetorisch fundierten Schreibkunst mit pragmatischer Gebrauchsorientierung, auf deren Bestimmung als eigenständiges »Ausdrucks- und Steuerungssystem zwischen mittelalterlichem Universaldenken und moderner Individualität« (S. 16) einlässt. Er führt dabei dem Leser die Epoche mit großer Differenziertheit und dennoch in packender Zuspitzung vor und wirbt geradezu für eine neue bzw. breitere Auseinandersetzung mit vielen aus dem Kanon verdrängten Texten.

Die einzelnen Kapitel entwickeln systematisch Poetik und Literaturgeschichte der Frühen Neuzeit anhand ihrer Leitkategorien, z.B. anhand der Argumentationstheorie, der Text-Bild-Beziehungen, der Gattungen, der Medien, der Bildungsinstitutionen, der Religion und der Subjektkonzepte. Die Einheit der Epoche bleibt dabei stets ebenso im Blick wie die jeweilige diachronische Entwicklung innerhalb einer Fragestellung. Unter den drei behandelten Jahrhunderten bleibt zumeist das 15. deutlich am schwächsten berücksichtigt. Dies ist jedoch weniger ein Mangel der Darstellung, sondern eine Konsequenz der jahrzehntelangen Vernachlässigung der spätmittelalterlichen Literatur durch die Germanistik, die durch eine Einführung kaum aus der Welt zu schaffen ist.

Der Band präsentiert sich in jeder Hinsicht erfreulich. Er ist auf dem neuesten Stand der Forschung, präsentiert die Einzelaspekte der Epoche pointiert und dennoch nie vereinfachend oder banal, er führt die notwendigen philologischen Grundlagen (z.B. frühneuhochdeutsche Graphie) ebenso vor wie einzelne, beispielhafte Ergebnisse von Spezialuntersuchungen, er ist nicht zuletzt stilistisch glänzend formuliert – offenbar also kein ›Schnellschuss‹, sondern ein Ergebnis langer, sorgfältiger Arbeit. Insofern ist dem Band auch zu wünschen, dass er unter Studierenden, die sich mit der Frühen Neuzeit auseinandersetzen, die größtmögliche Verbreitung findet. Ein Konkurrenzprodukt, das auch nur annähernd die Qualität dieser Darstellung erreichen würde, ist jedenfalls derzeit nicht auf dem Buchmarkt erhältlich, auch nicht für Teilepochen wie das Barock. Umso erfreulicher wäre es, wenn bei der zweiten Auflage noch ein Sachregister ergänzt würde.

Prof. Dr. Ralf Georg Bogner, Universität des Saarlandes, FR 4.1 – Germanistik, Postfach 15 11 50, D-66041 Saarbrücken; E-Mail: r.bogner@germanistik.uni-saarland.de