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In: KulturPoetik 2009, Heft 2

Autor

Marie Isabel Schlinzig

Titel

»Ich erhoffe nichts. Ich fürchte nichts. Ich bin frei«. – Kulturen und Kulturgeschichten des Trauerns
(1) Jan Assmann/Franz Maciejewski/Axel Michaels (Hg.), Der Abschied von den Toten. Trauerrituale im Kulturvergleich. Göttingen: Wallstein, 2005. 376 S.
(2) Karl S. Guthke, Sprechende Steine. Eine Kulturgeschichte der Grabschrift. Göttingen: Wallstein 2006. 413 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Jan Assmann/Franz Maciejewski/Axel Michaels (Hg.), Der Abschied von den Toten. Trauerrituale im Kulturvergleich. Göttingen: Wallstein, 2005. 376 S.

Abschied nehmen zu müssen von einer geliebten Person ist eine Gegebenheit des Lebens. Damit einher geht eine anthropologisch konstante Hilflosigkeit des Menschen seiner Sterblichkeit gegenüber, die sich seit Jahrtausenden in kultureller Form manifestiert, vornehmlich in Toten- und Trauerritualen. Dabei gestaltet sich die Beziehung zwischen Lebenden und Toten, zwischen Gegenwart und Vergangenheit einer Gesellschaft von Kultur zu Kultur unterschiedlich. Die Variablen dieses Verhältnisses beschreibend zu verstehen, ist zentrales Anliegen des von Jan Assmann, Franz Maciejewski und Axel Michaels herausgegebenen Sammelbandes Der Abschied von den Toten. Trauerrituale im Kulturvergleich. Der größte Teil der Beiträge ist Todes-, Trauer-, sowie Altersriten in Südasien (Indien, Sri Lanka, Nepal) gewidmet. Ihnen gegenüber gestellt sind Studien zum Gedenken an die Toten im westlichen Kulturbereich, zu Todes- bzw. Trauerritualen in Ägypten und im Alten Orient. Die komparatistische und interdisziplinäre Struktur ist dabei, wie der Band selbst, Ergebnis einer 2004 an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg abgehaltenen internationalen Tagung des Sonderforschungsbereichs Ritualdynamik: Soziokulturelle Prozesse in historischer und kulturvergleichender Perspektive.

Eines der Kernanliegen sämtlicher Beiträger hebt Jan Assmann einführend hervor: Ihnen gehe es nicht darum, Modelle für die westliche Kultur zu identifizieren, sondern »unser Verständnis für die zugrundeliegenden Probleme und damit auch für die Vielfalt und Andersartigkeit ihrer kulturellen Lösungen zu schärfen« (S. 22). Die wissenschaftlichen Studien sollen dazu befähigen, das Selbstbild der eigenen Kultur im Umgang mit Tod und Erinnerung differenzierter zu betrachten.

Derart selbstkritisch eingestimmt wird der Leser bereits im eigentlichen Eröffnungsessay des Bandes, Trauer und rituelle Trauer, in dem Axel Michaels unter anderem einen Vergleich zwischen traditionalen Gesellschaften und westlicher Welt anführt. Dieser fällt in Bezug auf das Vorhandensein und die Wirksamkeit von Ritualen, wie erwartbar, zu unseren Ungunsten aus. Was sich in Michaels Essay dabei zunächst nur andeutet, bestätigt sich im Laufe der weiteren Lektüre. Speziell die Beiträge zum asiatischen Kulturraum zeigen auf eindrückliche Weise, welch zentrale Stellung Toten- und Trauerrituale in der Alltagskultur einnehmen können. Erkennbar wird außerdem, dass diesen Ritualen über die Bewältigung eines spezifischen Verlustes hinaus weitere Bedeutungen zukommen. Das Totenritual der Sikhs ist beispielsweise, wie Monika Horstmanns gleichnamiger Aufsatz zeigt, von der engen Verbindung zwischen Todesgedanke, Glaubenslehre im Alltag und dem Überlebenskampf verschiedener religiöser Gruppen bzw. Lebensmodelle geprägt.

Kulturen, die dem Tod rituell und öffentlich begegnen, gestehen ihm und dem Abschied von den Toten einen festen Platz und eine bestimmte Zeit zu. Der Ritus regelt das Verhalten des Einzelnen und der Gemeinschaft. Dabei gilt die Sorge der Lebenden allerdings den Toten ebenso wie sich selbst. Der Tod eines Angehörigen, eines Mitglieds der Gemeinde, stellt nicht nur einen bleibenden Verlust dar, den es zu verarbeiten gilt. Er wird in traditionalen Gesellschaften auch verstanden als eine Verwischung der Grenze zwischen Diesseits und Jenseits, die mit Hilfe vorgeschriebener Rituale wieder stabilisiert werden muss. Prägend für diese Vorstellung sind, wie Jan Assmann in Die Lebenden und die Toten zeigt, zwei Elemente, die kulturübergreifend in Ritualen ihre Wirkung entfalten: der Glaube an eine Jenseitsreise, die der Tote unternehmen muss, um von der Welt der Lebenden in die Welt der Toten zu gelangen, sowie der Gedanke seiner dazu notwendigen Umwandlung von einer Wesenheit in eine andere (S. 22–29).

Zu diesem Zweck wird beispielsweise im hinduistischen Totenritual ein »provisorischer Körper« für den Toten hergestellt. David M. Knipe (Zur Rolle des »provisorischen Körpers« für den Verstorbenen in hinduistischen Bestattungen) beschreibt und analysiert die Vielzahl von Einzelhandlungen, die nötig sind, um dem aus dem Leib entweichenden Geist (preta) eine sichere Reise ins Reich der Ahnen zu gewährleisten. Anhand eines Vergleichs von Geburts- und Todesriten arbeitet der Autor zudem heraus, wie eng Leben und Tod im hinduistischen Ritus miteinander verwirkt sind. Rituelles Handeln wird hier – wie auch in anderen Beiträgen des Bandes – mit Hilfe einschlägiger Quelltexte und persönlich durchgeführter Feldstudien für den Leser greifbar gemacht. So auch in Stuart Blackburns Beitrag Die Reise der Seele, Bestattungsrituale in Aruchnachal Pradesh, Indien, der sich den Ritualen zur Jenseitsreise und deren Bedeutung für die Bestattungsriten zweier im Nordosten Indiens lebender Stammeskulturen widmet. Anhand der zur jeweiligen Bestattungszeremonie gehörenden Klagelieder führt der Autor die komplizierte Struktur der Jenseitsreise vor. Diese hat seiner Meinung nach vor allem den Zweck, zwischen Lebenden und Toten rituell eine strikte Trennung zu vollziehen.

Überhaupt fällt bei der Betrachtung der verschiedenen Spielarten von Todes- und Trauerritualen traditionaler Gesellschaften auf, wie stark die Präsenz der Verstorbenen nach ihrem Ableben wahrgenommen, wie sorgfältig mit ihr umgegangen wird. Umso entschlossener werden die Toten allerdings aus der Gemeinschaft der Lebenden ausgeschlossen, nicht zuletzt, weil man sich vor Schädigungen durch unbefriedigte »Quälgeister« fürchtet. Dieser ambivalente Umgang mit den Toten beschäftigt unter anderem Johanna Buss’ Aufsatz Gieriger Geist oder verehrter Vorfahr? Das »Doppelleben« des Verstorbenen im newarischen Totenritual, der das Kloßritual der Newars in Nepal analysiert. Das elaborierte Ritual dient dazu, den Totengeist auf seiner Reise in das Kollektiv der Vorväter zu ernähren; die Vereinigung des ersteren mit letzteren wird dabei rituell bereits vollzogen. Der nicht nur in Trauerfällen, sondern über das ganze Jahr hinweg institutionalisierte Dienst an den Ahnengeistern soll darüber hinaus die Lebenden vor unbefriedeten und daher »hungrigen« Totengeistern beschützen.

Buss’ Beitrag ist einer von insgesamt vier Texten, die sich den Trauer-, Toten-, und Altersritualen der Newars widmen. Niels Gutschows Totenrituale in Bhaktapur, Nepal. Trauer und Klage als Phasen von Reinigung und Reintegration, einer der überzeugendsten und faszinierendsten Artikel des Sammelbandes, führt etwa in äußerst anschaulicher Weise vor, wie Toten- und Trauerriten in einem konkreten Stadtraum und parallel dazu im kulturellen Gedächtnis der Stadtbevölkerung verortet sind. Umrissen wird die enge Verquickung von religiöser und sozialer Gemeinschaftlichkeit in Bhaktapur, die Funktionalität der Riten für die Mitglieder der trauernden Familie und die sie umgebende, städtische Gesellschaft. Darüber hinaus deutet der Autor an, auf welche Weise selbst in einer so traditionalen Kultur wie jener der Newars inzwischen Einflüsse der Globalisierung spürbar werden. Diese äußern sich vornehmlich in einer Tendenz zur Individualisierung im Umgang mit dem Toten.

Welche Formen dieser spätestens seit der Säkularisierung immer prägender gewordene Trend für die Trauerarbeit im kulturellen Raum des Westens angenommen hat, wird im dritten Abschnitt des Sammelbandes untersucht. Im Mittelpunkt der Betrachtungen stehen dabei Auseinandersetzungen mit dem Gedenken an die Opfer des Zweiten Weltkriegs. Berührend ist in diesem Zusammenhang Idith Zertals Beitrag Trauer und Trauma in Israel. Die Totenklage der Überlebenden, welcher die Paradoxien des Daseins »Überlebender« vor allem der Konzentrationslager bzw. des Gulag beleuchtet. Diese Menschen verstehen sich – im Vergleich zu bestimmten Teilnehmern der betrachteten asiatischen Rituale – auf ganz andere Weise als Vertreter der Toten im Diesseits (S. 237). Neben der bereits angedeuteten Tendenz zur Individualisierung bzw. Privatisierung der Trauer, bei der Tod und Sterben permanent medial allgegenwärtig, als konkrete Erfahrung jedoch tabuisiert sind (Michaels), gewinnen in der Nachkriegszeit Bemühungen zur staatlich gelenkten Inszenierung – und das heißt im konkreten Fall auch der Politisierung – öffentlicher Trauer an Bedeutung. Dies betrifft nicht nur das Gedenken an die Opfer des Holocaust (vgl. Franz Maciejewskis Aufsatz Trauer ohne Riten – Riten ohne Trauer. Deutsche Volkstrauer nach 1945), sondern auch die Bemühungen, die Erinnerung an die Toten der Terroranschläge vom 11. September in modernen Formen des Rituals manifest werden zu lassen (Stadtzerstörung und Gedenken: Hamburg – Dresden – Berlin – New York von Niels Gutschow). Dabei scheint es verheerend für das kulturelle Gedächtnis und damit für die Zukunft einer Gemeinschaft, wenn die Toten nicht – wie beispielsweise in Bhaktapur – in ihre eigene Welt entlassen werden, sondern als lebendig zu erhaltende Erinnerungsgeister im Lebenden verbleiben. Dass damit Konflikte nicht gelöst, sondern lediglich Traumata perpetuiert werden, verdeutlicht neben dem Text Zertals auch der einsichtsvolle Artikel Maciejewskis. Letzterer zeigt in überzeugender Weise auf, inwiefern in der institutionalisierten Auseinandersetzung mit dem Holocaust nicht die Trauer um die Opfer sondern die eigene Schuld bzw. der Status als Opfer ritualisiert wurde.

Neben der kulturvergleichenden gewinnt die historische Perspektive, welche bereits in letzt­genannten Beiträgen eine gewichtigere Rolle spielte, am Schluss des Sammelbandes noch einmal verstärkt an Relevanz. Wiederum ergeben sich unmittelbare Bezüge zu den vorherigen Artikeln: So beispielsweise wenn Jan Assmann (Totenriten als Trauerriten im alten Ägypten) die enge Verknüpfung von Osiris-Mythos, Toten- und Trauerriten im Alten Ägypten aufzeigt und detailliert den Prozess der physischen wie mentalen Umwandlung des Toten in einen verklärten »Ahnengeist« rekonstruiert. Zwei aufgrund der lückenhaften Überlieferung nur schwer zu beleuchtenden Themen widmen sich schließlich die Beiträge Andrea Kuchareks (70 Tage – Trauerphasen und Trauerriten in Ägypten) und Stefan M. Mauls (Altorientalische Trauerriten). Kuchareks Ausführungen zum Verhalten der Angehörigen und Freunde während der siebzigtägigen Trauerphase im Alten Ägypten bildet ein wertvolles Komplement zu Assmanns Artikel. Maul hingegen gelingt es in seinem Text, der den Band beschließt, mit Hilfe des Gilgamesch-Epos Elemente der altorientalischen Trauerriten zu identifizieren und darüber hinaus ein eindrückliches Bild von deren Verknüpfung mit Naturzyklen und Mythen einer längst untergegangenen Kultur zu erschaffen.

Auf jeweils unterschiedliche Weise belegen die Beiträge so auch die Schwierigkeiten, welche die Erforschung von Trauerriten historischer wie gegenwärtiger Kulturen erschweren, sei es die komplizierte Quellenlage oder die fehlende Distanz zu zeitgenössischen Phänomenen im eigenen Kulturkreis. Thematisch sind die Texte sämtlich interessant, stilistisch und substantiell allerdings von unterschiedlicher Qualität. Vor allem variiert der Grad an Spezialwissen, welches die einzelnen Autoren beim Leser voraussetzen und damit die Zugänglichkeit der Artikel. Unbeeinträchtigt davon stellt die Lektüre eine Bereicherung dar, nicht zuletzt, weil sie über die Informationsvermittlung hinaus häufig genug auch zum Staunen anregt.

 
Karl S. Guthke, Sprechende Steine. Eine Kulturgeschichte der Grabschrift. Göttingen: Wallstein Verlag 2006. 413 S.

Einer anderen kulturstiftenden Reaktion auf das Wissen um die eigene Vergänglichkeit geht Karl S. Guthkes Buch Sprechende Steine. Eine Kulturgeschichte der Grabschrift nach. Der Band stellt eine aktualisierte Version der 2003 erschienenen Studie Epitaph Culture in the West. Variations on a Theme in Cultural History dar. Verdienstvoll nimmt sich Guthke hier eines im deutschsprachigen Raum noch verhältnismäßig jungen Forschungsgebietes an: der Grabschriftenkunde. Primärquellen und Studien zum Thema aus dem angelsächsischen, französischen und deutschen Bereich bilden die breite Basis der Untersuchung. Da die Mehrzahl der betrachteten Beispiele aus einem einzigen Kulturkreis stammt und Unterschiede eher im Detail auftreten, hält sich der Autor mit komparatistischen Überlegungen zurück. Dennoch ermöglicht er es dem Leser, sich ein Bild nicht nur von der Quellenlage, sondern auch von der aktuellen Forschungsdiskussion vor allem in den USA und Großbritannien sowie in Deutschland und Frankreich zu machen. Das Wechselverhältnis von anthropologischer Konstante und kultureller Differenz, welches für den Trauerkulturen-Sammelband programmatisch ist, interessiert Guthke vor allem aus historischer Sicht. Seine grundsätzliche Fragestellung lautet: Haben Grabschriften eine Geschichte? Die Beantwortung dieser und weiterer Fragen zur Gedächtnis- und Trauerkultur des Westens erfolgt in sieben thematisch geordneten Kapiteln. Diese behandeln verschiedene Aspekte der Rezeption, Funktion und der von Kontinuität wie Wandel geprägten Kultur des Epitaphs.

Zunächst spürt Guthke den Gründen für das spätestens seit der Antike konstant bleibende Interesse an Epitaphen nach. Dieses hat unter anderem in einer Reihe von Anthologien Gestalt angenommen. Anhand der Beispielauswahl und Strukturierung der Grabschriften-Sammlungen sowie des jeweiligen Vorworts oder Herausgeberkommentars lassen sich Tendenzen im Werte- wie Einstellungswandel mit Blick auf Sterben und Tod bzw. auf deren Abbildung in Epitaphen beobachten. Dabei entspricht das Sammeln und Veröffentlichen von Grabschriften jener Motivation, die das Genre und die von ihm ausgelöste Faszination begründet: dem Wunsch nach Unsterblichkeit bzw. nach ewiger Fortdauer des Angedenkens. Nicht zuletzt aus diesem Grund dienen die Anthologien Guthke sowohl als Gegenstand von kulturhistorischem Interesse wie als entscheidende Quelle seiner Arbeit. Neben dem Bemühen, das kulturelle Erbe vergangener Epochen zu bewahren, wie es sich beispielsweise in Anthologien des Humanismus artikuliert oder dem Anliegen, durch Erinnerung an die Grabschriften großer Vertreter einer Nation deren gegenwärtige Identität zu stärken, lässt sich anhand der Sammlungen vor allem das historisch wandelbare Verhältnis zwischen Lebenden und Toten rekonstruieren. Früh ist zudem eine Vermischung zwischen rein literarischen und tatsächlich auf Friedhöfen vorhandenen Epitaphen feststellbar, die über die Jahrhunderte hinweg anhält. Unabhängig davon verbleibt der Fokus Guthkes jedoch (sieht man von Exkursen oder thematisch bedingten Überschneidungen ab) auf jenen Inschriften, die tatsächlich auf Grabsteinen nachzulesen sind. Die seit der Antike etablierte literarische Gattung des Epitaphs wird weitgehend außen vor gelassen.

Neben Vergänglichkeitsbewusstsein und Streben nach Ewigkeit wirkt vor allem das Verhältnis zwischen individueller Gestaltung und sozialer Konvention dynamisierend auf die Erscheinungsform von Epitaphen. Beobachten kann man dies unter anderem am eher flexiblen Umgang mit der in Stein gehauenen Wahrheit. So stellt sich die Auffassung, ein Epitaph sei eine Art Lebenssumme, die wahrhaftig und daher besonders glaubwürdig wäre, keineswegs als allein gültige heraus. In scharfem Gegensatz dazu hat sich angesichts der diesem Ideal zuwiderlaufenden kulturellen Praxis eine Denkfigur etabliert, die in der englischen Redensart »to lie like an epitaph« beredten Ausdruck findet. Auf Grabsteinen verewigte Lügen seien, argumentiert Guthke, allerdings nur manchmal von Rachegefühlen, viel häufiger moralisch motiviert. Wurde in der Vergangenheit die Wirklichkeit eines Lebensschicksals posthum einem gesellschaftlichen oder religiösen Ideal angepasst, konnte dies beispielsweise der Erbauung Hinterbliebener dienen. Gleichwohl rief die mancherorts daraus resultierende Lobhudelei gerade im 19. Jahrhundert Kritik hervor.

Die sich derart ablehnend Äußernden wünschten nur wahrhaft vorhandene vorbildliche Tugenden in Stein verewigt zu sehen. Als besonders verurteilenswert betrachteten sie komische oder skurrile Grabschriften. Dabei eignete (und eignet) gerade dem Humor abgesehen von der unterhaltsamen auch eine heilsame Wirkung angesichts der menschlichen Gebrechlichkeit. Zudem bot er ein realitätsnahes Korrektiv zu regelkonformen »Predigten in Stein« (S. 176) oder scheinheiligen Lobeshymnen. In diesem Kontext lassen sich vielleicht die stärksten mentalitätshistorisch begründbaren Unterschiede innerhalb des westlichen Kulturraums ausmachen: So gilt das komische Epitaph im Vergleich zu Deutschland vor allem in Großbritannien und den USA als feststehender Topos. Sowohl als Zeugnis eines bestimmten Epochengeschmacks wie in psychologischer und religiöser Hinsicht, so zeigt Guthke, sind Humor bzw. Lachen angesichts des Todes für den Kulturhistoriker aufschlussreich: Sie schaffen Distanz und können daher als Geste der Selbstermutigung, der Überwindung einer Trennung von Verstorbenen gelten. Im anderen Fall sind sie triumphales Symbol der Todesverachtung oder Ausdruck der theologisch begründeten Vorfreude auf ein jenseitiges Leben.

Der Dynamik des durchaus von gegensätzlichen Bedürfnissen geprägten Verhältnisses zwischen Lebenden und Toten entgehen nicht einmal jene, die ihre Grabschrift selbst festlegen. In dieser Geste drückt sich zunächst der Wunsch aus, das eigene Lebensende selbstbestimmt und sinnvoll zu gestalten; darüber hinaus ist sie ein Indiz dafür, dass sich der Betroffene vor einer falschen posthumen Darstellung fürchtet. Dass sein Begehren von der Nachwelt unter Umständen ignoriert wird, bestätigt, wie berechtigt die Sorge ist. Prinzipiell dem Willen der Nachwelt ausgeliefert sind dagegen die Epitaphe von Selbstmördern. Über Jahrhunderte hinweg erinnerte überhaupt kein Stein an jene, die ihrem Leben ›sündhaft‹ ein Ende setzten; wo möglich, wurde die Art ihres Todes vertuscht. Erst im Zuge der Aufklärung veränderten sich die Verhältnisse derart, dass man auch Selbstmördern ein ordentliches Begräbnis zugestand – und damit auch ein mehr oder minder idiosynkratisches Epitaph. Aus theologischer Sicht bis heute umstritten sind demgegenüber Grabschriften für Tiere. An sie und ihre »Leistung« wird in humanisierender Weise erinnert, einige Besitzer schätzen ihre tierischen Freunde sogar als dem Menschen überlegen ein. Tierische Epitaphe – so Guthkes These zu diesem bisher wenig erforschten Bereich der Epitaphologie – ähneln häufig jenen von Hausangestellten.

Im letzten Kapitel des Buches formuliert der Autor schließlich seine grundsätzliche Antwort auf die zu Anfang gestellte Frage, ob Epitaphe eine Geschichte haben. Er umreißt die Entwicklung der Grabschriftenkultur von der griechisch-römischen Antike bis zur Gegenwart. Als für den westlichen Kulturraum wohl bedeutendste kulturhistorische Veränderung identifiziert Guthke den Wandel vom anthropologischen Paradigma der Antike (die an den Verstorbenen vor allem als exemplarisches, verdienstvolles Mitglied der Gesellschaft erinnerte) zum theologischen Paradigma des Christentums. Letzteres konzentrierte sich nicht mehr retrospektiv auf die irdische, sondern prospektiv auf die jenseitige Existenz nach dem Tode. Nachhaltig verändert wurde die entstandene Kultur des Epitaphs erneut im Zuge des sich entwickelnden Protestantismus sowie später durch den seit dem 18. Jahrhundert verstärkt einsetzenden Prozess der Säkularisation. Zug um Zug kehrte das »antike« Bestreben nach irdischer Unsterblichkeit auf die Grabsteine zurück. Zwei aus diesen Entwicklungen resultierende Tendenzen sollten nicht nur für Epitaphe sondern für die Trauerkultur insgesamt bestimmend werden: erstens das Bedürfnis nach Individualisierung, welches, im 19. Jahrhundert teilweise zurückgedrängt, spätestens seit den späten 20. Jahrhundert wieder deutlicher hervortritt, und zweitens die zentraler werdende Bindung des Einzelnen an seine Familie.

In einem Epilog geht Guthke abschließend einer Behauptung nach, die unter anderem auch Axel Michaels wiederholt, wenn er mit Blick auf gegenwärtige Tendenzen einer Anonymisierung des Todes bemerkt: »Kein Grabstein erinnert mehr an die Toten«.(1) Historisch betrachtet verwies das namenlose Grab entweder auf besondere Frömmigkeit, individuelle Exzentrik, Strafmaßnahmen oder auf den Tod in der Ferne, auf Reisen oder im Kriegseinsatz. Den zunehmenden Wunsch nach anonymer Bestattung in der jüngeren Vergangenheit, der entsprechende Friedhofsformen mit sich bringt, wertet Guthke als ein weiteres Indiz für die moderne Verleugnung des Todes, das Schwinden von Totenritualen und die damit verbundene Privatisierung der Trauer in westlichen Gesellschaften. Statt eines Grabsteins, so der Autor, werde heute die Lebensleistung eines Menschen als sein »Denkmal« betrachtet. Demgegenüber scheint es an anderer Stelle durchaus Indizien für eine Wiedergeburt des Epitaphs zu geben und zwar sowohl im Kontext bewusst individuell gestalteter Grablegen als auch in Form virtueller Friedhöfe.

Einige formale Eigenschaften des Buches, so sei abschließend angemerkt, mögen nicht jeden Leser zufriedenstellen. Wie Guthke im Vorwort bemerkt, bildet jedes Kapitel »sowohl eine Etappe in einer fortschreitenden Analyse wie auch einen eigenständigen Essay« (S. 7); Überschneidungen sind einkalkuliert und sollen die Teile thematisch zusammenführen. Mit Blick auf die präsentierte Materialfülle ist diese Vorgehensweise wohl auch methodisch begründet. Ideal erscheint sie für eine Lektüre, die nur an einer bestimmten Variation des Themas interessiert ist. Ein aufmerksamer Leser der ganzen Studie dagegen wünscht sich angesichts mancher Wiederholung mehr Vertrauen in seine Fähigkeit, verschiedene Informationen selbständig zusammen denken zu können. Die erwähnte Fülle von Beispieltexten lässt das Buch unterhaltsam, anschaulich und – wie im Fall des Schriftstellers Nikos Kazantzakis (S. 167), dessen Epitaph der Titel dieser Rezension zitiert – auf berührende Weise erinnerungswürdig werden. Letztere Wirkung verstärkt die stets präsente, und von Guthke bewusst betonte Ambivalenz seines Gegenstandes als Zeugnis kulturhistorischer Tendenzen auf der einen und konkreter Lebenswirklichkeit auf der anderen Seite. An einigen, wenigen Stellen wären dennoch tiefergehende Reflexionen oder Interpretationen anstelle eines weiteren, eher illustrativ eingesetzten Beispiels wünschenswert gewesen. Hilfreich ist angesichts des Reichtums an verwendeten Primär- wie Sekundärquellen das Namenregister, welches dem umfangreichen Anmerkungsteil angeschlossen ist. Schmerzlich vermisst hat die Rezensentin gleichwohl eine Bibliographie, die das Wiederauffinden zitierter Autoren und Werke und damit die wissenschaftliche Arbeit mit dem Buch um einiges erleichtert hätte.

Alles in allem genommen präsentiert Guthke ein beeindruckend breites und dennoch pointiertes Panorama der Kulturgeschichte westeuropäischer Grabschriften, das sich keineswegs in einer Materialsammlung erschöpft. Der kulturwissenschaftlich interessierte Leser dürfte sich im Gegenteil dazu angeregt fühlen, einige der vorgestellten Thesen weiterzudenken. Den Blick auf Grablegen in Kirchen und Friedhöfen, heimatlichen wie fremden, wird die Lektüre des Bandes in jedem Fall bereichern.

Marie Isabel Schlinzig, University of Oxford, Somerville College, Oxford, OX2 6HD, Großbritannien, E-Mail: isabel.schlinzig@mod-langs.ox.ac.uk    


Anmerkungen

(1) Axel Michaels, Trauer und rituelle Trauer. In: Ders./Jan Assmann/Franz Maciejewski (Hg.), Der Abschied von den Toten. Trauerrituale im Kulturvergleich. Göttingen 2005, S. 7-15; hier S. 10. [zurück]