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In: KulturPoetik 2009, Heft 2

Autor

Karin Becker

Titel

Das Wetter und die Kultur
(1) Wolfgang Behringer, Kulturgeschichte des Klimas. Von der Eiszeit bis zur globalen Erwärmung. 3., unveränderte Auflage. München: C.H. Beck 2008. 352 S.
(2) Rainer Guldin, Die Sprache des Himmels. Eine Geschichte der Wolken. Berlin: Kulturverlag Kadmos 2006. 267 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Das Thema »Wetter und Kultur« hat seit einigen Jahren Konjunktur. Nachdem die Meteorologie als Lehre von den Wetterphänomenen bzw. die Klimaforschung als Untersuchung langfristiger Witterungserscheinungen lange Zeit ausschließlich eine Angelegenheit der Naturwissenschaften war, interessieren sich in jüngster Zeit die unterschiedlichsten geistes- und gesellschaftswissenschaftlichen Disziplinen für die kulturellen Implikationen des Wettergeschehens, womit man der Heterogenität des Gegenstandes methodisch gerecht zu werden sucht. Zwar erscheinen im Zuge der Sensibilisierung einer breiteren Öffentlichkeit für die Probleme des Klimawandels weiterhin Publikationen, die sich aus weitgehend naturwissenschaftlicher Perspektive einer (meist europäischen) Klimageschichte widmen. Doch nehmen insgesamt jene Veröffentlichungen zu, die kulturwissenschaftliche Fragestellungen einbeziehen und aus anthropologischer, historischer, soziologischer, psychologischer, aber auch theologischer, philosophischer sowie kunst- und literaturwissenschaftlicher Sicht Wetterphänomene der Vergangenheit in den Blick nehmen.(1)

So haben sich in den letzten Jahren interdisziplinäre Forscherverbünde herausgebildet, die sich der Darstellung des Wetters in ganz verschiedenen Textsorten widmen, von Kalendern und Witterungstagebüchern über Chroniken und Memoiren bis hin zu religiöser Literatur und fiktionalen Texten, in welchen die »Repräsentation« von Wetterphänomenen im Vordergrund steht. Entsprechend entstehen im letzten Jahrzehnt etliche Publikationen, die dem Komplex »Wetter und Kultur« – meist unter Beschränkung auf eine bestimmte Periode wie Antike, Mittelalter oder Aufklärung – explizit mit einer fachübergreifenden, methodisch vielseitigen Annäherung beikommen wollen.(2) Darüber hinaus liegen heute zahlreiche im engeren Sinne literaturwissenschaftliche Arbeiten vor, die für eine begrenzte Epoche, etwa das Mittelalter oder die Romantik, die Literarisierung naturwissenschaftlicher, philosophischer und religiöser Wetterdiskurse untersuchen.(3)

 
Wolfgang Behringer, Kulturgeschichte des Klimas. Von der Eiszeit bis zur globalen Erwärmung. 3., unveränderte Auflage. München: C.H. Beck 2008. 352 S.

Wolfgang Behringers Kulturgeschichte des Klimas, 2007 erstmals erschienen und damit Teil des beschriebenen Forschungstrends, ist schnell zu einem Bestseller avanciert: Sie liegt mittlerweile in der 3. Auflage vor, ist 2008 auch als Taschenbuch erschienen (dtv) und wird derzeit in verschiedene Sprachen übersetzt. Das Medienecho war groß, viele Zeitungen, Rundfunk- und Fernsehanstalten berichteten, und auch an wissenschaftlichen Rezensionen mangelt es nicht.(4)

Wie einige Rezensenten zu Recht bemerkt haben, schreibt Behringer weniger eine Kulturgeschichte des Klimas als vielmehr eine Klimageschichte der Kultur. Er versucht den Nachweis zu führen, dass die kulturelle Entwicklung der Menschheit, angefangen von der Neolithischen Revolution bis in die Gegenwart, vornehmlich durch den Einfluss klimatischer Bedingungen bestimmt war. So lautet seine zentrale These, dass Wärmeperioden häufig zu kultureller Blüte geführt hätten, Kälteperioden dagegen zu schweren Erschütterungen der Gesellschaft (cf. etwa zusammenfassend S. 287). Dabei wird betont, dass die Kälteperioden in der Erdgeschichte ins­gesamt den Ausnahmefall darstellen, wogegen Warmzeiten statistisch gesehen dominieren (S. 33). Im Zentrum der Überlegungen stehen also die stetigen Anpassungen menschlicher Gemeinschaften an klimatische Veränderungen (zwischen Klima, Wetter und Witterung wird häufig nicht explizit unterschieden; siehe aber S. 124), so dass diese natürlichen Voraussetzungen als wichtigster Motor kultureller Prozesse erscheinen.

An dieser methodischen Prämisse ist von Wissenschaftlern heftige Kritik geübt worden. Zum einen gelte es, neben klimatischen auch andere (soziale, wirtschaftliche, politische, kulturelle) Faktoren der gesellschaftlichen Entwicklung zu berücksichtigen, so dass Behringers Argumentation als monokausal stigmatisiert wurde – was nur bedingt richtig ist, denn er verweist immer wieder auf die Diversität der Einflüsse, um sich dann ausdrücklich auf die Analyse der Klimafaktoren zu konzentrieren. Zum anderen wurde sein Denkmodell als naturdeterministisch bezeichnet, als Rückfall in ein materialistisches Verständnis von Kultur – auch dies ist freilich der gezielten Beschränkung der Untersuchung auf den einen, klimatischen Aspekt geschuldet. Des Weiteren hat man Behringers Ansatz Eurozentrismus vorgeworfen, obwohl etwa dem afrikanischen und asiatischen Kulturraum zahlreiche Kapitel gewidmet sind. Zudem wurde seine Herleitung kultureller Phänomene aus Naturereignissen als großenteils spekulativ gebrandmarkt – obgleich der Autor stets bemüht ist, seine Thesen durch dokumentarische Quellen zu erhärten und andernfalls selbst betont, lediglich die Möglichkeit eines Zusammenhangs vorschlagen zu wollen.

Hinzu komme, so die Kritiker, dass die aktuelle kulturwissenschaftliche Forschung nicht mit einbezogen werde – was insofern stimmt, als die oben skizzierte, diskursgeschichtlich-interdisziplinäre Klimageschichte kaum berücksichtigt wird. In der sehr summarischen Bibliographie fehlen die meisten der o.g. Titel; vor allem vermisst man hier die gegenwärtige, z.T. wegweisende französische Forschung zu dem Komplex. Des Weiteren wurde dem Autor vorgehalten, dass die zentralen Kapitel über die sogenannte ›Kleine Eiszeit‹ im Europa des 13.-19. Jahrhunderts nicht wesentlich über Behringers zuvor geleistete Arbeit zu dem Thema hinausgingen. Insgesamt ist also zu konstatieren, dass sich Behringers Studie schwerlich in die eingangs beschriebene Klimadiskursforschung integrieren lässt, weil sie kulturell bedingte Wahrnehmungsformen von Witterungserscheinungen kaum in den Blick nimmt: Die einleitende Bemerkung, man könne »auch Werke der Mythologie, der Literatur, der Kunst und der Kartographie als Klimazeugnisse« heranziehen (S. 25), bleibt, von zwei oder drei Einzelfällen abgesehen, ein Desiderat.

Lässt man sich jedoch auf die zugespitzte Argumentation Behringers ein, wird dem Leser eine Fülle interessanter Details geboten. Allein der Parforceritt durch alle Epochen der Erd- und Menschheitsgeschichte vom Paläoklima bis heute nötigt dem Leser Respekt ab, zumal sich der Autor stets um eine allgemeinverständliche Darstellung bemüht – ein Grund für den großen Publikumserfolg. So erfährt man im zweiten Kapitel zunächst viel über die Blüte der alten Hochkulturen (Mesopotamien, China u.a.m.): Im Klimaoptimum der Neolithischen Revolution erfolgt der Übergang von der Jäger- und Sammlerexistenz zu Sesshaftigkeit, Ackerbau und Viehzucht. Damit greift der Mensch erstmalig aktiv in seine Umwelt ein, was für Behringer den Beginn von »Kultur« schlechthin bedeutet. Sodann wird der Aufstieg des Römischen Reiches mit dem sogenannten »Roman Climatic Optimum« (ca. 100 v.Chr. – ca. 400 n.Chr.) begründet (wobei andere Einflüsse keineswegs negiert werden: cf. S. 87). Während des frühmittelalterlichen Pessimums kam es dann zu einem starken demographischen Einbruch und einem Niedergang der Zivilisation. Erst im Hochmittelalter (ca. 1000-1300) ermöglichte eine erneute Warmperiode (zusammen mit anderen Einflüssen, cf. S. 111) einen fulminanten Aufschwung der europäischen Kultur.

Das dritte und das vierte Kapitel sind der Kleinen Eiszeit gewidmet: Die globale Abkühlung durch den Rückgang der Sonnenaktivität und eine ganze Reihe von Umweltkatastrophen (u.a. das Hochwasser von 1342) führten zu einer Verknappung der Ressourcen und einer körperlichen Schwächung, womit die Klimaereignisse den eigentlichen Grund für Hunger, Krieg, Pest und andere Nöte darstellten. Dabei würden die Menschen die Witterungsverhältnisse bis ins 17. Jahrhundert vor allem als Strafe Gottes interpretieren, was im Umkehrschluss bedeute, dass die Sündenbekämpfung (etwa in Form von Judenprogromen und Hexenverfolgungen) eine Besserung der klimatischen Bedingungen verspreche. Für das materielle Leben stellt Behringer jedoch »rationalere« Formen der Krisenbewältigung fest, so etliche technische Neuerungen in Architektur, Bekleidung, Holzwirtschaft u.a.m., die sich nur als Reaktion auf die Kälte erklären ließen (so z.B. der Fensterbau seit dem 16. Jahrhundert). Des Weiteren wird eine Säkularisierung in der Deutung des Wettergeschehens im 18. Jahrhundert durch den Aufschwung der Naturwissenschaften befördert. Letztlich ergebe sich aus dieser Entwicklung auch für die Regierungen der jungen Nationalstaaten die Notwendigkeit, entsprechende Vorsorgemaßnahmen zu treffen, an deren Erfolg das herrschende Regime fortan gemessen worden sei (z.B. die preußische und die englische Regierung im Extremwinter 1739/40). Dagegen führte eine verfehlte Krisenpolitik zu Umsturzbewegungen (Französische Revolution).

Das letzte Kapitel ist der modernen Warmzeit und das heißt der industrialisierten Welt des 19.-21. Jahrhunderts gewidmet. Nachdem durch die Mechanisierung der Produktion zunächst eine Abkopplung von den klimatischen Unwägbarkeiten erreicht schien, kam bald ein Bewusst­sein dafür auf, dass die Industrialisierung besonders seit den 1950er Jahren anthropogene Klimaveränderungen zeitigte wie einerseits die Luftverschmutzung (abkühlender Effekt) und andererseits die Treibhausgase (erwärmender Effekt). Nachdem in den 1960er Jahren noch vor einer neuen Eiszeit gewarnt wurde, rückte bald die Angst vor einem »global warming« in den Mittelpunkt. Mit der Erkenntnis der menschlichen Beeinflussung des Klimas wurde das Thema zu einem Politikum und führte zu einer ganz neuen internationalen Kooperation. Dabei wehrt sich Behringer in seinem Epilog gegen die weitverbreitete Moralisierung dieses Mensch-Umwelt-Zusammenhangs und stellt die »Ideologen der Schuldkultur« (S. 286) provokativ in den Kontext der mittelalterlichen Bußprediger, was ihm den Vorwurf eines »journalistisch-tendenziösen« Schreibens eingebracht hat. Generell empfiehlt Behringer im Anschluss an seine Zeitreise durch fünf Milliarden Jahre Klimageschichte mehr »Gelassenheit« (S. 288) im Umgang mit den sog. »Umweltsünden«: Temperaturschwankungen seien ein normaler Vorgang in der Erdgeschichte, und die kulturelle Leistung des Menschen bestehe gerade in der gelungenen Adaptation. Zudem seien Warmperioden meist Hochzeiten der Zivilisation gewesen, weshalb apokalyptische Szenarien, wie Umweltschützer sie heute oft entwerfen, eine mögliche positive Entwicklung völlig außer Acht ließen.

Insgesamt ist Behringers Ansatz für die aktuelle kulturwissenschaftliche Wetterforschung, wie sie eingangs dieses Beitrags skizziert wurde, nur von untergeordneter Relevanz, da die pointiert naturalistische Perspektivierung des Kulturbegriffs etwa diskursanalytische Verfahren unberücksichtigt lässt. Gleichwohl bereichert das Buch ohne Zweifel eine im engeren Sinne sozioökonomische Klimaforschung um zahlreiche Details, deren Fülle und Anschaulichkeit das Werk, das nicht zu Unrecht auf den aktuellen Bestsellerlisten gelandet ist, für viele Geistes- und Naturwissenschaftler fortan unumgänglich machen.

 
Rainer Guldin, Die Sprache des Himmels. Eine Geschichte der Wolken. Berlin: Kulturverlag Kadmos 2006. 267 S.

Die zweite hier anzuzeigende Publikation stammt von Rainer Guldin. Er beschäftigt sich aus literatur- und kunstgeschichtlicher Sicht mit dem Wetter, und zwar mit einem ausgewählten Phänomen: den Wolken. Dabei ist Guldin nicht der erste, der sich diesem Thema widmet: Man könnte für die letzten Jahre sogar von einer Modeerscheinung sprechen, denn etliche Monographien, Sammelbände und Ausstellungskataloge umkreisen das Faszinosum des Nubigenen.(5) All diese Publikationen hat Guldin gründlich rezipiert, um dann unter Berücksichtigung neuer Aspekte und Quellen ein umfassendes Panorama zu erstellen.

In seiner Einleitung skizziert Guldin zunächst die wichtigsten Charakteristika der Wolke: das Flüchtige, das Diffuse, das Mehrdeutige, das Ungebundene, u.a.m. Wer sich mit dem Phänomen beschäftige, gelte meist als Träumer und Phantast. Diese Herausforderung nimmt der Autor an: Dabei will er seine Studie so weit wie möglich seinem fluktuierenden Gegenstand anpassen, indem er auf eine »vereinheitlichende Perspektive und lineare Erzählweise« verzichte (S. 13). Gleichwohl ist die Darstellung längst nicht so »fragmentarisch und unsystematisch« (S. 12) wie angekündigt: So ist zum Beispiel ein chronologisches Fortschreiten zu beobachten (wie der Untertitel »Eine Geschichte der Wolken« ja nahelegt). Die Darstellung konzentriert sich auf den okzidentalen Raum; das untersuchte Korpus setzt sich aus naturwissenschaftlichen, philosophischen und literarischen Texten etlicher Sprachen sowie diverse Kunstwerken aus Malerei, Photographie, Film und Musik zusammen; die gewählte Methode ist, der untersuchten Diskurstradition gemäß, eine pluridisziplinäre Annäherung an eine »Poetologie des Wolkigen« (S. 13).

Ein erstes Kapitel (»Zeichen«) ist sprachtheoretisch und semiotisch ausgerichtet. Ausgehend von Walter Benjamin und Wilhelm von Humboldt untersucht Guldin das Bild der »Wortwolke«, das den Akt der Sprachschöpfung umschreibt. Etymologische Erläuterungen zeigen, dass dt. Wolke, engl. cloud und lat. nubes auf ganz unterschiedliche Aspekte verweisen (Feuchtigkeit; das Überragen der Landschaft; Schleier/Schicht). Anhand der Theorien von Barthes und Lessing wird die Zeichenhaftigkeit der Wolke erläutert, die von Künstlern zur »Signalisierung von Unsichtbarkeit« eingesetzt wird (S. 30). Innerhalb des linearen Perspektivismus, wie er die bildende Kunst vom 15. bis zum 19. Jahrhundert beherrscht, stellt die proteische Wolke ein Grenzphänomen dar.

Das zweite Kapitel (»Schleier«) beschreibt das epistemologische Modell der Wolke als trennendem Schleier. In einer dichotomisch verstandenen Welt scheidet die Wolke das Irdische vom Transzendenten, die Wirklichkeit von einer verborgenen Welt. Ausgehend von der griechischen Antike sollte diese Deutung durch die Kirchenväter sowie die Aristoteles-Rezeption zum vorherrschenden Topos werden. Daraus resultiert eine Dialektik von Verbergen und Enthüllen, die ihren Ausgang nimmt vom Mythos des Ixion, der, von Zeus durch ein Trugbild genarrt, die Wolke Nephele umarmt, weil sie der geliebten Hera ähnelt. Auch die mystische Literatur des Spätmittelalters begreift die Wolke als Schwelle zwischen Himmel und Erde. In der christlichen Kunst wird die Wolke diesem hierarchischen System dienstbar gemacht, indem sie zur Aufteilung des architektonischen Raums genutzt wird.

Das Kapitel »Flecken« widmet sich einer in vormoderner Zeit eher marginalen Interpreta­tionslinie: der Wolke als Projektionsfläche für die schöpferische Phantasie. Dabei ist das Beobachten von Wolkengebilden selbst bereits eine Form des produktiven Interpretierens; Ursprung der nubigenen Imagination sind die Magie und Divination, die einst der Bannung beunruhigender Naturkräfte dienten. In säkularisierter Form findet sich dieses Vorgehen in den »Zufallsbildern« wieder, wo z.B. aus Tintenkleksen phantasievolle Gestalten entstehen (Cozens’ »blotting«, Kerners Kleksographien, Dürers Kissenbilder). Bereits bei Leonardo da Vinci und Leon Battista Alberti finden sich erste Theorien zum Zufallsbild als »Ursprungsmythos der künstlerischen Produktivität schlechthin« (S. 70). In ähnlicher Weise werden Wolken bei Shakespeare, Goethe und Novalis als Ausdruck dichterischer Phantasie verwandt.

Das Kapitel »Windschiffe« widmet sich dem Topos des Wolkenwagens. Die Wolke als göttliches Transportmittel begegnet bereits in nordischen und griechischen Mythen. Im Alten Testament steht die Wolke für die Gegenwart Gottes; im Neuen Testament gilt Ähnliches für die Auferstehung Jesu und seine versprochene Wiederkunft. Auch Engeln dient die Wolke als Fahrzeug, wobei bis ins 16. Jahrhundert eine stoffliche Verwandtschaft von Engel und Wolke angenommen wird. In Theateraufführungen, bei Krönungszeremonien etc. werden Wolkenmaschinen als illusionistisches Mittel eingesetzt, um den Einbruch des Göttlichen zu suggerieren, wobei das unterhaltende Moment dominiert.

Unter der Überschrift »Luftschlösser« untersucht Guldin als nächstes die utopische Dimension der Wolken. Die Idee eines Wolkenreiches bezeichnet die Hoffnung auf eine »andere Welt außerhalb aller sozialen Konventionen: die Heimat der Exilierten« (S. 103). So stellt Cernudas Gedichtzyklus Las nubes eine Reflexion über die Entwurzelung des Verbannten dar. In Timms Roman Morenga flüchtet sich der preußische Protagonist im Südwestafrika des frühen 20. Jahrhunderts in meteorologische Aufzeichnungen. Die Komödien des Aristophanes schaffen als erste ein Wolkenreich als Gegenwelt zur korrupten Gesellschaft. In Die Vögel wird die Utopie des »Wolkenkuckucksheims« entwickelt, das durch die Unbeständigkeit seiner gefiederten Bewohner zu scheitern droht. In Aristophanes’ Wolken übernehmen die Wolken die Rolle des Chores, wobei ihre widersprüchlichen Kommentare Abbild ihrer Wandelbarkeit sind. In Leon Battista Albertis Nebule wird der missglückte Versuch der Wolken geschildert, ein Königreich zu gründen. Letztlich steht die Wolke in allen behandelten Werken für gescheiterte Träume.

Im Zeichen der »Meteoren« versucht Guldin sodann eine Rekonstruktion des vormodernen meteorologischen Diskurses von den Vorsokratikern bis Descartes. Gemeinsam ist allen Autoren, dass sie keine systematische Betrachtung der Wolken anstreben, sondern ihr Entstehen in Abhängigkeit von anderen Wetterphänomenen beschreiben. Dabei geht es stets um die vernunftmäßige Erklärung des Numinosen. Besonders wirkungsmächtig sollte die Meteorologie des Aristoteles sein. Seine Lehre von den Meteoren (gr. metéoros – in der Höhe schwebend) umfasst astronomische (Kometen, u.a.), optische (Regenbogen, u.a.) sowie wässrige Meteoren (Wolken, Regen, u.a.). Er teilt das Universum in konzentrische Kreise ein: Die Wolken entstehen in einer Schicht, in der sich Wasser und Luft mischen, so dass sie auf »Ausdünstungen« beruhen. Lukrez dagegen leitet ihre Entstehung von einer Begegnung der Atome ab; bei ihm stehen sie im Zusammenhang mit Blitz und Donner. Leonardo verbindet Wissenschaft und Malerei: Ausgehend von der Wandelbarkeit der Wolken erhebt er die Grenzverwischung zum kreativen Prinzip – in der Wissenschaft durch eine dezidierte Interdisziplinarität, in der Malerei durch die Auflösung linearer Formen. Descartes schließlich definiert die Wolken zukunftsweisend als Anhäufung von Wassertropfen und Eispartikeln.

Unter dem Stichwort »Metamorphosen« wird dann die Moderne in den Blick genommen, zunächst die Versuche einer Wolkenklassifikation zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Unabhängig von einander entwickeln Howard und Lamarck ein System von Wolkentypen. Dabei sollte sich die Methode Howards als tragfähiger erweisen: Er reduziert die Wolken zwar auf nur drei Grundtypen (Cirrus, Cumulus, Stratus), betont aber deren »Modifikationen«, also Zwischenformen bzw. Kombinationen. In der Nachfolge Howards entwickelt Goethe seine Wolkenlehre im Zeichen der Metamorphose. Seine Theorie entsteht in drei Phasen: Zuerst wird die Wolke als eigenständiges Agens verstanden; dann als Produkt eines Konflikts zwischen trockenen und feuchten Himmelsregionen; schließlich als Resultat von Vorgängen im Innern der Erde. Dabei wird Meteorologisches stets symbolisch gedeutet und eine Einheit von Wissenschaft und Dichtkunst angestrebt. Auch Ruskins kunsthistorische Wolkenlehre versucht eine Zusammenführung der Disziplinen: Er stellt die Landschaftsmalerei »in den Dienst der Wolke«. Dabei bricht er mit der Diskurstradition von der Instabilität, indem er das Geometrische der Wolkenformationen hervorhebt.

Unter dem Stichwort »Clouding« untersucht Guldin als nächstes Wolkenlandschaften in Malerei, Photographie und Film. Er geht aus von dem »Begründer der Nubeologie«, Gerhard Lang, und seinen Cloud walks, die meteorologische Messungen mit photographischen Imitationen der Gemälde Constables verbinden. Dieser hatte mit seinen akribisch recherchierten Wolkenbildern, die 1820-22 unter dem Einfluss Howards entstanden, die Landschaftsmalerei revolutioniert. Ende des 19. Jahrhunderts spielen die Wolken dann eine Rolle bei der Entwicklung der abstrakten Malerei: So entwirft Ferdinand Hodler vor allem Wolkenbänder und Wolkenkreise. Diese Tendenz wird in der (eigentlich dem Realismus verpflichteten) Photographie aufgenommen: Alfred Stieglitz lichtet in seinen Equivalents (1922-35) zeit- und ortlose, punkt-, linien- und musterförmige Wolken ab, um entsprechende Gefühlszustände zu visualisieren. Im Film schließlich dienen die Wolken vornehmlich als dramaturgisches Element, weshalb das Bedrohliche akzentuiert wird (Riefenstahl, Bergmann, Coppola, Pollack). Nur ausnahmsweise stellen sie mehr dar als einen bloßen Stimmungsträger (Buñuel, M. Hänsel).

Das Kapitel »Cluster« beschäftigt sich mit musikalischen Umsetzungen wolkiger Fluktua­tionsmuster. Bei Liszt (Nuages gris), Debussy (Nocturnes) und Ligeti (Clocks and Clouds) findet sich eine »wolkenhafte« Ästhetik der Formlosigkeit, des Unabgeschlossenen, des Flüchtigen, die »das Changierende, Unstete, […] zu einem möglichen Modell künstlerischer Freiheit« macht (S. 218). Die Geschichte der Verwendung des (auf Popper zurückgehenden) Begriffspaares »clocks and clouds« führt zu dem Fazit, dass die Wolke (im Gegensatz zur Uhr) ein »paradoxes Wesen« ist: »Sie besitzt ein Geheimnis, das nur dann entziffert werden kann, wenn sie aufhört Wolke zu sein« (S. 221).

Das Schlusskapitel »Schwarm« beschreibt die Wolke als Paradigma der Moderne. In der Kunst und der Wissenschaft der Moderne wird der Diskurs vom Formlosen und Nebulösen der Wolke aufgegeben zugunsten des Nachweises einer präzisen, wenn auch chaotischen Ordnung – eine Entwicklung, die in der fraktalen Geometrie Benoît Mandelbrots kulminiert. Dabei wird die Wolke als das »punktartige Computierte« definiert, das nicht als fester Zustand, sondern als fließender Prozess verstanden wird (S. 226). So betont Michel Serres das Aleatorische, Stochastische der Wolke, die sich als »zufällige Ordnung« von einem chaotischen Hintergrund abhebt. Nunmehr lassen sich Wolken mit mathematischen Konzepten beschreiben, und mittels der Computertechnik kann man die Gesetze des Chaos genau kalkulieren. »Damit ist die erkenntnistheoretische Emanzipation der Wolke geleistet und diese aus ihrer metaphysischen Rolle […] endgültig befreit« (S. 236).

Guldins Wolkenbuch illustriert in mustergültiger Weise ein interdisziplinäres Arbeiten, wie es die jüngste kulturwissenschaftliche Wetterforschung auszeichnet. Ein höchst heterogenes Textkorpus aus Naturwissenschaft, Philosophie, Theologie, Literatur u.a.m. wird anhand des Einzelphänomens der Wolken daraufhin untersucht, wie sich unterschiedliche Vorstellungen von Wetterphänomenen innerhalb bestimmter Diskurstraditionen ausdrücken. Damit wird die Meteorologie, um die Definition von Anouchka Vasak aufzugreifen,(6) nicht mehr als wissenschaftliche Disziplin, sondern als ein Netz von Diskursen über die »Dinge der Luft« verstanden – ein Ansatz, der für die zukünftige Forschung über »Das Wetter und die Kultur« wegweisend ist.

PD Dr. Karin Becker, Westfälische Wilhelms-Universität Münster, Romanisches Seminar, Bispinghof 3A, 48143 Münster; E-Mail: kabecker@uni-muenster.de


Anmerkungen

(1) Siehe u.a. Nico Stehr/Hans von Storch, Klima, Wetter, Mensch. München 1999; Sylvie Joussaume, Climat d’hier à demain. Paris 2000; Rüdiger Glaser, Klimageschichte Mitteleuropas. 1200 Jahre Wetter, Klima, Katastrophen. Darmstadt 2001; Pascal Acot, Histoire du climat. Paris 2003; Sarah Strauss/Benjamin S. Orlove (Hg.), Weather, Climate, Culture. Brepols 2003; Emmanuel Le Roy Ladurie, Histoire humaine et comparée du climat. 2 Bde., Paris 2004/2006; Karl-Heinz Ludwig, Eine kurze Geschichte des Klimas. Von der Entstehung der Erde bis heute. München 2006. [zurück]

(2) So z.B. Christophe Cusset (Hg.), La météorologie dans l’Antiquité. Entre sciences et croyance. Paris 2003; Joëlle Ducos, La météorologie en français au Moyen Age (XIII-XIVe siècles). Paris 1998; Joëlle Ducos/Claude Thomasset (Hg.), Le temps qu’il fait au Moyen Age. Phénomènes atmosphériques dans la littérature, la pensée scientifique et religieuse. Paris 2008; Emmanuel Le Roy Ladurie/Jacques Berchtold/Jean-Paul Sermain (Hg.), L’Évènement climatique et ses représentations (XVIIe-XIXe siècle). Histoire, littérature, musique et peinture. Paris 2007. [zurück]

(3) Cf. z.B. Fleur Vigneron, Les saisons dans la poésie française des XIVe et XVe siècles. Paris 2002; Anouchka Vasak, Météorologies: discours sur le ciel et le climat, des Lumières au romantisme. Genf 2008; Christian Chelebourg (Hg.), Le Ciel du romantisme. Cosmographies, rêveries. Paris 2008; Hugues Laroche, Le crépuscule des lieux. Aubes et couchants dans la poésie française du XIXe siècle. Paris 2007. [zurück]

(4) Siehe u.a. Guido Poliwoda, Rezension zu: Wolfgang Behringer, Kulturgeschichte des Klimas. Von der Eiszeit bis zur globalen Erwärmung. München 2007. In: H-Soz-u-Kult: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2008-1-214, erschienen 18.03.2008; Winfried Schenk in: Zeitschrift für bayrische Landesgeschichte: www.kbl.badw.de/zblg-online/rezension_1009.html, erschienen 16.05.2009; Claus-Michael Schlesinger in: literaturkritik.de 10 (2008) 9: www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=12210; Uwe Lübken in: sehepunkte 8 (2008) 11: www.sehepunkte.de/2008/11/13282.html. [zurück]

(5) Vgl. vor allem: Richard Hamblyn, Die Erfindung der Wolken. Wie ein unbekannter Meteorologe die Sprache des Himmels erforschte. Frankfurt/M. 2001; Charitas Jenny-Ebeling (Hg.), Wolken. Gedanken des Himmels. Frankfurt/M. 2. Aufl. 2002 [zuerst 1997]; Heinz Spielmann/Ortrud Westheider (Hg.), Wolkenbilder. Die Entdeckung des Himmels. München 2004 (Ausstellungskatalog); Lorenz Engell/Bernhard Siegert/Joseph Vogl (Hg.), Wolken. Weimar 2005; Stephan Kunz/Beat Wismer/Johannes Stückelberger (Hg.), Wolkenbilder. Die Erfindung des Himmels. München 2005 (Ausstellungskatalog). [zurück]

(6) Siehe Vasak, op.cit. (Anm. 3), S. 32: »Nous entendrons […] la météorologie non comme discipline scientifique mais […] comme discours sur les ›choses de l’air‹«. [zurück]