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In: KulturPoetik 2009, Heft 2

Autor

Jörg Türschmann

Titel

Verzögerung als Erzähl- und Kulturtechnik
(1) Anja Kauß, Der diskrete Charme der Prokrastination. Aufschub als literarisches Motiv und narrative Strategie (insbesondere im Werk von Jean-Philippe Toussaint). München: Martin Meidenbauer 2008. 602 S.
(2) Joseph Vogl, Über das Zaudern. Zürich: Diaphanes Verlag 2007. 128 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Die beiden vorgenannten Titel haben gemeinsam, dass sie aus wissenschaftlichen Qualifikationsphasen hervorgegangen sind. Das Ergebnis ist im Fall der Dissertation von Anja Kauß eine umfangreiche und minutiöse Darlegung von historischen und theoretischen Parametern des Verzögerns als Erzähl- und Verhaltenstechnik. Im Fall von Joseph Vogls Antrittsvorlesung ist ein kurzer Band entstanden, der durch pointierte Formulierungen und paradigmatische Fallinszenierungen auf eine Analyse gesamtgesellschaftlicher Befindlichkeit ausgreift.

 
Anja Kauß, Der diskrete Charme der Prokrastination. Aufschub als literarisches Motiv und narrative Strategie (insbesondere im Werk von Jean-Philippe Toussaint). München: Martin Meidenbauer 2008. 602 S.

Für den Haupttitel von Anja Kauß’ Dissertation Der diskrete Charme der Prokrastination stand Luis Buñuel Pate. Sein Film Le charme discret de la bourgeoisie ist ein Rahmen, der gleichermaßen Lust, Verdrängung, Zwänge und geheime Wünsche aufspannt. Es ist also für den Leser des Bandes verführerisch, das Bürgertum in seiner paradigmatischen Form, die der filmische Surrealismus traumtänzerisch ausdeutet, mit dem Phänomen gleichzusetzen, das »Prokrastination« genannt wird. Buñuels Name fällt dann aber nur noch im Literaturverzeichnis (S. 552), und sein Film wird vor allem als Referenz für eine vage Übertragung genutzt:

Ziel der Arbeit ist es, zunächst das Phänomen des Aufschubs, des Vertagens, des Verschleppens auszuloten, der Begriff der Prokrastination, der im deutschen Sprachraum bislang ausschließlich in der Psychologie gebräuchlich ist, und dies selbstverständlich mit negativer Besetzung, umfassend zu analysieren, um ihn vom Stigma der Dysfunktionalität zu befreien und die Prokrastination als subtile Strategie zu rehabilitieren, von der ein diskreter Charme ausgeht, der Charme einer ironisch-strategischen Zurückhaltung (S. 15 f.; Hervorhebung A.K.).

Der Weg der Begriffsklärung beginnt bei der griechischen Mythologie. Im Zentrum steht der Gott Kairos, der Gott des günstigen Augenblicks. Da sich dieser Augenblick nicht von selbst auftut, ist menschliches Zutun notwendig. Der Mensch muss diesen Augenblick erkennen und ihn entschlossen ergreifen. Im Wissen um die Möglichkeit eines solchen Augenblicks steht der Mensch unter Spannung: Er wartet, ohne mit letzter Bestimmtheit zu wissen, ob sich das weitere Warten nicht eher lohnt als das Zupacken (vgl. S. 30). Die Begriffsarbeit endet im zweiten Kapitel mit einigen wenigen Beispielen aus der französischen, englischen, deutschen und österreichischen Literatur der Gegenwart und jüngeren Vergangenheit, aber auch aus den Comics von Walt Disney und der Oper.

Nach diesem Ausblick am Ende des zweiten Kapitels folgt eine facettenreiche Begriffsgeschichte der Prokrastination. Soziologie, Psychologie, Geschichtswissenschaft, Sprachwissenschaft und die Poetiken bekannter Autoren liefern das Material für einen gewaltigen Parcours. Mitunter sind die Assoziationen von solcher Sprunghaftigkeit, dass die historische Verbindung nicht immer überzeugend scheint. Jedoch bleiben die Beispiele, in denen das Wort »Prokrastination« bereits zu früheren Zeiten fällt oder eine sinngemäße Erklärung vorliegt, schlagkräftig, weil sie eine verblüffende Konstanz der Beschreibung des Phänomens über die Zeiten und Grenzen westlicher Kulturen hinweg dokumentieren. Dabei handelt es sich nicht bloß um platte Wiederholungen, sondern die zitierten Texte gestatten die Ausfaltung einer Typologie. Wegweisend ist der eingangs dargelegte Versuch, die Prokrastination als sinnvollen Müßiggang zu rechtfertigen. Kauß beschreibt mit den Müßiggängern eine gesellschaftliche Gruppe, die von den Sachzwängen der materiellen Produktion befreit ist, oder in der der Einzelne diesen Anforderungen nicht durch Anpassung entspricht, sondern durch den Sonderweg des Salonlöwen, Bohémien oder Hofnarren, durch den er in einem gehobenen gesellschaftlichen Umfeld sein Auskommen findet. Diesen Lebensentwürfen immanent ist eine Kritik, die sich gegen die Zweckrationalisten und ihre erfolgsorientierte Vernunft richtet – und die sich die Autorin ebenfalls zueigen macht.

Diese Ausrichtung ist folgenreich. Denn die Studie gerät einmal mehr in das Fahrwasser einer Kulturwissenschaft, die der europäischen Tradition hochliterarischer Werke huldigt. Im vierten Kapitel, in dem die Prokrastination aus literaturwissenschaftlicher Sicht untersucht wird, zeigt sich diese Perspektive deutlich. Anders als in den Cultural Studies, die high culture und low culture gleichermaßen berücksichtigten, beschränkt Kauß ihren Blick auf den literarischen Kanon. Dies wird paradigmatisch durch ihren Umgang mit der Spannung deutlich, die eine Erzählung erzeugen kann. Sie behandelt sie in einem kurzen Unterabschnitt und nennt sie »Suspension«:

Dies kann formelhaft am Ende eine Fortsetzungsromans – »A suivre« – […] erfolgen. Beliebt ist die Suspension naturgemäß im Kriminalroman als Mittel der Spannungssteigerung, doch sie findet sich auch häufig in modernen Romanen, wie zum Beispiel bei Proust, Thomas Mann oder Claude Simon, wo sich scheinbar endlos Teilsatz an Teilsatz reiht, Einschub auf Einschub […] folgt (S. 218).

Statt der linear-objektiven Zeit wird laut Kauß die subjektiv-narrative Zeit dargestellt (vgl. S. 219). Mit dem Zitat einer metatextuellen Reflexion von Jean-Philippe Toussaint argumentiert sie, dass der Schreibakt selbst zur Zerstörung der narrativen Linearität durch Digressionen führt. Der Sprung vom Cliffhanger in populärer Kriminalliteratur zur Digression in der Literatur der Postavantgardisten aber leuchtet nicht ein, wenn behauptet wird, dass die Suspension als Form der Prokrastination den Müßiggang als förderliches Mittel künstlerischer Aktivität plausibel macht. Entweder ist die Prokrastination ein allumfassendes Phänomen, wofür auch anderweitige psychologische Untersuchungen narrativer Spannung in Film und Fernsehen sprechen, oder aber es handelt sich um einen kulturwissenschaftlichen Begriff, der der Beschreibung nicht-linearer Narrationsformen ›(post)moderner‹, ›(post)avantgardistischer‹ Romanliteratur dient. Dann aber sind die psychologischen Begründungen nicht spezifisch für die Prokrastination, sondern für das Spannungserleben schlechthin. Noch prekärer wird der Status dieser Begründungen, wenn laut Kauß Ironie als wesentliches Merkmal der Prokrastination positiv zu werten sein soll. Die im 19. Jahrhundert mit Sainte-Beuve so zu nennende »industrielle Literatur« kennt eben genau die Ironie bei der Spannungserzeugung nicht und ist, wie der mit dieser Etikette ausgesprochene Generalverdacht schon sagt, der rastlosen Profitmaximierung von Verlegern und Autoren verpflichtet. Dass es dem Literaturhistoriker leider dennoch nicht so leicht gemacht wird, weil auch die Spannungsliteratur eine Ästhetik und einen politischen Anspruch besitzt sowie eine differenzierte Typologie des Romans verlangt, ist nicht immer bekannt, aber zu berücksichtigen.

Der von Kauß vorgeschlagene Begriff der Prokrastination bietet scheinbar die Gelegenheit, mit Blick auf die Ironie high culture und low culture in der Postmoderne zusammen zu denken.

Die Strategie der narrativen Prokrastination rekurriert auf die Ironie insofern, als sie sich einerseits den antiken, an Sokrates geschulten Ironiebegriff als Prinzip der Diskretion (d.h. im postmodernen Kontext auch des Understatements) zu Eigen macht, und andererseits durch den insbesondere von Schlegel geprägten romantischen Ironiebegriff permanenter, spielerischer (Selbst)reflexion und »Zerstäubung« wie auch im Sinne von Rortys ironischem Prinzip der »redescription« die Zerstreuung und Konstellation textueller Struktur zelebriert (S. 238; Hervorhebungen A.K.).

Dieses Diskretionsmerkmal hält aber einer Überprüfung nicht stand, gerade wenn es um das Spiel geht. Jede Game-Show im Fernsehen lebt bereits im vor-postmodernen Zeitalter von Ironie und von der Befragung des Wissens vom eigenen Medium. Ganz im von Kauß für die postmoderne Literatur intendierten Sinn werden hier populäre Helden, Celebrities, Handlungsmotive und Liedtexte herbeizitiert, um über sie und mit ihnen in einer ›ver-rückten‹ Umgebung zu verhandeln, ohne sie abschließend auszudeuten. Das Vergnügen, das ein solcher Umgang mit populärkulturellen Versatzstücken bereitet, ist dem beim Spiel mit Textstrategien in postmoderner Literatur nicht unähnlich. Beide teilen im Übrigen die Ernsthaftigkeit ihrer Unternehmung. Denn auch wenn die Ironie in der postmodernen Literatur die Strenge der zweckrationalen Zeitorganisation konterkarieren möchte, so muss diese Zersetzung doch mit äußerster Ernsthaftigkeit betrieben werden, um die Lust am Text zu gewährleisten. Ein uneigentliches Vergnügen gibt es nicht. Auch die Ambiguität, die Kauß mit der Ironie in Verbindung bringt, muss auf übergeordneter Ebene ernst gemeint und in diesem Sinn nicht hinterfragbar, also eindeutig sein.

Neben den narrativen Strategien, die Kauß anhand dieses Beispiels, aber auch vieler anderer aus der europäischen Literatur darlegt, wird eine außertextuelle moralische Dimension berücksichtigt. Insofern kommt auch das notorisch schlechte Gewissen katholischer Provenienz ins Spiel. Dezidiert stellt Kauß dem »Jansenismus« den »Jesuismus« gegenüber. Die Strenge des wissenschaftlichen Arbeitsvorhabens, das der Protagonist in Toussaints La Télévision verfolgt, also der Jansenismus, scheitert wegen der Ablenkung durch das Fernsehen und kann nur in einem ironischen Sinn aufrecht erhalten werden, wenn der Jesuismus als Jansenismus gedeutet wird. Der Müßiggang wird als notwendiger Teil der Arbeit betrachtet, der den Raum für einen glücklichen Einfall des Akademikers schafft, »wenn er sich nicht darum bemüht« (S. 521). »Der Kairos, die eigentlich allenfalls als Krönung jansenistischen Strebens erwartete grace efficace erscheint nicht dem ›Jansenisten‹, sondern dem ›Jesuiten‹« (S. 521f.). Dieser Befund ist amüsant und ernst zugleich: amüsant, weil er an die unmögliche Effizienz denken lässt, die einer zum Teil zur Karikatur ihrer selbst verkommenen Umorganisation des universitären Betriebs abverlangt wird, ernst, weil die Theorie der Prokrastination eine ausgesprochen traditionelle Antwort auf die aktuellen Herausforderungen an den akademischen Betrieb ist. Bei Diskussionen in ›Seminaren‹ auf einen ›göttlichen Einfall‹ zu warten, wird immer weniger möglich sein. Es fragt sich auch, ob dies für jedermann der Königsweg ist. Die Pflicht zur Nicht-Verpflichtung von ›Genies‹, Flaneuren und Verfechtern einer intuitiven Methode der Einfühlung hat nicht immer für Klarsicht gesorgt. Kauß’ eigener Schreibstil verrät da glücklicherweise etwas ganz anderes. Ihre assoziative Verknüpfung, die übrigens gegen Ende bei der Auseinandersetzung mit Toussaints Literatur einer strengeren argumentativen Ordnung weicht, muss nicht jedem gefallen. Sie belegt aber Picassos Diktum, dass gute Ideen einen nur bei der Arbeit treffen. Nach dem Umfang des Bandes, der im Anhang ein Interview mit Toussaint enthält, und nach der Vielzahl entlegenster Beispiele zu urteilen, muss Kauß’ Studie viel Arbeit gewesen sein, die wiederum die vielen guten Ideen ermöglicht hat. Insofern stimmt der Waschzettel auf der Rückseite des Einbandes: »Ein Meilenstein von einem Fragment«.

 
Joseph Vogl, Über das Zaudern. Zürich: Diaphanes Verlag 2007. 128 S

Auf den ersten Blick schwer vergleichbar ist die schriftliche Fassung der Antrittsvorlesung von Joseph Vogl. Sie umfasst wenige Beispiele zur Literatur von Aischylos, Schiller, Musil und Kafka. Außerdem geht es um eine Auseinandersetzung mit Freuds Moses des Michelangelo sowie mit Labyrinthen und Schwellen in der Mathematik und Malerei. Abschließend lässt Vogl seine vorangegangenen Überlegungen in eine Sozialphilosophie des Zauderns idiosynkratischer Natur münden, wonach »dynamische Stabilität« zum Ergebnis die »Minimierung souveräner Absichten und die Programmierung von Individualabsichten« hat (S. 109).

Doch auch hier geht es um Techniken des Aufschubs, die sich in der Textur von Manuskripten, Skulpturen, Bildern und literarischen Protokollen der Entscheidungsfindung niedergeschlagen haben. Vogl dekliniert mit bewundernswertem Überhang begrifflicher Verschiebungen diesen Befund an den gewählten Phänomenen und Objekten durch. Gesucht ist in jedem Fall das Paradox, das sich selbst in Frage stellt. Dieses unlösbare Einbegreifen des Ganzen als ein Teil seiner selbst zwingt zur permanenten Reflexion über die Gleichstellung von Weg und Ziel, Aufwand und Ergebnis, Entscheidung und Folge, Objekt- und Metasprache. Anders aber als Kauß, die den Müßiggang als Gelegenheit zu göttlicher Eingebung versteht, dient Vogl das Paradox als eine Suspendierung von Widersprüchen, die eine bodenständige Arbeitsmoral als Ideologiekritik untauglich macht. Der »fieberhafte Müßiggang« richtet sich gegen die stromlinienförmige Wegbewältigung der Entscheidungskontingenz, indem er dem »Ausweichen und Vermeiden« das Wort redet und indem so »ein trotziger Gram angesichts der guten Absichten Gottes« zum Ausdruck kommt (S. 108). Das menschliche Individuum stürzt sich in die situative Konkretion und sieht von beständigen Lösungen ab. Was zählt, ist »Genauigkeit« (S. 108) im Einzelnen, Anstrengung im Besonderen, Müßiggang im Allgemeinen.

Man kann Vogls Paradoxologie als eine Annäherung an die Ernsthaftigkeit der Ironie verstehen. Ein Anliegen darf nicht ernst gemeint sein, um in seiner Abdingbarkeit Anspruch auf ein Ergebnis erheben zu dürfen. Den zehn Geboten wird nach Vogls Lesart von Freuds Deutung des Moses Michelangelos die Fähigkeit zum permanenten suspens zugesprochen: »Man hat es viel eher mit einem eigentümlichen reformierten Mose zu tun, der Das Gesetz suspendiert, in die Schwebe versetzt und das Offenbarungsgeschehen selbst unterbricht« (S. 20). In der Orestie des Aischylos findet sich wie in Michelangelos Moses eine eingefrorene Bewegung »– anders also denn eine motivierte Unterbindung des Akts schafft der zum Schlag ausholende Arm des Orestes keine Auflösung herbei« (S. 37). Schillers Wallenstein steht vor einer »Wahl zweiter Ordnung […], in der weniger das Wählen von möglichen Wegen, sondern ein Wählen der Wahl zwischen Wählen und Nicht-Wählen intrigiert« (S. 43). Zu Musils Mann ohne Eigenschaften heißt es: »So wenig man nämlich wissen kann, was etwa ›wahres‹ Vaterland, ›wahres‹ Österreich […] seien, so sehr also alle diese Dinge grund-, inhalts- und bodenlos sind, so sehr sind gerade Ungründe dieser Art treibende Kräfte und stehen im Begriff ›verwirklicht zu werden‹« (S. 63). Für Kafkas Schloß zitiert Vogl so: »Wenn Kafka einmal davon gesprochen hat, dass es vielleicht ein ›Ziel‹, aber ›keinen Weg‹ gebe – ›was wir Weg nennen, ist Zögern‹ –, so enthält das eine elementare Definition der labyrinthischen Struktur« (S. 89).

Die Synonymie der Paradoxologie kreist um eine hoffnungsfrohe Angstphilosophie, die manchmal mit Deleuze nur als un/logische Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen aufgeführt wird, dann aber auch, von Kierkegaard kommend (S. 102), »als permanente Kritik unseres historischen Gewordenseins« glänzt (S. 115). Das Wagnis individueller Freiheit beschränkt sich auf die Erstarrung im engsten Moment konkreten Handelns und verbrämt die Zwangsjacke situativen Gerangels zur implodierenden Unendlichkeit des ewigen Punkts zwischen zwei Punkten. Nicht der nachhaltige Wille ist gesucht, sondern die rasende Agonie. Diese Art der Philosophie ist in jedem Fall populär und beschränkt sich nicht nur auf die anerkannten kulturellen Artefakte, die uns Vogl vorschlägt.

Man muß oft an das Bild vom Kaninchen denken, das durch den Blick der Schlange gebannt wird, wobei der ›Schlangenblick‹ keineswegs bloß als Gefährdung, sondern durchaus auch als Faszination einer lustvollen Versuchung erscheint. Eben diese emotionale Zweideutigkeit macht das eigentliche Interesse des Feuilletonromans aus und eröffnet von vornherein die Möglichkeit einer doppelten Lektüre.(1)

Die Gefühlsarchitektur lustvollen Schauderns ist eine paradoxe historische Erfahrung, für die die Zeitgenossen in anderer Situation die treffende Bezeichnung vom ›Kalten Krieg‹ gefunden hatten. Es war der französische Renegat André Glucksmann, der in den 1980er Jahren eine Philosophie der Abschreckung vorlegte, die im Französischen den treffenderen Titel La force du vertige trägt. Der Taumel, den der Karussellbesucher stellvertretend für den bedrohten Zeitgenossen erfährt, birgt sein Potenzial im Versprechen des atomaren, alles vernichtenden Endschlags. Ist dieses Versprechen nicht ernst gemeint, geht seine Wirkung verloren. Wird es eingelöst, geht die Welt verloren. Und schon damals hieß es: »Es ist eher logisch als diabolisch, daß die Menschheit paradox erscheint«.(2) Der Un/Sinn lag zu dieser Zeit in der Paradoxie des Großen und Ganzen, bei Vogl regiert eine paradoxe Heautonomie im ganz Kleinen. In keiner der beiden Inszenierungen spielt der weitreichende Wille des Individuums eine Rolle oder eben nur eine solche. Die gymnastische Kombinatorik ist in ihrer unbestreitbaren Folgerichtigkeit und Folgenlosigkeit identisch, die historische Herausforderung dann doch verschieden. Vogl, der mit Alexander Kluge publiziert, umschreibt gleichermaßen Kluges gegensätzliche titelgebende Formeln »In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod« und »Die Artisten unter der Zirkuskuppel: ratlos«. Eine Ankündigung von Vogls Buch im Internet verspricht: »Als Welterhaltung, als Geste der Infragestellung werden das Zaudern und seine Pause schließlich zum Stützpunkt, zum Operationsfeld des Diskurses selbst«. Paradoxseidank also die ›diskursabschließende‹ Frage im un/möglichen Außen/Raum des Paradoxes: ›Dürfen‹ ›wir‹ ›hoffen, dass‹ ›das Ganze‹ ›gut‹ ›ausgeht‹?

Prof. Dr. Jörg Türschmann, Universität Wien, Institut für Romanistik, Spitalgasse 2, A-1090 Wien; E-Mail: joerg.tuerschmann@univie.ac.at


Anmerkungen

(1) Hans-Jörg Neuschäfer, Zum Problem einer Literaturgeschichte der Massenmedien. In: Hans-Jörg Neuschäfer/Dorothee Fritz-El Ahmad/Klaus Peter Walter (Hg.), Der französische Feuilletonroman. Die Entstehung der Serienliteratur im Medium der Tageszeitung. Darmstadt 1986, S. 1-17; hier S. 14 f. [zurück]

(2) André Glucksmann, Philosophie der Abschreckung. 2. Auflage, Stuttgart 1984, S. 272. [zurück]