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In: KulturPoetik 2009, Heft 2

Autor

Manuel Clemens

Titel

Das hybride Geflecht der Kulturgeschichte
Peter Burke, Was ist Kulturgeschichte? Frankfurt/M.: Suhrkamp 2005. 202 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Seit dem berühmten cultural turn in den Geisteswissenschaften ist es möglich, gelehrte Abhandlungen über die Kulturgeschichte des Stacheldrahts, der Tränen oder der Beleuchtung zu schreiben. Da die Grenzen dieser Geschichtsschreibung immer weiter hinausgeschoben und da stetig neue Themenkomplexe integriert werden, ist es zunehmend schwieriger, anzugeben, was sich innerhalb dieser Grenzen befinden muss, wenn es sich um Kulturgeschichte handeln soll. Genau diese Unschärfe eines so zentralen Begriffs der heutigen Kulturwissenschaften war der Anlass für Peter Burke, im Jahr 2004 ein schmales Büchlein zur Frage What is Cultural History? vorzulegen, das seit 2005 auch in deutscher Übersetzung mit dem Titel Was ist Kulturgeschichte? vorliegt. Bereist 1997 hat sich Burke mit dieser Thematik beschäftigt und eine Essaysammlung vorgelegt, die sich mit der Entstehung der Kulturgeschichte und ihren unterschiedlichen Themen in der Frühen Neuzeit beschäftigt.(1) Seine jetzige Veröffentlichung zur Kulturgeschichtsschreibung beginnt im 19. Jahrhundert und schildert, so Burke, in chronologischer Reihenfolge »die wichtigsten Möglichkeiten, wie man Kulturgeschichte in der Vergangenheit geschrieben hat, heute schreibt und in der Zukunft schreiben könnte, schreiben wird oder schreiben sollte«. Dabei stellt er ausdrücklich fest, dass er nur »eine durch Beispiele illustrierte Untersuchung von Trends« bietet und nicht den Versuch unternimmt, eine vollständige Geschichte der besten Werke der letzten Generationen zu schreiben (S. 7).

Aus Burkes Sicht ist die Bestimmung des Kerns der Kulturgeschichte am Beginn ihrer »klassischen Phase« im 19. Jahrhundert noch einfach (S. 19). Für ihn sind die ersten Kulturhistoriker Jacob Burckhardt und Johan Huizinga. Im Unterschied zu den einzelnen Fachhistorikern haben sie sich vor allem für die Verbindungen zwischen den unterschiedlichen Künsten interessiert und diese wiederum in den sozialen Kontext ihrer Zeit gestellt. Somit begründeten sie den Ausgangspunkt für das Verfassen von Geschichten über Kunst, Philosophie, Sprache, Literatur, usw., die in den Kontext der gesellschaftlichen und sozialen Entwicklungen gestellt werden. Diese Entwicklung wurde besonders ab den 1930er Jahren durch zahlreiche Sozialhistoriker wie Aby Warburg, Max Weber und Norbert Elias fortgesetzt. Weil diese Art der Geschichtsschreibung keinen allzu spezifischen Gegenstand mehr hatte, konnte dieser nur noch mit dem globalen Begriff »Kultur« angegeben werden und demzufolge erhielt diese Disziplin dann auch den alles abdeckenden Begriff »Kulturgeschichte« (S. 20).  

Dieses zusammenhängende Geflecht von unterschiedlichen Kulturgeschichten wurde, so Burke, in den 1960er Jahren durch die »Entdeckung des Volkes« erweitert (S. 30). Mit dieser Phase beginnt für Burke dann auch der Aufstieg der »Neuen Kulturgeschichte« (S. 15). Hatte sie sich früher nicht mit den einfachen Leuten und der populären Kultur befasst, so sollte nun auch die veränderte Welt der Waren, der Werbung, der Populärliteratur und des Fernsehens verstanden und erforscht werden. Ab diesem Zeitpunkt verliert die Kulturgeschichte dann, so argumentiert Burke überzeugend und unter Verweis auf eine Reihe einschlägiger Beispiele, endgültig ihre bis dahin immerhin noch einigermaßen vorhandene Übersichtlichkeit, weil sie fortan aus den unterschiedlichsten Richtungen ergänzt und geöffnet wird: Ihre Definition von Kultur wird von marxistisch und anthropologisch inspirierten Kulturhistorikern als zu einseitig kritisiert, da sie Unterschiede negiere und da eigentlich nochmals zwischen den Kulturen der sozialen Klassen, von Männern und Frauen und den verschiedenen Generationen unterschieden werden müsse. Ja, selbst die eben erst gleichberechtigt unterschiedene Hoch- und Populärkultur wird nochmals angegangen, da die Gegensätze immer unklarer werden, desto näher man hinschaut. Aus dieser horizontalen Öffnung nach allen Seiten stellt sich dann, so Burke weiter, die Frage, wer »das Volk« eigentlich ist (S. 43), welches man nun nicht mehr homogenisieren möchte, indem man die unterschiedlichen Subkulturen ausschließt oder der Elite simplifizierend ein tiefes Verständnis und Interesse an der Hochkultur zuschreibt.

In dieser unübersichtlichen Zeit schlägt in den 1970ern Jahren »die Stunde der historischen Anthropologie« (S. 52), die die Kulturgeschichte gänzlich zu einem hybriden Geflecht werden lässt. Über die Zeit kurz vor diesem ›Big Bang‹ schreibt Burke noch einmal zusammenfassend in seinem jüngsten Werk über seine Disziplin: »Anfangs beschränkte sie sich auf die Hochkultur. Dann erweiterte man den Begriff  nach unten« und in »jüngerer Zeit hat man den Begriff gleichsam nach allen Seiten hin erweitert« (S. 45). Durch das Interesse an der Volkskultur hatte man ein Gebiet übernommen, das man früher den Altertumsforschern und Volkskundlern überlassen hatte. Mit der Hinwendung zur Anthropologie wiederholt und steigert sich diese Entwicklung. Ihr breiter Kulturbegriff war sehr anziehend für die Kultur- und die ehemaligen Sozialhistoriker. Er gibt ihnen neue Erklärungs- und Forschungsmuster und kann kulturelle Analysen liefern, wenn politische oder wirtschaftliche Gründe für Reichtum und Armut, Revolutionen oder Kriege zu oberflächlich erschienen. Die »Drama-Analogie« Clifford Geertz’ zog unzählige Forschungsarbeiten zu »Protokollen«, »Regeln«, »Techniken« und »Performances« des Alltags nach sich (S. 57), die beschreiben, wie man um ein Glas Wasser bittet, ein Haus betritt oder lernt, ein mittelalterlicher König zu werden. Aus Burkes Sicht vollzieht die Entwicklung der Kulturwissenschaften dann ab den 1970er Jahren schließlich noch eine weitere Drehung: Ausgehend von den Arbeiten Judith Butlers, Derridas, Foucaults und Bourdieus werden sie nun einer Reformulierung und Neuausrichtung im Geiste des Poststrukturalismus unterworfen. 

Mit der Integration der Erforschung der Massenkultur in ihre Disziplin sowie des Wissens der Anthropologie und der Theorien aus dem Umkreis des Poststrukturalismus, kann die Kulturgeschichte überall hinziehen. Möchte man ab den 1990er Jahren auf die Frage, mit was sich die gegenwärtige Kulturgeschichte beschäftige, antworten, so kann man dies nur noch fragmentarisch mit Beispielen tun: Der (athletische, verstümmelte oder tätowierte) Körper wird ihr Gegenstand genauso wie die Räumaufteilungen der Institutionen, Laboratorien oder Museen. Auch findet beispielsweise eine Verschiebung von der Theorie zur Analyse der Praxis statt, indem sich nicht mehr auf die Theologie, sondern auf die Geschichte der religiösen Praxis, nicht mehr auf Wissenschaftsgeschichte, sondern auf die Geschichte des Experiments konzentriert wird. Burke stellt eingangs die Frage, ob dies ein »neues Paradigma« sei (S. 75) und eine »Revolution in der Kulturgeschichte« (S. 108) darstelle, erwähnt dann aber doch am Schluss, dass zwar neue Themen mit Hilfe neuerer Begriffe erforscht werden, sich jedoch die Methode im strengen Sinn nicht mehr verändert habe. Das »neue Paradigma« steht für ihn eindeutig in der Tradition der neuen Kulturgeschichtsschreibung, die seit den 1960er Jahren stattfindet.

Unterwandert wird die Kulturgeschichte danach nur noch ein einziges Mal. Wenn man sie ständig erweitert, kommt man irgendwann auch zum Relativismus – und genau dies geschieht für Burke mit dem Aufstieg des Konstruktivismus. Nietzsches Postulat, dass Wahrheit nicht ewig sei, sondern immer wieder neu konstruiert werde, musste jetzt noch einmal an den Beginn, sozusagen a priori, vor jede neue Fragestellung gestellt werden. Die Grundfrage dieser Arbeiten lautet deshalb immer: »Wer konstruiert hier und aus welchem Grund?« und schildern deshalb immer die »Konstruktion« oder »Erfindung« des Ichs, Athens, der Renaissance, der Wirtschaft, usw.

Für die Veränderung und Ausdifferenzierung der Kulturgeschichte macht Burke die Kritik an der klassischen Hochkultur und an der Dominanz der westlichen Zivilisation verantwortlich. Dies führte zum Verlust der großen Fortschrittsgeschichte des Westens und sensibilisierte für die wachsende Bedeutung des Antikolonialismus, des Feminismus, des  und Alltagslebens und unzähliger anderer Gegenstände, die früher »ausgelassen oder unsichtbar gemacht wurden« (S. 66). Abschließend sucht Burke nach dem, was »jenseits der kulturellen Wende« liegen könnte (S. 147). Er sieht seit den 1990er Jahren eine Abnahme an innovativen Arbeiten und betrachtet das neue Jahrtausend als die Zeit zur Besinnung und Bestandsaufnahme dessen, was die moderne Kulturgeschichte geleistet hat. In diese Strömung ordnet er auch sein eigenes Buch ein und weist ausdrücklich darauf hin, dass solche Bestandsaufnahmen meist dann erfolgen, wenn die kreativste Phase einer Bewegung vorbei ist. Auf die Frage, wie die Zukunft der Kulturgeschichte aussehen soll, sagt er zunächst voraus, dass es »früher oder später« zu einer Gegenreaktion gegen »Kultur« kommen wird und bespricht drei mögliche »langfristige Trends« (S. 148): (1.) Es könnte zu »Burckhardts Rückkehr« kommen (ebd.), was eine Fortsetzung der Kulturgeschichte bedeutete, jedoch, wie bei Burckhardt, in den Grenzen der klassischen Hochkultur. (2.) Zweitens hält Burke eine weitere Ausdehnung der Kulturgeschichte auf neue Bereiche wie Politik, Gewalt und Emotionen für möglich, sowie (3.) eine »Rache der Kulturgeschichte« (S. 165), die die Idee der kulturellen Konstruktion wieder in ihre Grenzen verweist, da sie ihr Reich überdehnt habe.    

Burke liefert mit seiner Bestandsaufnahme einen hervorragenden Überblick über die aktuellen Debatten und Akteure der Kulturgeschichte sowie ihrer Entwicklungen und Veränderungen in ihrem immer hybrider gewordenen Geflecht ohne dabei den (fast unendlich gewordenen) roten Faden zu verlieren. Als aktiver und herausragender Akteur auf diesem Gebiet, der über seine 40jährige Tätigkeit als Kulturhistoriker mit Edith Piaf sagt: »Je ne regrette rien« (S. 12), bespricht er sowohl die Ausgangspunkte und immer wieder notwendigen Erneuerungen seines Gebiets, als auch seine vorläufigen Endpunkte nach vielen Meilensteinen und Scheitelpunkten. Interessant ist sicherlich seine Voraussage, dass es früher oder später wieder zu einer Einschränkung der Kulturgeschichte kommen wird. Man darf gespannt sein, wann und wie dies geschehen wird.

Manuel Clemens, Yale University, German Department, 100 Wall Street, New Haven, CT-06520, USA; E-Mail: manuel.clemens@yale.edu


Anmerkungen

(1) Peter Burke, Varieties of Cultural History. New York 1997. [zurück]