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In: KulturPoetik 2009, Heft 1

Autor

Patrick Bühler

Titel

»Retour à Lacan«. Ein Band zu Lacan in den Kulturwissenschaften
Jochen Bonz/Gisela Febel/Insa Härtel (Hg.), Verschränkungen von Symbolischem und Realem. Zur Aktualität von Lacans Denken in den Kulturwissenschaften. Berlin: Kadmos 2007.

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Rezension

Volltext

Während Sigmund Freud mehr oder minder fraglos als einer der illustren Ahnen der Kulturwissenschaften gilt, wird einem seiner einflussreichsten und umstrittensten Schüler selten größere Aufmerksamkeit zu Teil. Zumindest im deutschen Sprachraum wird Jacques Lacan eher verhalten rezipiert. Das ist umso erstaunlicher, als Lacans Werk hauptsächlich in der Deutung von Freuds Schriften besteht und auch schon früh ein kulturwissenschaftliches Interesse verrät, wie etwa seine Arbeiten zur Familie (1938), zum Spiegelstadium (1949) oder zum Mythos (1953) zeigen. Außerdem hat Lacans Werk namhafte Kulturwissenschaftler wie Roland Barthes, Homi K. Bhabha, Elisabeth Bronfen, Judith Butler oder Julia Kristeva beeinflusst. Am mangelnden ›deutschen‹ Lacan-Enthusiasmus mag allerdings die Editionslage mindestens mitschuldig sein, denn selbst auf Französisch sind noch immer nicht alle ›Seminare‹ Lacans erschienen und die Ausgaben, die es gibt, enthalten keine Kommentare, Zitatnachweise etc. Und vermutlich hat auch Lacans berüchtigter barocker Stil, der in der Übersetzung kaum an Leichtigkeit gewinnt, nur in Ausnahmefällen die Begeisterung wirklich zu beflügeln vermocht. Trotzdem gibt es natürlich auch im deutschen Sprachraum einflussreiche Lacan-Deutungen. Paradebeispiele einer Theorieentwicklung ›mit Lacan‹ sind etwa Friedrich A. Kittlers frühe, bahnbrechende Aufschreibesysteme 1800/1900 (1985) oder die etwas populäreren Studien Slavoj �i�eks, deren Übersetzungen ebenfalls zur ›deutschen‹ Lacan-Verbreitung beigetragen haben. Aus dem guten Grund, dass sich die ›deutsche‹ Beschäftigung mit Lacan verglichen mit der anlgo-amerikanischen und französischen jedoch nach wie vor bescheiden ausnimmt, schreibt sich der Band Verschränkungen von Symbolischem und Realem, ein »Retour à Lacan« auf die Fahnen. Wie der programmatische Untertitel annonciert, soll die »Aktualität von Lacans Denken in den Kulturwissenschaften« unter Beweis gestellt werden.

Laut Vorwort liegt dem Band, der die Beiträge einer Tagung enthält, die »Arbeitshypothese« zu Grunde (S. 14), dass es in der Postmoderne zu einem »Schwinden der Bindungskraft der symbolischen Ordnung« komme (S. 7). Dieses »Schwinden« wiederum führe zu einer »neuen Faszination des Realen« (S. 17). Belege für den Verlust der »traditionell bindenden Kraft des Symbolischen« (S. 14) und der dadurch bedingten »Positivierung des Realen« (S. 15) seien z.B. »das durchgängig als krisenhaft beschriebene« »zeitgenössische Geschlechterverhältnis« (S. 7), die Darstellung verwundeter Körper und des Ekelhaften in der Kunst, die Faszination für Selbstverletzungen oder die neuen, allerdings ungenannt bleibenden sportlichen »Betätigungen«, die »von einer nicht mitteilbaren oder intersubjektiv nicht vermittelbaren Körpererfahrung« ausgingen (S. 13). Diese »Arbeitshypothese« mag vage bekannt wirken, wird sie doch, wie es das Vorwort selbst konstatiert, »anderenorts auch mit Begriffen wie ›vaterlose Gesellschaft‹, ›Wertewandel‹ etc. umschrieben« (S. 14). Für einen Band zu den Verschränkungen von Symbolischem und Realem bei Lacan weist die These allerdings den Nachteil auf, dass Lacan selbst sie möglicherweise für eine Beschränkung von Symbolischem und Realem gehalten hätte. Zumindest ist es fraglich, wann Geschlechterverhältnisse jemals nicht »krisenhaft« gewesen sein sollten, und außerdem unklar, was man sich unter der »Positivierung« von etwas, das sich nicht darstellen lässt, vorzustellen hätte. Und auch wie Formen von »Faszination« beschaffen sein müssten, die ohne Imaginäres und Symbolisches auskämen, dürfte vor dem Hintergrund lacanscher Modelle eher schwierig zu bestimmen sein. So sind es just die Beiträge des Bandes, welche die »Arbeitshypothese« der Tagung entweder in Frage stellen oder sich schlicht nicht um sie kümmern – und das sind die allermeisten –, die interessantesten. Insgesamt macht gerade die methodische wie auch seine thematische Heterogenität den Band zu einem ebenso lohnenden wie anregenden Unterfangen: Von einer lacanschen Deutung von Freuds Aufsatz zu Michelangelos Moses (Wolfram Bergande) über eine Abhandlung zu Spiegelstadium und Plastik (Elisabeth von Samsonow und Diane O’Donoghue) bis zu einer Interpretation von Marguerite Duras’ Die Verzückung der Lol V. Stein (1964) (Dirk Quadflieg) findet sich viel Lesenwertes, das die im Untertitel postulierte »Aktualität« Lacans eindrücklich belegt.

Ein besonders aufschlussreiches Beispiel für die Kombination von genauer Lacan-Philologie und ertragreicher ?Deutung ist Karl-Josef Pazzinis Beitrag Unsagbar. Unsäglich. Zumutungen des Realen. Reize fürs Symbolische. Pazzini unterstreicht gleich zu Beginn, dass die »Arbeitshypothese« – nach der »das Symbolische schwinde« – theoretisch »problematisch« sei (S. 56). In einem ersten Schritt erörtert Pazzini daher das Reale bei Lacan, »ein unklärbares Konzept« (S. 58), um in einem zweiten die Entwicklung der Moderne als durch einen »Einbruch des Symbolischen« bedingt zu verstehen. Auch den fragwürdigen Eindruck, es komme heute zu einem vermehrten »Einbruch des Realen«, führt Pazzini gerade auf den »Einbruch des Symbolischen« zurück (S. 63–64). Ähnlich zweifelt auch Andreas Cremonini daran, dass die »Schwächung des Symbolischen« als ein »Signum posttradtionaler Gesellschaften« gelten könne (S. 130). Die »Klage über den Niedergang der symbolischen Autorität« gehöre schließlich »zu den ältesten Techniken kultureller Selbstverortung« (S. 148). Bevor diese ›Diagnose‹ überhaupt gestellt werde könne, müssten zudem zuerst die bei Lacan »problematischen Begriffe« des Realen und Symbolischen geklärt werden (S. 130). So legt Cremonini selbst in Die verdeckte Ökonomie der Norm. Überlegungen zum Verhältnis von Symbolischem und Realem beim späten Lacan auf überzeugende Weise dar, dass Lacans Begriff des Realen bis zu seinem zwanzigsten Seminar mit seinem Objekt klein a zusammenfällt (S. 132).

Mit demselben philologischen Scharfsinn wie Cremonini geht auch Tracy McNulty vor, die in einem bestechenden close reading Alain Badious Konzept einer universellen Wahrheit in dessen Saint Paul. La fondation de l’universalisme (1997) untersucht. Dabei zeigt sie zum einen Badious ambivalente Nähe zu Lacan auf und zum anderen, wie die Unterscheidungen jüdisch-griechisch und weiblich-männlich bei Badiou funktionieren. Im fulminanten Schluss ihres Feminine Love and the Pauline Universal kritisiert McNulty Badious ›allgemeinen‹, militanten »fraternal pact« (S. 177), diese »fantasy of an ›universal totality‹ purged of the symbolic and its crushing effects« (S. 168–169). Badious Universalismus hält sie mit Lacan und Emmanuel Levinas das ›besondere‹, zweifelnde Gelächter der biblischen Sara entgegen (vgl. Gen 18, 9–15). So fasst McNulty Paulus nicht als »opposed to the discourse of Jewish prophecy«, sondern »as an extension of it« auf (S. 176).

Neben Badiou wird das Werk eines weiteren von Lacan beeinflussten Theoretikers einer kritischen Analyse unterzogen: Jason Glynos und Yannis Stavrakakis schließen in ihrer Studie Ernesto Laclaus »Theorie-Korpus« an ihren »›Lacanometer‹« an (S. 95). Die beiden Autoren wollen dabei nicht den theoretischen Gemeinsamkeiten zwischen Lacan und Laclau nachspüren, sondern im Gegenteil gerade die »potentiellen Trennlinien« (S. 97) zwischen beiden verfolgen. Ein großer Gewinn dabei ist, dass Laclau selbst auf Glynos’ und Stavrakakis’ Ausführungen Begegnungen der realen Art. Laclaus Aneignung Lacan’scher Konzeptionen unter die Lupe genommen antwortet. Glynos und Stavrakakis konzentrieren sich in ihrer Untersuchung auf »die fast vollständige und auffällige Abwesenheit« der beiden lacanschen Begriffe ›Phantasma‹ und ›jouissance‹ bei Laclau (S. 97). Sie schlagen vor, Laclaus Diskurstheorie um diese beiden Konzepte zu erweitern, um so politisches Genießen und ideologische Phantasmen noch besser analysieren zu können (S. 113). Diese »freundliche Kritik« nimmt Laclau in Diskurs und Genießen. Eine Erwiderung auf Glynos und Stavrakakis fast vorbehaltlos an: Er könne den beiden eigentlich in nichts widersprechen, da er genau das versucht habe, was sie vorschlügen, auch wenn vielleicht »in einer etwas skizzenhaften und rudimentären Weise« (S. 114). Laclau unterstreicht, dass er auf ganz Ähnliches wie Lacan abziele, auch wenn er dafür andere Begriffe verwende: Zwischen seiner »Theorie der Hegemonie« und Lacan bestünden mehr Gemeinsamkeiten, als Glynos und Stavrakakis annähmen. So entspräche etwa Lacans »Idee eines ›Diebstahls des Genießens‹« seinem eigenen »Begriff des ›Antagonismus‹« (S. 115).

In ihrem erhellenden Beitrag Über die Kunst der Einverleibung. Wege der Symbolisierung zwischen Lacan und Klein geht Insa Härtel schließlich den theoretischen Implikationen solcher Fragen gegenseitiger Abhängigkeit und Beeinflussung nach. Ausgehend von Louise Bourgeois’ Werk The Destruction of the Father untersucht sie Lacans Kommentare zu Melanie Klein, um zu zeigen, wie Lacans autoritäre und ambivalente Deutung einer von Kleins Fallanalysen genau das wiederholt, was er ihr vorwirft, nämlich die brutale Reduktion eines Analysanden auf eine bestimmte Symbolik (vgl. S. 186 f.). Dass sich zwischen den Beiträgen des Bandes eine ganze Reihe solcher Querverbindungen entdecken lassen – etwa eine ›politische‹ zwischen den Untersuchungen zu Badiou und Laclau, eine ›kritische‹ zwischen Pazzini und Cremonini oder eine ›theoretische‹ zwischen McNulty und Cremonini, die sich beide auf Lacans Formeln der Sexuierung aus dem zwanzigsten Seminar beziehen –, erhöht nicht nur das Lesevergnügen und die symbolische »Bindungskraft« des Bandes, sondern ist natürlich auch Lacans Denken als dessen Gegenstand ganz und gar angemessen. Ebenso ›lacansch‹ ist es natürlich, dass der Band weder eine einheitliche Theorie vertritt, noch zu übereinstimmenden Schlüssen kommt. Diese erfrischenden theoretischen Verwicklungen wie die ›Bandbreite‹ der Untersuchungsgegenstände – Skulpturen, Gemälde, Romane, politische und juristische (David S. Caudill) Analysen und selbst die Untersuchung zeitgenössischer Musik, der Logik des Tracks (Jochen Bonz) – führen den möglichen kulturwissenschaftlichen Ertrag von Ansätzen ›mit Lacan‹ so überzeugend wie unterhaltsam vor Augen.

Dr. Patrick Bühler, Universität Bern, Institut für Erziehungswissenschaft, Muesmattstraße 27, CH-3012 Bern; E-Mail: buehler@edu.unibe.ch