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In: KulturPoetik 2009, Heft 1

Autor

Sandra Poppe

Titel

Ansätze zu einer Kulturgeschichte des Schmerzes
(1) David Le Breton, Schmerz. Übers. v. Maria Muhle, Timo Obergöker und Sabine Schulz. Zürich, Berlin: diaphanes 2003. 268 S.
(2) Hans-Georg Gadamer, Schmerz. Einschätzungen aus medizinischer, philosophischer und therapeutischer Sicht. Heidelberg: Universitätsverlag Winter 2003. 55 S.
(3) Roland Borgards, Poetik des Schmerzes. Physiologie und Literatur von Brockes bis Büchner. München: Wilhelm Fink 2007. 501 S.
(4) Roland Borgards (Hg.), Schmerz und Erinnerung. München: Wilhelm Fink 2005. 269 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Lange Zeit galt die Auffassung, der Schmerz sei eine anthropologische Grundkonstante und der Schrei sein über nationalsprachliche und kulturelle Grenzen hinweg unbeeinflusster Ausdruck. Spätestens seit den ethnologischen Forschungen der 50er und 60er Jahre des 20. Jahrhunderts ist dieses Verständnis nicht mehr tragbar. Immer deutlicher tritt die kulturelle, soziale und individuelle Komponente körperlichen und seelischen Schmerzes hervor, die seine Erforschung umso schwieriger und komplexer, aber auch interessanter macht. Zugleich hat der jeweilige Stand der medizinischen Forschung und Behandlung einen großen Einfluss auf die Wahrnehmung und Bewertung des Schmerzes sowohl durch den Einzelnen als auch durch die Gesellschaft. Deutlich ist jedoch auch, dass jeder Schmerz von der vollkommen subjektiven Wahrnehmung des Einzelnen bestimmt ist – es gibt keinen objektiven Schmerz. Gerade das macht ihn nicht nur für die kultur- und medizingeschichtliche Forschung zum lohnenden Gegenstand, sondern auch für die künstlerische und philosophische Auseinandersetzung. Die Erkundung, Be- und Umschreibung subjektiv empfundener körperlicher und seelischer Äußerung ist ein Kernbereich ästhetisch-künstlerischer Beschäftigung und insofern ist auch die Schmerzdarstellung ein zentraler Punkt kreativer Produktivität. Die Wahrnehmung des Schmerzes unterliegt einem ständigen Wandel sowohl im medizinischen als auch im kulturellen und ästhetischen Bereich. Diesen Wandel untersuchen vier in den letzten Jahren erschienene Publikationen auf je eigene Weise.


David Le Breton, Schmerz. Übers. v. Maria Muhle, Timo Obergöker und Sabine Schulz. Zürich, Berlin: diaphanes 2003. 268 S.

Der französische Soziologe David Le Breton zeichnet in seiner 2003 in Deutschland erschienenen Monographie Schmerz. Eine Kulturgeschichte (orig. Anthropologie de la douleur) auf eindringliche Weise die kulturellen, religiösen, psychologischen und medizinischen Einflüsse auf die Wahrnehmung des Schmerzes in verschiedenen historischen Perioden nach. Dabei wird zunehmend deutlich, wie sehr nicht nur Schmerzwahrnehmung und -äußerung, sondern auch Schmerzempfinden kulturellen und sozialen Faktoren unterliegen.

Im Mittelpunkt von Le Bretons Studie stehen die vielfältigen Wechselwirkungen zwischen Kultur, Gesellschaft, Religion und Schmerz einerseits sowie zwischen Psyche und Physis des Schmerzleidenden andererseits. Bevor Le Breton auf die vielfältigen Faktoren eingeht, die die Schmerzwahrnehmung beeinflussen und steuern, macht er deutlich, wie sehr das Zusammenspiel von Psyche und Physis von der jeweiligen Schmerzart abhängig ist. Er unterscheidet dazu zwischen akutem, chronischem und totalem Schmerz. Mit dem akuten Schmerz lässt sich sowohl aus medizinischer Sicht als auch aus Sicht des Patienten am besten umgehen, da ein Ende des Schmerzes absehbar ist. Ganz anders ist dies bei chronischen Schmerzen, die häufig schwer zu behandeln sind und gerade wegen ihrer Langfristigkeit den Menschen lähmen, isolieren und sogar an seiner Identität und Menschlichkeit zweifeln lassen. Le Breton macht deutlich, wie sehr das Ertragen dauerhafter Schmerzen auf die Persönlichkeit des Menschen wirken und diesen in seiner Selbstwahrnehmung stören kann, weswegen gerade chronische Schmerzen häufig mit Depressionen einhergehen. Der totale Schmerz beinhaltet insofern eine Steigerung als er das Leben des Menschen vollkommen bestimmt. Der Kontakt zwischen Mensch und Leben besteht einzig im Schmerz und Leid. Um die Drastik solcher Zustände zu schildern, bringt Le Breton den Schmerz immer wieder mit dem Tod in Zusammenhang: »Das Sich-Selbst-Entrissen-Sein, das der Tod darstellt, findet seine Entsprechung im Der-Existenz-Entrissen-Sein durch den Schmerz« (S. 38). Zudem demonstriert er, wie einschneidend die Erfahrung der Unmittelbarkeit und Nicht-Artikulierbarkeit des Schmerzes sein kann:

Die Unmöglichkeit, die Leidenssituation zu benennen oder von ihr Zeugnis abzulegen, die zur Entwurzelung des Selbst und zur Entfremdung von den Ereignissen führt, läßt die Vorstellung von einem Tod aufkommen, der sich ins Leben gefressen hat. (S. 38)

Die Kommunikation zwischen Arzt und Patient erfolgt häufig über Metaphern und Vergleiche, die ebenfalls nur unzureichend definieren können, was genau empfunden wird. Das macht auch die Medikation gerade der Schmerzen Sterbender schwierig, die man weder leiden noch in sediertem Zustand dahindämmern lassen will. Zugleich wird hier automatisch die Nähe der Schmerzensartikulation oder -kommunikation zum literarischen Ausdruck offenbar, auf die Le Breton leider nicht genauer eingeht, die jedoch immer wieder indirekt anklingt.(1)

Le Breton geht es jedoch nicht nur um die Auswirkungen des Schmerzes auf die Psyche und Persönlichkeit des Menschen, sondern auch umgekehrt um die Auswirkungen der Psyche auf den Schmerz. Der körperliche Schmerz kann Ausdruck und Symbol eines seelischen Schmerzes sein, eines Mangels, einer psychischen Konstellation. Er kann beispielsweise dazu dienen, Aufmerksamkeit zu bündeln, eine unbewusste Schuld zu sühnen, verdeckte Persönlichkeitsmuster zu bestätigen. Dies wird maßgeblich durch Erziehung gelenkt, d.h. sowohl durch das Schmerzverhalten der Eltern als auch durch ihre Haltung dem schmerzempfindenden Kind gegenüber. Neben diesen individuellen und sozialen Komponenten hat jedoch auch die jeweilige Kultur einen Einfluss auf den Schmerz. So spielt es eine Rolle, welche Arten des Schmerzes in einer Gesellschaft akzeptiert sind und als normal hingenommen werden (Beispiel: Geburtsschmerz). Ethnologische Studien der 50er und 60er Jahre des 20. Jahrhunderts haben ergeben, dass nordamerikanische, italienische und jüdische US-Bürger Schmerz anders wahrnahmen, mitteilten und einordneten. Neben diesen kulturellen Bedingungen beeinflussen auch historische und medizinische Entwicklungen die Schmerzwahrnehmung: Seit der Entwicklung von Betäubungsmitteln Mitte des 19. Jahrhunderts ist die Toleranzgrenze, was körperliche Schmerzen anbelangt, stark gesunken. Von den Möglichkeiten der Schmerzbetäubung wird zunehmend Gebrauch gemacht. Allerdings geht damit auch ein Verlust des Körpergefühls einher – der Körper wird als mechanisches Objekt verstanden, das unbeschränkt repariert werden kann. Ebenso wird jeglicher Sinn im Ertragen von Schmerzen negiert. Dies war gerade im christlich geprägten Mittelalter anders. Der Schmerz wurde hier vielfach als gottgegeben angenommen; das Ertragen des Schmerzes wurde als eine Möglichkeit gesehen, Gott näher zu sein. Diese Haltung verschwindet im 20. Jahrhundert vollkommen.

Zu Beginn seines Buches betont Le Breton die Ambivalenz des Schmerzes, der dem Menschen als Warnsignal einerseits die Grenzen und Gefahren des körperlichen Befindens aufzeigt, ihm andererseits so bedrohliche Zustände wie eine Krebserkrankung erst signalisiert, wenn es bereits zu spät ist. Zum Abschluss seiner Ausführungen appelliert Le Breton gerade an die moderne Medizin, den Schmerz als komplexes Zusammenspiel von Körper und Seele ernst zu nehmen und weiter zu erforschen. Zugleich liest sich dieser Appell als Aufforderung an jeden Einzelnen, seinen Körper und seinen Schmerz als Äußerung der Gesamtpersönlichkeit zu verstehen und einzuordnen. Wer dies tut, wird am Ende des durchlebten Schmerzes im besten Fall einen neuen Zugang zur Welt finden:

Der Schmerz ist eine Metaphysik: […]. Er bettet den Menschen auf glühende Kohlen und hält ihn im Grauen und im Vorgefühl des Todes umfangen, und ist doch zugleich der Schlüssel, um nach seiner Genesung in ihm das Bewußtsein vom Wert des Lebens zu verankern. Schmerz ist heilig und wild zugleich. Weshalb heilig? Indem er den Menschen dazu zwingt, an sich die eigene Transzendenz zu erfahren, projiziert er ihn außerhalb seiner selbst, enthüllt ihm innere Kräfte, von deren Existenz er nichts ahnte. Und wild ist er, weil er dies tut, indem er die Identität des Einzelnen aufsprengt. […] Es bleibt dem Menschen überlassen, ob er sein Leiden als ein Unglück wahrnimmt, in dem er sich, oder zumindest seine Würde, ganz und gar verliert, oder ob er ihn als eine Chance begreift, die ihn eine neue Dimension erfahren läßt: die eines Menschen, der gelitten hat oder der immer noch leidet, der jedoch die Welt mit offenen Augen sieht. (S. 251 f.)

Am Ende seiner Studie zu einer Anthropologie des Schmerzes hält Le Breton ein Plädoyer für den Schmerz und seine mögliche Bedeutung und Funktion für den Einzelnen. Damit vertritt er eine Ansicht, die auch der Philosoph Hans-Georg Gadamer in seinem Vortrag zum ›Schmerz‹ formuliert.


Hans-Georg Gadamer, Schmerz. Einschätzungen aus medizinischer, philosophischer und therapeutischer Sicht. Heidelberg: Universitätsverlag Winter 2003. 55 S.

Wie aus dem Vorwort des schmalen Bändchens hervorgeht, wurde Hans-Georg Gadamer anlässlich einer Medizinertagung zum Thema Rückenschmerz von Marcus Schiltenwolf, Professor der Orthopädischen Universitätsklinik Heidelberg, eingeladen, sich als Betroffener (Ischias) und als Philosoph zu diesem Thema zu äußern. Auch wenn seine Ausführungen wesentlich knapper als die umsichtigen Überlegungen Le Bretons ausfallen, so führen sie doch zu einem ähnlichen Fazit. Auch Gadamer sieht die medizinischen Fortschritte im Bereich der Schmerzbehandlung kritisch und warnt vor einer Schmerzbetäubung. Er sieht neben der Erleichterung auch das Aushalten von Schmerzen als Ziel menschlichen Verhaltens. Einerseits führt ihn dies zur Propagierung alternativer Heilverfahren, die dem Patienten mehr Raum und Zeit lassen, einen Umgang mit seinem Schmerz zu lernen. Andererseits sieht er den Arzt in diesem Zusammenhang lediglich als Begleiter und Unterstützer des Patienten, der gleichberechtigt neben diesem steht. Gadamer betrachtet den Schmerz selbst als Wegweiser und Aufgabe, mit denen sich der Mensch produktiv auseinandersetzen sollte. Er weist auf die Bedeutung des Wortes ›verwinden‹ hin und sieht darin die Meisterung des Schmerzes.

Hier gibt es offenbar die Möglichkeit, durch das eigene Sich-Wehren gegen den Schmerz in diesen einzugreifen, indem man sich dem ganz hingibt, was einen ganz erfüllt. Nichts läßt den Schmerz am ehesten erträglich werden als das Gefühl, es geht mir etwas auf, mir fällt etwas ein. Es gibt ja immer ein ganzes Arsenal Unerledigtes, das wir zu verwinden trachten. In diesem Sinne ist der Schmerz eine große Chance, vielleicht die größte Chance, endlich mit dem ›fertig zu werden‹, was uns aufgegeben ist. Die eigentliche Dimension des Lebens wird im Schmerz erahnbar, wenn man sich nicht überwinden läßt. Hierin sehe ich auch die größte Gefahr des technologisierten Zeitalters, daß diese Kräfte unterschätzt werden und damit auch – verständlicherweise unsere Fähigkeiten nicht mehr zur vollen Entwicklung gelangen. Dem steht die Freude des Gelingens, des Beherrschens und schließlich des sich wieder Gesundfühlens gegenüber. Ich kann nicht leugnen, daß diese Freude des Gelingens, des Wachseins und des Hingegebenseins, das auch im Wachsein liegt, doch wohl noch immer das beste Medikament ist, das uns die Natur an die Hand zu geben weiß. (S. 28)

Um zu verdeutlichen, wie eine solche Auseinandersetzung mit dem Schmerz aussehen kann, erzählt Gadamer Situationen aus dem eigenen Leben, beispielsweise wie ihn seine Polio-Erkrankung als Zwanzigjährigen dazu trieb, sich auf dem Krankenbett mit den Werken Jean Pauls sowie zahlreichen philosophischen Schriften auseinanderzusetzen, wie sie ihn später dazu anhielt, regelmäßig Sport zu treiben und in besonderer Weise auf seinen Körper zu achten. In diesem Zusammenhang spricht sich Gadamer noch einmal für alternative Heilverfahren aus, die Freiraum für einen produktiven Umgang mit dem Schmerz lassen.

Gerade diese Stellungnahme führt in der anschließenden Diskussion des Vortrags, die sich ebenfalls abgedruckt findet, zu kritischen Stimmen. Es wird angemerkt, dass ein durchschnittlicher Patient durch die Schmerzen meist so zermürbt und geschwächt sei, dass er gar keine Kraft und kein Interesse an einem produktiven und aufarbeitenden Umgang mit dem Schmerz habe, bzw. durch Schmerzbetäubung erst wieder soweit hergestellt werden müsse, dass Raum für eine produktive Auseinandersetzung entsteht. Darauf entgegnet Gadamer, dass er darin ebenfalls die größte Herausforderung sehen würde, diese jedoch nicht auf die Schmerzerfahrung großer Persönlichkeiten beschränken wolle. Nochmals auf die Auffassung angesprochen, der Patient solle sich dem Schmerz hingeben und mit ihm auseinandersetzen, betont Gadamer die Aufgabe des Arztes, der den Patienten vor allem zur Bewusstwerdung der eigenen Kräfte zur Schmerzüberwindung führen soll.

Der Gadamer-Schüler Hermann Lang unterstreicht in seinem Nachwort diese Position, indem er Beispiele aus der Psychosomatik anführt, die eindeutig auf den Zusammenhang zwischen körperlichem und seelischem Schmerz hindeuten. Dieser Zusammenhang begründet wiederum eine produktive Auseinandersetzung mit dem Schmerz, der den Patienten und den Arzt oder Therapeuten auf mögliche seelische Defizite hinweist, die sich nun körperlich ausagieren. Lang spricht sich damit vor allem für einen ganzheitlichen medizinischen Ansatz aus.

Leiden, und das heißt in unserem Kontext Schmerz, führt in eine Grenzsituation, worin sich menschliches Dasein existentiell als endliches und verletzbares begegnet. Deshalb gilt es auch, das Leiden am Schmerz in den eigenen Lebensvollzug verstehbar einzubauen, und so kann es existenzerhellend zur Lebenssituation, zur Lebensbewältigung selbst beitragen. (S. 51)

Damit wird eine Position bezogen, die teilweise der momentanen Praxis innerhalb der Schmerztherapie zuwider läuft. Gerade um eine Chronifizierung des Schmerzes und eine Aktivierung des Schmerzgedächtnisses zu vermeiden, werden frühzeitig Schmerzmittel verabreicht, die aber eine von Gadamer geforderte Arbeit mit dem Schmerz unmöglich machen. Zugleich rückt der von Gadamer vertretene ganzheitliche Ansatz ebenfalls wieder mehr in die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, wie bereits das Vorwort von Marcus Schiltenwolf deutlich macht. Damit sind hier zwei aktuelle und stark konträre Positionen gegenübergestellt, die weitere Auseinandersetzungen garantieren.(2)


Roland Borgards, Poetik des Schmerzes. Physiologie und Literatur von Brockes bis Büchner. München: Wilhelm Fink 2007. 501 S.

Was Roland Borgards in seiner 2007 erschienenen Monographie Poetik des Schmerzes vornimmt, ist ein detailliertes Aufzeigen verschiedener Etappen einer Entwicklung der Schmerzwahrnehmung aus medizinischer Sicht sowie ihrer engen Verbindung zu einer Ästhetik und Poetik des Schmerzes:

Der Schmerz hat eine Geschichte. Um dieser Geschichte nachzugehen, muss der Schmerz dort untersucht werden, wo sich Literarisches und Kulturelles berühren: in der Sprache. Dies impliziert die Analyse einer spezifischen Wissensformation zwischen Wissenschaftsgeschichte bzw. Medizin-geschichte  einerseits und Ästhetikgeschichte bzw. Literaturgeschichte andererseits. Es geht um das Wissen von Schmerz in Literatur und Medizin. (S. 35)

Die medizinische Erkenntnis über den Schmerz spiegelt sich jedoch nicht nur in der jeweils zeitgenössischen Literatur, sie wird von dieser teilweise auch weitergedacht oder sogar antizipiert. Anhand ausgewählter Beispiele aus der Medizin- und Literaturgeschichte vom 18. bis 19. Jahrhundert macht Borgards dieses spannungsreiche Wechselverhältnis sichtbar. Dabei werden die medizinhistorischen Quellen ebenso eingehend untersucht und erläutert wie ihre literarischen Verarbeitungen, wodurch Borgards Studie einen breiten interdisziplinären Zugang ermöglicht.

Von der Antike an galt die Auffassung, der Schmerz werde durch Körperflüssigkeiten ausgelöst und reguliert, bis sie im 17. Jahrhundert durch Descartes’ These vom ›Glockenseilnerv‹ abgelöst wurde. Descartes geht davon aus, dass der Körper auf einen äußeren Reiz mit dem Zusammenziehen von Nervenfasern reagiert und so Signale ans Gehirn weitergegeben werden. Ist dieses Zusammenziehen so stark, dass die Nerven reißen, entsteht Schmerz. Diese Auffassung wird später weiter spezifiziert, indem man davon ausgeht, dass bereits ein Anreißen oder Reizen des Nervs Schmerz auslösen kann. Insgesamt hielt sich dieses mechanistische Verständnis des Körpers und damit des Schmerzes bis weit ins 18. Jahrhundert hinein. Zugleich weist Descartes dem Schmerz jedoch eine warnende Signalfunktion zu und sieht ihn auf einer Ebene mit anderen Sinneswahrnehmungen wie Sehen oder Riechen. Eben diese Einordnung des Schmerzes sieht Borgards auch in den Schmerzgedichten, die Barthold Heinrich Brockes zwischen 1721 und 1748 in seinem Irdischen Vergnügen in Gott publizierte. Brockes sieht den Schmerz durch andere Aspekte wie Lust, positive Lebensempfindungen, Zeit sowie die Poesie relativiert. Der Mensch definiert sich nach Brockes vor allem durch seine Abkehr vom Schmerz. Dieser Auffassung stellt Borgards Goethes Prometheus-Ode (zwischen 1773 und 1775 entstanden) gegenüber, in der sich eine ganz andere Bewertung von Schmerz offenbart:

Hier wird nicht Leid durch Lust, sondern die Freude durch den Schmerz relativiert; hier erscheint der Schmerz nicht als Gegenbegriff, sondern als Grundgefüge des Lebens; hier wird nicht der Schmerz temporalisierend zurückgesetzt, sondern wird die Zeit schmerzhaft dynamisiert; und hier erscheint die Poesie als Technik einer nicht begrenzenden, sondern totalisierenden Verhandlung des Schmerzes. (S. 84)

Das, was Borgards kurz als »Der Schmerz war, und der Schmerz wird sein« (S. 92) zusammenfasst, sieht er auch in der medizinischen und philosophischen Auffassung der folgenden Jahre wirken: Es findet eine immer größere Aufwertung des physiologischen Schmerzes statt. So sieht der Mediziner und Naturwissenschaftler Albrecht von Haller den Schmerz als ein Zeichen von Lebendigkeit und Bewusstsein. Bei Herder werden Reiz und Leben gleichgesetzt, bei Schiller schließlich Schmerz und Leben. Borgards zeigt sorgfältig auf, wie sich die Wahrnehmung des Schmerzes zunehmend verlagert, wie die Grenzen zwischen seelischem und körperlichem Schmerz immer mehr verschwinden und der Schmerz um 1800 schließlich nicht mehr als von außen, sondern von innen kommend wahrgenommen wird: »Das Leben, seine Erregung, deren Hemmung und der Schmerz bilden eine unzertrennliche Einheit« (S. 129). Da die Seele den Schmerz empfindet, kann sie ihn zugleich auch produzieren. Brentanos Godwi-Roman (1801) bildet eben diese ganzheitliche Vorstellung vom körperlichen und seelischen Schmerz als produktivem Prinzip ab. Borgards weist hier vor allem auf Parallelen zu der zeitgleich erschienenen Dissertation sur la douleur (1803) von Hyppolite Bilon hin. Dabei wird immer wieder die literarische Antizipation bestimmter Schmerzauffassungen deutlich. So stellt Brockes' 1712 uraufgeführtes Passionsdrama Der Für die Sünde der Welt/ Gemarterte und Sterbende JESUS den körperlichen und seelischen Schmerz bereits als Einheit dar, bzw. vermittelt den seelischen durch den körperlichen Schmerz. Borgards spricht in diesem Zusammenhang von einer physikotheologischen Wende, die vor allem in der positiven Aufwertung des Schmerzes als intendierte Verbindung zur Passion Christi liegt und damit Teil eines christlichen Heilsversprechens ist.

Im 18. Jahrhundert geraten die Subjektivität des Schmerzes und damit verbunden mögliche Formen der Schmerzensäußerung verstärkt in den Blickpunkt. Borgards spricht von der Entwicklung einer Repräsentations- und schließlich einer Fiktionslogik des Schmerzes, die nicht nur die literarische und philosophische sondern auch die medizinische und juridische Auseinandersetzung mit dem Phänomen betrifft. Die Frage, wie subjektiv empfundener Schmerz objektiviert werden kann, kam bereits Mitte des 18. Jahrhunderts auf. Dies betraf vor allem die Auseinandersetzung mit angemessenen Folter- und Hinrichtungsmethoden, die nur unter einer verlässlichen Einordnung der Schmerzensäußerungen des Gefolterten oder Hingerichteten stattfinden konnte. Diese Kontroverse hatte nicht nur Auswirkungen auf die Folterpraxis, sondern wurde wiederum literarisch verarbeitet, beispielsweise in Kleists Familie Schroffenstein oder E.T.A. Hoffmanns Ignaz Denner (1817).

Zum Abschluss seiner Monographie zeigt Borgards anhand von Georg Büchners Erzählung Lenz (1839) noch einmal eingehend, wie eng literarische Behandlungen des Schmerzes und medizinische Erkenntnisse der Zeit miteinander verknüpft sind. Dazu weist er wiederholt auf die anthropologische Aufwertung des Schmerzes hin sowie auf die gleichzeitige Verunsicherung über die Messbarkeit des Schmerzes. Sowohl der Mechanismus der Schmerzwahrnehmung als auch der des Schmerzausdrucks verlieren ihre Selbstverständlichkeit. Eine Hermeneutik der Schmerzäußerung spielt so nicht nur in literarischen, sondern auch in medizinischen Texten wie auch in der Praxis eine Rolle. Büchners Lenz sieht Borgards bereits im Kontext moderner Schmerzkonzeptionen. Lenz’ Versuche, durch Zufügung körperlicher Reize und Schmerzen seinen fortschreitenden Ich-Verlust aufzuhalten, entsprechen damaligen Therapiemethoden in der Psychiatrie. Auch hier findet eine Gleichsetzung zwischen Vitalität, Leben und Schmerz statt. Büchners Erzählung vermittelt diese Dynamik des Schmerzes durch eine Dynamik der Erzählweise. Nach Borgards treffen hier moderne Erzählkonzeption und moderne Schmerzkonzeption aufeinander. Zugleich verdeutlicht die Erzählung bereits die Destruktivkräfte dieses Zusammenspiels – die Geschichte endet in einer Totalanästhesie.

Mit diesem abschließenden Beispiel gelingt es Borgards, seine Kulturgeschichte des Schmerzes über den von ihm schwerpunktmäßig behandelten Zeitraum des 18. Jahrhunderts hinaus anzulegen. Gerade Büchners Erzählung auf der Schwelle der Moderne eignet sich, um auf die weitere Entwicklung einer Schmerzgeschichte zu verweisen. Bei diesem Verweis muss es vorerst bleiben, auch wenn die Interpretation von Büchners Lenz bereits andeutet, dass eine ›Poetik des modernen Schmerzes‹ durch Borgards sicherlich ebenso detail- und spannungsreich ausfallen würde, wie die vorliegende.

 
Roland Borgards (Hg.), Schmerz und Erinnerung. München: Wilhelm Fink 2005. 269 S.

Roland Borgards publizierte bereits 2005 einen Sammelband zum Thema Schmerz und Erinnerung, der aus einer 2002 stattgefundenen Tagung des Gießener Sonderforschungsbereichs Erinnerungskulturen hervorgegangen ist. Die Verknüpfung beider Themenbereiche scheint naheliegend, denn »einerseits thematisieren viele Erinnerungstheorien an zentraler Stelle den Schmerz, andererseits schreiben bedeutende Schmerztheorien der Erinnerung eine für die Schmerzwahrnehmung konstitutive Rolle zu« (S. 11). Nach Borgards mischt sich Schmerz in den Erinnerungsprozess, indem er ein erinnerungserzeugendes Element sein kann, indem durch die Distanz zwischen dem Moment des Erinnerns und dem Erinnerten Schmerz entsteht und indem vergangener Schmerz erinnert wird. Umgekehrt ist Schmerz immer durch Erinnerung bestimmt, indem mittlerweile deutlich ist, dass es ein kulturelles Gedächtnis des Schmerzes gibt, das jede aktuelle Schmerzsituation mitbestimmt, und dass jedes Schmerzempfinden zugleich individuell ist und auf einer subjektiven Erinnerung an vorangegangenen Schmerz beruht. Inwiefern diese vielfältigen Beeinflussungen zwischen Schmerz und Erinnerung im Laufe der westlichen Kultur- und Literaturgeschichte immer wieder eine Rolle gespielt haben, vermitteln die insgesamt dreizehn thematischen Aufsätze des Bandes auf verschiedenste Weise. Die Beiträge sind in ihrer Beispielbehandlung ›chronologisch‹ vom Mittelalter über Neuzeit zur Moderne arrangiert. Auf diese Weise ermöglicht die Lektüre des Tagungsbands einen Nachvollzug der Entwicklung des Wechselspiels zwischen Schmerz und Erinnerung über die Epochen hinweg.

Gleich zu Beginn des Bandes macht Jörg Jochen Berns am Beispiel ›monströser Bildgestaltungen‹ deutlich, inwiefern die ›schmerzende‹ Wirkung erzählender Bilder einen mnemotechnischen Effekt haben kann und wie dies beispielsweise in Bilderbibeln der Reformationszeit ganz bewusst eingesetzt wurde. Gerade die Kombination christlicher Figuren mit vulgären und blasphemischen Attributen erzeugte eine dermaßen erschütternde Wirkung, dass die Bilder und Bildzusammenhänge ohne Probleme memoriert werden konnten. Solche ›Erinnerungsbilder‹ konnten natürlich nicht im öffentlichen Kirchenraum ausgestellt werden, dienten jedoch Predigern zum besseren Memorieren ihrer Texte. Einen vollkommen anderen Zusammenhang zwischen Erinnerung und Schmerz, der mittlerweile zum Konsens der Schmerzforschung gehört, zeigt Christian Sinn anhand barocker Schmerzgedichte auf: Jegliche Apperzeption beruht auf Erinnerung und Erinnerung wiederum ist subjektiv, kontextgebunden, beeinflusst von der jeweiligen Zeit und Kultur, in der sie stattfindet. Ebenso ist die Wahrnehmung von Schmerz an die spezifischen Ausdrucksmöglichkeiten der jeweiligen Zeit sowie der jeweils zeitgenössischen Schmerzauffassung gebunden. Diese Erkenntnis wurde bereits in den Gedichten Catharina Regina von Greiffenbergs im 17. Jahrhundert vermittelt und reflektiert.

Inwiefern Schmerz, Körper und Erinnerung mit der christlichen Glaubensgeschichte zusammenhängen, belegt Hans-Walter Schmidt-Hannisa anhand von Stigmatisierung und Selbststigmatisierung im Mittelalter. Bereits die Passionsgeschichte Christi ist maßgeblich mit körperlichem und seelischem Schmerz verbunden, durch den die Menschen von ihren Sünden erlöst werden sollen. Zugleich müssen diese Qualen und Schmerzen Christi jedoch ständig in der Erinnerung der Gläubigen wach gehalten werden und dies geschieht am eindringlichsten durch die Schmerzzufügung am eigenen Leib – durch Geißelung, Tragen des Kreuzes auf Prozessionen, Zufügung von Kreuzigungswunden usw. Diese Formen der Selbststigmatisierung bezeichnet Schmidt-Hannisa als »imitatio« (S. 96). Davon unterscheidet er die »transformatio« (S. 70), die sich bei Stigmatisierten zeigt, denen die Wunden an den Kreuzigungsmalen von selbst aufbrechen. Gerade die Stigmatisierten erhalten ihre Glaubwürdigkeit und Authentizität über das Ertragen des Schmerzes und können als lebende Erinnerung an die Passion Christi verstanden werden. Eine besondere Form der Selbststigmatisierung behandelt Ulrike Landfester, indem sie Tätowierungen von Mönchen, Pilgertätowierungen und schließlich die Tätowierung der Mignon in Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre einander gegenüberstellt. Die Mönchs- und Pilgertätowierungen sind durch den erlittenen Schmerz der Selbststigmatisierung zuzuordnen. Zugleich fungiert der Körper als Zeichen- und damit Erinnerungsträger. Goethes Mignon, die ebenfalls ein christliches Symbol als Tätowierung trägt, markiert insofern einen Paradigmenwechsel, da Schmerzerfahrung und Erinnerung hier nicht mehr mit Jenseitsorientierung und Heilsversprechen verbunden, sondern im Gegenteil eher negativ konnotiert sind als Unterwerfung unter die Erinnerung, die durch Schrift verewigt ist und dennoch keine Erlösung bringt. Landfester interpretiert diese Darstellung bereits im Kontext moderner Schmerzauffassung. Auch Nathalie Binczek verweist auf einen Paradigmenwechsel in der Wahrnehmung des Schmerzes, der sich als erstes in der Literatur manifestiert. In Karl Philipp Moritz’ Anton Reiser werden körperlicher und seelischer Schmerz als untrennbar miteinander verbunden gedacht, was der medizinischen Auffassung des 18. Jahrhunderts (noch) widersprach. Diese Verbindung zwischen beiden wird vor allem durch die erinnernde Erzählinstanz hergestellt.

Um einen rein seelischen Schmerz geht es Christine Weder in ihrer Interpretation von Sophie von La Roches Schönem Bild der Resignation. Sie erkennt darin eine pädagogische Anleitung zum richtigen Erinnern und Schmerzleiden. Dies soll nicht in absoluter Hingabe und übertriebenem Fetischismus enden, sondern in maßvoller Erinnerung und angemessenem Leid. Inwiefern das Grab als Ort einer engen Verbindung zwischen Schmerz und Erinnerung verstanden werden kann, zeigt Harald Neumeyer in seinem Beitrag:

Er [der Schmerz] erinnert – der Schmerz ist damit die Erinnerung an den Verstorbenen. Die Erinnerung wiederum beglaubigt und generiert sich durch den Schmerz, vollzieht sich selbst als schmerzhafte, in »Wehmut« – die Erinnerung an den Verstorbenen ist damit der Schmerz. (S. 172)

In der Moderne, die im letzten Drittel des ›chronologisch‹ aufgebauten Tagungsbands behandelt wird, zeigt sich die immer größer werdende Komplexität der Aspekte Schmerz und Erinnerung. So zeigt Gerhard Neumann anhand von Kafkas Tagebüchern und Werken auf, wie autobiographischer Schmerz und Erinnerung literarisch auf individuelle Weise gedeutet und verarbeitet werden können. Gerade in Kafkas Fall sieht Neumann den Schmerz, die Erinnerung und deren Verschriftlichung als Hauptmotivationen des Werks. Ein zentrales Thema im Zusammenhang mit Schmerz und Erinnerung im 20. Jahrhundert ist der Holocaust. Hubert Thüring demonstriert anhand der Texte Primo Levis eindringlich, warum eine subjektive Erinnerung der Erfahrungen im Konzentrationslager nicht möglich ist und wie letztere durch möglichst hohe Objektivierung kompensiert werden. Eine konträre Weise mit dem Trauma poetisch umzugehen, macht Thomas Böning an der Verschlüsselung und Indirektheit der Gedichte Paul Celans deutlich.

Den Abschluss des Bandes bilden zwei Beiträge, die aus dem Feld der literarischen Behandlungen von Erinnerung und Schmerz hinausführen: Arne Scheuermann erläutert anhand populärer Spielfilme verschiedene Affekttechniken durch Schmerz im Kino. Volker Roelcke weist der Erinnerung auch in ethnomedizinischer Hinsicht eine bedeutende Rolle für das Schmerzverständnis zu, denn jeglicher Schmerz ist subjektiv und insofern immer auch mit der subjektiven Erinnerung des Patienten verbunden.

Gerade die breite Fächerung des Tagungsbandes von frühen christlichen Zeugnissen des Umgangs mit Schmerz und Erinnerung zu neuzeitlichen und schließlich modernen literarischen Behandlungen und wiederum zu allgemeinen Überlegungen aus dem medienwissenschaftlichen und ethnomedizinischen Bereich, gibt ein umfassendes Verständnis für den engen Zusammenhang der beiden behandelten Bereiche. Trotz der breiten Themenfächerung lassen sich immer wieder Zusammenhänge und Anknüpfungspunkte zwischen den einzelnen Beispielanalysen herstellen. Allgemeine psychologische Überlegungen zum Zusammenhang von Schmerz und Erinnerung einerseits sowie körperlichem und seelischem Schmerz andererseits hätten zu Beginn des Bandes sicherlich eine gute Basis gebildet, die der Leser leider vermisst.

Die in den letzten Jahren erschienenen Publikationen zum ›Schmerz‹ machen deutlich, wie aktuell dieses Thema derzeit ist, und zugleich, wie präsent es schon immer war. Dabei demonstrieren die vorgestellten Publikationen auch, dass viele aktuelle Erkenntnisse – wie beispielsweise zur Ganzheitlichkeit des Schmerzes – bereits jahrhundertealt sind und nur wiederentdeckt werden müssen. Gerade der wiederholt betonte enge Zusammenhang zwischen kultureller, sozialer und individueller Prägung und Schmerz sowie die durchgängig produktive Behandlung des Schmerzes im künstlerischen Bereich machen dieses Thema auch in Zukunft zu einem vielversprechenden Forschungsfeld auf der Schnittstelle zwischen Literatur- und Kulturwissenschaft.

Juniorprof. Dr. Sandra Poppe, Johannes Gutenberg-Universität Mainz, FB 05 – Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Postfach 3980, D-55099 Mainz; E-Mail: poppe@uni-mainz.de


Anmerkungen

(1) Zur ausführlichen Untersuchung künstlerischer Schmerzdarstellung vgl. die 2006 erschienene umfang- und kenntnisreiche Studie von Iris Hermann, Schmerzarten. Prolegomena einer Ästhetik des Schmerzes in Literatur, Musik und Psychoanalyse. Heidelberg 2006. [zurück]

(2) Wie aktuell das Thema ›Schmerz‹ und seine ganzheitliche Behandlung in der öffentlichen Diskussion ist, zeigt beispielsweise eine Septemberausgabe 2008 der Zeitschrift Der Spiegel mit dem Titelthema Woher kommt der Schmerz? Was der Körper über die Seele verrät. Vgl. Der Spiegel 36 (2008). [zurück]