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In: KulturPoetik 2009, Heft 1

Autor

Dominik Orth

Titel

Authentizitäten – Zur Vielfalt eines ästhetischen Begriffs
Susanne Knaller, Ein Wort aus der Fremde. Geschichte und Theorie des Begriffs Authentizität. Heidelberg: Universitätsverlag Winter 2007. 215 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Authentizität zählt zu jenen Begriffen, die allgegenwärtig sind und in unterschiedlichen Zusammenhängen verwendet werden. Während dies im alltäglichen Sprachgebrauch verhältnismäßig unproblematisch ist, erfordert die Verwendung in wissenschaftlichen Diskursen einen reflektierten und differenzierten Umgang mit diesem Terminus. Dies ist nicht nur aufgrund seiner Bedeutungsvielfalt im Zusammenhang mit unterschiedlichen Disziplinen vonnöten, sondern insbesondere auch in der konkreten Verwendung als ästhetischer Begriff, da das Wort selbst in diesem spezifischen Kontext mehrdimensional ist. Die Grazer Romanistin Susanne Knaller hat sich der entsprechenden Aufgabe einer umfassenden Analyse angenommen und widmet sich in ihrer Monografie Ein Wort aus der Fremde der Geschichte und Theorie des Begriffs Authentizität.

Die Autorin schlägt zunächst eine grundlegende Differenzierung vor, um die diversen Nuancen ihres Gegenstandes terminologisch voneinander abzugrenzen. Sie unterscheidet zwischen Referenzauthentizität, Kunstauthentizität und Subjektauthentizität, die im weiteren Verlauf ihrer Abhandlung eingehender beleuchtet werden. Die Referenzauthentizität erfasst demnach insbesondere »Urheberschaft und Originalität« (S. 21), Kunstauthentizität geht darüber hinaus, »basiert auf Wertzuschreibungen« und gilt als »eine Form von Objektauthentizität« (S. 22), während »die Vorstellung eines empirischen, gesellschaftlichen, psychologischen Subjekts, das Wahrhaftigkeit auszeichnet« (S. 22) die Basis von Subjektauthentizität darstellt.

Nach diesen und weiteren theoretischen Vorüberlegungen zur Geschichte des Begriffs und zum Forschungsstand dient der Verfasserin zunächst Jean-Jacques Rousseaus Briefroman Julie ou la nouvelle Héloïse als Beispiel zur Konkretisierung unterschiedlicher Facetten des Authentizitätsbegriffs. Das Werk des französischen Philosophen greift auf den berühmten mittelalterlichen Briefwechsel zwischen Abaelard und Héloïse zurück. Diesem Liebespaar blieb zu Beginn des 12. Jahrhunderts eine erfüllte Beziehung verwehrt, da sie nach einer jugendlichen Affäre ihr Leben als Nonne und Mönch fristeten. Héloïse jedoch verlieh ihrer Sehnsucht nach dem Geliebten in Liebesbriefen Ausdruck. An diesem Beispiel diskutiert Knaller einen zentralen Aspekt des Authentizitätsbegriffs, denn über die Echtheit dieser Briefe herrscht innerhalb der Forschung keineswegs Einigkeit: »Die Briefsammlung ist zur Gänze echt oder falsch, oder sie ist überarbeitet« (S. 46).
Rousseaus Briefroman wiederum, der bereits im Titel auf die mittelalterliche Vorlage Bezug nimmt, dient Knaller als Beispiel für eine weitere Dimension von Authentizität. Der fiktionale Text vermag es aufgrund diverser Erzählstrategien, Authentizitätseffekte zu erzeugen und somit den Anschein von Echtheit zu erwecken. Anhand des mittelalterlichen Briefwechsels und des Briefromans von Rousseau wird auch der »Zusammenhang zwischen Individualitätskonzeptionen und Authentizitätsbegriffen« (S. 42) thematisiert. Insbesondere Julie ou la nouvelle Héloïse sei demnach ein Wegbereiter für die Subjektauthentizität, die sich erst im Verlauf des 20. Jahrhunderts vollends entfalten wird. Dies liegt darin begründet, dass die diversen Authentizitätseffekte des rousseauschen Romans zu einer erhöhten Identifikationsmöglichkeit auf Seiten der Rezipienten führen, die durch die gewählte Briefform eine »Individualitätskonzeption« (S. 59) präsentiert bekommen und aus dem sich »der Vorentwurf eines individualauthentischen Konzepts« (S. 64) erkennen lässt, so die Argumentation der Autorin.

Nachdem anhand dieses Beispiels diverse Aspekte in Bezug auf den für die Studie zentralen Begriff angedeutet wurden, widmen sich die weiteren Kapitel primär den in der theoretischen Vorarbeit entwickelten Authentizitätsbegriffen. So steht die Referenzauthentizität im folgenden Abschnitt im Vordergrund. Die Fotografie dient der Verfasserin dabei zur Konkretisierung dieser Dimension von Authentizität. In der Frühphase der Daguerreotypie ist Authentizität »kein poetologisches Konstrukt zur Erzielung von Authentizitätseffekten« wie noch bei Rousseaus Roman, sondern sie gilt als »Eigenschaft des Objektes: des Textes und der Referenten« (S. 76). Doch durch den Wandel der Fotografie im Laufe der Zeit »steht auch der fotografische Authentizitätsbegriff als Referenzauthentizität zur Disposition« (S. 86). Zielte die Fotografie im 19. Jahrhundert noch primär auf Realismus, so ist der dokumentarische Charakter des Fotos in der zeitgenössischen, künstlerischen Fotografie oftmals nicht mehr das Ziel. Damit belegt Knaller die historische Variabilität der vorgestellten Authentizitätsbegriffe.

Die Kunstauthentizität steht in einem Kapitel über Authentizität und Fälschung im Vordergrund. Ein Kunst-Objekt ist authentifizierbar, »wenn es original und nicht gefälscht ist, wenn es einem bestimmten Epochenstil, einer bestimmten Verfahrensweise zugeordnet werden kann oder bestimmten Qualitätskriterien gerecht wird« (S. 100). Normative Wertung ist in diesem Zusammenhang demnach ebenso von Relevanz wie die belegbare Zuschreibung eines Kunstwerks zu seinem Schöpfer. Ein besonderes Augenmerk legt die Romanistin auf die Veränderlichkeit von Qualitätszuschreibungen, die in direktem Zusammenhang mit der Authentizität von Kunstwerken stehen. So kann sich der Wert eines Kunstwerks ändern, wenn sich herausstellt, dass es sich um eine Fälschung handelt. Neben diversen Beispielen aus der Kunst dient der Autorin im Bereich der Literatur der Fall Wilkomirski als prägnantes Exempel. Als bekannt wurde, dass die angebliche Autobiografie des Shoah-Überlebenden Binjamin Wilkomirski eine Fälschung war, wurde dem Text eine zuvor zugesprochene künstlerische Qualität abgesprochen: »Kunst ist nur dann wahrhaftige Kunst, wenn sie Zeugnis eines wahrhaftigen Künstlers ist« (S. 108 f.).

Im letzten Kapitel der Studie schließlich rückt die Subjektauthentizität in das Zentrum der Ausführungen. Dabei spielt die Autobiografie eine zentrale Rolle, denn Authentizität finde sich in der »Selbstreflexivität des autobiografischen Erzählens« (S. 159). Schwerpunkte der Ausführungen sind demzufolge performative Ausgestaltungen autobiografischen Materials, insbesondere in autofiktionalen Formen. Knaller spricht in diesem Zusammenhang von einem »Selbstauthentifizierungsvorgang« (S. 171), den sie anhand einiger Beispiele konkretisiert. Insbesondere die Arbeiten der französischen Künstlerin Sophie Calle dienen ihr dabei als Beleg ihrer Thesen: »Kunst ist hier inszeniertes Leben, wie umgekehrt Leben inszenierte Kunst ist« (S. 186). Calle vermischt in ihren Werken, die von der »Aufhebung der Trennungslinien zwischen eigenen (autobiografischen) Geschichten, den Erzählungen anderer und den Fantasmen von Selbst und Anderen« (S. 189) geprägt sind, Erlebnisse aus ihrem Leben und dem Leben von Fremden. Obwohl diese Ausführungen zu Authentizität und Subjektivität – so der Titel des Kapitels – am umfangreichsten ausfallen, bleibt der zentrale Begriff der Subjektauthentizität im Vergleich zur Referenz- und Kunstauthentizität verhältnismäßig vage. Der für dieses Kapitel relevante Terminus der Autofiktion bleibt ebenso unbestimmt, was insofern verwundert, als diese Mischform aus Autobiografie und Fiktion den Authentizitätsbegriff implizit verhandelt. Die Beispiele vermögen zwar, den Begriff der Subjektauthentizität näher zu konturieren, führen aber darüber hinaus nicht zu einer terminologischen Präzisierung.

Mit dem Beispiel Calle enden auf überraschende Art und Weise die Ausführungen zum titelgebenden Begriff der Studie. Eine abschließende Zusammenfassung hätte die zentralen Ergebnisse noch einmal hervorheben und darüber hinaus die komplexen Zusammenhänge der drei zentralen Kategorien Referenz-, Kunst- und Subjektauthentizität verdeutlichen können, die nicht immer voneinander zu trennen sind und oft ineinander greifen. Eventuell wäre eine andere Struktur der Untersuchung dieser Komplexität angemessen gewesen. So hätte beispielsweise eine induktive Vorgehensweise die entwickelnde Herausarbeitung der unterschiedlichen Formen der Authentizität in einem ästhetiktheoretischen Zusammenhang ermöglicht, statt die unterschiedlichen Dimensionen des Begriffs Authentizität vorab darzulegen und anschließend die vorgegebenen Kategorien zu exemplifizieren. Die Argumentationslinien und Abgrenzungen wären mit einer solchen Methodik deutlicher zutage getreten. Auf formaler Ebene fällt darüber hinaus der uneinheitliche Umgang mit französischsprachigen Quellen auf, die teilweise ins Deutsche übersetzt werden und teilweise nicht, ohne das erkennbar wäre, wieso einige Zitate sprachlich transformiert werden und andere nicht. Trotz dieser angeführten Kritikpunkte handelt es sich bei Susanne Knallers Abhandlung um eine gut lesbare Studie, die es zwar vereinzelt an Klarheit und Präzision fehlen lässt, der es aber dennoch gelingt, die Vielfältigkeit des behandelten Begriffs zu offenbaren.
 
Dominik Orth, Universität Bremen, Fachbereich 10: Sprach- und Literaturwissenschaften, Institut für kulturwissenschaftliche Deutschlandstudien, Postfach 330440, D-28334 Bremen, E-Mail: orth@uni-bremen.de