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In: KulturPoetik 2009, Heft 1

Autor

Sascha Seiler

Titel

Comic ohne Pop
Stephan Packard, Anatomie des Comic. Psychosemiotische Analyse. Göttingen: Wallstein 2006. 352 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Comics, so der legendäre amerikanische Zeichner Will Eisner, müssen als »sequential art« gesehen werden, da sie aus mehreren vergleichbaren Einheiten in einer linearen Sequenz bestehen, die vom Rezipienten in genau dieser vorgegebenen Abfolge auch interpretiert wird. Diese Überlegung Eisners, so Stephan Packard in seiner Untersuchung Anatomie des Comics, ist zwar die meistzitierte Definition der Gattung ›Comic‹, jedoch mitnichten ausreichend, um einer komplexen und vor allem facettenreichen Kunstform gerecht zu werden. Dass die Problematik des Erarbeitens einer Definition, und in Folge auch einer Analyse des Comics bereits bei der Eingrenzung dessen scheitern kann, was als ›Comic‹ bezeichnet werden kann, ist Packard dabei durchaus bewusst. Denn die Frage, ob bereits steinzeitliche Höhlenzeichnungen als Comics gelten können, oder ob die Kunstform ihre Geburtsstunde erst mit ihrer medialen Massenverbreitung Anfang des 20. Jahrhunderts erlebte, beschäftigt die Forschung seit Jahrzehnten und kann auch im vorliegenden Band nicht umfassend geklärt werden.

Gerade in den letzten Jahren sind auf dem Feld der Comicforschung auch in Deutschland zahlreiche Einzel- wie auch umfassende Untersuchungen erschienen, in welchen die populäre Kunstform aus verschiedenen Perspektiven behandelt wird. Vor wenigen Monaten legte beispielsweise Jakob Friedrich Dittmar mit Comic-Analyse eine eher soziologische Annäherung an den Comic vor und Karin Kukkonen beschäftigte sich in überzeugender Weise mit der Polyphonie in Alan Moores Graphic Novel Watchmen aus erzähltheoretischer Perspektive. Auch im Kontext der Theorie des transmedialen Erzählens wird das Medium Comic in den letzten Jahren immer wieder verstärkt thematisiert, so etwa in Nicole Mahnes 2007 erschienener Studie zur Transmedialen Erzähltheorie.

Stephan Packard geht es in seiner 2006 publizierten Dissertation jedoch vordergründig um die, wie der Untertitel bereits ankündigt, psychosemiotische Analyse des Mediums Comic; um einen Vorgang also, bei dem »Bewusstseins- und Seelenvorgänge als Zeichenprozesse in semiotischen Begriffen, die wiederum aus Annahmen über die Weise der menschlichen Psyche, mit Zeichen umzugehen, gebildet sind« (S. 12), behandelt werden. So grenzt sich Packard entschieden von früheren, ähnlich umfassenden Versuchen der Comic-Analyse in Deutschland ab, wie etwa Michael Heins, Michael Hüners' und Torsten Michaelsens 2002 erschienener Ästhetik des Comic.

In einem ausführlichen ersten Kapitel erläutert der Autor, welche dem Versuch der  psychosemiotischen Analyse von Comics dienlichen Vergleichsmomente aus den unterschiedlichen Ansätzen von Charles Sanders Peirce und Jacques Lacan herausgearbeitet werden können. So geht er sehr dezidiert auf Begriffe wie »Zeichen«, »Zeichenkette«,  »Triade«, »Dyade« und »Graph« ein, die später die Grundlage seiner Theorie bilden werden. Bereits hier sind die ersten selbst erstellten semiotischen Schaubilder zu bewundern, die der Autor im Folgenden nicht nur häufiger verwenden, sondern sie gelegentlich auch den in großer Anzahl zitierten (und abgebildeten) Comic-Strips gegenüberstellen wird.

Im zweiten Kapitel widmet sich Packard einer ›Grammatik des Comics‹, bei der er darauf hinweist, dass, um zu einer adäquaten Interpretation von Comics zu gelangen, es vonnöten ist, über den textlinguistischen Ansatz von Ulrich Kraffts Comics lesen hinauszugehen. Zwar weist Krafft auf die ›richtige‹ Lesart des Comics als Kontextualisierung von verschiedenen Panels hin. Doch beschränkt er, so Packard, seine Sichtweise auf den Comic als Pendant zum Alphabet und das Lesen von verschiedenen Panels in dessen Folge als ›Buchstabieren‹. Packard stellt nun die These auf, dass sich in einzelnen Panels »komplexe Strukturen und eigenständige Inhalte entdecken (lassen), die sie zu mehr machen als zu bloßen Buchstaben eines prosaischen Textes, der zufällig bildliche anstelle von alphabetischen Zeichen setzt« (S. 74). So spielen in der folgenden Analyse vor allem die Gliederung der Sequenzen und das graphische Verhältnis von Schrift- und Bildelementen bedeutende Rollen.

In den folgenden Kapiteln steigt Packard in seine eigene psychosemiotische Lesart des Comics ein, indem er in einem ersten Schritt die Deduktion, Induktion und Abduktion kurz anspricht und diese dann ausführlich unter verschiedenen Gesichtspunkten behandelt. Bei der sehr ausführlichen Untersuchung der Induktion etwa nimmt Packard Bezug auf Bachtins Theorie der Chronotope, die er anhand von teils mathematischen Schaubildern und Formeln illustriert. Gerade in diesem Kapitel wird jedoch auch die Komplexität des Theorieüberbaus ersichtlich, den der Autor seinem, zumindest in einem weiteren Sinne, populärkulturellen Objekt überstülpt. Vielleicht liegt eine Problematik der psychosemiotischen Lesart in der Art, wie das Medium Comic einen Überbau verpasst bekommt, der fast ausschließlich rezeptions- nicht aber produktionsästhetisch ist. Gerade dass die immer wieder abgebildeten Comic-Strips zu großen Teilen dem Bereich des populären Comics, ergo der Trivialliteratur zuzurechnen sind, macht die Theorie zwar stark, deren Exemplifizierung aber manchmal etwas wackelig.

Dies liegt zuallerletzt daran, dass der Autor diese nicht überzeugend präsentieren kann, im Gegenteil: Packards psychosemiotisches Rezeptionsmodell ist logisch durchdacht, hervorragend arrangiert und äußerst überzeugend dargelegt. Was an Packards Untersuchung jedoch, trotz der großen Fülle an behandeltem Material und der dadurch bewiesenen profunden Fachkenntnis des Autors nicht nur im Bereich der Theorie, sondern auch im Bereich des Comic negativ ins Gewicht fällt, ist die mangelhafte Analyse von konkreten Fallbeispielen. Zwar widmet er das letzte Kapitel seiner Arbeit der Auseinandersetzung mit drei in ihrer Ästhetik äußerst unterschiedlichen Comics – Neil Gaimans Sandman, einer Comic-Version von Alice im Wunderland sowie der Superhelden-Serie Captain America. Doch die Untersuchung dieser Beispiele nimmt lediglich knapp über 20 teils umfangreich bebilderte Seiten ein, so dass man eher von einem Appendix, denn von einer grundlegenden Anwendung der zuvor dargestellten Theorie sprechen kann. Natürlich lässt Packard im Laufe seiner Theoriebildung alle nur denkbaren Beispiele einfließen. Deren Behandlung dient jedoch meist nur der Unterstützung oder Bebilderung seiner Argumentation. Hier wäre eine ausführliche Analyse anhand der gut ausgewählten Beispiele am Ende sicher fruchtbarer gewesen.

Auch die Frage, ob dem Medium Comic tatsächlich mit einer »psychosemiotischen Analyse« am Besten zu begegnen ist, muss zu stellen erlaubt sein. Denn zu oft wird der Comic auf diese Art und Weise auf eine gewisse Lesart reduziert, ohne historische oder kulturelle Kontexte zu erschließen. Gerade eine Platzierung des Comic-Strips in den Kontext von Pop-Diskursen im 20. Jahrhundert, wie es frühere, vor allem amerikanische Studien dezidiert getan haben, kommt in Packards Buch etwas zu kurz.

Dr. Sascha Seiler, Johannes Gutenberg-Universität Mainz, FB 05 – Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Postfach 15 3980, D-55099 Mainz; E-Mail: seilersa@uni-mainz.de