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In: KulturPoetik 2009, Heft 1

Autor

Claudia Nitschke

Titel

Das 18. Jahrhundert aus emotionspsychologischer Perspektive
Katja Mellmann, Emotionalisierung. Von der Nebenstundenpoesie zum Buch als Freund. Eine emotionspsychologische Analyse der Literatur der Aufklärungsepoche. Paderborn: Mentis 2006. 479 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

»La beauté n’est que la promesse du bonheur« – dieses Stendhal-Zitat legt Winfried Menninghaus dem Titel seiner Studie Das Versprechen der Schönheit(1) zugrunde und deutet damit den Zusammenhang zwischen Schönheit und evolutionstheoretischen Überlegungen an. Katja Mellmann nimmt diese Überlegungen zu Evolution und Ästhetik mit Blick auf die Wirkung von Literatur wieder auf und bindet sie erstmals systematisch in eine adaptiv evolutionäre Theorie des Lesens bzw. der Literatur ein: Historischer Zugriffspunkt bzw. heuristisches Ziel für ihre Untersuchung ist die deutsche Literatur des 18. Jahrhunderts, für die allgemein ein »Emotionalisierungsschub« (S. 12) angenommen wird. Mit dem Entwurf einer emotionspsychologischen Theorie und eines Begriffsinventars ist also von vornherein die konkrete Applikation verknüpft, was dazu führt, dass Mellmann hier – wie Robert Vellusig in seiner Rezension anmerkt(2) – im Grunde zwei Bücher vorlegt, in denen sie die Anschlussfähigkeit emotionspsychologischer Konzepte nicht nur theoretisch entwickelt, sondern auch praktisch erprobt.

Zunächst grenzt sich Mellmann in der grundsätzlichen Fragerichtung vom gängigen »mimetischen« Analysemodell ab, insofern es ihr nicht um die Abbildung wirklicher Emotionen im Text, sondern um die emotionale Wirkung von Literatur geht, wobei sie anders als die empirische Literaturwissenschaft die entscheidende Stelle des Lesers mit einem anthropologischen Modell-Leser besetzt (S. 21).(3) Die Rezeption dieses Modell-Lesers wird nun strikt im Kontext eines Reiz-Reaktions-Modells gedeutet, die sich beim Menschen im Gegensatz zu anderen Säugetieren durch eine höhere Flexibilität auszeichnet, da sich bei ihm Stimulus und Verhaltensreaktion entkoppelt haben: Zwischen Reiz und Reaktion liegen somit die Emotionsprogramme, die – im Anschluss an den Psychologen Klaus Scherer – als Selektionsprodukt der biologischen Evolution gedeutet werden: Scherer siedelt die Emotionen zwischen Reflexen und rationalen Problemlösungen an und verweist dabei auf die Latenzphase, innerhalb derer der Körper auf eine Reaktion vorbereitet wird. Die Evolutionspsychologen Leda Cosmides und John Tooby(4) verstehen diese Entkoppelung als Differenz zwischen Auslösemechanismus und Verlaufsprogramm: Während der Auslösemechanismus, der mit einem Situationsdetektor auf die betreffenden Reize reagiert, reflexartig anläuft und sich als invariabel erweist, hat das Verlaufsprogramm eine hohe Verlaufsvariabilität, so dass die Reaktion unter Einbeziehung rationaler Prozesse optimal koordiniert werden kann. Grundsätzlich greift eine Schemakongruenz des Reizes: Je größer die Übereinstimmung der Reizdarbietung mit dem emotionsauslösenden mentalen Schema ausfällt, desto größer ist der Effekt. Entscheidend für Mellmanns Argumentation ist dabei die Vorstellung von Literatur als sprachlich präsentierter Attrappe, die genau wie reale Reize imstande ist, den Auslösemechanismus zu aktivieren. Erst im Verlaufsprogramm setzen dann Verschiebungen ein, die bei der Situationseinschätzung anders verlaufen als bei realen Prozessen.

Mit der Unterscheidung zwischen Reizauslösung und Verlaufsprogramm findet Mellmann eine innovative Antwort auf das Fiktionsparadoxon, bei dem sie abweichend von Jerrold Levinson (5) nicht zwischen realen und imaginativen Emotionen differenziert, sondern vielmehr eine temporale Auflösung vorschlägt: Unabhängig davon, ob die Emotionen real oder fiktiv stimuliert werden, initialisieren sie dasselbe Emotionsprogramm, das allerdings dann situativ unterschiedlich verläuft.(6)

Mellmanns zeitliche Deutung des Fiktionsparadoxons geht dabei über eine einfache Reformulierung und Zuspitzung einer literaturwissenschaftlichen Terminologie deutlich hinaus: Wenn man »Fiktionalität« tatsächlich als »Sammelkategorie für sehr unterschiedliche Formen mentaler, meist vornehmlich kognitiver Scope-Indizierung«(7) versteht, erweist sie sich tatsächlich als eine »vor allem auf emotionalen Reaktions- und Erkennungsvermögen aufbauende mentale Kategorie« (S. 450 f). Abhängig wäre diese Neubestimmung allerdings nicht nur von der beschriebenen zeitlichen Differenzierung, sondern auch von der Annahme, dass der fiktive und der reale Auslösereiz als Reiz identisch (und sich nicht nur ähnlich) seien. Dahingegen indiziert der Terminus »imaginative Emotionen« eine in sich durchaus plausible, vorgängige Fiktionsannahme, die den Rahmen des Auslöseschemas noch einmal bedingt und zu einer Rezeption zweiter Ordnung werden lässt. Nur in diesem spezifischen, als fiktiv gedachten Rahmen würden die Emotionsprogramme dann wiederum reflexartig ablaufen. Wie auch immer man sich zu dieser grundsätzlichen Frage stellt: Mellmann legt einen ebenso logischen wie pragmatischen Vorschlag zur Fiktionsfrage vor und kommt mit diesem Modell zu erstaunlich präzisen Antworten auf zentrale Fragen, etwa, warum wir auf fiktive Personen emotional reagieren: »weil der Auslösemechanismus des reagierenden Emotionsprogramms dies nicht weiß« (S. 75). Fiktionalität ist das Ergebnis eines auf Relevanzfragen spezialisierten, kognitiven Vorgangs (scope syntax). Das heißt unter der Prämisse Fiktionalität werden Emotionen zugelassen, aber energieaufwendige, objektbezogene Handlungssysteme ausgeschlossen. Wie kann nun das Buch zum Freund werden? Dieser Frage wird im Abschnitt »Emotionales Textverstehen« nachgegangen. Intentionales Denken etwa gehört zu den kognitiven Algorithmen, die uns nach einem »Verursacher« suchen lassen: In diesem Zusammenhang kommt es Mellmann besonders auf die Fehlattribution »Figur« an, die als pseudopersonales Gegenüber verstanden wird. Dieser psychopoetische Effekt ist die Voraussetzung für Empathie. Die Revision und vor allem die Differenzierung des Einfühlungskonzepts, vorgetragen in der für die Gesamtanlage von Mellmanns Arbeit kennzeichnenden Anschaulichkeit und bestechenden Rhetorik, gehört fraglos zu den Glanzstücken des Buches: Mellmann grenzt eine Rollenübernahme (Perspektivübernahme) beim imaginativen Leseprozess sowie die mentale Repräsentation fremder Absichten (theory of mind: Zielvorgaben- oder Mentalitätsübernahme, wobei Planungsemotionen helfen, die auch im als-ob-Zustand greifen) von den emotionalen Wirkungen dieser Vorstellungsbilder ab (Parallelisierung von eigenen und Figurenemotionen statt Nachfühlen): Auch Empathie wird nicht als Emotion, sondern als mentale Repräsentation eines fremden Gemütszustands verstanden: neben Mitleid und Bewunderung, deren Etymologie und Bedeutung diachronisch resümiert wird, benennt Mellmann hier auch noch Rührung und Sympathie. Insgesamt offeriert sie damit eine stimmige Terminologie, mit der Fragen der Einfühlung systematisch bestimmt und präzise beschrieben werden können.

Das gesamte Begriffsinstrumentarium des ersten Teils kommt nun im zweiten Teil zum Einsatz: Die im Untertitel insinuierte Entwicklung von »der Nebenstundenpoesie zum Buch als Freund« geht von drei Basisinnovationen aus, die im Laufe ihrer Stabilisierung in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts das Fundament für die emotionalistischen Tendenzen der zweiten Jahrhunderthälfte bilden. Anhand seiner Gedichtsammlung Irdisches Vergnügen in Gott wird Brockes neugelesen als Erneuerer der dichterischen Form, in der er eine autonome lyrische Wahrnehmungsfunktion kreiert. Wahrnehmung und Stimme werden unterscheidbar und beginnen sich gegenseitig zu beeinflussen, zu irritieren; auf diese Weise erschafft Brockes (ihm folgen darin Haller, Hagedorn und Triller) eine imaginäre erzählte Welt und fördert so das emotionale Textverstehen, indem er zu Perspektiv- und Zielvorgabenübernahme einlädt. Als zweite Basisinnovation führt Mellmann den Motivbereich des Erhabenen ein, bei dem die Leser auf (mit Blick auf ihre perzeptiven und motorischen Vermögen) als dysfunktional verstandene Umweltbedingungen reagieren. Die aversive Reizesetzung löst mit den Stressemotionen auch kognitive coping mechanisms aus; historisch gesehen deutet Mellmann dieses Phänomen als neue Form, das Göttliche im Zeitalter der Vernunft angemessen zu thematisieren. Als dritte Basisemotion benennt Mellmann die scherzhafte Sprechhaltung der Rokoko-Poesie (besonders Hagedorns), die das Gesagte und Gemeinte trennt und damit erlaubt, auch sittlich anstößige Inhalte, sprachlich gebrochen und damit entschärft, vorzutragen. Mellmann deutet hier die Funktion von Literatur als entspannender Freizeitbeschäftigung in der Folge des Auseinandertretens von öffentlichem und privatem Leben im Zuge der von Luhmann diagnostizierten primär funktionalen Ausdifferenzierung der Gesellschaft. Unter diesem Paradigma der funktionalen Evolution verortet sie auch die weiteren Entwicklungen der nunmehr stabilisierten Basisinnovationen: So gründet die Erlebniskonvention und das emotive Sprechen im Sturm und Drang auf der Luhmannschen Vorstellung von dem aus allen funktionalen Teilsystemen exkludierten Individuum, das jenes emotive Sprechen in der Literatur als Medium der Selbstexplikation nutzt. Die Schicksalsdramaturgie des Sturm und Drang-Dramas unterstreicht diese Konstellation, insofern das Individuum Mellmann zufolge einem unterschiedlich symbolisierten »Ganzen« (S. 399) gegenübersteht: diese emotiv ausgestaltete Konfrontation von Ich und Welt erzeugt aber zugleich einen gesteigerten Sympathiegrad beim Rezipienten. Von der sanften Melancholie grenzt sie dann die Depression als melancholische Verhaltungshemmung ab, die etwa in Lenz’ Hofmeister nicht nur im Stück vorgeführt wird, sondern auch im Leser aktiviert wird. Diese realistische Verhaltensanalyse entfaltet ein neues Problempotential (Ernst), dessen Austarierung (Gesellschaftsanalyse und die Vermeidung jener quasidepressiven Agonie) angestrebt wird: So bedient sich Schillers Kabale und Liebe emotiver Sprechmuster, kann aber im Leser trotz poetischer Gesellschaftsreflexion durch witzigen Sarkasmus wiederum Funktionslust aktivieren. Auch Goethe kompensierte die aversive Reizsetzung in Stella und Faust mit einem appetitiven (belohnenden) Schluss: Beide Stücke erweisen sich damit als beispielhaft im kreativen Umgang mit dem neuen Problempotential.

Am Ende verortet Mellmann die emotionale Wirkung von Texten folglich wiederum in einem größeren Rahmen, der argumentativ die (bei Mellmann nur modellartig skizzierten) historisch-strukturellen Veränderungen der literarischen Bewältigung (und den damit verbundenen emotionalen Wirkungen) vorschaltet. Man mag hier einwenden, dass eben jenes komplizierte, evolutive Zusammenspiel von Struktur, Individuum, Literatur und Wirkung nicht in jedem Punkt überzeugend erfasst wurde. Indem Mellmann die emotionale Wirkung von Texten als realgeschichtliches Phänomen begreift und schlaglichtartig plausibilisiert, gelingt es ihr mit ihrer kenntnisreichen Studie aber nichtsdestoweniger, neue, emotionspsychologisch motivierte Interferenzen zwischen der gesellschaftlichen Ausdifferenzierung und der entsprechenden literarischen Reaktion aufzuzeigen und damit funktionsgeschichtliche Ansätze innovativ zu ergänzen.

Dr. Claudia Nitschke, University of Oxford, Lincoln College, OX1 3DR, Oxford, UK; E-Mail: claudia.nitschke@lincoln.ox.ac.uk


Anmerkungen

(1) Winfried Menninghaus, Das Versprechen der Schönheit. Frankfurt/M. 2003. [zurück]

(2) Robert Vellusig, Texte sind auch nur Menschen. Katja Mellmann über emotionale Attrappen und deren kulturelle Evolution. In: IASL-online [15.05.2008] URL: http://www.iaslonline.de/index.php?vorgang_id=2570. Datum des Zugriffs: 19.10.2008. [zurück]

(3) Im zweiten Teil allerdings wird dieser anthropologische Modell-Leser gewissermaßen selbst historisiert, da hier neben der umweltsensiblen ontogenetischen Fertigstellung angeborener offener Programme vor allem auch kulturelle Überformungen und emotionale Bedürfnisverschiebungen und Lernprozesse zur Sprache kommen. [zurück]

(4) Leda Cosmides/John Tooby, Evolutionary Psychology and the Emotions. In: Michael Lewis/Jeannette M. Haviland-Jones (Hg.), Handbook of Emotions.  New York, London 2. Aufl. 2000, S. 91–115. [zurück]

(5) Jerrold Levinson, Emotion in Response to Art. A Survey of the Terrain. In: Mette Hjort/ Sue Laver (Hg.), Emotions and the Arts. New York, Oxford 1997, S. 20-34. [zurück]

(6) Die Neutralität des neuronalen Codes liest dabei alles gleichermaßen, im Verlauf des Emotionsprogramms allerdings interpretiert und sortiert das Gehirn. Dass wir Literatur mit Genuss und Befriedigung lesen, wird mit Tooby und Cosmides als Trainingssituation gedeutet. [zurück]

(7) Damit bezieht sich Mellmann auf Toobys und Cosmides’ Terminus der Scope-Syntax, bei der es sich um eine »auf Relevanzfragen spezialisierte kognitive Adaption, eine Art Informationssystem für Wahrheitsgrade und Relevanzbedingungen« (S. 75) handelt. [zurück]