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In: KulturPoetik 2008, Heft 2

Autor

Sascha Seiler

Titel

Der rhizomatische Raum
Ulrich Meurer, Topographien. Raumkonzepte in Literatur und Film der Postmoderne. München: Fink 2007. 312 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Was für eine bedeutende Rolle der Begriff des ›Raums‹ für die Postmoderne spielt, wird bereits in den Schriften Gilles Deleuzes’, vor allem in dem gemeinsam mit Félix Guattari verfassten Werk Mille Plateaux, deutlich, in dem die Schlüsselbegriffe ›Plateau‹, ›Territorium‹, ›Erstreckung‹, ›Spatium‹, ›Wüste‹ oder ›Nomade‹ lauten. Deleuze und Guattari thematisieren dort eine erklärtermaßen postmoderne Problematik der ästhetischen Raumrepräsentation, die sich von dem klassischen adhäsiven Verhältnis von subjektiver Erfahrung von ›Raum‹ und den daraus entstehenden künstlerischen Bildern löst, da vielmehr eine Hinwendung zur Struktur maßgebend ist, die impliziert, dass ›Raum‹ (in der Postmoderne) nicht mehr repräsentiert wird, sondern die Repräsentation ihren eigenen, selbst erschaffenen Raum bildet.

Ulrich Meurer möchte in seiner Monographie Topographien ebenjene Raumkonzepte der Postmoderne in Literatur und Film untersuchen und hält sich zu diesem Zweck eng an die von Deleuze/Guattari angestellten Überlegungen zum postmodernen Raum; so eng, dass selbst jedes Unterkapitel mit einem Zitat des französischen Philosophen eingeleitet wird und sich seine Überlegungen in großen Teilen auf die in den Mille Plateaux herausgearbeiteten Theorien beziehen. Bei Deleuze sieht Meurer nämlich, so fasst er es in seinem einleitenden Kapitel zusammen, eine Einbettung der Realität, des Denkens und der Kunst in Topologien. Dies führe dann letztendlich zur Bildung von »Territorien, Lokalitäten, Plateaus, etc.« (S. 35); Begriffe, die sich, so Meurer weiter, nicht nur als Grundlage einer Untersuchung abstrakter, sondern auch konkreter Räume in der postmodernen Kunst eignen.

In seiner eher knappen, doch inhaltlich etwas überbordenden Einleitung beschäftigt sich der Autor mit vier Perspektiven: An erster Stelle steht eine kurze Geschichte von Raumkonzeptionen von der Frühzeit bis zur Postmoderne. Ihr folgt zweitens eine Standortbestimmung der Postmoderne selbst, verbunden mit der sicherlich bedeutsamen, doch nur am Rande diskutierten Frage, ob diese als Epoche überhaupt greifbar sei, bzw. als solche schon längst vorbei ist. An sie schließt drittens eine Explikation über das Warum der ausgewählten Texte an, auf die an vierter Stelle eine etwas arbiträre Passage zur Bedeutung Deleuzes für die vorliegende Arbeit folgt. Problematisch ist die eher kurze Einleitung weniger aufgrund der dort postulierten Thesen, sondern weil zu viele verschiedene Ansätze auf zu wenig Raum diskutiert werden. Denn der Rest der Untersuchung widmet sich, wenn auch immer wieder auf die Einleitung zurückgreifend, der Untersuchung von insgesamt vier Texten und Filmen.

Eine zentrale, bereits in der Einleitung formulierte These lautet, dass in der postmodernen Annäherung an den Raum literarische Texte »ihre Räume als polymorphe Zeichenstrukturen« (S. 15) präsentieren. Das heißt, dass jede Darstellung eines Raumes auch gleichzeitig die Diskussion um die Bedingungen derselben impliziert, also wie eine Interaktion zwischen der Dreidimensionalität der Wirklichkeit, der Zweidimensionalität des Raumes auf einer Buchseite und dem »eindimensionalen Sequenzraum der Schrift« (S. 15) stattfindet. Gerade diese Fragestellung wurde, im Rahmen literarischer Fiktionen, in Mark Z. Danielewskis im Jahr 2000 erschienenen Roman House of Leaves und zuletzt in Stuart Halls 2007 erschienenen Roman The Raw Shark Texts diskutiert, und während letzterer zu jungen Datums ist, wäre eine zumindest kurze Behandlung von House of Leaves für die vorliegende Untersuchung elementar gewesen, da gerade hier die Beschaffenheit postmoderner Raumkonzepte im Zusammenhang mit dem, was Meurer unter dem »schleifenartigen Rückbezug des Raums im Text auf den Textraum« meint, stattfindet. Schließlich wird in Danielewskis Roman der Versuch unternommen, die spatiale Beschränkung des Buches aufzuheben, und der von Meurer zurecht in der Postmoderne als zentral angesehene Konflikt zwischen repräsentiertem Raum und repräsentierendem Raum in den Mittelpunkt gestellt.

Als Fallbeispiele für seine Untersuchung wählt Meurer jedoch vier andere mehr oder weniger paradigmatische Texte und Filme, in denen auf jeweils verschiedene Art Konzepte von ›postmodernem‹ Raum behandelt werden: Paul Austers Roman City of Glass, Peter Greenaways Film The Draughtsman’s Contract, der Roman The Names des amerikanischen Schriftstellers Don DeLillo sowie – auf den ersten Blick, nicht nur zeitlich, aus dem gegebenen Rahmen fallend – Michelangelo Antonionis Film Professione: reporter. Interessant hierbei ist Meurers Systematik bei der Auswahl dieser vier Beispiele: Ist Austers 1985 erschienener Roman aufgrund seiner impliziten Diskussion postmoderner Narrationstechniken noch ein naheliegendes – vielleicht gar das naheliegendste – Untersuchungsobjekt im Kontext der Analyse postmoderner Raumkonzeptionen, so überrascht die Wahl von The Names schon deswegen, weil in DeLillos Roman eine räumliche Begrenzung im Grunde negiert wird, was jedoch, wie Meurer in seiner ausführlichen Analyse des Romans zeigt, direkt auf Deleuzes und Guattaris Thesen zur Deterritorialisierung zurückzuführen ist.

Ähnlich wie in The Names spielt auch in Professione: reporter der offene, scheinbar unbegrenzte  Raum, der gleichsam zum Zeichen wird, eine zentrale Rolle, während der vor allem in Bezug auf die Organisation eines per se ›freien‹ Raumes repräsentierte Ordnungswahn in Greenaways The Draughtsman’s Contract ebenso wie Austers Text mit dem Ausschneiden und Isolieren einzelner, prädeterminierter Raumfragmente operiert, die dann mit einer detektivischen Bedeutung gefüllt werden. Oder, anders formuliert, es wird ein »klar umrissener Raum in ein signifikantes Feld übersetzt […], um daraufhin einzugestehen, dass diese arbiträren Topographien hinter der konkreten Räumlichkeit zurückbleiben« (S. 29).

Für Meurer zeichnen sich die vier ausgewählten Beispiele nun durch verschiedene Arten von Repräsentation des Räumlichen aus, wobei sie jeweils, im topographischen Sinne Deleuzes, miteinander in Verbindung gebracht werden können. Neben dem dichotomischen Verhältnis von geschlossenen und offenen Räumen nennt der Autor hier vor allem das Verhältnis von Zeichen, Raum und Form des jeweiligen Kunstwerks, dem er in jedem der vier Beispiele, wie in einer jeweils autonomen, ausführlichen und vor allem sehr anschaulichen Analyse nachgeht.

Während die geschlossenen Räume Austers und Greenaways schon häufig als solche behandelt wurden, stellt sich gerade die Analyse der Darstellung von offenen, topographisch scheinbar determinierten Räumen in The Names und Professione: reporter als besonders fruchtbar heraus. Während DeLillo »die Welt als stratifizierte Ebene [schildert], in der Reise-, Sprach-, Informations- und Kapitalbewegungen unterschiedslos zu einem glatten Raum verfilzen« (S. 278), zeigen Antonionis Bilder »die Wüste – die natürliche ebenso wie die architektonische – nicht nur als konkrete Landschaft, sondern als allgemeines Wesen einer verwüsteten Wirklichkeit, in welcher der Blick des Subjekts keine sinnhaften Einschnitte vorzunehmen vermag« (S. 278).

Meurer sieht aus den richtungslosen Oberflächen, die Antonioni abbildet, das Deleuze’sche Rhizom hervortreten, das »nomadische Bild«, ein »lokaler Blick ohne stabilen Gegenstand« (S. 278), wie er vor allem in der ausführlichen Behandlung der berühmten 7-minütigen Plansequenz am Ende des Films – in der eine Kamerafahrt durch ein Fenstergitter in den offenen Raum gezeigt wird, während der Protagonist, dessen Perspektive den Film bislang dominierte, stirbt – feststellt. Professione: reporter sei letztlich eine »Kritik des cartesianischen, perspektivischen und vermeintlich objektiven Blicks […], der fortwährend den Raum kerbt und ihn dem Gesetz der Optik und dem Maß der Erzählung unterwirft« (S. 272).

So zeigt sich auch in der Anordnung der vier Beispiele ein Zerfall des determinierten, objektivierten Raums von klarer Kadrierung (Stadtplan bei Auster) über artifizielle, rein ästhetische Landschaftskadrierung (Greenaway) über dem Versuch der Kerbung eines offenen, teilweise auch nur theoretisch vorhandenen Raums (der Raum in The Names, der sich nicht nur topographisch definiert, sondern auch als Raum, in dem Kapital und Information fließen) bis hin zum nicht mehr perspektivisch erzählten, nicht mehr markierbarem Raum einer konkreten (und metaphorischen!) Wüstenlandschaft (Professione: reporter).

Eine der erfreulichsten Erkenntnisse von Meurers überzeugender Untersuchung ist, dass sich die Analyse von Topographie nicht auf eine vorgegebene, in gewissem Sinne geschlossene Räumlichkeit konzentrieren darf, wie es in vergleichbaren Einzelstudien der Fall ist. Vielmehr zeigt gerade der zweite Teil des Buchs, wie sehr ›offene‹ Räume rhizomatisch gedeutet werden können und vielleicht auch viel anschaulicher das Wesen einer postmodernen Weltsicht vermitteln. Während nämlich City of Glass stets herhalten muss, wenn es um Veranschaulichung der Bedeutung städtischer Topographie im Kontext postmodernen Geschichtenerzählens geht und The Draughtsmans Contract ein viel zu oft schon behandeltes Beispiel für die Dekonstruktion eines metaphorischen, filmisch dargestellten Raums im Zusammenhang deterministischer Ordnungssysteme ist, erweist sich vor allem The Names als im wahrsten Sinne des Wortes offene Landschaft, in welche die Bedeutung von sprachlichen Zeichen hinein gelesen werden kann, gerade weil dieser äußerst komplexe Text das Wagnis eingeht, die semantische mit der topographischen Ebene zu verbinden.

Dr. Sascha Seiler, Johannes Gutenberg-Universität Mainz, FB 05 – Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Postfach 15 3980, D-55099 Mainz; E-Mail: seilersa@uni-mainz.de