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In: KulturPoetik 2008, Heft 2

Autor

Ulrike Landfester

Titel

Unrunde Brillanz, oder: Von der Schwierigkeit, das Erzählen von Kultur zu erzählen
Jutta Heinz, Narrative Kulturkonzepte. Wielands Aristipp und Goethes Wilhelm Meisters Wanderjahre. Heidelberg: Universitätsverlag Winter 2006. 551 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Jutta Heinz verfolgt mit ihrer Habilitationsschrift ein ehrgeiziges Ziel: Sie möchte, so der Klappentext, »einen genuin literaturwissenschaftlichen Beitrag zu einer allgemeinen Kulturtheorie leisten«. Diesem Ziel nähert sie sich in insgesamt sieben Kapiteln, von denen die ersten vier, systematisch korrekt, mit dem vielschichtigen Konzept »Kultur« befasst sind. Das erste Kapitel stellt ein heuristisches Raster für die Lektüre der Arbeit bereit: Die Verfasserin erkennt im Prinzip der narrativen Struktur eine mögliche Gelenkstelle zwischen Kultur und Literatur, die über die rein thematische Auseinandersetzung von Literatur mit Kultur grundlegend hinausgeht. Um die Voraussetzungen für eine entsprechende auf Literatur angewandte Argumentation zu schaffen, entwickelt sie zunächst die Geschichte des Begriffs Kultur, in einem zweiten Schritt die Geschichte der disziplinären Ausdifferenzierung der so genannten Kulturwissenschaften in Kulturgeschichte, Kulturphilosophie, Kultursoziologie, Kulturanthropologie und Kulturpsychologie und in einem dritten Schritt schließlich die Geschichte der Beziehung zwischen Kulturwissenschaft und Literaturwissenschaft.

Auf dieser Basis unternimmt sie im zweiten – erheblich umfangreicheren – Teil der Arbeit eine Analyse der beiden Romane Aristipp und einige seiner Zeitgenossen von Christoph Martin Wieland und Wilhelm Meisters Wanderjahre von Johann Wolfgang von Goethe nach Maßgabe der These, dass in Erzähltexten von namhaftem Umfang und einem hohen strukturellen Komplexitätsgrad kohärente Kulturkonzepte gleichsam modellhaft entworfen, erprobt und evaluiert werden können. In Wielands Aristipp, so das dem entsprechenden Kapitel seinen Titel gebende Resultat der Untersuchung, erscheint »Kultur als Kanon des Menschlichen« (S. 169). Wieland antizipiert hier, so scheint es, in seinem überaus facettenreichen Alterswerk die Humanitätsästhetik der späteren Weimarer Klassik: Der Mensch wird als entwicklungsfähiges Wesen entworfen, das seine ideale Staatsform auf einer antikisierend überhöhten Form des Rousseau’schen Sozialvertrags aufbaut, das auf einem hoch reflektierten Niveau kommuniziert und aus der Engführung von Entwicklungsvermögen, verantwortlichem Politikbewusstsein und anspruchsvoller Selbstreflektion eine ideale Praxis sittlich gemäßigter Humanität entbindet.

Goethes Wanderjahre dagegen modellieren eine »Morphologie des Menschlichen« (S. 317). Auch diesmal arbeitet die Verfasserin systematisch die Begriffsreihe ab, die sie im ersten Teil der Arbeit expliziert hat, führt sie aber diesmal deutlich näher an eine poetologische Auslegung des Textes heran als in den Ausführungen zu Wielands Aristipp: Goethes Kulturgeschichtliches wird hier als narratologisches Konzept sichtbar, seine Kultursoziologie emergiert als Idee kollektiver Autorschaft, seine Kulturanthropologie ist wesentlich eine normative Kommunikationstheorie, und schließlich, so macht die Verfasserin geltend, lassen sich die beiden Paradigmen der Tätigkeit und der Entsagung in den Wanderjahren kulturphilosophisch als Reflexion auf das Verhältnis von Kunst und Natur im Blick auf den Schöpfungsakt lesen.

Die Grundidee des vorliegenden Buches, dies sei den folgenden kritischen Bemerkungen vorausgeschickt, ist von bestechender Brillanz. Seit die Narratologie eine nicht etwa nur metaphorische, sondern tatsächlich empirisierbare Brücke zwischen den Literaturwissenschaften und ihrer disziplinären Außenwelt geschlagen hat, bestand Bedarf an einer Studie, die Literaturwissenschaft und Kultur in einer systematischen narratologischen Argumentation aufeinander anweist. Diese Studie liegt hier nun vor, mit akribischer Solidität recherchiert und mit einem energischen Engagement durchgeführt, das den Text überaus sympathisch macht, auch wenn er stilistisch gelegentlich allzu gern ins Kolloquiale driftet. Der Aufwand, den die Verfasserin betrieben hat, ist enorm, die Souveränität, mit der sie hoch komplexe theoretische und literarische Felder bewältigt, beeindruckend, und es gehört zu ihren besonderen Verdiensten, dass sie sich nicht hinter den von ihr beschworenen Materialien versteckt, sondern sich immer wieder selbstbewußt und meinungsstark zu ihren eigenen Positionen bekennt.

Umso bedauerlicher ist es, dass das Buch sich sowohl aufgrund seiner Struktur als auch aufgrund seines Umfangs letztlich selbst im Licht steht. Die Verfasserin war sich dieses Problems offenkundig bewusst, antizipiert sie doch zu Beginn der das Buch eröffnenden »Gebrauchsanweisung« nicht nur den Vorwurf, dass ein Umfang von mehr als 500 Seiten eine »Zumutung für den Leser« ist, sondern auch eine noch deutlich weitergehende Kritik, daran nämlich, dass es sich hier eben nicht nur um eine Arbeit handelt, sondern »um mehrere Arbeiten in einer« (S. 1) – und in beidem kann man der Verfasserin leider nicht nur Recht geben, sondern man muss auch die Frage anschließen, warum, wenn sie selbst eine solche Diagnose schon gestellt hat, sie diesen Einwänden nicht konstruktiv vorgegriffen hat.

Es sind zwei Schwierigkeiten, die sich in der Umfangszumutung manifestieren. Zum einen hat das Buch nicht ein, sondern zwei Gravitationszentren, nämlich die kritische Aufbereitung der kulturtheoretischen Reflexionstradition im ersten und der literaturwissenschaftlichen Interpretation im zweiten Teil, und diese beiden Gravitationszentren behindern sich insgesamt eher, als dass sie einander in ihrer Wirkung verstärken. Die Verbindung zwischen ihnen, die narrative Struktur sowohl von Kultur als auch von Literatur, bleibt relativ blass neben der emphatischen Auseinandersetzung der Verfasserin mit Kultur und Kulturwissenschaft auf der einen und den lustvollen hermeneutisch-literaturwissenschaftlichen Ausschweifungen des zweiten Teils auf der anderen Seite, und so wirkt denn auch die begriffliche Rückkopplung dieses zweiten an die Ausführungen des ersten Teils allzu gezwungen; an der Stelle solcher begrifflichen Verbindungssignale hätte man sich eher eine in sich stärker narratologische Argumentation gewünscht, oder, präziser ausgedrückt, deren bessere Sichtbarkeit im analytischen Prozess.

Die zweite Schwierigkeit entsteht aus der performativen Wiederholung der »berühmten ›epischen Breite‹« (S. 1), die die Verfasserin für die Romane Wielands und Goethes als konstitutiv für die narrative Modellierung von Kulturkonzepten definiert, durch die Darstellungsweise der Verfasserin selbst. Schon die Ausführungen zur Kultur im ersten Teil weisen streckenweise erhebliche Längen auf, da die Verfasserin zu ausführlichen Inhaltsreferaten der entsprechenden Theoriebildungen neigt, im zweiten Teil aber, bei der Literaturanalyse, entwickelt diese Tendenz eine fatale Eigendynamik: Was die Verfasserin als Interpretation angekündigt hat, gleitet immer wieder in detaillierte Nacherzählungen ab, aus denen nur wenig analytischer Mehrwert zu entnehmen ist. Wenn die Verfasserin tatsächlich zum Ziel hatte, die beiden Romane für ein breiteres Lesepublikum aufschließen zu wollen, hat sie dieses Ziel verfehlt – der Aufwand, die Romane selbst zu lesen, dürfte unwesentlich höher sein als derjenige, den Paraphrasierungen der Verfasserin zu folgen. Zudem halten die poetischen Bauprinzipien, die sie an den beiden Romanen herauspräpariert, wenig Überraschendes bereit. Insbesondere im Fall von Goethes Wanderjahren fällt die Verfasserin insgesamt sogar hinter den aktuellen Stand der Forschung zurück, statt diesem Neues hinzuzufügen – was vor allem daran liegen dürfte, dass das heuristische Raster Kultur, das für Wielands Aristipp immer wieder sehr erhellende Ergebnisse erbringt, für Goethes Wanderjahre nicht spezifisch genug ausgeformt ist, um eine wirklich innovative Tiefenschärfe erzeugen zu können.

Um die strukturellen Mängel ihrer Arbeit zu beheben, schließt die Verfasserin mit einem Kapitel ab, in dem sie in wirklich ausgezeichneter Weise die vielfältigen Linien, die sie ausgezogen hat, zusammenführt. Es ist insbesondere dieses letzte Kapitel, in dem das ganze Potential der von der Verfasserin entwickelten Fragestellung und ihrer Antworten darauf noch einmal sichtbar wird, mit diesem Potential zugleich aber auch die am Ende unvermittelt bleibenden Bruchstellen der Gesamtkonzeption: die Spannung zwischen der hier konsequent eingesetzten Fähigkeit der Verfasserin, thetisch zu argumentieren, und der ›epischen Breite‹, in der insbesondere ihre Ausführungen zu Wieland und Goethe tatsächlich eine Zumutung für den Leser werden, und die Depotenzierung der ungeheuer aufschlussreichen Diskussion um Kultur und Kulturwissenschaft unter dem Joch einer literaturwissenschaftlichen Operationalisierbarkeit, die nur einen Bruchteil dieser Diskussion wirklich für sich fruchtbar machen kann.

Hätte die Verfasserin auf der Basis des ersten Teils ein Buch über narrative Elemente als Möglichkeitsbedingung und Außenschnittstelle von Kulturtheorien vorgelegt, wäre diesem Buch der Status eines Grundlagenwerkes zuzuweisen gewesen. Hätte sie ein Buch über das Kulturkonzept von Wielands Aristipp geschrieben, zu dessen analytischer Extraktion sie die Ergebnisse ihres ersten Teils in streng funktionaler Reduktion ihrem literaturwissenschaftlichen Erkenntnisbegehren unterstellt hätte, dann hätte sie einen höchst originellen Beitrag zur Wieland-Forschung geleistet. Hätte sie die Romane von Wieland und Goethe unter dem Aspekt der Modellage von Kulturkonzepten miteinander verglichen, wäre sie vermutlich zu einem Kulturbegriff gelangt, von dem aus sich für die deutschsprachige Romanliteratur der Sattelzeit ein gemeinsames normatives Interesse an der Beziehung zwischen Mensch und Kultur hätte ableiten lassen.

Angesichts all dessen kann die vorliegende Rezension nicht umhin, in ihrer Gesamtbewertung des Buchs ihrerseits dessen Prinzip der beiden einander behindernden Gravitationszentren zu wiederholen: Seine Grundidee ist brillant und beweist damit nicht nur die stupende Belesenheit der Verfasserin, sondern auch einen intellektuellen Mut, der in den Literaturwissenschaften eher selten geworden ist. Seine Ausführung allerdings versucht eine darstellungs- und argumentationstechnische Quadratur des Kreises, deren Ergebnis, wiewohl zweifelsohne lesenswert, im Ganzen den Eindruck struktureller Unrundheit hinterlässt.

Prof. Dr. Ulrike Landfester, Universität St. Gallen, Kulturwissenschaftliche Abteilung, Deutsche Sprache und Literatur, Gatterstrasse 1, CH-9010 St. Gallen; E-Mail: ulrike.landfester@unisg.ch